„Stendhal hätte es mit einem Agenten vermutlich leichter gehabt“

Marcel Hartges im Gespräch mit Angelika Klammer über das Geschäft der Literaturagenten, Veränderungen im Verlagswesen und Kräfteverschiebungen im Literaturbetrieb.

Online seit: 18. Oktober 2016

ANGELIKA KLAMMER Als Sie von DuMont zu Piper wechselten, haben Sie über den Neustart gesagt, es gebe „keine Zeit, die aufregender und schöner wäre“, weil „man noch ganz frei von Routinen agieren kann und alles neu gedacht werden muss“. Nun haben Sie Piper verlassen und sich als Literatur- und Filmagent selbstständig gemacht. Was denken Sie jetzt neu?

MARCEL HARTGES Im Grunde gilt das, was ich damals gesagt habe, jetzt noch mehr. Ich habe ja nicht nur den Verlag gewechselt, sondern auch die Seite, die ganze Perspektive auf den sogenannten Literaturbetrieb. Auch wenn ich in meinen Verlagsjahren viel mit Agenten zu tun hatte, nach dieser Zäsur fühlt sich für mich fast alles neu und frisch an. Bei allem Hintergrundwissen und aller Verlagserfahrung tue ich ja jetzt vieles zum ersten Mal oder zumindest mit anderen Vorzeichen. Neuland zu betreten, ist ja etwas, was Kräfte freisetzt und inspiriert. Es kann ja nicht darum gehen, alles so zu machen wie die anderen, die es schon gibt, sondern darum, etwas Eigenes zu entwickeln, eine eigene Haltung, eigene Herangehensweisen.

KLAMMER Die Seiten zu wechseln war offensichtlich eine schnelle Entscheidung.

HARTGES Mich hat die Selbstständigkeit schon immer gereizt, daher musste ich tatsächlich nicht lange überlegen. Es war auch die Aussicht, wieder näher an den Autoren zu sein, ohne die unsere herrliche Branche ja gar nicht existieren würde. Bei allem Respekt für die Arbeit der Verlage, die Bücher – das ist vielleicht nicht jedem hinreichend klar – werden andernorts geschrieben.

KLAMMER Hat sich die Verlagsarbeit im Laufe der Jahre zu stark verändert?

HARTGES Für mich persönlich ja. Angefangen habe ich als Lektor bei Rowohlt, da war ich naturgemäß näher am Manuskript, näher am Autor, fokussierter auf das Einzelne. Mit jeder Beförderung und jeder neuen Verantwortung wuchsen mir dann zwar viele Gestaltungsmöglichkeiten zu, aber Gestaltungsmöglichkeiten sind innerhalb eines Unternehmens strukturell ja auch immer Gestaltungszwänge. Zuletzt habe ich ein Programm von mehr als fünfhundert Büchern im Jahr verantwortet, da blieb nicht mehr viel Zeit für eine intensive, wägende und reflektierende Lektüre oder gar detaillierte Arbeit am Text. Aber auch abgesehen von meinem persönlichen Werdegang habe ich den Eindruck, dass sich der Literaturbetrieb in den letzten fünfundzwanzig Jahren mehr und mehr durchökonomisiert hat. Je schwieriger das Verkaufen von Büchern geworden ist, desto mehr dreht sich in den Verlagen alles nur noch darum. Die Bestsellerliste ist das Mantra, das rauf und runter gebetet wird. Das mag psychologisch vielleicht plausibel sein, aber besonders spannend ist es nicht.

KLAMMER Was halten Sie für Ihre wichtigste Aufgabe als Agent?

