Das Monatsende

Von Rein­hard Kai­ser-Mühle­cker.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil VIII
Reinhard Kaiser-Mühlecker © Amrei Marie

Rein­hard Kai­ser-Mühle­cker. Foto: Amrei Marie

Der Monat ging dem Ende zu, und seit Tagen hat­te er kein Geld mehr und muss­te den letz­ten vor­rä­ti­gen Schnaps trin­ken, den er unbe­dingt ins nächs­te Jahr hat­te brin­gen wol­len. Ein paar­mal war er bereits in der Nähe der Bus­hal­te­stel­le umher­ge­schli­chen, ohne sich jedoch ent­schei­den zu kön­nen, in die Stadt zu fah­ren. Einen Ort immer­hin gab es noch, wo er anschrei­ben las­sen konn­te. Aber der Monat woll­te nicht enden, und es war ein Unglück, dass noch ein Mon­tag in die­sen Monat fiel – Ruhe­tag des Wirts­hau­ses. Auch Klop­fen half nichts, nicht ein­mal Rufen. Nie­mand öff­ne­te ihm, viel­leicht war nicht ein­mal jemand da und das Licht im Ober­ge­schoß nur eine Abschre­ckung für Ein­bre­cher, die es hier ohne­hin nicht gab – seit dem Krieg nicht mehr gege­ben hat­te. Er ging nach Hau­se, unzu­frie­den, unru­hig, mit wach­sen­der Wut. Zu Hau­se wusch er sich und zog fri­sches Gewand an, sogar die Uhr leg­te er an.

Wann war er das letz­te Mal gefah­ren? Die Stre­cke stell­te sich ihm so genau wie noch nie dar; ihm war, als neh­me er kame­ra­ar­tig den vor­bei­zie­hen­den Raum auf, als Gan­zes; und die Fahrt war ihm noch nie so lan­ge vor­ge­kom­men: Was eine hal­be Stun­de dau­er­te, emp­fand er als eine Tages­rei­se. Nur ein paar Wei­te­re saßen außer ihm im Bus, und nur er stieg am Bahn­hof aus. Es war ein kal­ter Tag, ein kal­ter Him­mel spann­te sich flach über die Stadt, und Wol­ken­fet­zen trie­ben hei­mat­los umher, ver­ei­nig­ten sich, lös­ten sich von­ein­an­der, auch sie schie­nen kalt in ihrer Sub­stanz­lo­sig­keit, Flüch­tig­keit. Der gepflas­ter­te Vor­platz war men­schen­leer, nur ein Taxi stand mit lau­fen­dem Motor dort. Die Stei­ne hat­ten einen Schim­mer, als sei­en sie eben noch nass gewe­sen. An einem Zei­tungs­stand las er die Schlag­zei­len. Er stand eine Zeit­lang vor dem Bahn­hof, dann dreh­te er sich eine Ziga­ret­te, zün­de­te sie an, sog den schar­fen Rauch – der Tabak war alt und tro­cken – tief in die Lun­gen, wand­te sich vom Bahn­hof ab und schlen­der­te Rich­tung Zen­trum. Doch auf hal­bem Weg blieb er ste­hen, kehr­te nach mehr­ma­li­gem Durch­at­men um und ging zum Bahn­hof zurück. Immer noch die Stei­ne wie eben getrock­net. Ob es hier gereg­net hat­te? Seit Wochen hat­te es im Dorf – abge­se­hen von dem vie­len Nebel – kei­nen Nie­der­schlag gege­ben. Lei­se klim­per­ten die Mün­zen in sei­ner Sak­ko­ta­sche. Ihm war, als sag­ten sie: „So ist es! So ist es!“ Und hat­ten sie nicht recht? Wie­der schlug er lei­se gegen die Sak­ko­ta­sche, und jetzt sag­ten die Mün­zen: „Los! Los!“ Seuf­zend ging er los.

