Der kurzen Rede langer Sinn

Ein Ver­such, den Apho­ris­mus wie­der auf den Punkt zu brin­gen. Von Felix Phil­ipp Ingold
Georg Christoph Lichtenberg © J. C. Krueger

Mini­ma­les Wort­auf­ge­bot, maxi­ma­le Wir­kung: Georg Chris­toph Lich­ten­berg (1742–1799).
Illus­tra­ti­on: J. C. Krue­ger

„Sprach­kür­ze gibt Denk­wei­te.“ – Jean Paul

Uns­re Zeit ist die Kür­ze.“ – „In der Kür­ze liegt die Wür­ze.“ – „Kür­ze ist die Schwes­ter des Talents.“ – Sol­che und ähn­li­che, zumeist alt­her­ge­brach­te Weis­hei­ten gewin­nen neue Dring­lich­keit, seit­dem Rasanz und Inten­si­tät zu einem bestim­men­den lebens­welt­li­chen Fak­tor gewor­den sind. Beschleu­ni­gung, Geschwin­dig­keit gel­ten heu­te als ganz nor­ma­le, des­halb unver­zicht­ba­re Qua­li­tä­ten im Kon­su­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten. Damit ver­bun­den ist natur­ge­mäß das Gebot (d. h. die Not­wen­dig­keit, aber eben­so die Mög­lich­keit) der Kür­ze bezie­hungs­wei­se der Ver­kür­zung zahl­rei­cher all­täg­li­cher Pro­ze­du­ren – vom quick lunch zum qui­ckie, vom Sprach­de­sign der Wer­bung und der Kür­zel­spra­che jugend­li­cher Kon­ver­sa­ti­on bis zu diver­sen digi­ta­len For­ma­ten der Kurz­nach­rich­ten­über­mitt­lung.

Dem­ge­gen­über ist die Bel­le­tris­tik bis­her bemer­kens­wert resis­tent geblie­ben. Zwar haben sich mit der neu auf­kom­men­den „Netz­li­te­ra­tur“ und „Twit­te­ra­tur“ unter dem Zwang der ein­ge­schränk­ten Zei­chen­zahl auch neue mini­ma­lis­ti­sche Text­for­ma­tio­nen her­aus­ge­bil­det, aber ins­ge­samt domi­nie­ren im aktu­el­len Lite­ra­tur­be­trieb nach wie vor Erzähl­wer­ke von beträcht­li­chem Umfang. Dass selbst der tau­send­sei­ti­ge Wäl­zer, des­sen Lek­tü­re heu­te wegen der all­ge­mei­nen „Zeit­not“ kaum noch jeman­dem zuge­mu­tet wer­den kann, bei Kri­ti­ke­rin­nen und Juro­ren wei­ter­hin respekt­vol­le Beach­tung fin­det, ist belegt – bei­spiels­wei­se – durch die Makro­pro­sa eines Péter Nádas, eines Alex­an­der Klu­ge oder David Fos­ter Wal­lace, neu­er­dings auch durch Die Jakobs­bü­cher der Nobel­preis­trä­ge­rin Olga Tok­ar­c­zuk sowie das erfolg­rei­che Come­back älte­rer, fast schon ver­ges­se­ner Schmö­ker­li­te­ra­tur wie Mar­ga­ret Mit­chells Vom Win­de ver­weht.

Apho­ris­men kön­nen nach Georg Chris­toph Lich­ten­berg „eine gan­ze Milch­stra­ße von Ein­fäl­len“ mit sich füh­ren und frucht­bar wer­den las­sen.

Man mag, man muss sich fra­gen, wes­halb die­se Art von Lite­ra­tur, die größ­ten­teils – auch wenn sie Bestseller­status erreicht – unge­le­sen bleibt und unter den gegen­wär­ti­gen Rezep­ti­ons­be­din­gun­gen wohl auch als „unles­bar“ zu gel­ten hat, noch immer klar pri­vi­le­giert wird vor den soge­nann­ten „klei­nen For­men“, etwa der Fabel, der Para­bel, der Anek­do­te oder der Spruch­dich­tung, die man schon in der Anti­ke gern ver­wen­det hat und die heu­te, ent­spre­chend auf­ge­ar­bei­tet, als Lek­tü­re­stoff dem Wäl­zer und Schmö­ker deut­lich über­le­gen bezie­hungs­wei­se dem aktu­el­len Zeit­druck weit bes­ser ange­passt wären.

Natür­lich sind auch in der Gegen­warts­li­te­ra­tur da und dort Autoren am Werk, die auf jene „klei­nen For­men“ zurück­grei­fen und sie zu erneu­ern ver­su­chen, doch im Feuil­le­ton wie beim Publi­kum fin­det ihre Arbeit kaum Beach­tung. Das gilt im Beson­dern auch für den Apho­ris­mus, das sicher­lich popu­lärs­te Gen­re unter den tra­di­tio­nel­len For­men „klei­ner“ Lite­ra­tur. Wohl wird die klas­si­sche Apho­ris­tik durch zahl­rei­che Antho­lo­gien sowohl in Buch­form wie im Inter­net weit­hin prä­sent gehal­ten, doch im zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur­ge­spräch fin­det sie kei­ner­lei Wider­hall – apho­ris­ti­sche Tex­te wer­den bes­ten­falls