Faulheit, Frechheit, Größenwahn

Er quatscht wie­der rein: Michel Hou­el­le­becqs neue Inter­ven­tio­nen. Von Tho­mas Lang
Michel Houellebecq © Philippe Matsas

Michel Hou­el­le­becq: Eine gewis­se Emp­find­lich­keit gegen­über den Zuschrei­bun­gen von ande­ren. Foto: © Phil­ip­pe Mat­s­as

Das mensch­li­che Gesicht, selbst wenn man es mit einer Mas­ke bedeckt („nur um den Gesichts­aus­druck zu ver­ber­gen“), wirkt so wesent­lich und domi­nant, dass es uns auf einer Foto­gra­fie die Authen­ti­zi­tät aller übri­gen Gegen­stän­de in Zwei­fel zie­hen lässt. – Die­ser Gedan­ke steht in einem klei­nen Text, den Michel Hou­el­le­becq 2014 für den Kata­log des Foto­gra­fen Marc Lat­huil­liè­re ver­fasst hat. Im Wesent­li­chen ver­bin­det der Schrift­stel­ler dar­in die Bil­der des Foto­gra­fen mit dem heu­ti­gen Tou­ris­mus. Der habe dazu geführt, dass die Fran­zo­sen nur noch dar­stell­ten, was man von ihnen erwar­te – Boule spie­len etwa. Das war 2014.

Der Kon­text für das Tra­gen von Mas­ken hat sich im Jahr 2020 deut­lich ver­scho­ben, und die Fra­ge stellt sich, ob die Authen­ti­zi­tät des All­tags in unse­ren Köp­fen eben­so zwei­fel­haft erscheint, wie Hou­el­le­becq es für Lat­huil­liè­res Bil­der behaup­tet. Dar­aus lie­ße sich ein neu­er Aspekt für die Moti­ve der Mas­ken­geg­ner ablei­ten: Sie ver­lie­ren womög­lich, weil sie nicht genug Fres­sen zu sehen krie­gen, den Bezug zur Wirk­lich­keit.

Ein biss­chen schlech­ter: Neue Inter­ven­tio­nen heißt der soeben bei Dumont erschie­ne­ne Band mit ver­streu­ten Essays, Inter­views und ande­ren nicht­fik­tio­na­len Tex­ten von Hou­el­le­becq. Es ist der vier­te Essay­band mit „Inter­ven­tio­nen“. Wenigs­tens der ers­te die­ser Bän­de hieß frü­her Die Welt ist ein Super­markt und hat­te ein schö­nes grel­les Cover in einer aggres­si­ven, bil­li­gen Sales-Optik, die den Autor selbst, als er das Buch sah,