Das Böse und der Literaturbetrieb

Tho­mas Lang über die neu­en Roma­ne von Yves Petry und Heinz Strunk und die alte Fra­ge, was in Lite­ra­tur und Film dar­ge­stellt wer­den darf und was nicht.

Ein „Stück­chen Penis“ liegt abge­trennt auf einem Tisch. „Die klei­ne Blut­spur, die aus ihm geflos­sen ist, erweckt in Mari­nos träu­me­ri­scher Wahr­neh­mung den Ein­druck, es sei aus eige­ner Kraft weg­ge­kro­chen, weg von dem Cha­os, dem es ent­stamm­te.“ Wir befin­den uns im Innern eines Tabus. Hier ist ein Mann getö­tet wor­den – er soll zum Teil von einem ande­ren Mann geges­sen wer­den. So ist es ver­ab­re­det, so geschieht es. Wie es dazu kommt, erzählt Yves Petrys Buch In Para­di­sum.

Die Geschich­te geht zurück auf einen Mord, der vor fünf­zehn Jah­ren in Hes­sen statt­fand. Dabei töte­te ein vier­zig­jäh­ri­ger Com­pu­ter­tech­ni­ker auf Ver­ab­re­dung einen etwas älte­ren Diplom-Inge­nieur und aß Tei­le der Lei­che. Der Fall erreg­te gro­ßes öffent­li­ches Auf­se­hen. Für den Roman des bel­gi­schen Autors Petry bil­det der Fall nur eine Folie. Er ver­legt die Hand­lung nach Brüs­sel. Die Betei­lig­ten haben ande­re Lebens­läu­fe. Vor allem erzählt er nicht ein­fach die Geschich­te einer trau­ri­gen sexu­el­len Ver­wir­rung. Das Schock- und Fas­zi­na­ti­ons­po­ten­zi­al der Untat gerät weit in den Hin­ter­grund. Den­noch hat der Roman, der sich in Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den gut ver­kauf­te, in Deutsch­land kei­nen Ver­lag gefun­den und ist erst in die­sem Früh­jahr bei Luft­schacht erschie­nen.

Im Wesent­li­chen besteht der Text aus drei Tei­len. Der ers­te schil­dert die Bezie­hung zwei­er Män­ner, die in den geschil­der­ten Sach­ver­halt mün­det. Der zwei­te erzählt ein Stück Kind­heits- bezie­hungs­wei­se Jugend­ge­schich­te des Täters, der drit­te zeigt uns das bereits erwach­se­ne Opfer auf dem Weg aus dem Leben. Täter und Opfer sind dabei kei­ne leicht zu ver­ge­ben­den Rol­len.

Mari­no ist ein recht pas­si­ver Jun­ge mit einem distan­zier­ten Vater und einer kon­trol­lie­ren­den Mut­ter. Es ist aber nicht so, dass sie ihn zu fest an sich gebun­den hät­te, im Gegen­teil. Sie wünscht, dass er selbst­stän­dig wür­de. Er ist die „Frucht, die nicht vom Stamm fal­len“ will. Mit drei­zehn wid­met er sich obses­siv Com­pu­ter­spie­len voll „Raub, Raub­mord, schwe­ren Ver­stö­ßen gegen das Waf­fen­ge­setz, Heh­le­rei, Ban­den­bil­dung, Fol­ter, Ver­stüm­me­lung und Erpres­sung. Ledig­lich Ver­ge­wal­ti­gung gehör­te nicht zu den Spiel­mög­lich­kei­ten …“ Hier wird neben­bei die Fra­ge auf­ge­wor­fen, wel­che For­men von Gewalt wir eigent­lich simu­lie­ren dür­fen und wel­che nicht.

Ein her­aus­ge­ho­be­nes Ereig­nis sei­ner Ado­les­zenz spielt sich beim Besuch eines Freun­des ab. Die bei­den Bur­schen sit­zen zusam­men im Kin­der­zim­mer, wäh­rend unten im Haus Mari­nos Vater stirbt. Mari­no fühlt sich von dem Freund sexu­ell ange­zo­gen und leckt am nack­ten Ober­schen­kel des ande­ren. Als der begehr­te Jun­ge sich wehrt, eska­liert die Situa­ti­on. Mari­no beißt dem Freund ins Bein. Er will „nie wie­der los­las­sen, es sei denn mit einem Mund­voll Flaum und Jun­gen­schin­ken“.

