Man kann es nur falsch machen

Die sie­ben Tod­sün­den der Lite­ra­tur. Von Kath­rin Rög­g­la Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur
Kathrin Roeggla © Amrei-Marie

Kath­rin Rög­g­la. Foto: Amrei-Marie

1. Sich ent­schul­di­gen

Ent­schul­di­gung, dass ich jetzt was sage. Also ent­schul­di­gen Sie, dass ich hier so das Wort ergrei­fe, ich woll­te hier nicht so her­ein­plat­zen, ich woll­te mich hier nicht so aus­brei­ten, aber das, was ich eben gesagt habe, war gar nicht so gemeint. Also das kam jetzt schär­fer rüber, das woll­te ich nicht so for­mu­liert haben, man weiß ja, wie alles hier sofort falsch zuge­ord­net wird, also ich woll­te mich nicht die­ser einen Sei­te zuge­schla­gen wis­sen, ich woll­te auch nicht die ande­re bedie­nen, Sie müs­sen das ja falsch auf­fas­sen, was ich hier sage. Ich muss Ihnen erklä­ren, wie ich dazu kom­me, also das könn­ten Sie sonst in die fal­sche Keh­le bekom­men, durch die rich­ti­ge, da spa­zie­ren nur immer die ande­ren, die, denen man zuhört, weil sie sich nicht immer erklä­ren. Die, die gleich umkom­men wer­den vor Lachen, wenn sie mir zuhö­ren, aber das Lachen wird ihnen schon ver­ge­hen. Nein, wird es nicht. Wis­sen Sie, das war jetzt nicht so gemeint. Das kam jetzt ein biss­chen scharf rüber, und scharf woll­te ich schon mal gar nicht sein, eher unscharf, eher in der Unschär­fe blei­bend, zurück.

Der Lust am Text, jenem schö­nen Buch von Roland Bar­thes, das durch Gene­ra­tio­nen von Lite­ra­tur­stu­die­ren­den wei­ter­ge­reicht wur­de, ist ein merk­wür­di­ges Zitat des Phi­lo­so­phen Tho­mas Hob­bes vor­an­ge­stellt: „Die ein­zi­ge Pas­si­on mei­nes Lebens war die Angst.“ Merk­wür­dig schon aus dem Grund, weil es in der Fol­ge gar nicht um die Angst als Pas­si­on geht, son­dern eher im Gegen­teil um die Über­win­dung jeder Angst, um die Kunst, sich nicht erklä­ren, sich nie­mals ent­schul­di­gen zu müs­sen. Ich habe die Kunst immer sehr schlecht beherrscht, im Schrift­li­chen habe ich die­sen Hang zur Ent­schul­di­gung zumin­dest teil­wei­se abstrei­fen kön­nen, der spe­zi­ell uns Frau­en ein­trai­niert wird von klein an, im Münd­li­chen habe ich mich immer wei­ter ent­schul­digt, eine durch und durch ver­haf­te­te Ges­te. Kopf ein­zie­hen, ich habs ja nicht so gemeint, ich erklä­re mich, ich zei­ge mein Tun her im Modus der Bereit­schaft, mich stets und immer zu revi­die­ren, mich anzu­pas­sen. Der Flucht­mo­dus eben. Im Schrift­li­chen kam ich die­ser Kunst, mich nicht zu erklä­ren weit­aus näher, das Schrift­li­che war mei­ne Ret­tung, durch das Schrift­li­che konn­te ich auch jede Men­ge Münd­li­ches zie­hen. Es war sozu­sa­gen auch ein wenig dazu da, das Münd­li­che zu ret­ten, es gera­de­zu­rü­cken, nein, es wie­der krumm zu machen, ganz wie man die Sache betrach­ten mag.

