Predigt

Von Alfred Koma­rek.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil VI
Alfred Komarek. Foto: Manfred Werner

Alfred Koma­rek. Foto: Man­fred Wer­ner

Lie­be Gemein­de, weil sich eini­ge von Ihnen fra­gen wer­den, war­um ich hier ste­he, will ich erst ein­mal dar­auf Ant­wort geben, mög­lichst ehr­lich, denn als Pre­di­ger ist sogar ein Schrift­stel­ler zur Wahr­haf­tig­keit ange­hal­ten. Es gibt zwei Moti­ve. Das eine ist mora­lisch ver­werf­lich, weil selbstsüchtig, das ande­re lei­der auch nur auf den ers­ten Blick gott­ge­fäl­li­ger Natur.

Das fort­ge­schrit­te­ne Alter bringt es nun ein­mal mit sich, dass Pre­mie­ren sel­te­ner wer­den. So ziem­lich alles ist schon vor gerau­mer Zeit das ers­te Mal gesche­hen. Gepre­digt habe ich aber noch nie. Das gön­ne ich mir hier­mit.

Zum ande­ren ist es rat­sam, in rei­fe­ren Jah­ren ver­mehrt gute Wer­ke anzu­häu­fen, denn stünde ich mor­gen vor dem Jüngsten Gericht, könn­te mich nur ein sehr guter Anwalt ret­ten. Das bringt mich auf mei­ne selt­sa­me Bio­gra­phie und gleich auch mit­ten ins The­ma. Ich bin ja vom Jus­stu­den­ten zum Schrei­ber gewor­den, unter ande­rem auch von Kri­mi­nal­ro­ma­nen. Eine Juris­ten­zeit­schrift stell­te mir neu­lich die Fra­ge: „Wie kommt man von Recht und Ord­nung zu Mord und Tot­schlag, Herr Koma­rek?“ Die Ant­wort: Man kommt nicht hin, man ist schon da. Jeder Gerech­te hat sei­ne Lei­che im Kel­ler, wie jeder Hei­li­ge auch ein Sünder ist, jeder Mora­list ein Wüstling, jeder Asket ein Gier­schlund.

Bevor ich mich noch wei­ter in wüsten Unter­stel­lun­gen erge­he, zitie­re ich so gut wie neid­los einen der bibli­schen Best­sel­ler­au­toren, näm­lich Lukas. Das Gleich­nis von den bösen Win­zern. Er erzähl­te dem Volk die­ses Gleich­nis: Ein Mann leg­te einen Wein­berg an, ver­pach­te­te ihn an Win­zer und reis­te für län­ge­re Zeit in ein ande­res Land. Als nun die Zeit dafür gekom­men war, schick­te er einen Knecht zu den Win­zern, damit sie ihm sei­nen Anteil am Ertrag des Wein­bergs ablie­fer­ten. Die Win­zer aber prügelten ihn und jag­ten ihn mit lee­ren Hän­den fort. Dar­auf schick­te er einen ande­ren Knecht; auch ihn prügelten und beschimpf­ten sie und jag­ten ihn mit lee­ren Hän­den fort. Er schick­te noch einen drit­ten Knecht; aber auch ihn schlu­gen sie blu­tig und war­fen ihn hin­aus. Da sag­te der Besit­zer des Wein­bergs: Was soll ich tun? Ich will mei­nen gelieb­ten Sohn zu ihnen schi­cken. Viel­leicht wer­den sie vor ihm Ach­tung haben. Als die Win­zer den Sohn sahen, überlegten sie und sag­ten zuein­an­der: „Das ist der Erbe; wir wol­len ihn töten, damit das Erb­gut uns gehört.“ Und sie war­fen ihn aus dem Wein­berg hin­aus und brach­ten ihn um. Was wird nun der Besit­zer des Wein­bergs mit ihnen tun? Er wird kom­men und die­se Win­zer töten und den Wein­berg ande­ren geben. Als sie das hör­ten, sag­ten sie: Das darf nicht gesche­hen! Da sah Jesus sie an und sag­te: Was bedeu­tet das Schrift­wort: „Der Stein, den die Bau­leu­te ver­wor­fen haben, / er ist zum Eck­stein gewor­den? Jeder, der auf die­sen Stein fällt wird zer­schel­len; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zer­mal­men.“ Die Schrift­ge­lehr­ten und die Hohen­pries­ter hät­ten ihn gern noch in der­sel­ben Stun­de fest­ge­nom­men; aber sie fürchteten das Volk. Denn sie hat­ten gemerkt, daß er sie mit die­sem Gleich­nis mein­te. Natürlich habe ich nach­ge­le­sen, was from­me oder auch ket­ze­ri­sche Ken­ner der Bibel zu die­sem Gleich­nis mei­nen. Man­ches leuch­tet mir ein, man­ches weni­ger, und ich wer­de mich hüten, in einen theo­lo­gi­schen Dis­put ein­zu­tre­ten. Doch wer meint, in die­sem Gleich­nis von bösen Win­zern als bösen Juden zu lesen, denen der Wein­berg weg­ge­nom­men wird, damit ihn die bra­ven Chris­ten bekom­men, ver­wech­selt die Amts­kir­che mit dem Kir­chen­volk, ein Feh­ler, den man auch heu­te tun­lichst ver­mei­den soll­te. Noch dazu erklärt sich das Gleich­nis in die­sem Sin­ne mit dem letz­ten Satz selbst: Die Schrift­ge­lehr­ten und Hohen­pries­ter haben den ihnen anver­trau­ten gött­li­chen Wein­berg ver­un­treut und beant­wor­ten mah­nen­de Bot­schaf­ten mit Gewalt. Dafür wer­den sie bit­ter bezah­len müssen.