HARTGES Als Agent bin ich der Vertraute, der Anwalt, der Interessenswahrer, der Berater meiner Autoren. Ich setze mich in umfassender und professioneller Weise dafür ein, dass sie die bestmöglichen Rahmenbedingungen für ihr Schreiben bekommen. Dazu zählen, durchaus an prominenter Stelle, die finanziellen Angelegenheiten, aber ich kümmere mich auch um viele Dinge, die sich nicht in allgemeiner Form beschreiben lassen. Autoren haben sehr unterschiedliche Belange und Bedürfnisse. Mit manchen tausche ich mich beinah täglich aus, von anderen würde ich monatelang nichts hören, wenn ich mich nicht gelegentlich meldete. Auch als Verleger habe ich mich sehr ernsthaft bemüht, nah an den Interessen der Autoren zu sein, aber es gab gleichzeitig die Interessen der Verlagseigentümer, die sich nicht ohne Weiteres ignorieren ließen, und manchmal stehen die legitimen Interessen des Autors und die, wie ich durchaus finde, ebenfalls legitimen Interessen des Verlages gegeneinander. Als Agent bin ich erfrischend klar positioniert: Da bin ich auf der Seite der Autoren und niemandem sonst Rechenschaft schuldig.

KLAMMER Sie vertreten jetzt Ferdinand von Schirach, den Sie zu Piper geholt und dort groß gemacht haben. Nach Ihrem Ausscheiden geht auch er, und zwar zu Luchterhand. Wie lief das Gespräch zwischen Ihnen, haben Sie gesagt: Also, hör mal, Ferdinand, beim Verlag, da wär noch viel mehr drinnen gewesen, aber als Agent hol’ ich das alles für dich raus. War es so?

HARTGES Sehr witzig. Die wahre Geschichte ist die: Irgendwann nach Erscheinen von Ferdinand von Schirachs erstem Buch Verbrechen lasen wir beide diesen sehr lustigen, großartigen Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld. Auch wenn Bernhard Unseld immer wieder mit Hingabe ärgerte, hing er so sehr an ihm, dass er ihm eines Tages schrieb, er wolle für den Fall, dass Unseld den Verlag verließe, ein Sonderkündigungsrecht seiner Verträge. Schirach las das und wollte es sofort auch. Daraufhin wurde in all seinen Verträgen verankert, dass er Piper verlassen könne, wenn ich dort nicht mehr Verleger sei. Und nach meiner Trennung von Piper hat er für sich die Entscheidung getroffen, von dieser Klausel Gebrauch zu machen, und auch, sich von mir vertreten zu lassen. Ich habe das vor allem als Akt der Freundschaft und des Vertrauens empfunden. In den ersten Wochen haben wir dann überlegt, welche Verlage für ihn in Frage kämen, einer dieser Verlage war auch Piper.

KLAMMER Sie sind gerade als Verleger ausgeschieden und verhandeln über einen wichtigen Autor mit Ihrer Nachfolgerin, das ist doch keine einfache Situation?

HARTGES Für wen?

KLAMMER Im Grunde für niemanden. Dem Autor ist es vielleicht egal, aber Agent und Verlag können in dieser speziellen Situation doch kein partnerschaftliches Verhältnis simulieren.

HARTGES Das Verhältnis zwischen Agent und Verlag muss ja auch nicht übertrieben kuschelig sein. Im Idealfall ist es sachlich, fair und vernunftgesteuert. Der Agent ist ja eher für die Konfliktfälle da. Wenn es unangenehm wird zwischen Autor und Verlag, fällt das in seine Zuständigkeit, damit sich Autor und Verleger sozusagen den schönen Dingen widmen können. Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass ein guter Agent die nicht immer unkomplizierte Beziehung von Verlag und Autor entlasten kann. Meine Arbeit umfasst viele Aspekte, und manches davon war früher in den Verlagen verortet. Aber die Verlagsmilieus sind ordentlich durchgerüttelt worden. Verleger wie Siegfried Unseld oder Michael Krüger standen über Jahrzehnte hinweg an der Spitze ihrer Häuser. Sie waren die personifizierte Kontinuität und Verlässlichkeit für den Autor. So etwas findet sich heute nicht mehr. Die Verleger gleichen heute eher den Fußballtrainern, Fluktuation ist eher die Regel als die Ausnahme. Nehmen wir die Verlage, für die ich gearbeitet habe: Bei Piper gab es in den letzten fünfzehn Jahren vier Verleger, bei DuMont in dieser Zeit fünf, bei Rowohlt habe ich in meinen vierzehn Jahren als Lektor mit vier verschiedenen Verlegern zusammengearbeitet. Aus Altersgründen ist nicht einer dieser dreizehn Verleger ausgeschieden. Vielleicht ist heute eher der Agent der verlässliche und stabile Faktor in einem Autorenleben als der Verleger. In Amerika ist die Bindung an ihn in der Regel schon jetzt meist stärker als die Bindung an einen Verlag.

