„Beim schreiben auf die sprache gestoßen“

Was bleibt von Vere­na Ste­fan und den Frau­en der Neu­en Inner­lich­keit? Von Almut Tina Schmidt

Kei­ne Frau­en-WG ohne Häu­tun­gen: Vere­na Ste­fans Best­sel­ler aus den Sieb­zi­ger­jah­ren gilt immer noch als das Kult­buch des deutsch­spra­chi­gen Femi­nis­mus. Der schma­le Band mit der unge­wöhn­li­chen Gat­tungs­be­zeich­nung Auto­bio­gra­phi­sche Auf­zeich­nun­gen, Gedich­te, Träu­me, Ana­ly­sen war das ers­te Buch der 1947 in Bern gebo­re­nen Phy­sio­the­ra­peu­tin, die lan­ge in Ber­lin leb­te, dort auch eini­ge Semes­ter Sozio­lo­gie und Ver­glei­chen­de Reli­gi­ons­wis­sen­schaft stu­diert hat. Bedeut­sa­mer für ihre intel­lek­tu­el­le Ent­wick­lung war aller­dings die Frau­en­be­we­gung. Von 1972 an enga­gier­te sie sich in der Grup­pe „Brot und Rosen“, in die­sem Kon­text ent­stan­den ihre ers­ten Tex­te. Häu­tun­gen, erschie­nen im neu gegrün­de­ten Ver­lag Frau­en­of­fen­si­ve, wur­de mit einer Gesamt­auf­la­ge von etwa 500.000 Stück zu einem Über­ra­schungs­er­folg, hin­ter dem ihre spä­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen weit zurück­blie­ben. Ste­fan starb 2017 in Mont­re­al. Ihr Debüt ist immer noch gele­gent­lich Gegen­stand von lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Abschluss­ar­bei­ten, bis heu­te war Häu­tun­gen nie ver­grif­fen. Aber ist das über­haupt noch les­bar?

„Es war längst nicht mehr eine fra­ge von lie­be.“ Mit die­ser star­ken Ansa­ge geht die neun­zehn­jäh­ri­ge Ich-Erzäh­le­rin in Vere­na Ste­fans Häu­tun­gen ihre sexu­el­le Initia­ti­on an – ohne Illu­sio­nen, rat­los und über­for­dert. Der Erzähl­stil wird dem Lei­den­schafts­pe­gel gerecht: „,Also gut‘, mein­te er, dem plötz­li­chen bedürf­nis nach einem koitus erlie­gend.“

Lek­to­rat und Text­kri­tik haben zwar unver­meid­lich etwas Repres­si­ves, gele­gent­lich aber auch ihre Not­wen­dig­keit.

Ihre Bedürf­nis­se blei­ben im Dun­keln. Inter­na­li­sier­te Zwän­ge deu­ten sich in ratio­na­li­sie­ren­den Phra­sen an: „die uner­fah­ren­heit konn­te schließ­lich nicht ewig andau­ern“, „mann wür­de mich als voll­wer­tig behan­deln“. „When I was nine­teen, pureness was the gre­at issue“, kom­men­tiert die Erzäh­le­rin in Syl­via Plaths The Bell Jar ungleich lapi­da­rer ihre obses­si­ven Ver­su­che, ihre Jung­fräu­lich­keit zu über­win­den.

Verena Stefan © privat

Vere­na Ste­fan: Tee­ri­tua­le, Mens­trua­ti­ons­wahr­neh­mungs­pro­to­kol­le und Unter­wei­sun­gen auf dem Weg zum wah­ren Femi­nis­mus.

Mit Mit­te zwan­zig wird die Prot­ago­nis­tin von Häu­tun­gen sich wun­dern, war­um sie sich so lan­ge zu hete­ro­se­xu­el­len Bezie­hun­gen ver­pflich­tet gefühlt hat, und