In der Tra­di­ti­on des Bil­dungs­ro­mans wäre die Pas­sa­ge als zen­tra­les und prä­gen­des Erleb­nis für die Zukunft und spä­te­re trau­ri­ge Kar­rie­re Mari­nos zu lesen. Hier ist sie eher Fut­ter für den Gerichts­gut­ach­ter. „Das hat was zu bedeu­ten … Es erklärt nicht alles, aber da ist durch­aus was dran“, lobt der Psych­ia­ter, und Mari­no freut sich, dass er etwas bei­tra­gen kann. Aber weder die Beiß­lust des Kna­ben noch sei­ne all­zu wil­li­ge Unter­ord­nung gegen­über der Mut­ter lässt Petry sich zu einem ech­ten Deu­tungs­mus­ter für den Cha­rak­ter Mari­nos aus­wach­sen. Viel­mehr öff­net er einen Raum des Mög­li­chen, pro­biert aus, legt nicht fest. Das hebt Petrys Roman ab von Deu­tungs­an­ge­bo­ten, wie sie etwa der Stern im zeit­ge­schicht­li­chen Fall bot. Da wur­de ein vor­ge­zeich­ne­ter Weg der bei­den Betei­lig­ten von trau­ma­ti­schen Kind­heits­er­eig­nis­sen über sexu­el­le Fan­ta­sien hin zum mör­de­ri­schen Kan­ni­ba­lis­mus sug­ge­riert.

Mein Teil

Im zwei­ten Teil des Romans berich­tet der Erzäh­ler von sich. Die Fik­ti­on ist übri­gens so ange­legt, dass der getö­te­te Bru­no Klaus die Geschich­te aus der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt, wäh­rend Mari­no sie bloß auf­schreibt. Bru­no (der Name scheint auf Hou­el­le­becqs unglück­li­chen Hel­den in den Ele­men­tar­teil­chen anzu­spie­len) ist Pro­fes­sor für das recht spe­zi­el­le Gebiet der „Höhe­punk­te der Lite­ra­tur des 20. Jahr­hun­derts“. Über sei­ne Kind­heit erfah­ren wir wenig, von sei­nem Vater schweigt er, von der Mut­ter lesen wir nur, dass sie inzwi­schen dement ist. Bru­no ist ein Ein­zel­gän­ger und steht quer zum aka­de­mi­schen Betrieb. Weil er die Publi­ka­ti­ons­wut der Kol­le­gen für lächer­lich bis schäd­lich hält, ver­öf­fent­licht er selbst fast nichts und macht dem­entspre­chend kei­ne Kar­rie­re. Eigent­lich fühlt er sich ganz wohl in sei­ner eli­tä­ren Nische. Aber eines Tages geht sein Glau­be an die Lite­ra­tur und an die Spra­che ver­lo­ren. Die Lan­dung ist hart. Einer­seits fängt er an, lite­ra­ri­sche Figu­ren vom Leben her zu begrei­fen – und fin­det Nabo­kovs Hum­bert Hum­bert plötz­lich absto­ßend –, ande­rer­seits berei­tet ihm das, was er als das heu­ti­ge Lebens­ge­fühl ansieht, kei­ne Freu­de. „Indem ich mei­ne lite­ra­ri­sche Bril­le abnahm und nicht län­ger durch stil­emp­find­li­che Lin­sen schau­te, wirk­te plötz­lich alles sehr trüb.“

Er macht sich unter den Kol­le­gen unmög­lich und nimmt Abschied vom Uni­ver­si­täts­be­trieb. Bru­no fühlt sich um zwan­zig Jah­re geal­tert. Bei­nah wie eine Offen­ba­rung wird ihm klar, dass sein Leben zu Ende ist. „Ich wür­de ster­ben, ich muss­te ster­ben … vor Jah­res­frist.“
Die­se Ent­wick­lung des mis­an­thro­pen lite­ra­ri­schen Puris­ten ist nicht frei von Iro­nie. Die Per­spek­ti­ve auf ein „rich­ti­ges“ Leben jen­seits des Lan­des der Meta­phern schreckt ihn offen­bar so sehr, dass er den Tod vor­zieht. Die Lebens­weis­heit sei­ner Putz­frau – es sei nicht die Wahr­heit, son­dern das Leben, das man lebe – weiß er nicht zu beher­zi­gen. Vor­erst flüch­tet er sich in eine por­no­gra­fi­sche Par­al­lel­welt, die sei­ne Sehn­süch­te nicht befrie­di­gen kann, son­dern nur noch dazu dient, ihn die Sehn­sucht nicht ver­ges­sen zu las­sen. „Ich wichs­te mich blöd oder wichs­te umge­kehrt blöd rum.“