KLAMMER Das werden Verlage nicht gerne hören.

HARTGES Nun, das ist ja nicht meine Meinung, sondern eine Tatsache. Im Übrigen: Dass viele Autoren nur noch selten über Jahrzehnte in einem Haus sind, wird doch nicht nur von ihnen und ihren Agenten betrieben. Verlage schauen inzwischen sehr viel genauer auf die Zahlenseite. Und wenn zwei, drei Bücher eines Autors den Verkaufserwartungen nicht genügen, werden dem Autor schon mal Angebote unterbreitet, die einen Verbleib unmöglich machen oder nur zu Konditionen, die einfach nicht zum Leben reichen. In so einer Situation ist es für den Autor ein extrem beruhigendes Gefühl, einen Agenten an seiner Seite zu haben, der die geschäftliche Seite kennt und Alternativen aufzeigen kann.

KLAMMER Das führt direkt zur Frage: Welche Agentur schwebt Ihnen vor? Wo wollen Sie sich im bestehenden Feld positionieren?

HARTGES Ein mir wichtiger Grundsatz ist: Lieber viel für wenige Autoren machen als wenig für viele. Die meisten namhaften Agenturen im deutschsprachigen Raum handhaben das eher anders, dagegen habe ich gar nichts, nur die Idee für meine Agentur ist eben anders. Vielleicht ist das meinem Werdegang geschuldet. Wenn es vornehmlich nur noch um Verträge und Verhandlungen ginge, würde ich mich vermutlich langweilen. Die inhaltliche Arbeit, die Beratung der Autoren interessiert mich nach wie vor. Zudem nehme ich anders als die meisten Agenturen in Deutschland auch die Auslands- und Filmrechte für meine Autoren wahr. Aus meiner Verlagszeit habe ich in diesen Bereichen noch viele gute Kontakte, die jetzt sehr hilfreich sind. Mit dem Kiepenheuer Bühnenvertrieb in Berlin gibt es überdies eine Kooperation für die Verwertung der Theaterrechte. Meines Wissens ist so eine Zusammenarbeit für eine Agentur einmalig in Deutschland. Wie dem auch sei, ich vertrete Autoren, bei denen Film- und Theaterrechte sowie Auslandsrechte eine so wichtige Rolle spielen, dass ich sie nicht als sogenannte „Nebenrechte“ den Verlagen überlassen möchte. Bei Ferdinand von Schirach waren die Vertragsverhandlungen mit Luchterhand im März abgeschlossen, aber es gibt seither immer noch, meist mehrfach wöchentlich, Gesprächsbedarf in den unterschiedlichsten Angelegenheiten. Es ist nicht so, dass ich einen Vertrag verhandele und dann abtauche, bis das nächste zu verhandelnde Manuskript auf dem Tisch liegt. Das Miteinander ist sehr viel kontinuierlicher, als sich Außenstehende das wahrscheinlich vorstellen.

KLAMMER Dass Ferdinand von Schirach ein Glücksfall ist, für den andere Gesetze herrschen, ist völlig klar. Agenturen müssen sich um so einen Autor ja reißen. Was aber macht ein Debütant, der nur einen Band mit Erzählungen vorzuweisen hat – der häufigere Fall –, wie kommt der an einen Agenten?

HARTGES Es gibt ja mittlerweile viele Agenturen, die auch nicht im Verborgenen existieren. Natürlich kann jeder, der etwas geschrieben hat, seine Manuskripte dorthin schicken. Und wenn die Manuskripte was taugen, stehen die Chancen nicht schlecht, an einen Agenten zu kommen. Was meine eigene Agentur angeht, habe ich mir eine gewisse Zurückhaltung auferlegt und will nur Autorinnen und Autoren vertreten, an die ich in besonderer Weise glaube und, auch wenn das kurios wirken mag, die ich sympathisch finde. Das kann aber auch, um bei dem Beispiel zu bleiben, ein Debütant mit einem Erzählungsband sein. Ferdinand von Schirach war seinerzeit genau so ein Fall. Als ich ihn als Verleger unter Vertrag genommen habe, war er Debütant und sein erstes Buch ein Erzählungsband. Es ging nicht um viel Geld und es war nicht absehbar, dass er einmal Millionen Exemplare weltweit verkaufen könnte. Für mich war und ist, etwas pathetisch gesprochen, immer die Qualität entscheidend. Daran glaube ich einfach.