Eine kürz­lich erfolg­te ORF-Sen­dung mit dem Titel Punkt eins soll­te mir das noch­mal klar machen, „sehr viel bist Du in all den Jah­ren nicht wei­ter­ge­kom­men in Sachen Ent­schul­di­gung und Selbst­er­klä­rung.“ – „Ja, ich las­se mir noch immer die ver­rück­tes­ten Fra­gen stel­len und ver­su­che sie oben­drein zu beant­wor­ten.“ Wel­che Kon­zep­te mei­ne Lite­ra­tur bie­te, die Demo­kra­tie zu ret­ten. Um ein Uhr mit­tags, kurz nach den Knö­deln, dem vega­nen Schnit­zel oder der kuli­na­ri­schen Kaf­fee­lö­sung. Weil kei­ne Zeit bleibt. Mir bleibt ja nie Zeit. Die Zeit ist immer schon futsch, bevor ich los­le­ge. Die­se Radio­sen­dung brach­te mich den­noch inner­lich auf Punkt eins, weil ich mich jener vagen poli­ti­schen Welt­erklä­rung anheim gab, die von der soge­nannt enga­gier­ten Lite­ra­tur immer abge­fragt wird und deren Aus­übung nicht die Sache die­ser Lite­ra­tur sein kann, selbst wenn sie deren Antriebs­kraft bleibt. Also die Fra­ge nach Auf­klä­rung, Soli­da­ri­tät, Frei­heit und somit auch nach der Mög­lich­keit, sich gemein­sam die Welt zu erklä­ren, und in die­ser zu koexis­tie­ren. Wie kön­nen wir die Demo­kra­tie ret­ten, das euro­päi­sche Pro­jekt? Ist es nur noch ein Pro­jekt der Eli­ten? Wie kön­nen wir der sozia­len Spal­tung und unse­ren Bla­sen ent­kom­men, ja, der Hate­speech etwas ent­ge­gen­set­zen? Was tun ange­sichts der mas­si­ven öko­lo­gi­schen Kri­sen? Fra­gen, auf die es bereits stän­dig Ant­wor­ten gibt, die zu wie­der­ho­len man mich auf­mun­tert. Schon das für künst­le­ri­sche Äuße­rung übli­che Stre­ben nach Ori­gi­na­li­tät wäre dabei ver­kehrt. Und die mich nach sol­chen Sen­dun­gen errei­chen­den Welt­erklä­rungs­mails, Klug­schei­ße­rei, etwas Hass, aber auch freund­lich gemein­te Zuschrif­ten sind das Echo solch einer Übung. Plötz­lich war es da, das sich mir erklä­ren­de Wald­vier­tel, das sich mir eröff­nen­de Tiro­ler Berg­land, die mich angrei­fen­den Vor­arl­ber­ger Mel­dun­gen, ganz Öster­reich umgab mich plötz­lich als Zuschrift und Kor­rek­tur, dass ich es falsch, aber nicht ganz so falsch gesagt hät­te, oder kom­plett idio­tisch sei, hirn­ris­sig, ein will­fäh­ri­ges Werk­zeug der Mäch­ti­gen, dumm wie Boh­nen­stroh, nein, sowas sagt man in Öster­reich nicht – fake news! Sol­che Zuschrif­ten hät­te es immer schon gege­ben, erläu­tert man mir, das gehö­re zum Job dazu. Mein Feh­ler war nur, dass ich dar­auf reagiert habe. Ja, da waren sie wie­der, die Schie­nen der Selbst­er­klä­rung. Run­ter von dem Gleis!

Mark Twa­in zu Beginn von Huck­le­ber­ry Finn: „Wer ver­sucht, in die­ser Erzäh­lung ein Motiv zu fin­den, wird gericht­lich ver­folgt; wer ver­sucht, eine Moral dar­in zu fin­den, wird des Lan­des ver­wie­sen; wer ver­sucht, eine schlüs­si­ge Hand­lung dar­in zu fin­den, wird erschos­sen. Auf Befehl des Autors, durch G. G., Chef der Artil­le­rie.“

