Ungenierte Tertiärbiografie

Man­fred Mit­ter­may­ers neue Bern­hard-Bio­gra­fie bie­tet viel Alt­be­kann­tes. Von Rai­mund Fellin­ger

Ab Sei­te 145 woll­te ich die­se Bio­gra­fie von Man­fred Mit­ter­may­er, der sich bis­her schon an zwei Gesamt­dar­stel­lun­gen ver­sucht hat, über Tho­mas Bern­hard nicht mehr wei­ter­le­sen: Über­haupt nichts Neu­es war bis zu Sei­te 144 zu erfah­ren über Vor­fah­ren (Judex in sei­ner Arbeit über den Groß­va­ter Johan­nes Freum­bich­ler und ande­re haben das alles viel detail­lier­ter aus­ge­brei­tet, Huguets feh­ler­träch­ti­ger Chro­no­lo­gie wird lei­der zu häu­fig ver­traut), Geburt und Her­an­wach­sen des Tho­mas Bern­hard (bekannt­lich wei­sen die auto­bio­gra­fi­schen Bücher Bern­hards einen beträcht­li­chen Fik­ti­ons­an­teil auf, was den Bio­gra­fen nicht hin­dert, für das Refe­rat die­ser ers­ten 19 Jah­re im Leben Bern­hards die dort prak­ti­zier­te Selbst­sti­li­sie­rung nicht prin­zi­pi­ell infra­ge zu stel­len), über die schrift­stel­le­ri­schen Anfän­ge (deren Rekon­struk­ti­on auf sich zu „Zeit­zeu­gen“ auf­spie­len­den Men­schen und in die­ser Eigen­schaft als vom Autor akzep­tier­ten, als ver­läss­lich ange­se­he­nen Quel­len beruht – und die selbst dann noch kom­men­tar­los, meist mit dem Epi­the­ton „bemer­kens­wert“ ver­se­hen, refe­riert wer­den, wenn sie ein­an­der dia­me­tral wider­spre­chen), das Schei­tern als Lyri­ker Ende der fünf­zi­ger, Anfang der sech­zi­ger Jah­re (es wird unter Hin­zu­zie­hung unzu­läng­li­cher, weil über­hol­ter Sekun­där­li­te­ra­tur unter­kom­plex abge­han­delt), und die­se inhalt­li­che Dürf­tig­keit kommt einem auch noch in einem buch­hal­ter­di­plo­ma­ti­schen Zurück­hal­tungs­mo­dus ent­ge­gen, in dem alles gleich gül­tig und damit gleich­gül­tig ist und in dem die in ihrer Bana­li­tät nicht zu über­bie­ten­de The­se gewagt wird, „das Werk die­ses Autors“ gehö­re „zum öffent­li­chen Erschei­nungs­bild sei­ner Per­sön­lich­keit“, und in dem Wider­sprü­che in der eige­nen Bio­gra­fie­kon­zep­ti­on igno­riert wer­den (da ist von „bio­gra­phi­schem Erzäh­len“ die Rede, das auf „Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge“ abstellt, gleich­wohl wird auf Bour­dieus die­se Sicht wider­le­gen­den, selbst­re­dend „viel beach­te­ten“ Essay über die „bio­gra­phi­sche Illu­si­on“ ver­wie­sen – der Autor hät­te sei­ne adjek­ti­vi­sche Bewer­tungs­sucht den Schrif­ten sei­ner Stu­den­ten vor­be­hal­ten sol­len), wes­halb der Ver­fas­ser schließ­lich gezwun­gen ist, da er, statt zu erzäh­len, zählt, also Fak­ti­zi­tät mit Peni­bi­li­tät ver­wech­selt, kri­ti­sches Quel­len­stu­di­um und eige­ne Hal­tun­gen zum Refe­rier­ten (eine Rezen­sen­tin mein­te, Bern­hard wer­de in die­ser Bio­gra­fie auf den Boden der Tat­sa­chen zurück­ge­holt – von den Tat­sa­chen hat sie sich aller­dings nicht wirk­lich bein­dru­cken las­sen, bezeich­net sie doch Johan­nes Freum­bich­ler, nicht, wie kor­rekt, Hed­wig Sta­via­nicek, als Bern­hards „Lebens­mensch“ –, und der Bio­graf ver­schwin­de „hin­ter sei­ner Figur“ ((das ist als Lob gemeint, ist jedoch tat­säch­lich ein ver­nich­ten­des Urteil)), ein ande­rer Rezen­sent beschei­nig­te dem Bio­gra­fen ein „dezen­tes“ Vor­ge­hen), hint­an­stellt, zum Zau­de­rer ohne Mei­nung zu wer­den.