Die Geschich­te hat aber auch eine ande­re Sei­te und die betrifft den bibli­schen Schöp­fer und Eigentümer des Wein­ber­ges. Als Land­wirt und Unter­neh­mer beweist er fast schon sträf­li­che Nai­vi­tät. Als er durch einen Boten ein­for­dern läßt, was ihm zusteht, reagie­ren die Päch­ter mit einer Unver­schämt­heit, auf die es eigent­lich nur eine Ant­wort gibt: die ener­gi­sche Durch­set­zung des Rech­tes mit allen taug­li­chen, wenn auch lega­len Mit­teln. Aber nein. Viel­leicht war der ers­te Bote ja nur unge­schickt, anma­ßend oder unhöf­lich. Also noch ein sanftmütiger Ver­such mit einem Ergeb­nis, das irgend­wie vor­aus­zu­se­hen war. Aber viel­leicht hat­ten die Päch­ter dies­mal einen schlech­ten Tag, üble Lau­ne oder Zahn­weh? Also ein drit­ter Bote. Und der wird, ums deut­lich zu machen, sogar blu­tig geschla­gen. Ach weh, es ist schon ein Jam­mer mit die­sen Leu­ten. Aber es könn­te ja sein, daß sich die stol­zen Win­zer durch Boten belei­digt fühlten, die ihrem Stan­de nicht ebenbürtig waren? Die­ser Makel trifft auf den gelieb­ten Sohn frei­lich nicht zu. Also wer­den ihn die Päch­ter höf­lich emp­fan­gen und unter wort­rei­chen Ent­schul­di­gun­gen ihre Pflicht tun.

Die Win­zer sind dann aller­dings genau so, wie es ihr bis­he­ri­ges Ver­hal­ten ver­mu­ten ließ: Gie­rig, hin­ter­häl­tig, berech­nend und zu jeder Schand­tat bereit, auch zum Mord. Also so geht das nun wirk­lich nicht. Der Vater übt drei­mal blu­ti­ge Rache und sucht sich freund­li­che­re Päch­ter. Aug um Auge, Zahn um Zahn … war das nicht schon längst ein­mal überwunden gewe­sen?