2. Plä­ne ein­hal­ten

Das habe ich nie gemacht, dar­über weiß ich nichts zu berich­ten …

3. Schär­fer stel­len, Unschär­fe abstel­len, Distanz ver­lie­ren (oder zu lan­ge)

… also wei­ter im Text. Ja, wir befin­den uns mit­ten in einem Wald der Legi­ti­ma­ti­ons­dis­kur­se! Und dar­in ruft der Ambassa­dor der Wirk­lich­keit: „Schär­fer stel­len!“ Auch Ber­tolt Brechts Wahr­heit war schon kon­kret und sie will es auch blei­ben. „Wir müs­sen wis­sen, was Sie ver­die­nen und womit Sie ihr Geld ver­die­nen, Sie lite­ra­ri­sche Figur, Sie!“ – „Recht hat er, nur her­aus damit.“ Er gibt es nicht her­aus, weil er es nicht hun­dert­pro­zen­tig weiß. Also nicht wirk­lich. Und sie weiß nur, wohin sie gehen muss, also wel­che Ansu­chen sie schrei­ben muss, um Geld zu bekom­men für ihre Tätig­keit. Und die­se Figur da hat über­haupt kei­ne Ahnung, woher ihre Mie­te kom­men soll. Ja, genau, die mit den wusche­li­gen Haa­ren, Sie haben es schon geahnt, so jemand weiß immer nicht, wie die Mie­te rein­kommt. – „Das ist doch ein Bäcker.“ – „Also, das hät­te ich jetzt nicht gedacht.“ – „D.h. Braue­rei, irgend­was mit Hefe.“ Wäh­rend wir den bei­den Stim­men zuhö­ren, was ein Bäcker heu­te so ist oder sein kann und wo sein Bäcker­da­sein nun wirk­lich auf­hört, und wie das gan­ze über­haupt zu finan­zie­ren ist, spu­ken Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin­nen in ihren Befun­den über Genau­ig­keit, nein die Prä­zi­si­on von Tex­ten durch die Sze­ne, die mir vor­schwebt. In besag­ten Kri­ti­ken wirkt es immer so, als mein­ten sie das Scharf­stel­len eines opti­schen Instru­ments, als wäre der Text das objekt­haf­te Werk­zeug, um etwas Dahin­ter­lie­gen­des zu sehen, mit eini­gen Mecha­ni­ken ein­stell­bar. Ein Fern­glas wie das in Paso­li­nis Saló oder die 120 Tage von Sodom her­um­ge­reich­te Instru­ment zur Stei­ge­rung der Lüs­te. Das lite­ra­ri­sche Sicht­feld bleibt in die­ser Vor­stel­lung aller­dings auf siche­rer gleich­blei­ben­der Distanz.

Schär­fe geht mit Unschär­fe ein­her, das wis­sen die Opti­ker. Und dann gibt es noch die­se Grup­pe an Den­ke­rin­nen, die wie die aus­tra­li­sche Lite­ra­tin und Theo­re­ti­ke­rin McKen­zie Wark sich aus einer mar­xis­ti­schen Per­spek­ti­ve in die Tra­di­ti­on einer „Tek­ta­ko­lo­gie“, einer neu­en Ver­bin­dung zwi­schen Natur­wis­sen­schaft und Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaft bege­ben, und über einen agen­ti­el­len Rea­lis­mus nach­den­ken, wäh­rend ich in den Unter­ho­sen des Rea­lis­mus da sit­ze und ver­su­che, noch ins Gespräch zu kom­men, also in die Erfah­rungs­haus­hal­te der Men­schen ein­zu­stei­gen. Eine Tätig­keit, mit der ich selbst im Shut­down nicht auf­hö­ren kann, die sich aber als nicht sehr pro­duk­tiv erweist. Gesprächs­fu­ror, sowas ist immer auch ein Kurz­schluss, aber auch ein Garant für sich ver­stel­len­de Schär­fe­gra­de. Die Erfah­rungs­haus­hal­te der Men­schen haben kei­ne Fens­ter, in denen man (schon gar nicht digi­tal) von außen die Jalou­sien hoch­zie­hen kann, man kann nicht hin­ein­se­hen, weil man sich mit ihnen nie­mals im sel­ben Raum befin­det, „die Blind­heit der Erfah­rung als Aus­weis ihrer Authen­ti­zi­tät“ (Hei­ner Mül­ler) ist kein ein­fach besuch­ba­rer Gegen­stand. Schär­fe ist ein Ver­hält­nis, eine Kon­stel­la­ti­on, eine Rei­bung unter­schied­li­cher Opti­ken. Sie benö­tigt Unschär­fe, mit der man sich sicher­lich aus allem raus­re­den kann. Die­se soll­te aber nicht zum Kaschie­ren der erzäh­le­ri­schen Faul­heit, nicht zur Welt­ab­ge­wandt­heit die­nen. Sie sitzt zwi­schen aktiv und pas­siv, zwi­schen abs­trakt und kon­kret, zwi­schen Akteur und Umfeld, zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie, zwi­schen Fol­ge und Ursa­che … und das mit­ten in den Ver­wer­fun­gen eines Mis­an­thro­po­zäns (Clover/Spahr).