Mari­no lernt er in des­sen Com­pu­ter-Geschäft ken­nen. Es macht gewis­ser­ma­ßen Klick bei den Män­nern, die bei­de kein erfüll­tes Leben haben. Mari­no hat das Com­pu­ter-Geschäft einst auf Anra­ten sei­ner inzwi­schen ver­stor­be­nen Mut­ter eröff­net und will es nun schlie­ßen. Er nimmt Bru­no mit zu sich, angeb­lich weil er dort eine für Bru­nos Anlie­gen geeig­ne­te Soft­ware auf­be­wahrt.

Damit beginnt der drit­te Haupt­teil der Geschich­te, die Bezie­hung der bei­den Män­ner. Gleich bei der ers­ten Begeg­nung haben sie Sex, nach den „Nor­men der Frau­en­zeit­schrift“ aller­dings kei­nen beson­ders guten. Es ent­wi­ckelt sich eine wenig lei­den­schaft­li­che Bezie­hung, die wohl bald enden wür­de, wenn Bru­no Mari­no nicht in sei­ne „fins­te­ren Absich­ten“ ein­weih­te. Und der ist bereit, die Sand­uhr zu spie­len.

Auf dem Höhe­punkt der Geschich­te zeigt sich plötz­lich, dass Bru­no im Grun­de nichts mehr ersehnt als die Lie­be und Zärt­lich­keit Mari­nos. Er fan­ta­siert, „Schatz“ genannt und zum Blei­ben ein­ge­la­den zu wer­den. Doch Mari­nos ver­meint­li­che Zuge­wandt­heit ent­puppt sich als eben­so ich­be­zo­gen wie die Bru­nos. In einer Art kind­li­cher Vor­freu­de fragt er bloß: wann? In die­sem Moment ist der Lieb­ha­ber zum Hen­ker mutiert.

Anthro­po­pha­gie gehört zu den ältes­ten Moti­ven der Lite­ra­tur, schon Homer schil­dert sie. Dass es sie auch im Leben gibt, ist unum­strit­ten. Es sind Selbst­zeug­nis­se von Kan­ni­ba­lis­mus aus Hun­ger über­lie­fert. Etwas kom­pli­zier­ter ver­hält es sich mit der Men­schen­fres­se­rei, die seit der Anti­ke wech­seln­den frem­den Kul­tu­ren (oder auch Rand­grup­pen wie den frü­hen Chris­ten im römi­schen Reich) vor­ge­wor­fen wur­de. In den Erzäh­lun­gen über die neue, oder, nach Mon­tai­gne, „jene ande­re“ Welt, ist sie seit den Über­fahr­ten des Kolum­bus eine Kon­stan­te. Wie wenig geheu­er dem deut­schen Kai­ser­reich die eige­ne Kolo­ni­al­macht war, zeigt sich auch in den vie­len, nie beleg­ten Berich­ten über Kan­ni­ba­lis­mus im Bis­marck-Archi­pel (Papua-Neu­gui­nea). Die Men­schen­fres­se­rei wur­de als Bestand­teil einer Geschich­te der Zivi­li­sie­rung ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ger Pri­mi­ti­ver im Sin­ne christ­li­cher Wer­te qua­si vor­aus­ge­setzt und brauch­te den Augen­schein nicht mehr. Der Ger­ma­nist Wolf­gang Struck hat her­aus­ge­ar­bei­tet, dass die Rei­se­schil­de­run­gen sowie die eth­no­gra­fi­schen Berich­te über Kan­ni­ba­len in die­sem Zusam­men­hang immer aus drit­ter Hand stam­men. Jemand, der dort gewe­sen ist, hat von Ein­ge­bo­re­nen gehört, dass …

