Ein Gedicht aus dem Weltraum

Aus dem Tage­buch des Cle­mens J. Setz

27. 10. 2019
Auf unse­rem Aus­flug durch den Wald bei Sal­manns­dorf sahen wir einen Maul­wurf! Sarah bemerk­te zuerst ein boden­na­hes Gera­schel, sie stand da und wit­ter­te wie eine Kat­ze, dann sah sie etwas wie einen lan­gen Wurm. Ich trat hin­zu. Blät­ter beweg­ten sich auf der Erde. Dann plötz­lich kam er her­vor, der klei­ne Halun­ke: augen­lo­ser, spit­zer Kopf, seit­wärts gedreh­te Schau­fel­ärm­chen, das Fell ganz sam­tig unter­halb der Staub­schicht. – Etwas spä­ter, viel tie­fer im Wald, auf einem der end­lo­sen erhöh­ten Wan­der­we­ge rund um die Stadt, mel­de­ten sich auf ein­mal Scha­fe. Sie leb­ten in einem klei­nen Pferch neben einem Restau­rant. Ein Schaf stand ver­son­nen da und fraß eini­ge fri­sche Blät­ter vom Fell sei­nes Neben­schafs. Aber wir waren immer noch vom Maul­wurf besof­fen und ver­miss­ten über­all Maul­wür­fe. Es war der letz­te war­me Tag. Wir ehr­ten ihn gebühr­lich, inmit­ten der gold- und dun­kel­rot durch­strahl­ten Gär­ten.

30. 10. 2019
Vor­trag von Rus­ty Schweick­art, dem Lunar-Modu­le-Tes­t­­pi­lo­ten der Apol­lo-9-Mis­si­on, im Natur­his­to­ri­schen Muse­um. Ein char­man­ter Erzäh­ler, sei­ne Rede ist ein lei­den­schaft­li­cher Appell an die Mensch­heit, die an dem Abend im Saal recht zahl­reich ver­sam­melt war, jeder Platz besetzt, man stell­te sich auch der Wand ent­lang auf. Das High­light war eine Anek­do­te über einen Astro­nau­ten­kol­le­gen im Sky­lab, namens Joe. Sei­ne Frau hieß Sue. Der Kol­le­ge über­mit­tel­te zum Geburts­tag sei­ner Frau ein Gedicht, per Audio­tape, ein alter­tüm­li­ches DAT-Band, glau­be ich. Schweick­arts Mis­si­on war es, das Band per­sön­lich der Frau zu über­mit­teln. Es war nicht ganz ein­fach, denn man muss­te es hän­disch in die Abspiel­ma­schi­ne ein­fä­deln. Und nun rezi­tier­te er für uns das Gedicht – aus­wen­dig. Es geht dar­in um die eigen­ar­tig rasche Gewöh­nung des Men­schen an die Ver­hält­nis­se im Welt­raum. Als wäre es unser „nati­ve sta­te“, schwe­re­los zu sein. Ich habe mir von die­sem äußerst schö­nen, einst im Welt­raum ent­stan­de­nen Gedicht nur die letz­ten bei­den Zei­len mer­ken kön­nen: „What if Man were in exi­le from the sky / and we were just remem­be­ring to fly?“

Mei­ne Unfä­hig­keit, zu erzäh­len – den gan­zen Tag war­te ich den „rech­ten Augen­blick“ ab, wo es viel­leicht „aus mir spru­deln“ wird, so wie frü­her.

1. 11. 2019
ich fühl mich immer so end­boss im föhn
die wol­ken sind plas­tisch und fal­tig und schön

sie haben ganz wehr­sa­me leuch­ten­de rän­der
die son­ne geht näm­lich schon unter novem­ber

5. 11. 2019
Buch­mes­se Wien: Ich wur­de von so einem Ahri­man-Ver­lags­mensch voll­ge­quatscht, dass sie ihr neu­es­tes Hit­ler-war-schon-ziem­lich-geil-Buch nicht mit Vor­trag in Wien prä­sen­tie­ren dür­fen, end­lo­se Wei­ner­lich­keit, dann ver­hed­der­te ich mich in einem Draht beim Sci­en­to­lo­gy-Stand,