KLAMMER Würden Sie sagen, dass jeder Autor mit einem Agenten besser dran ist als ohne?

HARTGES Einfache Antwort: ja! Die Verlage werden den Autoren möglicherweise anderes erzählen, es liegt aber auf der Hand, dass das nicht stimmt. Ein Agent nimmt den Autoren einfach vieles ab, was sie weder leisten können noch wollen. Und auch die Verlage immer weniger leisten. Zudem bringt ein guter Agent nach meiner ausnahmslosen Erfahrung seinem Autor immer mehr, als er kostet. Nicht nur im finanziellen Sinne, aber da lässt es sich besonders gut verifizieren.

KLAMMER Das klingt erst einmal beeindruckend, aber was, wenn es keine Erfolgsgeschichte wird? Sagen wir, der Autor bekommt einen Vorschuss von 40.000 statt 20.000 Euro, doch das Buch verkauft sich nicht so gut. Dann sitzt doch der Autor auf seinen Schulden und hat langfristig nichts gewonnen?

HARTGES Das Wort Vorschuss ist ja schon missverständlich. Was der Autor bekommt, jedenfalls bekommen sollte, ist ein Garantiehonorar, das anteilig vorab ausgezahlt wird. Dieses Garantiehonorar wird verrechnet mit allen Einnahmen, die dem Autor aus dem Verkauf des Buches zustehen. Erst wenn die Einnahmen, die aus dem Verkauf der Buchexemplare oder der Lizenzierung von Rechten entstehen, das Garantiehonorar ausverdient haben, erhält der Autor weitere Zahlungen. Falls das Garantiehonorar nicht ausverdient wird, muss der Autor jedoch nichts zurückzahlen. Er hat also keine Schulden beim Verlag. Der Verlag wird nur versuchen, beim nächsten Buch die Garantiehonorare zu drücken, falls das vorige kein Erfolg war.

KLAMMER Müssen wir uns die Autoren, die keinen Agenten haben, jetzt als Autoren zweiter Klasse vorstellen?

HARTGES Die Autoren spüren doch jetzt schon, welchen Rang sie innerhalb eines Verlages haben. Man muss nur die Vorschauen durchblättern. Die Spitzentitel werden auf vier, sechs, acht Vorschauseiten präsentiert, mit Bücherstapeln und großformatigen Fotos, und der Debütant mit seinem Erzählungsband bekommt eine Seite mit briefmarkengroßem Portrait. Wie gesagt, für Autoren, die das wollen und eine bestimmte Qualität haben, ist es kein allzu großes Problem, eine professionelle Agentur zu finden. Ob das dann in einem zweiten Schritt zum gewünschten Verlagsvertrag führt, ist nicht garantiert, aber die Aussichten auf einen Vertrag sind damit unvergleichlich höher, als wenn man sich direkt mit einem zarten Bittschreiben oder einer gewundenen Selbstanpreisung an den Verlag wendet. Doch wenn der Verlagsvertrag dann endlich da ist, ist immer noch nicht viel erreicht. Es gibt viele Autoren, die meisten, die unter sehr bescheidenen Umständen leben müssen. Es wird viel geredet über den märchenhaften Reichtum von Joanne K. Rowling, über das materielle Elend vieler ihrer Berufskollegen wird eher geschwiegen. Als Clemens J. Setz vor einiger Zeit im Interview mit der FAZ laut darüber nachdachte, ob er sich künftig das Schreiben als Beruf leisten könne, hielten das viele für Koketterie. Ich fürchte, was er gesagt hat, spiegelt einfach die Realität. Dass das für einen Autor wie Setz gilt, der auf allerhöchstem Niveau schreibt, zeigt doch, wie schwierig die Situation für Autoren heute ist und ja auch immer war. Qualität alleine ist jedenfalls keine Garantie auf Erfolg.

