Andreas Maier: Neulich

Neu­lich fuhr ich mit dem Fahr­rad nach Frank­furt-Sach­sen­hau­sen.
„Die weni­gen Leu­te lau­fen scheu und in End­zeit­stim­mung an einem vor­bei, irgend­wie rat­ten­haft, Ver­schla­gen­heit scheint sich breit­zu­ma­chen.“

Neu­lich fuhr ich mit dem Fahr­rad nach Frank­furt-Sach­sen­hau­sen. Das mache ich in letz­ter Zeit oft, denn ich mag die S‑Bahn nicht, und ich wer­de immer so selt­sam nach­denk­lich, wenn ich die Men­schen in der Bahn sehe. Durch den Wald ist aber schön, wenn auch zuneh­mend käl­ter. Immer­hin hän­gen noch ein paar Blät­ter an den Bäu­men, und manch­mal scheint auch die Son­ne. Hell ist es ja immer­hin noch bis sech­zehn Uhr so eini­ger­ma­ßen.

Die Weg­stre­cke beträgt zwölf Kilo­me­ter. Das ist nicht viel. Aber ich fah­re tat­säch­lich fast nur durch Wald. Man ist an der fri­schen Luft und hat viel Zeit zum Nach­den­ken. Nach einer guten hal­ben Stun­de kom­me ich an der Hal­te­stel­le Loui­sa vor­bei. Dort stan­den wir, ein paar Trin­ker, vor einem hal­ben Jahr bei Son­ne, Wind und Wet­ter und nah­men ver­schämt unse­ren Apfel­wein zu uns, den wir auf Metall­stan­gen abstell­ten, die dort einen Grün­strei­fen begren­zen.

Wir wuss­ten, dass wir der­mal­einst dort­hin zurück­keh­ren wür­den, auch im Win­ter. Nun wird dort aber seit Mona­ten, und min­des­tens bis Febru­ar, die Hal­te­stel­le umge­baut, alles ist abge­sperrt. Dort kann nie­mand mehr hin. Wir sind ver­trie­ben.

Ich kom­me eine Minu­te spä­ter an der Apfel­wein­wirt­schaft Zur Buch­scheer vor­bei, das Gat­ter ist geschlos­sen, kein Lebens­zei­chen im Hof oder hin­ter einer Schei­be, alles dun­kel. Hier war ich frü­her manch­mal fünf­mal die Woche. Wir hat­ten dort einen Stamm­tisch. An die­sem Stamm­tisch saß ich seit viel­leicht zehn Jah­ren. Der Stamm­tisch war noch viel viel älter, er ging über Gene­ra­tio­nen, das gan­ze frü­he­re Per­so­nal ist längst weg­ge­stor­ben, Herr Min­nich, Heinz Ren­ner, Die­ter Schlab­itz (Schwei­ge-Die­ter), Paul, Hei­ner und Leu­te wie ich rück­ten nach auf dem Weg zum Tod. An die­sem Stamm­tisch haben wir auch stets, schon besof­fen, einen Teil des 24. Dezem­ber ver­bracht, wir haben dort vor sechs Jah­ren von Udo Jür­gens’ Tod erfah­ren und dann sei­ne Lie­der gesun­gen. Was haben wir nicht alle immer­fort dort erlebt.

Ich glau­be, ich habe bis heu­te in kei­ner Wirt­schaft je so viel Geld gelas­sen wie im Gemal­ten Haus. Es müs­sen über hun­dert­tau­send Euro sein.

Wei­ter durch dunk­ler wer­den­de Stra­ßen, fast wie am Anfang des berühm­ten Udo-Jür­gens-Lie­des, auf die Schwei­zer Stra­ße. Ich schlie­ße mein Fahr­rad ab. Hier stan­den frü­her die Tou­ris­ten vor der Apfel­wein­wirt­schaft Zum Gemal­ten