Nach­ge­dop­pelt
Auf Sei­te 145 woll­te ich mich ande­rem zuwen­den, setzt doch, mit dem ers­ten Satz, anhand von Frost das Nach­er­zäh­len der Bücher Bern­hards ein, aus­ge­hend vom Kom­men­tar­teil der Wer­ke. Denn im Kom­men­tar (erschie­nen 2003, ver­fasst von Mar­tin Huber und Wen­de­lin Schmidt-Deng­ler) kann man nach­le­sen: „Am 15. Janu­ar 1962 schreibt Tho­mas Bern­hard Hed­wig Sta­via­nicek aus Salz­burg, daß er ‚noch heu­te abend‘ eine neue Pro­sa­ar­beit anfan­gen wol­le, und berich­tet ihr eini­ge Tage spä­ter, daß die ‚wun­der­ba­re Stim­mung‘ sei­ner Arbeit über ihm lie­ge und die­se schon ziem­lich weit gedie­hen sei. Anfang Febru­ar über­sie­delt Tho­mas Bern­hard nach St. Veit, dem Ort, in des­sen Kir­che es 1950 wäh­rend eines Auf­ent­halts in der Lun­gen­heil­stät­te Gra­fen­hof zur ers­ten Begeg­nung mit Hed­wig Sta­via­nicek gekom­men ist und den bei­de immer wie­der besuch­ten. Dort setzt er die Arbeit fort und trifft sich mit sei­nem im Schwarz­a­cher Kran­ken­haus famu­lie­ren­den Bru­der Peter Fabjan, der ihm bei die­sen Gele­gen­hei­ten unter ande­rem ‚medi­zi­ni­sche Schau­er­ge­schich­ten‘ erzählt.“ Bei Mit­ter­may­er wird dar­aus unter kor­rek­ter Quel­len­an­ga­be: „Mit der Arbeit an sei­nem Debut­ro­man Frost dürf­te Tho­mas Bern­hard etwa Anfang 1962 in Salz­burg begon­nen haben. Anfang Febru­ar begibt er sich nach St. Veit, wo sein Halb­bru­der Peter Fabjan am Kran­ken­haus Schwarz­ach einen Teil sei­ner medi­zi­ni­schen Aus­bil­dung absol­viert; die­ser erzählt ihm dort regel­mä­ßig ‚medi­zi­ni­sche Schau­er­ge­schich­ten‘, wie Bern­hard es nennt.“ Also auch hier Alt­be­kann­tes.