Aber Moment! Jemand im Hin­ter­grund mur­melt gera­de etwas undeut­lich: „In der Demo­kra­tie kom­men wir nicht um Wahl­er­geb­nis­se her­um, um Reprä­sen­ta­ti­on und um Kom­pro­mis­se.“ Aber die Lite­ra­tur kann nicht nur mit den Reprä­sen­tan­ten ver­han­deln, wie McKen­zie Wark in „Mole­ku­la­res Rot“ ver­deut­licht. Trotz­dem, allei­ne die Distanz zu ver­lie­ren …

4. In die Ver­län­ge­rung gehen, sich selbst unter­bre­chen

Über Distanz­ver­lust habe ich gar nicht wirk­lich etwas gesagt, nichts, dabei gäbe es so viel zu sagen, aber ich kom­me gegen­wär­tig nicht raus aus die­ser Situa­ti­on mit …

Was ver­län­gern wir hier – etwa die Wirk­lich­keit? Die eige­nen Tex­te? Das Pro­gramm, das einem mit­ge­ge­ben wur­de. Neo­li­be­ra­le Mus­ter­voll­stre­ckung, hete­ro­nor­ma­ti­ves Pro­gramm – Wo fängt mein Unlear­ning an, wer ist mein Zim­mer­kol­le­ge dabei? Und mit wem mache ich über­haupt wei­ter, wenn das Wei­ter­ma­chen nicht abzu­stel­len ist? Rolf Die­ter Brink­mann hat uns schon wei­ter­ma­chen sehen in West­wärts 1&2, da hat er uns alle wei­ter­ma­chen sehen, zwei Sei­ten lang und die­se zwei Sei­ten gehen wei­ter, denn wir sehen uns nur noch mehr wei­ter­ma­chen, jetzt viel­schich­tig, und es steht nur ein Kurz­hör­spiel eines Hel­ge Schnei­der dage­gen, jenes mit der Ver­kehrs­de­bat­ten­sen­dung irgend­wel­cher 80er Jah­re, die in die Ver­län­ge­rung gehen (Auto! Auto!) Ein Hör­spiel, in dem er wirk­lich alle Stim­men beim Wei­ter­ma­chen nach­macht. Sati­ri­sche Imi­ta­ti­on ist heu­te ein heik­le Prak­tik gewor­den, als Mann eine Frau, als Deut­scher eine Ita­lie­ne­rin (es ging um Sophia Loren), sowas geht nicht mehr. Doch die hilf­lo­se Depla­ziert­heit von Hel­ge Schnei­ders Nach­ah­mungs­dienst bringt die eben­so hilf­lo­se Depla­ziert­heit in die­ser typi­schen Ursprungs­pro­gram­mie­rung zum Erschei­nen, und sein low­tec-haf­ter Irr­sinn hebelt den inne­woh­nen­den Sexis­mus und Ras­sis­mus aus. Aber wir? Wir machen wei­ter.

Nen­nen wir es die brei­te Gegen­wart, die wir fort­set­zen, das macht manch­mal auch die Theo­rie, und ich gebe zu, auch ich gehe ganz schön in die Ver­län­ge­rung, zumin­dest in mei­nem Lebens- und Arbeits­be­reich, mei­nen Pro­duk­ti­ons­vor­gän­gen. Ich rede mich auf Zeit­pro­ble­me raus, d.h. auf mei­ne Kin­der, die mir Zeit­pro­ble­me ver­schaf­fen, das ist per­fi­de. Aus­ge­rech­net die, die die Zukunft dar­stel­len, sol­len schuld sein, dass ich sie ver­mass­le. Schuld dar­an, dass ich jetzt erst ein­mal wei­ter­ma­che, denn ich muss sie ja groß­krie­gen. Irgend­wie müs­sen sie ja groß­zu­krie­gen sein. Sie wach­sen wei­ter, nach oben, nach unten und auch in alle Him­mels­rich­tun­gen, wird behaup­tet. Zukunft ist heu­te mehr ein Feh­len an Vor­stel­lungs­kraft gewor­den als das Gegen­teil.