KLAMMER Ganz und gar einverstanden. Die gesamte Literaturgeschichte ist voll von Büchern, die wir für fundamental halten, die aber zu ihrer Zeit mäßig verkauft und kaum gelesen wurden. Einer, von dem wir es heute nicht vermuten würden, ist Stendhal: Er schloss mit seinem Verleger einen Vertrag ab, der vorsah, Rot und Schwarz in zwei Auflagen zu je 750 Exemplaren zu drucken. Stendhal wollte, so lässt sich das deuten, einen Platz in der französischen Literatur einnehmen, er war sich sicher, wenn auch nicht in der Gegenwart, so doch von der Nachwelt gelesen zu werden. Auch jetzt schreiben Autoren, deren Bedeutung erst mit der Zeit klar hervortreten wird. Wie können die überleben?

HARTGES Stendhal hätte es mit einem Agenten vermutlich leichter gehabt. Im Ernst, es ist schwierig, und es geht nicht ohne Glück und Geduld. Auch die Geduld der Verleger übrigens. Siegfried Unseld beispielsweise war ein Verleger, der auch die Zähigkeit hatte, auf den Erfolg zu warten, wenn er sich nicht gleich einstellte. Der erste Brief, den er an den jungen Peter Handke schrieb, ist herrlich: „Sehr geehrter Herr Handke, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen.“ Es war klar, wenn der Verleger dem Autor seine Gunst erwies, dann hatte der Autor gefälligst dankbar zu sein und zu akzeptieren. Die Verhältnisse sind erfreulicherweise emanzipierter geworden, aber gleichzeitig ist auch dieses Fürsorgliche, dieses langfristige Denken in den Verlagen seltener geworden. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die großen Verlage alle nicht mehr inhabergeführt sind. Das hat etwas verändert, nicht unbedingt zum Guten. Für einen Verleger, der nicht sein eigenes Geld verwaltet, ist es eben viel schwieriger, diesen langen Atem aufzubringen, der für das Entstehen großer Literatur unerlässlich ist. Da ist es verführerischer, auf Bestseller zu setzen, die schnellen Ertrag versprechen. Aber auch die Autoren, die das Glück haben, aktuell in der Gunst des Publikums und damit in der Gunst der Verleger zu stehen, wer weiß denn, ob die in zehn Jahren noch gelesen werden und vom Schreiben leben können? Es gibt ja nicht nur die Stendhals und Kafkas, die posthum zu Weltruhm gelangten, sondern auch den umgekehrten Fall von Autoren, die nach einem frühen Erfolg wieder vergessen wurden oder gar verarmten.

KLAMMER Dagegen könnte doch auch ein Agent nichts tun, oder?

HARTGES Ein Agent ist unter anderem dafür zuständig, die ökonomische Situation von Autoren zu verbessern. Das kann zumindest helfen, wenn die Verkaufszahlen sinken.

KLAMMER Wenn aber der Autor seine Leser verliert, d. h. seine Einnahmequelle, ist er doch auf ein patriarchalisches System angewiesen, darauf dass man ihn unterstützt, obwohl man nichts mehr mit ihm verdient. Oder haben Sie ein anderes Modell vor Augen?

HARTGES Ob das unbedingt patriarchalisch sein muss, wie das über weite Strecken des 20. Jahrhunderts der Fall war, bezweifle ich, aber grundsätzlich finde ich, dass es beim Verlegen um mehr gehen sollte als um die Maximierung der Profite. Es spricht also überhaupt nichts dagegen, dass manchen Publikationen etwas Mäzenatisches anhaftet. Die marktbeherrschenden Verlage gehören ja im Wesentlichen zu sehr potenten wirtschaftlichen Entitäten, die verschmerzen können, dass nicht jedes Buch Geld abwirft.

KLAMMER Hat das Auftreten der Agenten das Kräfteverhältnis innerhalb des Literaturbetriebs verschoben?

