„Stendhal hätte es mit einem Agenten vermutlich leichter gehabt“

Mar­cel Hart­ges im Gespräch mit Ange­li­ka Klam­mer über das Geschäft der Lite­ra­tur­agen­ten, Ver­än­de­run­gen im Ver­lags­we­sen und Kräf­te­ver­schie­bun­gen im Lite­ra­tur­be­trieb.
Marcel Hartges © Mandy Brendel

Mar­cel Hart­ges: „Die Inter­es­sen der Verlagseigentümer lie­ßen sich nicht ohne Wei­te­res igno­rie­ren.“
Foto: Man­dy Bren­del

ANGELIKA KLAMMER Als Sie von DuMont zu Piper wech­sel­ten, haben Sie über den Neu­start gesagt, es gebe „kei­ne Zeit, die auf­re­gen­der und schö­ner wäre“, weil „man noch ganz frei von Rou­ti­nen agie­ren kann und alles neu gedacht wer­den muss“. Nun haben Sie Piper ver­las­sen und sich als Lite­ra­tur- und Film­agent selbst­stän­dig gemacht. Was den­ken Sie jetzt neu?

MARCEL HARTGES Im Grun­de gilt das, was ich damals gesagt habe, jetzt noch mehr. Ich habe ja nicht nur den Ver­lag gewech­selt, son­dern auch die Sei­te, die gan­ze Per­spek­ti­ve auf den soge­nann­ten Lite­ra­tur­be­trieb. Auch wenn ich in mei­nen Ver­lags­jah­ren viel mit Agen­ten zu tun hat­te, nach die­ser Zäsur fühlt sich für mich fast alles neu und frisch an. Bei allem Hin­ter­grund­wis­sen und aller Ver­lags­er­fah­rung tue ich ja jetzt vie­les zum ers­ten Mal oder zumin­dest mit ande­ren Vor­zei­chen. Neu­land zu betre­ten, ist ja etwas, was Kräf­te frei­setzt und inspi­riert. Es kann ja nicht dar­um gehen, alles so zu machen wie die ande­ren, die es schon gibt, son­dern dar­um, etwas Eige­nes zu ent­wi­ckeln, eine eige­ne Hal­tung, eige­ne Her­an­ge­hens­wei­sen.

KLAMMER Die Sei­ten zu wech­seln war offen­sicht­lich eine schnel­le Ent­schei­dung.

HARTGES Mich hat die Selbst­stän­dig­keit schon immer gereizt, daher muss­te ich tat­säch­lich nicht lan­ge über­le­gen. Es war auch die Aus­sicht, wie­der näher an den Autoren zu sein, ohne die unse­re herr­li­che Bran­che ja gar nicht exis­tie­ren wür­de. Bei allem Respekt für die Arbeit der Ver­la­ge, die Bücher – das ist viel­leicht nicht jedem hin­rei­chend klar – wer­den andern­orts geschrie­ben.

KLAMMER Hat sich die Ver­lags­ar­beit im Lau­fe der Jah­re zu stark ver­än­dert?

HARTGES Für mich per­sön­lich ja. Ange­fan­gen habe ich als Lek­tor bei Rowohlt, da war ich natur­ge­mäß näher am Manu­skript, näher am Autor, fokus­sier­ter auf das Ein­zel­ne. Mit jeder Beför­de­rung und jeder neu­en Ver­ant­wor­tung wuch­sen mir dann zwar vie­le Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten zu, aber Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten sind inner­halb eines Unter­neh­mens struk­tu­rell ja auch immer Gestal­tungs­zwän­ge. Zuletzt habe ich ein Pro­gramm von mehr als fünf­hun­dert Büchern im Jahr ver­ant­wor­tet, da blieb nicht mehr viel Zeit für eine inten­si­ve, wägen­de und reflek­tie­ren­de Lek­tü­re oder gar detail­lier­te Arbeit am Text. Aber auch abge­se­hen von mei­nem per­sön­li­chen Wer­de­gang habe ich den Ein­druck, dass sich der Lite­ra­tur­be­trieb in den letz­ten fünf­und­zwan­zig Jah­ren mehr und mehr durch­öko­no­mi­siert hat. Je schwie­ri­ger das Ver­kau­fen von Büchern gewor­den ist, des­to mehr dreht sich in den Ver­la­gen alles nur noch dar­um. Die Best­sel­ler­lis­te ist das Man­tra, das rauf und run­ter gebe­tet wird. Das mag psy­cho­lo­gisch viel­leicht plau­si­bel sein, aber beson­ders span­nend ist es nicht.

KLAMMER Was hal­ten Sie für Ihre wich­tigs­te Auf­ga­be als Agent?

HARTGES Als Agent bin ich der Ver­trau­te, der Anwalt, der Inter­es­sens­wah­rer, der Bera­ter mei­ner Autoren. Ich set­ze mich in umfas­sen­der und pro­fes­sio­nel­ler Wei­se dafür ein, dass sie die best­mög­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für ihr Schrei­ben bekom­men. Dazu zäh­len, durch­aus an pro­mi­nen­ter Stel­le, die finan­zi­el­len Ange­le­gen­hei­ten, aber ich küm­me­re mich auch um vie­le Din­ge, die sich nicht in all­ge­mei­ner Form beschrei­ben las­sen. Autoren haben sehr unter­schied­li­che Belan­ge und Bedürf­nis­se. Mit man­chen tau­sche ich mich bei­nah täg­lich aus, von ande­ren wür­de ich mona­te­lang nichts hören, wenn ich mich nicht gele­gent­lich mel­de­te. Auch als Ver­le­ger habe ich mich sehr ernst­haft bemüht, nah an den Inter­es­sen der Autoren zu sein, aber es gab gleich­zei­tig die Inter­es­sen der Ver­lags­ei­gen­tü­mer, die sich nicht ohne Wei­te­res igno­rie­ren lie­ßen, und manch­mal ste­hen die legi­ti­men Inter­es­sen des Autors und die, wie ich durch­aus fin­de, eben­falls legi­ti­men Inter­es­sen des Ver­la­ges gegen­ein­an­der. Als Agent bin ich erfri­schend klar posi­tio­niert: Da bin ich auf der Sei­te der Autoren und nie­man­dem sonst Rechen­schaft schul­dig.

KLAMMER Sie ver­tre­ten jetzt Fer­di­nand von Schi­rach, den Sie zu Piper geholt und dort groß gemacht haben. Nach Ihrem Aus­schei­den geht auch er, und zwar zu Luch­ter­hand. Wie lief das Gespräch zwi­schen Ihnen, haben Sie gesagt: Also, hör mal, Fer­di­nand, beim Ver­lag, da wär noch viel mehr drin­nen gewe­sen, aber als Agent hol’ ich das alles für dich raus. War es so?

HARTGES Sehr wit­zig. Die wah­re Geschich­te ist