„Würste haben absolute Priorität, denn sie sind identitätsstiftend“

Eine neue Zeit bricht sich Bahn in Lau­ra Licht­b­laus dys­to­pi­schem Debüt­ro­man Schwarz­pul­ver. Sie galop­piert her­an auf Bocks­fü­ßen und wirft Wun­der­ker­zen. Das tönt abge­dreht. Ist es auch. Alte Fra­gen wer­den viru­lent: Was kann Lite­ra­tur? Und was darf sie? Von Mat­thi­as Fisch­li Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Zur Gro­tes­ke zu grei­fen, jener Dich­tung, die das Komi­sche mit dem Grau­si­gen ver­bin­det und das Lächer­li­che mit dem Schreck­li­chen, galt lan­ge Zeit als bewähr­tes Mit­tel zur ange­mes­se­nen Dar­stel­lung der gegen­wär­ti­gen Welt. Im deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­be­trieb ging die­ser Arbeits­an­satz in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten etwas ver­lo­ren. Gera­de aber fin­det die Gro­tes­ke zurück aufs lite­ra­ri­sche Par­ket: im Erst­lings­werk der in Mün­chen gebo­re­nen und in Ber­lin leben­den Lau­ra Licht­blau.

Char­lot­te star­tet ihren Tag mit einer Mis­tel­in­jek­ti­on in die Bauch­de­cke. Das ent­spannt sie und erleich­tert ihr den Arbeits­be­ginn auf den Dächern über dem Ani­ta-Aug­spurg-Platz. Spä­ter schüt­tet sie Cognac nach, um sich einen kla­ren Kopf zu ver­schaf­fen – den braucht sie, schliess­lich hat sie als Prä­zi­si­ons­schüt­zin in einer Ber­li­ner Bür­ger­wehr in der Stadt für Recht und Ord­nung zu sor­gen. Die Bür­ger­wehr drückt die poli­ti­schen Zie­le der ras­sis­tisch-natio­na­lis­ti­schen „Par­tei“ durch, macht Jagd auf Homo­se­xu­el­le, psy­chisch Kran­ke, Migrant*innen. Geges­sen wird Wurst, Grün­kohl und Schlacht­plat­te, denn das ist iden­ti­täts­stif­tend. Ja, das Böse ist banal bei Licht­blau, und sehr gro­tesk. „Wenn sich die Men­schen doch bloß auch an die­se Zucht­ge­set­ze hiel­ten, sag­te er und lach­te dabei ganz gemüt­lich, und an die Tren­nung aller Ras­sen, dann wür­de sich die Volks­ge­sund­heit rasch ver­bes­sern.“

Licht­b­laus Pro­sa ist nicht gefeit davor, zuwei­len zur Pose zu ver­kom­men, näm­lich dann, wenn sie sich in der Stil­hö­he ver­greift („bär­bei­ßi­ge Stra­ßen“), ein schie­fes Bild pro­ji­ziert (Wöl­fe stür­men „schrei­end davon“) oder aus­zu­schwei­fen beginnt (Char­lot­te über die Qua­li­tät ihrer Bezie­hung mit ihrem Ex-Mann). Die drei Erzähl­stim­men – die ein­gangs erwähn­te Char­lot­te erhält Unter­stüt­zung von ihrem Sohn Char­lie und von des­sen Bekann­ten Bur­schi, die eigent­lich Eli­sa heisst – sind zudem bis auf eini­ge Angli­zis­men und ver­spren­kel­te Adjek­ti­ve sprach­lich wenig von­ein­an­der dif­fe­ren­ziert. Davon abge­se­hen aber ist Licht­b­laus Spra­che von einer eigen­sin­ni­gen poe­ti­schen Kraft beseelt: „Berg­seen schwap­pen inein­an­der, ich rase auf einem Schlit­ten einen stei­len Hang hin­ab, im Schuss, immer schnel­ler, und hin­ter mir sitzt der Teu­fel, er johlt und er spuckt in den Schnee und zün­det Wun­der­ker­zen an.“

Gegner*innen der Lichtblau’schen Pro­sa dürf­ten die­se geschickt zwi­schen Spott und Augen­zwin­kern chan­gie­ren­de Spra­che kri­ti­sie­ren. Sie könn­ten monie­ren, dass die Ver­tre­ter des repres­si­ven Staats­ap­pa­rats viel zu platt gezeich­net sei­en, lächer­li­che Schat­ten­ris­se. Ein illi­be­ra­les Regime – und sei es noch so fik­tiv – dür­fe nicht der­art ver­harm­lo­send dar­ge­stellt wer­den. Dage­gen ist drei­er­lei ein­zu­wen­den: Ers­tens darf Lite­ra­tur alles. Zwei­tens lässt die­ses Argu­ment einen wich­ti­gen Kunst­griff der Autorin aus­ser Acht: Die Haupt­hand­lung spielt wäh­rend der Rauh­näch­te, die geprägt sind von über­ir­di­schen Mäch­ten (dem Teu­fel), sel­te­nen Natur­phä­no­me­nen (Schnee, Sturm­bö­en, Blitz­eis) und flüch­ti­gen Zwi­schen­we­sen (Bur­schis Freun­din Johan­na). Sie tun sich zusam­men zu einer kar­ne­val­esken Résis­tance von nicht zu unter­schät­zen­dem sub­ver­si­vem Poten­ti­al. Michail Bacht­in hat an Rabelais aus­ge­ar­bei­tet, wie das Kar­ne­val­eske funk­tio­niert: Spott und Lachen zie­len nicht nur auf die Ver­nich­tung der Ver­spot­te­ten, son­dern berei­ten zugleich die Geburt von etwas Neu­em vor. Licht­b­laus Erzäh­lung lässt hier die Gene­se eines Gegen­ent­wurfs zu rech­ter Gewalt erah­nen.

Und schliess­lich: Licht­b­laus Spott trifft nicht nur das „Amt für Staats­mo­ral“ oder das „Minis­te­ri­um für Volks­ge­sund­heit“, son­dern auch ihre drei Haupt­fi­gu­ren. Sie miss­braucht ihre Gestal­ten nicht als blos­se Mund­stü­cke ihrer eige­nen Welt­sicht. Dies gilt für Bur­schi, die kopf­los ver­liebt ist, und für Char­lie, der sich nicht von sei­ner Mut­ter und sei­nen aus­beu­te­ri­schen Chefs lösen kann, am meis­ten aber für die ambi­va­len­te Char­lot­te, die auf dem Höhe­punkt der Geschich­te ihre Prä­zi­si­ons­waf­fe ein­mal zu oft ein­setzt. Unter ihrer im Kampf- und Schiess­trai­ning antrai­nier­ten har­ten Ober­flä­che leuch­tet palim­psest­ar­tig die alte Welt vor der Macht­er­grei­fung der Rech­ten auf. Char­lot­tes porö­se Mehr­schich­tig­keit könn­te für das Regime das Ende bedeu­ten. Bis es so weit ist, arbei­tet sich Licht­blau gekonnt an bekann­ten Mecha­nis­men der euro­päi­schen Geschich­te ab. Und zeigt dabei ein­mal mehr: Das Tota­li­tä­re ist gro­tesk.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023