Das Glück ist eine Bohne

Von Tere­sa Prä­au­er

Von einem lang­jäh­ri­gen Freund habe ich vor kur­zem eine dun­kel­braun-schwar­ze Boh­ne geschenkt bekom­men, die er aus sei­ner Hosen­ta­sche gekramt hat und mir mit den Wor­ten über­reich­te: Das ist eine Glücks­boh­ne. Dabei lächel­te er ver­schmitzt und ein biss­chen so, wie man es von Men­schen kennt, denen der Schalk im Nacken sitzt. Mehr noch aber war das Geschenk wirk­lich lie­be­voll und auf­mun­ternd gemeint, der Freund hat­te von einem Kum­mer erfah­ren, der mich plag­te, und die Glücks­boh­ne soll­te ich also nun an sei­ner statt in die Hosen­ta­sche ste­cken und bei mir füh­ren, bis mir das Glück wie­der hold sein wür­de. Ich steck­te die Boh­ne ins Münz­fach mei­ner Geld­ta­sche, die ich sel­te­ner wechs­le als mei­ne Hosen, und trug die Boh­ne, wie mir gehei­ßen, ab die­sem Tag nun bei mir.

Erst nach ein paar Tagen ist mir auf­ge­fal­len, wie­so mein Freund so gegrinst hat­te beim Über­rei­chen der Boh­ne, die er am Strand gefun­den hat­te: Sie war näm­lich aus Stein. Ein dunk­les, mat­tes, abge­run­de­tes Stein­chen in der Form einer Boh­ne. Wie wit­zig die Natur oft sein kann mit ihren neben­säch­li­chen Scher­zen über die Ähn­lich­keit der Din­ge, dach­te ich. Und ich muss­te nun grin­sen, dass mir das nicht sofort beim Ent­ge­gen­neh­men, auch am Gewicht, auf­ge­fal­len war. Die Boh­ne war ein Stein.

In den fol­gen­den Tagen setz­te ich die stei­ner­ne Boh­ne scherz­haft da wie dort ein. Am Post­schal­ter hat­te ich Por­to zu bezah­len und öff­ne­te das Münz­fach, um dem Post­an­ge­stell­ten die Boh­ne anzu­bie­ten statt der Mün­zen. Natür­lich woll­te ich die Boh­ne nicht los­wer­den, eher war sie ein Anlass zur Plau­de­rei, also auch eine Art von Wäh­rung. Ich bekam bei jedem neu­en Ver­such, die Boh­ne für etwas ein­zu­set­zen, ein Lächeln, eine Fra­ge, ein Gespräch über Stei­ne, Boh­nen und Mün­zen als Gegen­wert gebo­ten. Ich habe sie nicht ein­ge­tauscht, nie­mals. Aber hat die Glücks­boh­ne mir denn auch Glück gebracht?

Über­ra­schend brach­te sie bald tat­säch­lich, was man sich wünscht für ein gutes Jahr: Kon­zert­be­su­che, Abend­essen mit Freun­den, Kaf­fee, Gesprä­che, Arbeits­pau­sen. Nach­mit­ta­ge in der Biblio­thek, lan­ge Spa­zier­gän­ge. Ange­bo­te, Begeg­nun­gen, Lie­be gar. Sobald sich das Glück bei mir satt­sam ein­ge­rich­tet haben wird, schrieb ich noch Mit­te Febru­ar, wer­de ich die Boh­ne auch wei­ter­rei­chen müs­sen. Schon wur­de ich über­mü­tig und groß­zü­gig mit mei­ner Glücks­boh­ne!

Dann aber kam die­se gan­ze lei­di­ge Sache mit dem Virus, plötz­lich war alles, was gera­de noch so schön gewe­sen war, ver­bo­ten, und ich sag­te mir, ich behal­te die Boh­ne bes­ser doch noch ein wenig bei mir in der Tasche. Sicher ist sicher. Was noch übrig geblie­ben war auf mei­ner Lis­te vom mög­li­chen Glück, waren die lan­gen Spa­zier­gän­ge. Ich habe dabei, aus Man­gel an Attrak­tio­nen, regel­mä­ßig die Anzahl mei­ner Schrit­te gemes­sen. Pro Tag waren das oft zehn­tau­send. Das sind in etwa acht Kilo­me­ter durch die Stadt, von einem ruhi­gen Bezirk zum nächs­ten, von einem stil­len Platz zum nächs­ten, von einer lee­ren Stra­ße zur nächs­ten. Wenn man weit genug geht, dach­te ich dann, kommt man irgend­wann an den Strand. Und dort ein­mal ange­kom­men, muss man gar nicht mehr knaus­rig sein. Denn die Glücks­boh­nen lie­gen ja wie Stei­ne am Ufer, man muss sie nur fin­den und sie in die eige­ne Hosen­ta­sche ste­cken.

© Wall­stein Ver­lag 

* * *

Seit dem Jahr 2015 ver­fasst die Schrift­stel­le­rin Tere­sa Prä­au­er eine lite­ra­ri­sche Kolum­ne für VOLLTEXT unter dem Titel „Prä­au­er streamt“. Fil­me und Vide­os aus dem Inter­net wer­den da zum Objekt einer spitz­fin­di­gen bis erhei­tern­den sprach­li­chen Betrach­tung. Nun kann Prä­au­er aber auch selbst gestreamt wer­den: Der Kurz­film „Das Glück ist eine Boh­ne“ wur­de im Früh­jahr 2021 in Wien pro­du­ziert zu einem Text von Tere­sa Prä­au­er aus ihrem gleich­na­mi­gen Geschich­ten­band, erschie­nen 2021 im Wall­stein Ver­lag. Wolf­ram Leit­ner, der für Kame­ra, Ton und Schnitt ver­ant­wort­lich ist, ist Musi­ker und Video Artist und lebt eben­falls in Wien.

Online seit: 9. April 2021

Zuletzt geän­dert: 10. Apr. 2021