HARTGES Tendenziell ja. Sie sind Teil einer Modernisierung und einer emanzipatorischen Entwicklung, die natürlich erst einmal beargwöhnt wurde. In Deutschland sind die Agenturen ja eine relativ junge Erfindung. Erst seit Mitte der neunziger Jahre haben die literarischen Agenturen begonnen, für deutsche Autoren eine größere Rolle zu spielen. Für die Verlage war das ein etwas holpriger Lernprozess. Es gab Verleger, die sich damit brüsteten, keine Autoren zu veröffentlichen, die einen Agenten hatten. Bizarrerweise galt das nicht für internationale Autoren. Aber dieser hysterische Dünkel ist längst verflogen und einem vernünftigen Miteinander gewichen. Auch wenn der Agent für den Autor ein besseres wirtschaftliches Ergebnis erzielt und somit die Renditen der Verlage an dieser Stelle schmälern mag, so sehen die meisten Verlage inzwischen doch, dass die Agenturen eine sinnvolle Arbeit verrichten, die sie auch entlastet. Das fängt an mit der Bewältigung der unverlangt eingesandten Manuskripte, die zu früheren Zeiten in den Verlagen einen anderen Status hatten, endet damit aber noch lange nicht. Im Sachbuch-Bereich findet die konzeptionelle Arbeit heute schon häufiger in den Agenturen als in den Verlagen statt. Offenbar ist es leichter, Ideen zu entwickeln, wenn man nicht in den komplexen Produktionsstrukturen der Verlage eingespannt ist. Mich hat das immer geärgert, als ich noch Verleger war, aber es war mühselig bis unmöglich, das zu ändern.

KLAMMER Zu all dem kommen noch die digitalen Rechte, ein recht unübersichtliches Feld, Sie beraten Ihre Autoren auch darin?

HARTGES Je komplexer eine Situation ist, desto mehr wächst zwangsläufig das Bedürfnis nach Beratung. Die Frage beispielsweise, ob es für einen Autor sinnvoll ist, bei elektronischen Verleih- oder Abo-Modellen mitzumachen, ist nicht einfach zu beurteilen. Die Verlage, die bei solchen Experimenten mitmachen, wollen natürlich auf ihre Autoren einwirken, das auch zu tun. Tatsächlich ist es für manche vielleicht vorteilhaft, für andere ist es eher nachteilig. Es ist eben kompliziert. Auch wenn es nur eine Detailfrage zu sein scheint, in der Musikindustrie hat man gesehen, was für ein Tsunami aus solchen Details entstehen kann.

KLAMMER Worauf müssen wir uns denn einstellen, was den digitalen Markt angeht?

HARTGES Ich hab auch keine Glaskugel, um in die Zukunft zu schauen, ich kann nur sagen, die bisherigen Prognosen mussten meist schnell wieder korrigiert werden. Der E-Book-Markt wurde lange  unterschätzt, er bewegte sich ja anfangs im Promille-Bereich. Dann schlug die Stimmung ins Gegenteil um. Nicht wenige prophezeiten ein rasches Ende des physischen Buches. Vor zwei, drei Jahren hielten wir bei Piper für möglich, dass 2017 ein Drittel des Marktes digital sein würde. Nach Lage der Dinge wird das nicht geschehen. Im vergangenen Jahr war das E-Book auf vielen Märkten, auch in den USA, wieder rückläufig und das physische Buch war überraschend stabil. Mit Prognosen sollte man also vorsichtig sein, aber es scheint mir nicht sehr gewagt, davon auszugehen, dass sich das E-Book in Deutschland in den kommenden Jahren der 20-Prozent-Marke annähert. Die Unterschiede zwischen den Genres sind allerdings eklatant. Je anspruchsvoller die Literatur, desto geringer ist in aller Regel der digitale Anteil an den Verkäufen. Krimis, Fantasy-Romane, Frauen-Unterhaltungstitel, Erotik, da spielt das E-Book jetzt schon eine riesige Rolle. All das gilt natürlich nur für den technischen Stand der jetzigen Lesegeräte. Vielleicht haben wir in ein paar Jahren Lesegeräte, die papierdünn sind, die man falten kann, die nach Druckerschwärze riechen. Möglicherweise ist das Handling dann so angenehm, dass alle Prognosen wieder Makulatur sind und wirklich keiner mehr in die Buchhandlung geht. Ein besonderes Phänomen in diesem Kontext, das wir bislang ausgeblendet haben, das überhaupt in den meisten Diskussionen ausgeblendet wird, ist das Self Publishing. Es gibt ja nicht nur die digitalen Veröffentlichungen der Verlage. Hunderttausende von Autoren, die keinen Zugang zu den Verlagsplattformen gefunden haben, publizieren inzwischen selbst und bekommen, da sie ja nur ein Minimum an Dienstleistungen in Anspruch nehmen, einen extrem hohen Anteil an den Erlösen.