Die Gefahr, unwis­sent­lich selbst zum Men­schen­fres­ser zu wer­den, läuft immer mit. In dem Bericht Bei den kunst­sin­ni­gen Kan­ni­ba­len der Süd­see schil­dert die Rei­sen­de Eli­sa­beth Krä­mer-Ban­now, wie ihrer Expe­di­ti­on in einem Dorf Aus­kunft über ein anste­hen­des Fest ver­wei­gert wird, die Euro­pä­er aber zum Essen ein­ge­la­den wer­den: „Ein­mal kam mir der unheim­li­che Gedan­ke, ob es auch wirk­lich Schwei­ne­fleisch wäre, was wir aßen; der eigen­tüm­li­che Geschmack, die gan­ze düs­te­re Stim­mung, die jene Stun­den beherrsch­te, lie­ßen den Ver­dacht kan­ni­ba­li­scher Orgi­en auf­kom­men.“ (Zitiert nach Strucks Auf­satz „Gier“). Beru­hi­gend wir­ken eini­ge Stü­cke ihres Mahls, die Ban­now-Krä­mer ein­deu­tig als Schwein erkennt.

Der Ein­druck der Fremd­ar­tig­keit, das Unver­ständ­li­che der Situa­ti­on wird durch den Ver­dacht der Men­schen­fres­se­rei befes­tigt und gestei­gert. Es ent­steht eine kla­re Ent­ge­gen­set­zung von Eige­nem und Frem­dem. Auch die im Buch­ti­tel genann­te Kunst­sin­nig­keit der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung erhält als „geheim­nis­voll“ und „zau­ber­kräf­tig“ den ambi­va­len­ten Glanz der Anders­ar­tig­keit. Die­ser Gegen­satz wird uns in der Fol­ge noch beschäf­ti­gen.

Der Schau­kas­ten

Ein wei­te­rer Roman, der sich in die­sem Früh­jahr mit dem Bösen oder dem Ver­bre­chen befasst, ist Heinz Strunks Der gol­de­ne Hand­schuh. Ähn­lich wie bei Petry ist der Aus­gangs­punkt ein rea­les Ver­bre­chen. Strunk erzählt die Geschich­te des Seri­en­mör­ders Fritz Hon­ka nach. Er wählt dabei einen grund­sätz­lich ande­ren Weg als Petry, ihm geht es viel mehr um das Nach­voll­zie­hen und Begrei­fen des­sen, was wirk­lich gesche­hen ist. Jeden­falls legt das selbst­re­fle­xi­ve Zitat des Kin­der­mör­ders Bartsch am Anfang des Tex­tes das eben­so nahe wie der Hin­weis auf die erst­ma­lig gewähr­te Akten­ein­sicht zu dem Fall. Hon­ka hat­te in den 1970ern in Ham­burg vier Frau­en ermor­det. Der Roman zeich­net ein Sozio­gramm von eini­gen im gesell­schaft­li­chen Abseits ste­hen­den Men­schen, die sich in der Asi-Knei­pe „Zum gol­de­nen Hand­schuh“ begeg­nen. Hin­ein­ge­schnit­ten ist ein Hand­lungs­strang, der sich mit einer rei­chen, aber deka­den­ten Ham­bur­ger Ree­der-Fami­lie befasst.

Fritz Hon­ka hat im Leben eigent­lich kei­ne Chan­ce bekom­men. Als Jugend­li­cher aus der DDR geflo­hen, selbst Opfer von (auch sexu­el­ler) Gewalt, alko­hol­ab­hän­gig, wursch­telt er sich irgend­wie durch. Die Frau­en, die er ken­nen­lernt, sind min­des­tens so fer­tig wie er. Sei­ne Wün­sche gehen dahin, eine Frau in sei­ner Woh­nung ein­zu­sper­ren und sie zu ver­skla­ven. Sie soll kei­nen eige­nen Wil­len mehr haben. Spät in dem Buch tötet er eine die­ser Frau­en, danach rasch wei­te­re. Sei­ne Gegen­fi­gur aus der Ree­der-Fami­lie hat im Grun­de eine ähn­lich gewalt­tä­ti­ge Dis­po­si­ti­on, nur dass er irgend­wie die Kur­ve kriegt und nie­mand umbringt.