5. Alles gesagt haben

Will ich hier aus­re­den? Will ich hier end­lich ein­mal alles gesagt haben? Natür­lich, sonst wür­de ich mich hier nicht zu Wort mel­den. Ich möch­te das eine oder ande­re unter­brin­gen, nie­mals aber wirk­lich alles gesagt haben. Jeder Text endet mit die­sem Gefühl: Jetzt reichts aber wirk­lich. Um dann wei­ter­zu­ge­hen in ein „dar­aus erwächst aber die­se oder jene Fra­ge“, ich möch­te end­lich die Büh­ne für mich, ich sit­ze mit mei­ner Lite­ra­tur nie­mals in der Düs­sel­dor­fer Ber­ger Kir­che, die Johan­nes Stütt­gen, ein Beuys­schü­ler als Treff­punkt der Ring­ge­sprä­che ein­ge­führt hat, im Rah­men des „Arbeits­krei­ses Direk­te Demo­kra­tie“, wo eine ande­re Art mit­ein­an­der zu spre­chen kul­ti­viert wird. Man ler­ne dort, dass das, was man so bren­nend sagen möch­te, irgend­wann von jemand anders gesagt wer­de, ver­riet man mir, man las­se sich aber auch aus­re­den. Das kann ich ganz und gar nicht glau­ben. Wenn ich spre­che, wer spricht dann nicht? Wenn ich nicht spre­che, wer sagt mei­ne Sachen? Wie ist die­ser Raum gere­gelt? Und was wird bei dem gleich­zei­ti­gen Spre­chen der Lite­ra­tur gehört? Wer hört zu? „Lite­ra­tur als sozia­le Plas­tik“ lau­tet eine Über­schrift in mei­nem Pro­gramm, unter der u.a. der Name Milo Rau steht, aber im Grun­de füh­ren zu wenig Lini­en aus sei­ner Arbeit zu mir, wenn ich ehr­lich bin (eine zu umständ­li­che Sün­de, um sie hier anzu­füh­ren, viel­leicht gar nicht sün­den­ka­ta­log­fä­hig?). Immer inter­es­sie­re ich mich noch zu sehr für die Herr­schafts­spra­chen und für Herr­schafts­wis­sen, immer noch zu wenig für die Wider­stands­ges­ten, für die Sei­te der Unter­drück­ten. Also für den Ort, an dem das Dra­ma sei­nen wah­ren Wohn­sitz hat.

Dort wo ich mich auf­hal­te, herrscht die­ses eine Gefühl vor: End­lich aus­re­den zu wol­len. Und mit­ten dahin­ein platzt dann und wann der Gedan­ke, ob ich wohl abge­hört wer­de. Viel­leicht sage ich ja das Fal­sche, das, was mir dann auf die Füße fällt. (Zum Tele­fon grei­fen! Part­ner­län­der sichern!) Der para­noi­sche Gedan­ke, den Gil­les Deleu­ze so wun­der­bar dekon­stru­iert hat, weiß genau, wann er sich ein­stel­len muss. Para­noia ist die gesell­schaft­li­che Ant­wort mei­ner miss­lin­gen­den Sub­jek­ti­vie­rungs­stra­te­gie.