KLAMMER Wenn sie denn welche haben.

HARTGES Wenn sie welche haben, sehr richtig. Von den Medien werden die Erfolgsstorys erzählt, in denen Autoren ohne Verlag ein Vermögen verdient haben, weit mehr, als sie mit Verlag verdient hätten, aber das sind die sehr raren Ausnahmen von der ziemlich unerbittlichen Regel. Wer seine Bücher digital selbst verlegt, sollte nicht davon ausgehen, seinen Lebensunterhalt auf diese Weise verdienen zu können. Das sind brotlose, meist kunstferne Unternehmungen, gegen die ich nichts habe, die aber mit dem eigentlichen literarischen Markt wenig zu tun haben. Nichtsdestotrotz sind sie bei Amazon, dem immerhin größten Buchhändler der Welt, alles andere als ein Nischenphänomen. Der Autor hat aber in diesem Spiel meist nichts zu gewinnen, rentabel ist es nur für den Händler. Für Autoren ist es in aller Regel gut und richtig, wenn sie einen seriösen Verlag haben, der die Bücher gestaltet, sie lektoriert und vieles übernimmt, was sonst noch dazu gehört, um ein Buch erfolgreich zu machen: Vertrieb, Marketing, Pressearbeit etc. Das sind ja die Kernkompetenzen der Verlage, die nur sehr schwer anderweitig zu organisieren wären. Auch wenn die Verlage nicht alles richtig machen, etwas Besseres, um Bücher zu veröffentlichen, gibt es nicht.

KLAMMER Das Büchermachen begleitet seit jeher eine Menge von Ängsten und Klagen: dass kleinere Verlage bedroht sind, dass sich alles auf wenige Titel konzentriert, die sich abgekoppelt von allem verkaufen, während die Auflagen der anderen zurückgehen, dass immer mehr Autoren von dem, was sie tun, kaum leben können, dass Kritiker nicht mehr lesen, dass Buchhandlungen verschwinden, Leser verlorengehen, ich will jetzt nicht alles herunterbeten – was davon ist Ihrer Erfahrung nach berechtigt oder denken Sie, solche Klagen sind eine vertraute Begleitmusik des Betriebes, in dem dennoch seit Jahrhunderten Bücher gemacht und verkauft und gelesen werden?

HARTGES Beides stimmt. Die Klagen sind fast alle berechtigt. Die Durchschnittsauflagen der Bücher sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken, der Konzentrationsprozess im Buchhandel gefährdet die Vielfalt der Programme, und die Dominanz schlicht gestrickter Durchschnittsware wirkt manchmal erdrückend. Gleichzeitig existiert in Deutschland, der Buchpreisbindung sei Dank, immer noch eine einzigartige Buchhandels- und Verlagslandschaft. Bei ca. 90.000 Neuerscheinungen im Jahr fällt es mir schwer, ins Untergangsgeheul einzustimmen. Und vieles in dieser Novitätenflut taugt ja tatsächlich was. Es gibt eine gigantische Auswahl von hervorragenden Büchern, die selbst der enthusiastische Leser nicht mehr überblicken, geschweige denn alle gelesen haben kann. Das Problem dieser anspruchsvollen Bücher ist allerdings, dass sie meistens nur noch eine privilegierte Minderheit erreichen. Stendhal, von dem Sie eben sprachen, ließ seinen Roman Die Kartause von Parma ja mit der berühmten Widmung enden: „To the happy few.“ Sie sehen, so viel hat sich nicht geändert. Trotzdem gilt heute: Für literarische Autoren muss man mehr kämpfen als früher. Nicht dafür, dass sie irgendwie publiziert werden, sondern dafür, dass sie wahrgenommen und ja, auch anständig bezahlt werden. Der derzeit vielleicht berühmteste Agent der Welt Andrew Wylie trägt in der Literaturbranche den Spitznamen „The Jackal“, „der Schakal“. Es fällt schwer, in diesen Beinamen irgendeine positive Konnotation hineinzuinterpretieren, aber man kann sich ja mal die Frage stellen, wie es dieser offenbar nicht übermäßig beliebte Mensch geschafft hat, eine solch eindrucksvolle Liste an Klienten zu vertreten. Offenbar tut er für seine Autoren Dinge, die diese zu schätzen wissen.

