„Untergriffige Töne“

Ein Leser­brief von Bern­hard Judex zu Rai­mund Fellin­gers Bei­trag „Unge­nier­te Ter­ti­är­bio­gra­fie“ / Unse­re Replik dar­auf

Sehr geehr­te Redak­ti­on,

in der Aus­ga­be 4/2015 (S. 30–31) Ihrer Zeit­schrift las­sen Sie Man­fred Mit­ter­may­ers jüngst im Resi­denz-Ver­lag erschie­ne­ne Bio­gra­fie zu Tho­mas Bern­hard vom Chef­lek­tor des Suhr­kamp-Ver­lags kri­ti­sie­ren. Das ist beacht­lich. Denn zumin­dest in die­sem Fall wirkt das bei­na­he so, als wür­de der Pres­se­spre­cher eines Auto­kon­zerns nach einer Test­fahrt den Wagen eines Kon­kur­renz­un­ter­neh­mens in den Medi­en her­ab­wür­di­gen. Was in Auto­mo­bil-Gazet­ten frei­lich nicht geschieht, scheint in einer Lite­ra­tur­zeit­schrift, die sich mit Geis­tes­pro­duk­ten beschäf­tigt, mög­lich.

Sowohl Man­fred Mit­ter­may­er als auch natür­lich Rai­mund Fellin­ger sind exzel­len­te Ken­ner von Bern­hards Leben und Werk. Fellin­gers „Rezen­si­on“ geizt vom ers­ten Satz an mit unter­grif­fi­gen Tönen nicht. Dadurch eig­net ihr der Cha­rak­ter einer per­sön­li­chen Abrech­nung. Dies lässt sich aus den Ent­wick­lun­gen rund um Tho­mas Bern­hards Nach­lass und das ehe­ma­li­ge Archiv in Gmun­den, wo in den letz­ten Jah­ren kost­ba­res Por­zel­lan zer­schla­gen wur­de, zumin­dest teil­wei­se erklä­ren. Ein sach­li­cher Umgang mit Tho­mas Bern­hard, sei­nem Werk und ins­be­son­de­re sei­nem Nach­lass jen­seits von Belei­di­gun­gen, Anschul­di­gun­gen und ver­ba­len Wat­schen, wie sie der unter­such­te Autor selbst ger­ne und hef­tig aus­teil­te, das heißt eine bewuss­te Distan­zie­rung vom For­schungs­ob­jekt, wäre bereits damals sinn­voll gewe­sen. So auch in die­sem Fall. Si tacuis­ses phi­lo­so­phus man­sis­ses.

Dass Man­fred Mit­ter­may­er, der sich seit nicht weni­ger als 25 Jah­ren mit Bern­hard beschäf­tigt, in sei­ner Bio­gra­fie als Autor zurück­hal­tend agiert, wie noch der gerings­te Vor­wurf des Rezen­sen­ten lau­tet, ist mei­nes Erach­tens genau das Ver­dienst die­ses Buches. Vie­le ande­re Bespre­chun­gen sehen das genau­so. Durch die vie­len unter­schied­li­chen Zita­te und Stim­men, die sich teil­wei­se bewusst über­la­gern und wider­spre­chen – auch das ein Vor­wurf Fellin­gers – , ent­steht gera­de ein bio­gra­fi­sches Mosa­ik, das in Dich­te und Umfang sowohl für mit Bern­hard bis­lang weni­ger ver­trau­te Lese­rIn­nen als auch Bern­hard-Exper­tIn­nen glei­cher­ma­ßen span­nend bleibt und sehr wohl Neu­es zu bie­ten ver­mag, wie allein das umfas­sen­de Per­so­nen­re­gis­ter im Anhang (8 Sei­ten Klein­druck) ver­mit­telt. Und: Dass Mit­ter­may­er der Zugang zu einem Groß­teil der gesperr­ten Kor­re­spon­denz durch den Erben aus oben ange­deu­te­ten Grün­den bedau­er­li­cher­wei­se ver­wehrt geblie­ben ist, wird man schwer­lich ihm selbst anlas­ten kön­nen.

Bern­hard Judex

 

 

Sehr geehr­ter Herr Judex,

Sie schrei­ben es sel­ber: „Sowohl Man­fred Mit­ter­may­er als auch natür­lich Rai­mund Fellin­ger sind exzel­len­te Ken­ner von Bern­hards Leben und Werk.“ Dem einen exzel­len­ten Bern­hard­ken­ner steht es wohl zu die Bio­gra­fie des ande­ren für miss­lun­gen zu hal­ten und das auch zu schrei­ben. Unter­grif­fig ist es, ihm zu unter­stel­len, er täte dies nur oder haupt­säch­lich, weil er bei einem ande­ren Ver­lag arbei­tet, als dem, wo das Buch erschie­nen ist. Unter­grif­fig ist es auch, per­sön­li­che Moti­ve für eine „Abrech­nung“ zu unter­stel­len, die sich von Ihrer Sei­te zwar nicht nach­wei­sen, von Sei­ten des Ange­grif­fe­nen – das ist das Per­fi­de dar­an – aber natur­ge­mäß auch nicht wider­le­gen las­sen.

Sie deu­ten an, dass sich Fellin­gers „Abrech­nung“ aus einer Ver­stri­ckung in die „Ent­wick­lun­gen rund um den Tho­mas Bern­hard Nach­lass“ teil­wei­se erklä­ren las­sen. Viel­leicht. Viel­leicht auch nicht. Es ist egal, denn selbst wenn Rai­mund Fellin­ger für Man­fred Mit­ter­may­er nur blan­ken Hass übrig hät­te, könn­te sein Urteil unab­hän­gig davon zutref­fen oder auch nicht. Zu über­prü­fen ist das anhand von Mit­ter­may­ers Text, nicht anhand von Fellin­gers Psy­che. Andeu­tun­gen und Unter­stel­lun­gen füh­ren nicht wei­ter, eben­so­we­nig wie lus­ti­ge Ver­glei­che. Dass Sie die Funk­ti­on Fellin­gers als Chef­lek­tor mit der eines Kon­zern­spre­chers gleich­set­zen, mag Ihnen wie die ganz fei­ne Klin­ge erschei­nen, sagt aber über die rea­len Ver­hält­nis­se nichts aus.

Was die Publi­ka­ti­on von Fellin­gers Bei­trag in VOLLTEXT betrifft: Selbst­ver­ständ­lich hat auch ein ent­schie­den nega­ti­ves Urteil in VOLLTEXT sei­nen Platz, zumal dann, wenn es von einem aus­ge­wie­se­nen Ken­ner stammt. Ich sehe nach wie vor kei­nen Grund, war­um wir Fellin­gers Text ableh­nen hät­ten sol­len. Frag­wür­dig ist eher, dass Sie es anschei­nend für ange­mes­se­ner hiel­ten, wenn sol­che Mei­nun­gen in Kul­tur­zeit­schrif­ten unter­drückt wür­den.

Da Rai­mund Fellin­gers Funk­ti­on bei Suhr­kamp weit­hin bekannt ist und beim Arti­kel zudem aus­ge­wie­sen wird, sehe ich in mög­li­chen Inter­es­sens­kon­flik­ten kein Pro­blem. Die gibt es im eng ver­netz­ten Lite­ra­tur­be­trieb prak­tisch immer in irgend­ei­ner Form, sie sind bloß nicht immer trans­pa­rent.

Tho­mas Keul

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Online seit: 27. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 28. Jan. 2016