6. Abschrei­ben

Nein, nicht so, wie Sie das jetzt den­ken, also dass ich abschrei­ben wür­de, also Copy­right­ver­bre­chen, klar, da kom­men Sie jetzt drauf, das ist so Ihre Welt … Nein, es geht um das Abschrei­ben der Mög­lich­kei­ten, Abschrei­ben der Zukunft, die ent­täusch­ten Hoff­nun­gen, und das sind ja nicht weni­ge. Das Abschrei­ben des öffent­li­chen Raums, wie es sich gera­de her­aus­stellt, fin­det statt. Schnell haben wir uns an das gewöhnt, was jetzt ist. Wenn nur die Kin­der­be­treu­ung ste­hen wür­de, wenn nur die Pfle­ge der Alten ste­hen wür­de, dann gäbe man sich schon zufrie­den. Erst­mal. Ein paar Sport­stät­ten bit­te, aber nicht mehr. Dass (nicht nur) in die­sem Land alle gut leben kön­nen soll­ten, den Gedan­ken des guten Lebens für alle, den habe ich eigent­lich bereits abge­schrie­ben, ohne es zu wis­sen. „Der Geschich­te ins Wei­ße im Auge zu sehen“, so Hei­ner Mül­ler, ist immer noch eine zu erlan­gen­de, nicht abzu­schrei­ben­de Fähig­keit.

Aber inmit­ten die­ses Nach­den­kens über das Abschrei­ben wer­de ich noch ein­mal von dem Gedan­ken mei­ner Abhör­bar­keit unter­bro­chen. Etwas schwä­cher bereits: Wie abhör­bar bin ich eigent­lich? Noch nie soviel tele­fo­niert wie in die­sen Pan­de­mie­zei­ten, aber wer ist noch alles mit in der Lei­tung? Und was sind das für Zoom-Räu­me, in denen wir uns begeg­nen – was davon erfas­se ich nicht? Wer sitzt mir tat­säch­lich gegen­über in den blin­den Käst­chen? Der, des­sen Name drauf­steht? Viel­leicht sind es vie­le? Der para­noi­sche Gedan­ke weiß wirk­lich genau, wann er sich ein­stel­len muss.

7. Zum Ernen­nungs­mi­nis­ter wer­den, nein, immer kür­zer wer­den, nein, Recht haben

Ich sag­te doch bereits, die vol­le Gesund­heit, also das Mehr an Gesund­heit (mehr Gesund­heit geht immer), das Plus, das wir hier errei­chen kön­nen, also die gan­ze Gesund­heit (also die will ich haben), das gin­ge nur wenn …Ver­dop­peln sie Ihre Gesund­heit (set­zen Sie auf mich), raus aus Ihrer Gesund­heit kön­nen Sie nicht ein­fach so und sich in eine Krank­heit hin­ein­steh­len, deren Namen ich fin­den müss­te, fül­len Sie also alle Behält­nis­se Ihrer Gesund­heit auf – Ich wün­sche Ihnen ein flie­ßen­des Dasein im Gesund­heits­be­reich. Sie wer­den schon mer­ken, wenn Sie krank sind, dann wird alles eben Gesag­te Maku­la­tur. Der, den es erwischt, sieht in jeder Rede über Gesund­heit einen zyni­schen Angriff, das Nach­den­ken dar­über ver­geht sofort. Zero­to­le­ranz für Kei­me. Zero­co­ro­na­hash­tag. Wäh­rend wir mit dem Leben gegen das Leben argu­men­tie­ren, und die einen und die ande­ren sich zu Wort mel­den, dass die eine oder ande­re zuerst geimpft wer­den soll­te, stellt sich bei mir immer mehr die Über­zeu­gung ein, dass ich in die­ser Debat­te nichts ver­lo­ren habe. Ich möch­te nicht ent­schei­den, wer zuerst geimpft wird, ich möch­te nicht ent­schei­den, was das für eine Krank­heit ist, ich möch­te nicht ent­schei­den, wel­cher Qua­ran­tä­ne­plan jetzt sinn­vol­ler ist und wel­cher unsin­ni­ger ist. Ich kann es gar nicht und bin ange­wie­sen auf die Ent­schei­dun­gen ande­rer.

