Wehret den Anfängen

Gute poli­ti­sche Lite­ra­tur macht auf die Bruch­li­ni­en von Gesell­schaf­ten auf­merk­sam, indem sie tota­li­tä­re Ten­den­zen seis­mo­gra­phisch auf­spürt und demons­triert, wie schnell das Her­ab­sin­ken in die Bar­ba­rei von­stat­ten gehen kann. Wie ver­hält sich hier­zu Lau­ra Licht­b­laus poli­ti­scher Roman Schwarz­pul­ver? Von Pas­cal Mathé­us Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Deutsch­land hat nicht auf­ge­passt und ist aber­mals in die Fän­ge einer ras­sis­tisch-natio­na­lis­ti­schen Par­tei gera­ten. Wir befin­den uns in einer nicht all­zu fer­nen Zukunft, in der „die größ­te Wüs­te Deutsch­lands“ in Bran­den­burg zu suchen ist und in Ber­lin eine gewalt­tä­ti­ge Bür­ger­wehr für Ord­nung sorgt.

Licht­blau zeigt die­se Gesell­schaft vor dem Hin­ter­grund drei­er Figu­ren, die alle so sehr in die Pro­ble­me ihres All­tags ver­strickt sind, dass sie die poli­ti­sche Sphä­re kaum wahr­neh­men. Char­lot­te, die für die Bür­ger­wehr als Scharf­schüt­zin arbei­tet, und ihr Sohn Char­lie haben sich in einem engen Kor­sett aus Ritua­len, Zwän­gen und Nöten ein­ge­rich­tet. Unter Druck gerät das Sys­tem durch Char­lies Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen, die sich auch in sei­nem Hadern mit der Rol­le sei­ner Mut­ter im Macht­ap­pa­rat aus­drü­cken. Auf der ande­ren Sei­te steht Bur­schi, eine jun­ge Frau aus der baye­ri­schen Pro­vinz, die in Ber­lin für ein altes Ehe­paar als Gesell­schaf­te­rin arbei­tet. Eine mys­te­riö­se Frau namens Johan­na ver­dreht ihr den Kopf und weckt all­mäh­lich ihren Wider­stands­geist.

Die Poli­tik tritt ganz plötz­lich in die Geschich­te ein. Das Hip-Hop-Label, in dem Char­lie ein Prak­ti­kum absol­viert, wird von einer Frau vom Amt für Staats­mo­ral über­prüft. Ihre vor­sint­flut­li­chen Über­wa­chungs­me­tho­den – sie sitzt mit dem Klemm­brett in den Büro­räu­men des Labels, um die Gesprä­che zu ver­fol­gen und durch­pflügt hän­disch die Fest­plat­ten der vor­han­de­nen Rech­ner – passt in das Bild der ins­ge­samt über­aus dilet­tan­tisch auf­tre­ten­den Macht­ha­ber. So wer­den etwa die Ange­hö­ri­gen der Bür­ger­wehr in 24-tägi­gen Kurz­lehr­gän­gen geschult und bei der Sil­ves­ter­par­ty der Par­tei funk­tio­niert nicht ein­mal die Orga­ni­sa­ti­on des Cate­rings.

Rech­te als lächer­li­che Figu­ren zu zei­gen, ist ja kei­ne ganz neue Dis­zi­plin. Lei­der unter­schei­den sich die Spä­ße der Lau­ra Licht­blau aber wenig von dem, was bei­spiels­wei­se in der heu­te Show gebo­ten wird. So lässt sie den Aus­fall der Lie­fe­rung von Kräu­ter­schnaps und Sül­ze durch den Cate­rer „Hans Wurst“ mit dem Aus­spruch des Par­tei­vor­sit­zen­den beden­ken, es habe sich hier „bei­na­he Ver­rat am Vater­land“ ereig­net. Mit so plat­ten Wit­zen bekommt man die Gefahr der rech­ten Ideo­lo­gen nicht in den Griff und über­zeugt nie­man­den, der nicht längst über­zeugt ist.

In den Idio­men der drei Haupt­fi­gu­ren, aus deren Per­spek­ti­ven die Kapi­tel abwech­selnd erzählt wer­den, wird mit wenig sub­ti­len Mit­teln Varia­ti­on erzeugt. Allen drei­en ist ein auf­ge­kratz­ter Plau­der­ton zu eigen, in dem nur die Ver­wen­dung von Lieb­lings­wör­tern Unter­schie­de anzeigt (Char­lie: „exor­bi­tant“; Char­lot­te: „ziel­füh­rend; Bur­schi „dep­pert“). Hin­zu kom­men schie­fe Bil­der („Jakob wird sich in mei­nem Kopf hal­ten wie Ruß“) und die aus­ufern­de Ver­wen­dung von Füll­wör­tern („irgend­wie“, „bei­na­he“, „halt“, „ungut“ etc.), die die zum Aus­druck gebrach­ten Gedan­ken ver­un­kla­ren. Der gan­ze Roman ist durch die Unschär­fe der Wahr­neh­mun­gen und For­mu­lie­run­gen in ein dif­fu­ses Licht getaucht. Die Lek­tü­re wird dadurch zuneh­mend ver­drieß­lich, weil feh­len­de Prä­gnanz auf Dau­er ener­viert.

Dass Lau­ra Licht­b­laus Inter­es­se ein pri­mär päd­ago­gi­sches war, erweist sich in Bur­schis sug­ges­ti­ven Über­le­gun­gen am Ende des Romans über das ver­pass­te recht­zei­ti­ge Ein­schrei­ten gegen die rech­ten Umtrie­be. Um eine ent­spre­chen­de Wir­kung zu erzie­len, müss­ten die geschil­der­ten Ereig­nis­se aber rea­lis­ti­scher und die Per­sön­lich­kei­ten ihrer Figu­ren glaub­wür­di­ger sein.

Es gibt ihn ja, den guten poli­ti­schen Roman. In den letz­ten Jah­ren etwa von Michel Hou­el­le­becq, der in Unter­wer­fung auf die Erschöp­fungs­zu­stän­de der fran­zö­si­schen Gesell­schaft auf­merk­sam mach­te oder Eck­hart Nickels Hys­te­ria, in dem das Welt­bild über­eif­ri­ger Ökos durch Über­spit­zung vor­ge­führt wur­de. Und auch die Roma­ne, die päd­ago­gisch wirk­sam vor der Rück­kehr der Rech­ten in Deutsch­land war­nen, sind längst geschrie­ben wor­den – z.B. der Jugend­ro­man Der Schlund von Gud­run Pau­se­wang. Ihnen gegen­über wirkt Schwarz­pul­ver unter­kom­plex.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023