Neue, alte Welt

Lau­ra Licht­blau ent­wirft in ihrem Roman Schwarz­pul­ver eine dunk­le Zukunfts­vi­si­on. Schau­platz ist Ber­lin, wo die regie­ren­de Par­tei das Patri­ar­chat fei­ert und eine bewaff­ne­te Bür­ger­wehr Angst und Schre­cken in der Bevöl­ke­rung ver­brei­tet. Von Lucia Schöll­hu­ber Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Dys­to­pien haben eines gemein­sam: die Welt, wie wir sie kann­ten, gibt es nicht mehr. Im Abgleich mit der Gegen­wart ist das Schre­ckens­sze­na­rio in der Regel aber zeit­lich weit genug ent­fernt, als dass man sich dem­nächst selbst dar­in wie­der­fin­den wür­de. Anders in Lau­ra Licht­b­laus lite­ra­ri­schem Debüt Schwarz­pul­ver. Der Zukunfts­ent­wurf, der da über Ber­lin gelegt wird, ent­hält nichts, was nicht bereits heu­te schon in unse­rer Gesell­schaft ange­legt wäre. Statt futu­ris­ti­scher Ele­men­te lässt an man­chen Stel­len gar die Ver­gan­gen­heit grü­ßen.

Vor allem Char­lot­te, die zen­tra­le, von ins­ge­samt drei Figu­ren, die abwech­selnd die Erzäh­lung vor­an­trei­ben, gibt ein schau­er­lich prä­zi­ses Bild eines Typus’ ab, der uns neu­er­dings auf jeder Anti-­Co­ro­na-­De­mo die Faust ent­ge­gen­reckt: In der besorg­ten Mut­ter, die nach einer erfolg­lo­sen Kar­rie­re als Kera­mi­ke­rin in die Bür­ger­wehr ein­ge­tre­ten und sich bin­nen 24 Tagen zur Prä­zi­si­ons­schüt­zin umschu­len ließ, drückt sich aufs Treff­lichs­te die ambi­va­len­te Mischung von völ­ki­schem Gedan­ken­gut, brau­ner Eso­te­rik und einer aus­ge­wach­se­nen Para­noia aus. Zu den Anfän­gen der Bür­ger­wehr erin­nert sie sich: „Wir hat­ten uns übers Inter­net gefun­den, alle­samt unru­hig und besorgt“ und betrach­tet sich dabei selbst „in war­mem, lie­be­vol­lem Licht“. Das dif­fu­se Gefühl der Bedro­hung ist aller­dings auch in der Grün­dungs­stun­de der Bür­ger­wehr, bei einem „schö­nen Raclettees­sen“ im Wohn­zim­mer der Inter­net­be­kannt­schaft Bernd, nur schwer auf einen gemein­sa­men Nen­ner zu brin­gen – der eine klagt über anony­mes Uri­nie­ren in sei­nem Vor­gar­ten, die ande­re über dro­gen­kon­ta­mi­nier­te Abzieh­bil­der und „Bernd hat­te ver­schie­de­ne Sor­gen, aber sein größ­tes Pro­blem war rück­bli­ckend wohl die Lan­ge­wei­le.“

Wesent­lich kla­rer, um nicht zu sagen: holz­schnitt­ar­tig ein­fach, gibt sich da die radi­ka­le Par­tei an der Macht, die auch vor­gibt, woge­gen die Bür­ger­wehr vor­zu­ge­hen hat. Das ist alles, was nicht in die Scha­blo­ne alt­ge­dien­ter Rol­len­bil­der von Mann und Frau mit ent­spre­chen­dem Macht­ge­fäl­le passt sowie einer spaß­be­frei­ten Kul­tur ent­spricht, die aus­län­di­sches Essen genau­so ablehnt wie Angli­zis­men oder Musik auf der Stra­ße – kurz: alles Diver­se. Die­se Leit­kul­tur mit­zu­tra­gen, gar zu ver­tei­di­gen, gelingt Char­lot­te, die sich als Allein­er­zie­hen­de per se in einem Dilem­ma befin­det, nur mit Cognac und Mis­tel­sprit­zen. Das Wort „ziel­füh­rend“ wirkt dabei auto­sug­ges­tiv in ihrem inne­ren Mono­log, der das gan­ze Gesche­hen beglei­tet, bis er sich mit der jugend­sprach­lich gehal­te­nen Innen­per­spek­ti­ve von Char­lie, ihrem Sohn, abwech­selt und sich schließ­lich wei­ter „schwing­han­gelt“ zu Bur­schi, einer jun­gen Frau, deren All­gäu­er Her­kunft idio­ma­tisch Nach­druck ver­lie­hen wird.

Bei­de fol­gen zwar selbst alter­na­ti­ven sowie gleich­sam pre­kä­ren Lebens­ent­wür­fen – Bur­schi ist eine homo­se­xu­el­le Gesell­schaf­te­rin bei einem älte­ren Ehe­paar deren Sachen sie im Inter­net ver­scher­belt, Char­lie ein gera­de dem Teen­ager­al­ter ent­wach­se­ner Hip­hop-­Narr mit unbe­zahl­tem Prak­ti­kum bei einem Label, der ver­sucht, sich aus der sym­bio­ti­schen Bezie­hung mit der neu­ro­ti­schen Mut­ter zu lösen. Doch um tat­säch­lich so etwas wie Hoff­nung oder das vage Gefühl einer Revo­lu­ti­on auf­kom­men zu las­sen, braucht es die fan­tas­ti­sche Figur der Johan­na. Die Lieb­ha­be­rin von Bur­schi ist ein Wesen, das zur magi­schen Zeit der Rauh­näch­te plötz­lich da ist und genau­so schnell wie­der ver­schwin­det. Eine, die beim Lie­bes­spiel im Hotel­zim­mer dar­auf besteht, die Schu­he anzu­be­hal­ten – Bur­schi ist sich gewiss, dar­un­ter Hufe zu ertas­ten. Eine, die sich nicht anpasst und Fra­gen stellt, anstatt sich im tota­li­tä­ren Regime durch­zu­wurs­teln: „Wie kommt es, dass die­se beknack­te Par­tei hier regiert? Was haben die gegen mich? Mögen sie kei­ne Leu­te mit Stil? Kei­ne Frau­en in Trai­nings­an­zug?“ Eine, deren Haut nach Schwarz­pul­ver riecht.

Auch wenn es ansatz­wei­se zum Show­down kommt: Offen bleibt, wohin das führt. Und wenn das in der Kom­po­si­ti­on etwa dem ent­spricht, was von einem Debüt zu erwar­ten ist, so wiegt das das lyri­sche Sprach­re­per­toire der 1985 in Mün­chen gebo­re­nen Autorin auf. Wo sich Schnee­flo­cken sta­peln, bau­schi­ge Haar­gum­mis auf Halb­mast ste­hen oder sich Häu­ser hin­ter Pla­ta­nen und Kie­fern ducken, blät­tert man ger­ne Sei­te um Sei­te und war­tet gespannt auf das nächs­te Buch.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023