Häu­fi­ge Selbst­zi­ta­te
Und dann las ich doch ab Sei­te 145 wei­ter, neu­gie­rig, wie lang ich die­ses sich unge­niert als Ter­ti­är­bio­gra­fie gerie­ren­de Buch ertra­gen konn­te. Dabei geriet ich ins Stau­nen über so viel Nach­be­ten des Bekann­ten und notier­te mir die ein­schlä­gi­gen, aus ande­ren Publi­ka­tio­nen stam­men­den Stel­len – der Autor ver­weist in sei­nem Vor­wort dar­auf, er habe „eini­ge Pas­sa­gen aus einer Rei­he von [eige­nen] Ein­zel­stu­di­en“ über­nom­men und sich auch auf die Aus­ga­be der Bernhard’schen „Wer­ke“ gestützt. Das Aus­maß und die Art die­ser Über­nah­men ist sehr ansehn­lich und anschau­lich. Eini­ge weni­ge Bei­spie­le der unun­ter­bro­chen sich fort­set­zen­den Repro­duk­ti­on von Sekun­där­li­te­ra­tur: Aus einer eige­nen Abhand­lung über „Tams­weg“, eine unpu­bli­zier­te frü­he Erzäh­lung Bern­hards, zitiert sich Mit­ter­may­er selbst (Sei­te 140f.), auf sein Buch Tho­mas Bern­hard (Suhr­kamp Ver­lag,  2006) greift er, wie beim Kom­men­tar­teil der „Wer­ke“ unge­zähl­te Male zurück: z. B. Sei­te 204 in Bezug auf den Roman Das Kalk­werk: „Im Grun­de ist der drit­te län­ge­re Erzähl­text des ehe­ma­li­gen Gerichts­re­por­ters eine Kri­mi­nal­ge­schich­te. In der Weih­nachts­nacht erschießt der Pri­vat­ge­lehr­te Kon­rad sei­ne Frau, die seit vie­len Jah­ren an den Roll­stuhl gefes­selt (und eigent­lich sei­ne Halb­schwes­ter) ist. Er hat sich mit ihr in ein still­ge­leg­tes Kalk­werk zurück­ge­zo­gen, das er zu einem ker­ker­ar­ti­gen Gemäu­er umge­baut hat, damit es ihn gegen eine als bedroh­lich emp­fun­de­ne Umwelt schützt.“ Im Suhr­kamp-Buch steht: „Eigent­lich ist der drit­te Roman des ehe­ma­li­gen Gerichts­re­por­ters Bern­hard eine Kri­mi­nal­ge­schich­te. In der Weih­nachts­nacht erschießt der Pri­vat­ge­lehr­te Kon­rad sei­ne ver­krüp­pel­te, seit vie­len Jah­ren an den Roll­stuhl gefes­sel­te Frau (die zugleich sei­ne Halb­schwes­ter ist). Er hat sich mit ihr in ein still­ge­leg­tes Kalk­werk zurück­ge­zo­gen, das er zu einem ker­ker­ar­ti­gen Gemäu­er umge­baut hat, damit es ihn gegen eine als bedroh­lich emp­fun­de­ne Umwelt schützt.“

Und so geht das wei­ter mit den Über­nah­men bis ans Ende. Rech­net man noch das Zurück­grei­fen des Bio­gra­fen auf die bis­her erschie­nen diver­sen Brief­wech­sel von und mit Tho­mas Bern­hard ein, die unge­wollt komisch ein­zu­stu­fen­den Auf­schrei­bun­gen des Rea­li­tä­ten­ver­mitt­lers Hen­net­mair sowie ande­re Erin­ne­rungs­bü­cher der ver­schie­dens­ten Cou­leur dazu, ist es unver­meid­bar, unter Ver­wen­dung des von Mit­ter­may­er häu­fig benutz­ten Wor­tes „bemer­kens­wert“, die­se Bio­gra­fie als „bemer­kens­wert unbe­mer­kens­wert“ zu cha­rak­te­ri­sie­ren.

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Rai­mund Fellin­ger ist Chef­lek­tor des Suhr­kamp Ver­la­ges. Er hat die Bern­hard-Aus­ga­be als Her­aus­ge­ber eines Ban­des und als Lek­tor mit­kon­zi­piert.

Man­fred Mit­ter­may­er: Tho­mas Bern­hard.
Eine Bio­gra­fie. Resi­denz Ver­lag, Salz­burg 2015.
456 Sei­ten, € 28 (D) / € 28 (A).

Online seit: 7. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 28. Jan. 2016