Mehr als Petry wird Strunk expli­zit. Die Situa­ti­on am Mor­gen nach Hon­kas ers­tem Mord schil­dert er so: „Das Aas und die Schei­ße in sei­nem Bett, die Wor­te, die wie gif­ti­ger Dampf aus ihrer Keh­le gestie­gen sind.“ Er schnei­det „ihren Hals auf, weil da alles drin ist, was zur Spra­che gehört … bis er sicher ist, dass alles kaputt ist, auch die Stimm­bän­der.“ Nach wei­te­ren Ver­stüm­me­lun­gen schafft er die ver­schnür­te Lei­che in die Abstell­kam­mer. „ Wegen des star­ken Lei­chen­ge­ruchs ver­klebt er zwei Wochen spä­ter die Luke mit Leu­ko­plast­strei­fen und tape­ziert alles über.“

Neben Schil­de­run­gen die­ser Art besteht der Text zu gefühl­ten fünf­zig Pro­zent aus miso­gy­nen und noch miso­gy­ne­ren State­ments sei­nes männ­li­chen Per­so­nals. Strunk schaut zwar nicht über­heb­lich, doch von oben auf sei­ne Figu­ren. Die milieu­ge­bun­de­ne Spra­che, die sozu­sa­gen sau­be­re Ein­tei­lung der Roman­welt in Loser und ver­dor­be­ne Upper-Class-Men­schen las­sen eine Ter­ra­ri­um-Situa­ti­on ent­ste­hen; den Betrach­ter kön­nen die gif­ti­gen Tie­re im Kas­ten nicht ste­chen. So wirkt Der gol­de­ne Hand­schuh am Ende mehr wie eine Bestä­ti­gung von Topoi über zwei extre­me Milieus. Die sozia­le Ein­he­gung lässt kaum Unru­he auf­kom­men, eher das Gefühl, einem selt­sa­men, trau­ri­gen Schau­spiel zu fol­gen – Exo­tik vor der eige­nen Haus­tür.

Das Böse und die Lite­ra­tur

Bei der Erwei­te­rung des Blick­win­kels auf Lite­ra­tur und Film über die „Nacht­sei­te“ (Strunk) kom­men wir nicht ganz um de Sade her­um. Sei­ne Bücher ent­fal­te­ten ihre größ­te Wir­kung wohl nicht umsonst nach der trau­ma­ti­schen Ent­gren­zung der Euro­pä­er im Ers­ten Welt­krieg. Geor­ges Batail­le nennt de Sade den Autor, der von allen am Wei­tes­ten gegan­gen sei. Im Hin­blick auf die Hun­dert­zwan­zig Tage von Sodom schreibt Batail­le: „Die­ses Buch ist wahr­lich das Ein­zi­ge, in dem der Geist des Men­schen dem, was ist, gewach­sen ist. Die Spra­che der Cent vingt jour­nées ist die des gemäch­li­chen Alls, das die Gesamt­heit der Wesen, die es her­vor­brach­te, mit Sicher­heit ent­kräf­tet, pei­nigt, zer­stört.“

Batail­le legt nahe, dass de Sade die wah­re mensch­li­che Natur erkannt und dar­stel­lend aus­ge­hal­ten habe. Das, „was ist“, wird sonst all­zu gern unter den Tep­pich gekehrt. „Nichts scheint uns bes­ser gewähr­leis­tet als das Ich, auf dem das Den­ken beruht … Außer­dem kann das Indi­vi­du­um … sich auch einer end­li­chen Ord­nung unter­ord­nen, die es inner­halb einer Uner­mess­lich­keit fes­selt … Es ver­fügt nur über ein Mit­tel, die­sen ver­schie­de­nen Begren­zun­gen zu ent­flie­hen: Die Zer­stö­rung von unse­res­glei­chen (in die­ser Zer­stö­rung wird die Begren­zung von unse­res­glei­chen negiert …).“

Et voi­là, wir befin­den uns im Zen­trum, wo die Fäden, die durch unse­re Geschich­ten lau­fen, von den schau­ri­gen Kan­ni­ba­len Mela­ne­si­ens bis zu den Erzäh­lun­gen Petrys und Strunks zusam­men­lau­fen. Destruk­ti­on und Kon­struk­ti­on sind nicht län­ger Gegen­sät­ze, sie haben die­sel­be Stoß­rich­tung, die Fes­ti­gung und die Aus­wei­tung des Ichs. Aber was ist aus der Ent­gren­zung gewor­den, der Über­schrei­tung, die einen schwin­deln ließ?