Nun ja. Da gibt es die Bibelübersetzung von Wal­ter Jens, in der nicht mehr vom Töten oder Umbrin­gen der Win­zer die Rede ist. „Er wird sie hin­rich­ten las­sen“ steht da zu lesen. Damit ist die Sache lega­li­siert und die Blut­ra­che vom Tisch. Aber war­um dann nicht gleich der Rechts­weg?

Selt­sa­mer Gedan­ke: Ein Herr des Wein­gar­tens, der ohne Güte und Geduld zu inves­tie­ren, gleich ein­mal zur Tat geschrit­ten wäre, hät­te damit sei­nen Knech­ten viel Unbill erspart, sei­nen Sohn am Leben erhal­ten und müsste mög­li­cher­wei­se auch kei­ne neu­en Päch­ter suchen, weil die alten ange­sichts dro­hen­der Sank­tio­nen zwar noch immer mur­rend ihre Pflicht tun, aber zumin­dest pünktlich. Anders gesagt: Hät­te ein weni­ger guter Mensch, ein hart gesot­te­ner Geschäfts­mann näm­lich, ange­mes­se­ner und damit klüger reagiert? Ja, ich weiß schon: Die Bibel ist kein Gesetz­buch und schon gar kei­ne Gebrauchs­an­wei­sung.

Ande­rer­seits glau­be ich schon, dass nicht ein ein­zi­ger Satz dar­in nur ein­fach dahin geschrie­ben wur­de. So gese­hen müsste der Rang eines Gleich­nis­ses auch für die selt­sa­me Ver­hal­tens­wei­se des Pacht­ge­bers gel­ten. Und weil die Bibel auch Kraft genug hat, deut­li­che Wor­te aus­zu­hal­ten, sage ich jetzt nicht „selt­sam“ oder „naiv“, son­dern „scho­ckie­rend“, „unfass­bar“, „unbe­greif­lich.“ Und sie­he da: Aus der rau­sche­bär­ti­gen Filz­pan­tof­fel Obrig­keit auf dem Wol­ken­thron wird eine Wesen­heit, die sich unse­rer Logik und unse­ren Wert­maß­stä­ben ent­zieht.

Eine Wesen­heit, zum Bei­spiel, die es zulässt, dass die Staats­män­ner aller Zei­ten und aller Natio­nen zur höhe­ren Ehre Got­tes blu­ti­ge Krie­ge führen, die es Kir­chen­leh­rern gestat­tet, Sinn in Irr­sinn zu ver­keh­ren, die Schin­der und Schän­der unse­res Lebens­rau­mes reich und mäch­tig wer­den lässt und die es den Lügnern und Betrügern erlaubt, Recht zu behal­ten. Ja, und den Send­bo­ten die­ser Wesen­heit geht´s natürlich schlecht: den unbe­que­men Wahr­heits­lie­ben­den, den läs­ti­gen War­nern, den warm­du­schen­den Gut­men­schen.

Die gött­li­che Nicht-Ein­mi­schung hat ganz offen­sicht­lich nichts mit Güte, Geduld und Sanft­mut zu tun. Es könn­te aber um jene Frei­heit gehen, in der alles Gute, alles Böse und alles Indif­fe­ren­te Platz hat. Bis sich eines Tages eine höhe­re Macht die Frei­heit nimmt, jenen die Frei­heit weg­zu­neh­men, die sie so schänd­lich miss­brau­chen – und das mit erschre­cken­der Radi­ka­li­tät, aus­lö­schen­der Wucht und schein­ba­rer Willkür. Grau­sam darf man einen sol­chen Akt dann natürlich nicht nen­nen, denn das würde ja schon wie­der bedeu­ten, mensch­li­che Maß­stä­be anzu­le­gen.