KLAMMER Haben Sie schon mit ihm gearbeitet?

HARTGES Ja. Ich habe mit ihm schon Verhandlungen geführt, die zäh und nicht immer erfreulich waren, aber ich habe auch erlebt, dass er mir einen wichtigen Autor weit unter Marktwert überließ, weil er das Gefühl hatte, ich würde mich für diesen besonders einsetzen. Bei dem Autor handelte es sich um John Cheever, der in Deutschland trotz verschiedener Übersetzungen praktisch unbekannt war, bis wir es damals bei DuMont geschafft haben, dass er auch hierzulande entdeckt wurde, nicht nur von den „happy few“.

KLAMMER Woher kam Ihr Vertrauen, dass man Cheever im zweiten Anlauf nicht nur als bedeutenden Autor platzieren kann, sondern auch einer breiten Leserschaft zugänglich machen?

HARTGES Ich hatte dieses Vertrauen nicht wirklich. Die Versuchung, der deutsche Verleger von John Cheever werden zu können, war nur so groß, dass ich ihr nicht widerstehen konnte. Was dann geschah, war eine Verkettung glücklicher Umstände, von denen der wichtigste den Namen Elke Heidenreich trug. Aber diese kleinen Wunder passieren immer wieder mal. Die Wiederentdeckung von John Williams zum Beispiel. Stoner ist ein Buch, in dem, vorsichtig gesagt, nicht viel passiert. Auf vierhundert Seiten erzählt es die traurige Geschichte eines Mannes, der sich fast widerstandslos in sein fürchterliches Schicksal ergibt. Es ist ein Leben fast ohne Hoffnung, nichts als Scheitern, Depression, Krankheit und Tod. Ein großartiges Buch, ich liebe es. Warum es plötzlich alle lesen wollten, ich weiß es nicht. Das sind wahrscheinlich die schönsten Momente im Leben eines Verlegers wie eines Agenten: Er setzt sich ein für einen Autor, eher aus Liebe und literarischer Neigung, denn aus ökonomischem Kalkül – und auf einmal entsteht ein Riesenerfolg. Ein Wunder. So etwas gibt es nämlich noch im Literaturbetrieb.

Marcel Hartges, geboren in Mönchengladbach, studierte Germanistik, Hispanistik, Philosophie und Soziologie in Bonn und Berlin. Er arbeitete als Lektor und später als Leiter des Taschenbuch Verlags im Rowohlt Verlag. Von 2006 bis 2009 war er Verleger des DuMont Literatur- und Kunstverlags, von 2009 bis Anfang 2016 Verleger der Piper Verlage. Im Februar 2016 gründete er eine Literatur- und Filmagentur in München.

Angelika Klammer war von 1994 bis 2000 verantwortliche Lektorin des Residenz Verlags, von 2001 bis 2010 verantwortliche Lektorin des Jung und Jung Verlags und ist seit 2011 selbstständig. Gemeinsam mit Doris Plöschberger und Christiane Schmidt organisiert sie die Deutsche Lektorenkonferenz. Zuletzt erschien ihr Gespräch mit Herta Müller Mein Vaterland war ein Apfelkern (Hanser,  2014).

Quelle: Volltext 3/2016

Online seit: 18. Oktober 2016