Den­ken wir zurück an bedeu­ten­de Roma­ne oder Spiel­fil­me aus dem spä­te­ren zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert, an Paso­li­nis 120 Tage von Sodom oder Ellis’ Ame­ri­can Psycho. Paso­li­ni über­trug de Sades Roman in die letz­ten Tage einer faschis­ti­schen Gewalt­herr­schaft in den 1940ern. Gleich­zei­tig behaup­te­te er aber, mit die­sem Film, der kei­ne visu­el­len Hem­mun­gen zu ken­nen scheint, den ame­ri­ka­ni­schen Kon­su­mis­mus sei­ner Gegen­wart anzu­grei­fen. Ellis lie­fer­te mit Patrick Bate­man so etwas wie den pro­to­ty­pi­schen Böse­wicht der neo­li­be­ra­len Ära, eine Meta­pher für die in den 1990ern her­auf­zie­hen­de Welt. Im Fall Paso­li­nis sind wir eher bei den Opfern, die Gewalt der Täter setzt uns zu, aber bleibt die Gewalt der ande­ren. Ellis Prot­ago­nist bringt uns dage­gen in die dum­me Lage, dass er so ist wie wir, durch­drun­gen von einer Welt der Mar­ken, des Fern­se­hens und der Pop­kul­tur und dar­in ver­lo­ren wie wir. Er ist, um es mit Flus­ser zu sagen, kein Sub­jekt, son­dern ein Pro­jekt.

Ein­eb­nung und Rück­kehr des Ande­ren

Die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung scheint den Funk­ti­ons­zu­sam­men­hang von Über­schrei­tung und Ent­gren­zung inzwi­schen ver­scho­ben zu haben, Seri­en­kil­ler wie Zom­bies sind im kul­tu­rel­len Main­stream ange­kom­men. Weder das Auf­de­cken womög­lich ver­dräng­ter, absei­ti­ger Dimen­sio­nen des Mensch­li­chen noch der Rück­an­schluss an ver­meint­li­che sakra­le Gemein­schafts­er­leb­nis­se wie in den Blut­or­gi­en von Her­mann Nit­sch kön­nen in der Welt der Selbst­op­ti­mie­rer eine Wir­kung zei­ti­gen. Der Ver­such, aus dem real gesche­he­nen Ver­bre­chen eine lite­ra­ri­sche Beun­ru­hi­gung zu erzeu­gen, ver­sagt ent­we­der oder wird ver­wei­gert.

Bei Strunk ist das Böse eigent­lich gar nicht von Inter­es­se, der Ver­bre­cher ist, salopp gesagt, ein armes Schwein. Hier kommt am ehes­ten noch die Spra­che zum Tra­gen, die­se uner­schöpf­li­che Anein­an­der­rei­hung von abar­ti­gen For­meln und so aggres­si­ven wie öden Wit­zen, die, in ers­ter Linie, ein bestimm­ter Typus von geschei­ter­tem Mann über Frau­en run­ter­zu­lei­ern weiß.