Die Schöp­fung als Mani­fes­ta­ti­on des Schöp­fers. Eine miß­brauch­te Welt und eine Macht, die mit einem fürchterlichen Schlag neue Ver­hält­nis­se schafft. Das führt uns aus ori­en­ta­li­schen Fer­nen in unse­ren All­tag. Und es macht aus Win­zern eigensüchtige Para­si­ten wie Du und ich. Damit kommt uns aber auch das bibli­sche Gleich­nis unbe­hag­lich nahe, unse­rer spaß­hung­ri­gen Ellen­bo­gen­ge­sell­schaft mit den vie­len tüchtigen Ich-Aktio­nä­ren und ‑Aktio­nä­rin­nen. Schlecht gehts den armen Alpen, wirk­lich. Aber den Glet­scher­schi­lauf haben wir uns weiß Gott sau­er ver­dient. Beun­ru­hi­gend groß ist das Ozon­loch, doch beru­hi­gend klein und doch wirk­lich ver­nach­läs­sig­bar ist so ein Aus­puf­floch. Bit­te, man spen­det ja da und dort, da wird man sich dann auch sei­ner Wohl­stands­haut weh­ren dürfen. Asyl­miss­brauch gibt es, also dürfen sich auch jene, die nicht miss­brau­chen nicht wun­dern, dass sie kei­ner haben will. Sozi­al­schma­rot­zer gibt es, also müssen sich auch Nicht­schma­rot­zer Miss­trau­en gefal­len las­sen, und Arbeits­lo­se haben eben Pech gehabt oder zu wenig Power. Dass elen­de Hun­ger­löh­ne exo­ti­sche Früchte bil­li­ger in die Geschäf­te brin­gen als hei­mi­sche Gemüse ist ja schließ­lich nicht unse­re per­sön­li­che Schuld und das schi­cke Tex­til-Label riecht so gar nicht nach Umwelt­gif­ten und Kin­der­ar­beit. Ent­so­li­da­ri­sie­rung heißt mit ande­ren Wor­ten: wir schi­cken jene, die unan­ge­nehm ver­pflich­ten­de For­de­run­gen an uns stel­len weg und geben ihnen noch ein paar hin­ter die Ohren, damit sie nur ja nicht wie­der­kom­men. Im Prin­zip sind wir alle nächs­ten­lieb, fried­fer­tig und tole­rant. Doch wenn es um die eige­ne Haut geht, hört sich der Spaß auf. Und wenn die­se eige­ne Haut dann noch dazu idea­lis­tisch imprä­gniert ist, darf man sogar noch ein Schäu­ferl zule­gen: dann gibt es gewalt­be­rei­te Grüne, men­schen­ver­ach­ten­de Frömm­ler oder selbst­ge­rech­te Rich­ter. Nein­nein. Böse Win­zer sind wir nicht, höchs­tens ein biss­chen und manch­mal, mehr aus Ver­se­hen. Und den gelieb­ten Sohn vom Chef würden wir schon gar nicht erschla­gen. Allen­falls ein bis­serl mob­ben oder ruf­mor­den. Und dass Ausch­witz vor­ges­tern war und die stra­ßen­wa­schen­den Juden Wie­ner waren, von Wie­nern gedemütigt und ver­spot­tet … mein Gott, nicht schon wie­der die­se Geschich­te.

Noch ein­mal wird´s lite­ra­risch, in die­sem Sin­ne. Pater Brown, Ches­ter­tons sehr ein­drucks­vol­ler katho­li­scher Pfar­rer, lei­der auch in guten Ver­fil­mun­gen sträf­lich ver­harm­lost, hat einen sehr schö­nen Satz gesagt: Ich bin ein Mensch, in mir sind alle Him­mel und Höl­len.

Amen.

Pre­digt in der Evan­ge­li­schen Pau­lus­kir­che in Wien-Land­stra­ße 2005

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Im Salz­kam­mer­gut, wo Alfred Koma­rek her­kommt, machen die Dich­ter Urlaub. In Wien, wo er schreibt, machen sie sich wich­tig. Im Wein­vier­tel, wo er zuhau­se ist, muss man sie suchen. Alfred Koma­rek schreibt seit 50 Jah­ren: da kommt schon was zusam­men.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 26. März 2021

Zuletzt geän­dert: 26. März 2021