Die Verwirrung des Zöglings Körper

Tho­mas Lang über die rät­sel­haf­ten Wand­lun­gen Yukio Mishi­mas
Yukio Mishima © Eikoh Hosoe „Ba-ra-kei: Ordeal by Roses“.

Der Kör­per des Dich­ters: 1963 wid­met der Foto­graf Eikoh Hos­oe Mishi­ma einen eigen­willigen Bild­band – „Ba-ra-kei: Ordeal by Roses“.

Ich weiß nicht mehr, was mich vor Jah­ren auf Mishi­ma Yukio brach­te. Es ist mög­lich, dass ich etwas über sei­ne Selbst­tö­tung las und mehr wis­sen woll­te. Oder ich erhielt einen Hin­weis auf den Essay Mishi­ma oder die Visi­on der Lee­re von Mar­gue­ri­te Your­ce­nar, die sich 1980 aus­führ­lich mit sei­nem Werk beschäf­tig­te.

Im deutsch­spra­chi­gen Raum scheint der über­aus pro­duk­ti­ve Autor bis­her nicht recht ange­kom­men zu sein. Die Mehr­zahl sei­ner Roma­ne und Essays wur­de nicht über­setzt, das dra­ma­ti­sche Werk in noch gerin­ge­rem Maß. Vie­le deut­sche Aus­ga­ben sind ver­grif­fen; die hohen Prei­se am Gebraucht­markt deu­ten indes auf eine gewis­se Beliebt­heit Mishi­mas hin. Die­se man­geln­de Prä­senz ist bedau­er­lich, denn Mishi­ma geht unge­wöhn­li­che Denk­we­ge, ist kan­tig, pro­vo­ziert durch sei­ne poli­ti­sche Mei­nung und fas­zi­niert durch sei­ne Ver­mi­schung japa­ni­scher und euro­päi­scher Geis­tes­hal­tun­gen.

So vie­le pro­ble­ma­ti­sche Wör­ter in einem Satz – beson­ders die Ver­mi­schung ist mir ver­däch­tig, eben­so die Geis­tes­hal­tung. Mar­gue­ri­te Your­ce­nar hat bereits ähn­li­che Schwie­rig­kei­ten reflek­tiert: „Reiz der Exo­tik oder das Miss­trau­en“ gegen­über einer ande­ren Kul­tur kämen leicht ins Spiel, zumal Mishi­ma die „Ele­men­te der eige­nen Kul­tur und die des Abend­lan­des … gie­rig auf­ge­so­gen“ habe. Nun, das Exo­ti­sche scheint inzwi­schen unter die Räder einer Art Welt­all­tags­kul­tur gekom­men zu sein. Und ich fra­ge mich: Gibt es denn zwei Con­tai­ner, einen mit japa­ni­schem und einen mit euro­päi­schem Gedan­ken­gut, und wenn ja, auf wel­chen Schif­fen wur­den sie durch die Welt gefah­ren? Wur­den sie ord­nungs­ge­mäß ent­la­den? Sicher ist, dass von Euro­pa vie­les in Japan und von Japan nicht so vie­les in Euro­pa ange­kom­men ist.

„Wer sich aus­schließ­lich mit der Schön­heit beschäf­tigt, dringt nichts­ah­nend zu den fins­ters­ten Ideen der Welt vor.“

Ich beken­ne mich hier als ein Nicht­ken­ner des asia­ti­schen Lan­des und sei­ner Spra­che, ein Wenig­ken­ner sei­ner Lite­ra­tur. Genau­so könn­te ich mich als Igno­ran­ten der Homo­se­xua­li­tät oder des Kraft­trai­nings bezeich­nen. Ich weiß nicht, wie sich die Unter­ho­sen tra­gen, in denen Mishi­ma sich häu­fig foto­gra­fie­ren ließ (auch wenn ich gelernt habe, dass sie Fun­do­shi hei­ßen), und ich habe weder ein Bam­bus­schwert in den Hän­den gehal­ten noch ein ech­tes. Ich habe nicht die gerings­te Ahnung, wie man sich den Bauch auf­schlitzt. Das alles spielt hier eine Rol­le.

Auf­ge­wach­sen bei sei­ner Groß­mutter und offen­bar ein zar­tes, zur Kränk­lich­keit nei­gen­des Kind, wur­de der 1925 in Tokio gebo­re­ne Hirao­ka Kimi­t­a­ke, der sich dann Mishi­ma Yukio nann­te, im Zwei­ten Welt­krieg nicht zur Front ein­ge­zo­gen, weil er fälsch­li­cher­wei­se