Petry erweckt dage­gen den Ein­druck, gewollt auf das all­zu Abgrün­di­ge zu ver­zich­ten und eine von uns bei­nah inte­grier­ba­re Lie­bes­ge­schich­te zu erzäh­len. Der kan­ni­ba­li­sche Akt wird nicht zu einem Akzi­dens, aber deut­lich mar­gi­na­li­siert. Das ermög­licht auch den Humor in sei­nem Roman. Bei­de Haupt­fi­gu­ren von In Para­di­sum glei­chen ein­an­der in ihrem Hang zur Iso­la­ti­on und fin­den sich in der Iso­la­ti­on. Bezeich­nen­der­wei­se spielt die Hand­lung fast aus­schließ­lich in mehr oder weni­ger abge­schlos­se­nen Räu­men, dem Hör­saal, dem Haus, dem Laden­ge­schäft und so fort. Es gibt eigent­lich nur eine Stel­le, an der zwei pola­ri­sie­ren­de, von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Wel­ten frei auf­ein­an­der­tref­fen. Bru­no geht durch Brüs­sel und prallt mit einem „braunhäutige[n], bärtige[n] junge[n] Mann“ zusam­men, des­sen Selbst­in­sze­nie­rung – mit sitt­sa­mer, pott­häss­li­cher Klei­dung und, ver­mut­lich, einem Koran in der Hand – ihm sofort unsym­pa­thisch ist. Es kommt zu einem Augen­du­ell mit dem Frem­den. Bru­no ist empört, weil er sich absicht­lich über den Hau­fen gerannt fühlt, „doch mei­ne Aura schwand …, ernied­ri­gend schnell, unter dem Druck sei­ner Ver­ach­tung“. Für den Pro­fes­sor wird aus der Begeg­nung ein Clash der Lite­ra­tu­ren: Das „Büch­lein, das er für hei­lig hielt, war in mei­nen Augen ein klein­ka­rier­ter Misch­masch Bau­ern­ge­schwätz und pseu­do­spi­ri­tu­el­ler Fröm­me­lei. Die Tex­te mei­nes eige­nen, indi­vi­du­el­len Kanons wür­de er nur als Quel­le von ver­werf­li­chem Intel­lek­tua­lis­mus und amo­ra­li­schem Schwein­kram betrach­ten, als das Ergeb­nis von purer Deka­denz und Ent­glei­sung.“

Die Bege­ben­heit wirkt im Zusam­men­hang mit der Haupt­hand­lung zufäl­lig, scheint mir aber von zen­tra­ler Bedeu­tung für den Text. Das Frem­de kommt in einem unge­schütz­ten Moment, im offe­nen Raum der Metro­po­le Brüs­sel, in Gestalt die­ses anders geklei­de­ten, ande­res lesen­den, anders den­ken­den Man­nes in eine Gesell­schaft zurück, die sich jahr­zehn­te­lang bemüht hat, das Frem­de als gefähr­li­che, zu Hass und Ver­nich­tung füh­ren­de Kon­struk­ti­on zu betrach­ten, und es, in der Hoff­nung, Gewalt zu ver­hin­dern, geleug­net hat. (Wir leug­nen es bis heu­te in einem Dis­kurs, der von nach Euro­pa kom­men­den Frem­den for­dert, sich zu inte­grie­ren, unse­re statt der eige­nen Spra­chen zu spre­chen und sich wie wir zu gebär­den – nicht fremd zu blei­ben). Bru­no ver­sucht, selbst im Moment der Kon­fron­ta­ti­on den Stand­punkt des Ande­ren mit­zu­den­ken. Doch er, der Indi­vi­dua­list, erlebt sich als schwach, zu wenig selbst­ge­wiss.

Das Böse im Lite­ra­tur­be­trieb

Dass ein Buch wie die­ses fein geschrie­be­ne, in kei­ner Wei­se skan­dal­träch­ti­ge, son­dern (im Hin­blick auf sei­nen deli­ka­ten Gegen­stand) eher recht zurück­hal­ten­de in Deutsch­land offen­bar kei­nen Ver­le­ger gefun­den hat, ver­wun­dert. Ich habe mich gefragt und auch ein biss­chen rum­ge­fragt, wor­an das lie­gen könn­te. Die Ant­wort aus Bel­gi­en lau­te­te, man­che hät­ten ein­fach mit „die­sem Kan­ni­ba­len“, also dem Herrn Mei­wes aus Roten­burg, nichts zu tun haben wol­len. Die Geschich­te wirkt in den Köp­fen noch nach. Ob es bezüg­lich des Buches von Heinz Strunk, das wesent­lich mehr „Stel­len“ hat, ähn­li­che Beden­ken gab, ist mir nicht bekannt.

Inter­es­sant wäre es, eine Bewe­gung nach­zu­ver­fol­gen, die von der poli­ti­schen Zen­sur frü­he­rer Epo­chen zu den heu­ti­gen „Dos an Don’ts“, der Moral des (spe­zi­ell deut­schen?) Lite­ra­tur­be­triebs führt. Das kann hier nur bei­spiel­haft gesche­hen. Paso­li­nis erwähn­ter Film lös­te in den 1970er-Jah­ren noch hef­ti­ge Empö­rung aus. Die FSK gab ihn unter Schnitt­auf­la­gen frei. Dazu gehör­ten: „In der Bild­fol­ge, wenn Blan­ges mit dem Fern­glas durch [sic] Fens­ter die bru­ta­len Vor­gän­ge auf dem Hof beob­ach­tet, ist das Zun­ge-Abschnei­den an einem Jun­gen auf ein Mini­mum zu redu­zie­ren.“ Und: „In der­sel­ben Sze­nen­fol­ge ist der Koitus an einem an allen Vie­ren gefes­sel­ten jun­gen Mann à ter­go um die zwei­te Ein­stel­lung zu kür­zen.“ Ame­ri­can Psycho war in Deutsch­land von 1995 bis 2001 indi­ziert.