Nein, kein Ernen­nungs­mi­nis­ter (männl.) wer­den. Dazu gehört auch: Nicht andau­ernd Dring­lich­keits­sit­zun­gen aus­zu­ru­fen. Über­all gibt es sie jetzt. Dring­lich­keits­sit­zun­gen in Radio­sen­dern, in Unter­neh­men, Regie­run­gen, immer ist die Zeit weg, schon auf­ge­braucht, schon abge­baut, immer gibt es die­sen inter­nen und exter­nen Druck, die Angst um die Arbeit, um die Gel­der, und immer gibt es dazu die Fest­stel­lung einer feh­len­den Debat­ten­kul­tur. Und was kommt dabei her­aus: „Um das lan­ge Wort zu ret­ten, müs­sen wir es kür­zen.“ Hieß es z.B. bei der Radio­dring­lich­keits­sit­zung, wo man über Tages­in­nen­flä­chen, über Prime Time und Dri­ve Time eines Medi­ums nach­dach­te. Das Fazit waren immer gewal­ti­ge Kür­zun­gen im Kul­tur­be­reich.

Nein, kein Ernen­nungs­mi­nis­ter wer­den. Dazu gehört aller­dings auch: sich all­zu­schnell zum Opfer aus­ru­fen oder jeman­den als sol­ches bezeich­nen. Opfer-Täter­spuk betrei­ben (Spu­cke meist dabei). Nazis, die ande­re schrei­end als Nazis bezeich­nen. Unver­ges­sen die­se säch­si­schen Sze­nen, in denen sich Pegi­da und Anti­fa gegen­über­ste­hen und gegen­sei­tig mit Nazi­ru­fen anschrei­en. Das war kei­ne Sym­me­trie, (ich stel­le nie Sym­me­trien her), das ist eine rech­te Stra­te­gie, Sie wis­sen das. Die Sym­me­trien, die da immer wie­der behaup­tet wer­den, kom­men auch von Ernen­nungs­mi­nis­tern. (Links wie rechts gebe es Extre­mis­mus usw.) Huf­ei­sen wer­den gewor­fen und tref­fen die, die nicht ins Licht kom­men.

Aber: Das Opfer muss ange­be­tet wer­den, schreibt Elfrie­de Jeli­nek in ihrer Recht­fer­ti­gungs­or­gie „Schwarz­was­ser“, man muss Opfer wer­den. Die­ser Mode, mit dem gefühl­ten Opfer­sta­tus zu argu­men­tie­ren, wäh­rend ande­re tat­säch­lich Opfer sind, ist am ehes­ten damit zu begeg­nen, dass Für­spra­che zu einer Ermäch­ti­gung wer­den kann. „Ab jetzt wird zurück­ge­lacht“?

Nein, nicht zum Ernen­nungs­mi­nis­ter wer­den. Es ist ja nicht mehr zu über­bli­cken, wer alles unter einem neu­en Holo­caust lei­det. Doch die Achil­le-Mbem­be-Debat­te in unse­rem schö­nen Nach­bar­land, eine Hoheits­de­bat­te über den Geno­zid­be­griff, lehrt auch, dass, neben dem üblich gewor­de­nen Aus­rech­nen der Toten, nicht über kolo­nia­len Ter­ror zu spre­chen ist, weil die­ses Gespräch den Holo­caust ver­harm­lo­se. Die Ver­meh­rung toxi­scher und sich ver­selbst­stän­di­gen­den Debat­ten erzeu­gen die Situa­ti­on, in der alles, was ich sagen könn­te, immer schon ver­kürzt ist. Lite­ra­tur als Instanz der Ver­wick­lung darf nicht in die­se Ver­kür­zung gehen, nicht mit hin­ein­ge­hen und in ihr ver­schwin­den.