In der War­te­hal­le war nie­mand. Er such­te die Anzei­ge­ta­fel nach den nächs­ten Ver­bin­dun­gen ab – erst in zwei Stun­den käme wie­der ein Zug. Nie dach­te er über die Gegend nach, in der er leb­te, nur bei sol­chen Gele­gen­hei­ten ging ihm durch den Kopf, dass sie gott­ver­las­sen war. Er dach­te es als Fluch: „Ver­damm­te gott­ver­las­se­ne Gegend!“ Er trat durch die alte dunk­le Pen­del­tür auf den Bahn­steig und späh­te sofort nach links, aber auch hier war nie­mand zu sehen. Wie­der seufz­te er, doch er merk­te, dass es auch ein Seuf­zen der Erleich­te­rung war; sein unmerk­lich rascher gewor­de­ner Herz­schlag ver­lang­sam­te sich, als er den Bahn­steig ent­lang­spa­zier­te. Vor einer schwe­ren, ver­chrom­ten und mit Fens­tern aus dickem, bräun­li­chem und undurch­sich­ti­gem Glas ver­se­he­nen Schwing­tür blieb er ste­hen. Leicht war bei­ßen­der Urin­ge­ruch wahr­zu­neh­men. Ein blau­es Schild ver­kün­de­te, was sich hin­ter der Tür befand. Die Tür schloss nicht ganz, hing ein wenig nach innen, sodass etwas von den hel­len, schmut­zi­gen Flie­sen und ein Stück eines Papier­hand­tuch­fet­zens zu sehen waren. Er sah sich um – nie­mand – und setz­te sich wie­der in Bewe­gung. Sogar als der Zug kam, ging er noch auf und ab. Viel­leicht – er wuss­te es selbst nicht – rede­te er sogar mit sich selbst aus Lan­ge­wei­le. Er erin­ner­te sich, auf der Anzei­ge­ta­fel gese­hen zu haben, dass nach dem einen wie­der lan­ge Zeit kein Zug käme, aber die­se Erin­ne­rung war dun­kel und unwich­tig. Er war in einer Art Däm­mer­zu­stand, und, ja, er sprach wirk­lich mit sich selbst. Er merk­te es, als er plötz­lich im Augen­win­kel etwas wahr­nahm, was sich ihm zwar nicht phy­sisch näher­te, was er jedoch trotz­dem näher­kom­men fühl­te – ein prü­fen­der Blick. Er wand­te den Kopf ein klei­nes Stück, um sich zu ver­ge­wis­sern. Dann hol­te er tief Luft und stieß die Schwing­tür auf. In dem Raum war es nicht wär­mer als auf dem Bahn­steig, bloß wind­still. Er nahm eine der jetzt wie­der klim­pern­den Mün­zen aus der Tasche und steck­te sie nach kur­zem Zögern mit zit­tern­der Hand und ver­hal­te­nem Atem in den Schlitz der unter dem Griff der Kabi­nen­tür ange­brach­ten Metall­box. Als die Mün­ze ein­fiel, klang es, wie es in der Kir­che klang, wenn der Klin­gel­beu­tel umging, und dann klack­te es, und er konn­te die Tür öff­nen. –

Nach dem einen war ein zwei­ter gekom­men und, als er schon gehen woll­te, sogar noch ein drit­ter. Müde und mit einem Gefühl, als hät­te er ein Loch, einen Ball aus Nichts in sei­nem Inne­ren, fuhr er mit dem Auto­bus durch die stil­le Gegend nach Hau­se. Ohne Schwie­rig­kei­ten käme er nun bis ans Ende des Monats, das, er wuss­te es, sich nun, da er wie­der Geld hat­te, unver­mit­telt ein­stel­len wür­de; die Zeit wür­de nicht mehr zäh ver­flie­ßen, son­dern ver­flie­gen.
Zwei Sta­tio­nen vor sei­ner leg­te der Bus einen kur­zen Halt ein, der Fah­rer stieg aus und gab etwas an der Post ab. Er, in einer der hin­te­ren Rei­hen sit­zend und die Wär­me genie­ßend und all­mäh­lich wie­der ganz wer­dend, nahm ein wei­te­res Schnaps­fläsch­chen aus der Sak­ko­ta­sche, schraub­te es auf und nahm einen Schluck. Der gute war­me Schnaps. Er blick­te aus dem Fens­ter. Zwi­schen zwei Häu­sern, weit dahin­ter, blink­ten die roten und blau­en Punk­te einer Lich­ter­ket­te. Das eben­falls blin­ken­de rote Herz konn­te er von hier aus nicht sehen. Aber er sah es den­noch deut­lich vor sich. Nichts ande­res sah er auf ein­mal mehr. Plötz­lich dach­te er: Hol’s der Teu­fel!, und er sprang auf und lief nach drau­ßen. Das Geld wür­de rei­chen, und danach wür­de er zu Fuß nach Hau­se gehen.

* * *

* * *

Rein­hard Kai­ser-Mühle­cker wur­de 1982 in Kirch­dorf an der Krems gebo­ren und wuchs in Eber­stal­zell (Oö.) auf. Er stu­dier­te Land­wirt­schaft, Geschich­te und Inter­na­tio­na­le Ent­wick­lung in Wien und hielt sich län­ge­re Zeit in Boli­vi­en, Argen­ti­ni­en und Schwe­den auf. Wer­ke u.a. bei Hoff­mann und Cam­pe: Der lan­ge Gang über die Sta­tio­nen 2008, Mag­da­len­aberg 2009, Wie­der­se­hen in Fiumici­no 2011, Roter Flie­der 2012, Schwar­zer Flie­der 2014. Bei S. Fischer: Zeich­nun­gen. Drei Erzäh­lun­gen 2015, Frem­de See­le, dunk­ler Wald 2016, Ent­eig­nung 2019.

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 9. April 2021

Zuletzt geän­dert: 8. Apr. 2021