Bei Jona­than Lit­tell, der es mit Die Wohl­ge­sinn­ten 2006 unter­nahm, den Zwei­ten Welt­krieg und den Holo­caust aus der Per­spek­ti­ve eines SS-Man­nes zu erzäh­len, war die Empö­rung eher lahm. Die inzwi­schen bei Bild- wie Zeit-Lesern (und, ja, auch bei vie­len ande­ren) so belieb­te Fra­ge „Darf man das?“ tauch­te schon auf. Irgend­wie durf­te er. Inzwi­schen ist es mit den Auf­re­gern schwie­ri­ger gewor­den. Damit mei­ne ich nicht den Skan­dal, der sich jeder­zeit leicht erzeu­gen lie­ße, son­dern die Kon­zen­tra­ti­on eines Kunst­werks auf jene kom­mer­zi­ell nicht nutz­ba­ren Sei­ten des Men­schen, die Batail­le „das Böse“ genannt hat.

Kon­se­quen­ter­wei­se ist das ein­zi­ge Kri­te­ri­um der Zen­sur heu­te der Markt. Was sich nicht ver­kau­fen lässt, wird nicht gemacht. Und der gesell­schaft­li­che Trend geht deut­lich nicht zur Über­schrei­tung oder Ent­gren­zung, son­dern eher zur pri­va­ten Ord­nung und zur Leis­tungs­freu­de. Lite­ra­tur und Kunst kön­nen in die­sem Zusam­men­hang nur bestä­ti­gend wir­ken. Sie müs­sen Begeh­ren erzeu­gen, denn was nicht begeh­rens­wert ist, wird nicht gekauft, es exis­tiert nicht. Auch der neo­li­be­ra­le Staat ist dem Indi­vi­du­um nicht mehr ent­ge­gen­ge­setzt, son­dern schein­bar zu einem Dienst­leis­ter gewor­den, der sich, wäh­rend wir leben (näm­lich unse­ren schö­nen Traum), um den Rest (sprich unse­re Sicher­heit, dass der Traum kei­ne Krat­zer bekommt) küm­mert. Nun kehrt das Böse – als rea­le Bedro­hung durch Ter­ror eben­so wie, untrenn­bar inein­an­der ver­schlun­gen, in Gestalt eines Fan­tas­mas vom bär­ti­gen „Isla­mis­ten“ oder „Dschi­ha­dis­ten“ – in unse­re mate­ria­lis­ti­sche Welt zurück. Nach wie vor scheint unse­re hübsch ordent­li­che und in ihrer Unord­nung auf ein all­ge­mein ver­träg­li­ches Maß an Kor­rekt­heit run­ter­ge­koch­te Gesell­schaft etwas zu über­se­hen. Das Du zum Ich zu machen, stellt kei­ne gül­ti­ge Lösung dar.

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Tho­mas Lang, Jahr­gang 1967, lebt als Schrift­stel­ler in Mün­chen. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er den Roman Boden­los oder Ein gel­bes Mäd­chen läuft rück­wärts (2010) und die Erzäh­lung Jim (2012) bei C.H. Beck sowie den Roman Immer nach Hau­se (Ber­lin Ver­lag,  2016).

Yves Petry: In Para­di­sum. Roman. Aus dem Nie­der­län­di­schen von Gre­gor Sefe­rens. Luft­schacht Ver­lag, Wien 2016. 288 Sei­ten, € 24 (D) / € 24,70 (A).

Heinz Strunk: Der gol­de­ne Hand­schuh. Roman. Rowohlt Ver­lag, Rein­bek 2016. 256 Sei­ten, € 19,95 (D) / € 20,60 (A).

Quel­le: Voll­text 2/2016

Online seit: 3. Novem­ber 2016

 

Online seit: 3. Novem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 3. Nov. 2016