8. Den Selbst­wi­der­spruch zele­brie­ren

Pech gehabt. Eine ach­te unter den sie­ben Tod­sün­den gibt es nicht. Der ach­te Punkt wird also gestri­chen. Und unter­halb die­ses Stri­ches lun­gern sie hier her­um, die han­dels­üb­li­chen Sün­den nie­de­rer Tem­pe­ra­tur: Ein­spra­chig­keit. In der Hori­zon­ta­le blei­ben, nur in die Ver­ti­ka­le gehen, den Wech­sel zwi­schen Schär­fe und Unschär­fe nicht orga­ni­sie­ren, ach, hat­te ich ja schon, also mich wie­der­ho­len, einen Exor­zis­mus betrei­ben und die Sache für erle­digt hal­ten, die Umstän­de nicht betrach­ten, den Rah­men nicht the­ma­ti­sie­ren, Kon­text­fra­gen mani­pu­lie­ren, ohne es zu wis­sen, nicht mit dem Gegen­über rech­nen, Explo­ita­ti­on betrei­ben (das ist nun wirk­lich nichts Neu­es), nichts Neu­es sagen, nur Neu­es zu sagen behaup­ten. Kei­ne Direkt­ein­sät­ze zuzu­las­sen, nur im Kon­junk­tiv ste­cken blei­ben, zuviel Hypo­ta­xe, zuviel Para­ta­xe. Dem Zwei­fel zu wenig oder zuviel Raum geben, kein tän­ze­ri­sches Ver­mö­gen besit­zen oder zuviel Tän­ze­ri­sches – kei­ne Kali­brie­rung des Blicks unter­nom­men haben, die Selbst­be­fra­gung unter oder über­schätzt haben. Sich über­schät­zen, sich unter­schät­zen, die fal­schen Part­ne­rin­nen suchen, Zusam­men­ar­bei­ten aus­schlie­ßen, Zusam­men­ar­bei­ten über­trei­ben. Dem ers­ten Ein­fall fol­gen oder ihm gar nicht fol­gen, mit der Ver­kür­zung der Din­ge stän­dig argu­men­tie­ren, am Ende immer kür­zer wer­den wie hier (und die Skiz­zen­haf­tig­keit her­aus­stel­len), also nicht wirk­lich dran blei­ben, zu sehr dran blei­ben, sich auf Ver­wei­ge­rungs­schie­nen befin­den, sich nicht fest­ma­chen wol­len, und so wei­ter und so fort – sagen Sie jetzt nicht: „alles nur eine Fra­ge der Maß­ver­hält­nis­se!“ Alles für eine Fra­ge der Maß­ver­hält­nis­se hal­ten, denn die sind schon pre­kär gewor­den, immer im Rut­schen.

Angst zu haben ist übri­gens kei­ne Sün­de und schon gar kei­ne Tod­sün­de. Das ist mehr so eine Rea­li­tät. Die Angst steht uns der­zeit allen ins Gesicht geschrie­ben. Sich inso­fern am Alpha­bet der Ängs­te ver­su­chen, vom pani­schen Auf­fla­ckern in den Augen des Schwarz­was­ser-Poli­ti­kers, bis zur ver­zwei­fel­ten Suche der Not­stands­men­schen, kann den­noch als Bewe­gung raus aus dem Sün­den­ka­ta­log gese­hen wer­den (wenn man denn raus­möch­te), in dem ganz zuletzt, klein­ge­druckt, steht: Tod­sün­den auf­schrei­ben. Aber nicht so schlimm, wir sind in Öster­reich.

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Kath­rin Rög­g­la (*1971) ist Schrift­stel­le­rin und arbei­tet als Pro­sa- und Thea­ter­au­torin, auch ent­wi­ckelt sie Radio­stü­cke. Zuletzt erschien von ihr Bau­ern­kriegs­pan­ora­ma (2020), Der Ele­fant im Raum (2019 sowie die gleich­na­mi­ge Audio-Instal­la­ti­on) und Nachts­en­dung. Unheim­li­che Geschich­ten (2016), sowie das Hör­spiel Ver­fah­ren (WDR/BR 2020). Ihre Thea­ter­tex­te (u.a. worst case, Die Betei­lig­ten, drau­ßen tobt die dun­kel­zif­fer) wur­den viel­fach insze­niert. Für ihre lite­ra­ri­schen Arbei­ten wur­de sie mit zahl­rei­chen Lite­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net, zuletzt mit dem öster­rei­chi­schen Kunst­preis für Lite­ra­tur (2020) oder dem Wort­mel­dun­gen-Preis (2020). Sie ist Mit­glied der Aka­de­mie der Küns­te, deren Vize­prä­si­den­tin sie seit 2015 ist, der Darm­städ­ter Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung und der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te. Seit August 2020 ist sie Pro­fes­so­rin am Schwer­punkt Lite­ra­ri­sches Schrei­ben an der KHM in Köln. Ihre Web­site ist www.kathrin-roeggla.de.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 19. Febru­ar 2021

Zuletzt geän­dert: 11. Apr. 2021