Überwiegend ernst gemeint

Die Automatische Literaturkritik. Von Kathrin Passig

Online seit: 8. September 2016

Alle klagen über schlechte Literatur, aber niemand bemüht sich um konstruktive Kritik und nachvollziehbare Bewertungskriterien. Jedenfalls niemand außer uns.“ So begann der Beitrag im Blog „Riesenmaschine“, mit dem bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2008 der „Automatische Literaturkritik-Preis der Riesenmaschine“ angekündigt wurde. Der Preis ist seitdem sechsmal verliehen worden: an Tilman Rammstedt, Karl-Gustav Ruch, Dorothee Elmiger, Linus Reichlin, Matthias Nawrat und Roman Ehrlich. Die Preisträger wurden mit Hilfe einer Liste von Plus- und Minuspunkten ermittelt, auf der die Helfer und Helferinnen des Kritikautomaten nur anzukreuzen brauchen, ob im Text Nagetiere vorkommen (Pluspunkt) oder das Autorenporträt Großaufnahmen gehender Füße enthält (Minuspunkt). (1)

Die Vorgeschichte des Preises beginnt um das Jahr 2000 herum. Ich besuchte damals jeden Montag mit Wolfgang Herrndorf, Holm Friebe und anderen leidensfähigen Berlinern die Sneakpreview im Filmtheater Friedrichshain. Nach jedem Film mussten auf Wolfgangs Aufforderung hin alle gleichzeitig mit null bis zehn ausgestreckten Fingern ihre Meinung zum Film kundtun. Die Begründungen und die Frage, ob die offensichtlich haltlosen Meinungen der anderen überhaupt begründbar seien, beschäftigten uns dann einige Biere lang. Über die Jahre entwickelten sich daraus Kriterien, mit deren Hilfe man bei Bedarf die Herauf- oder Herabstufung des jeweiligen Films erklären konnte, und im 2005 gegründeten Blog „Riesenmaschine“ wurde daraus die Institution der „Automatischen Kulturkritik“. Sie ist heute der letzte sichtbare Überrest der wieder vom Dschungel überwucherten Riesenmaschine.

2007 betrieb die Riesenmaschine anlässlich der Tage der deutschsprachigen Literatur ein Aktienspiel im Netz. Jeder Teilnehmer erhielt 5.000 Dollar Spielgeld, die man in Aktien der eingeladenen Autoren zum Startwert von je 5.55 Dollar investieren konnte. Kurz vor der Preisverleihung schloss die Börse, und nach der Juryentscheidung wurde die Preisträgeraktie mit fiktiven 100 Dollar ausgezahlt. Zu gewinnen gab es diverse Buchpakete sowie für Teilnehmerinnen zusätzlich die Möglichkeit, eine Nacht mit Jochen Schmidt zu gewinnen (Bildeinsendung erforderlich, ein Rechtsanspruch bestand nicht).

Twitter und Facebook nutzte noch niemand, darum wurden die Aktiengeschäfte vor allem im Höfliche-Paparazzi-Forum kommentiert. Menschen, die bis dahin kaum wussten, was ein Leerverkauf ist, entwickelten sich binnen weniger Tage zu Börsenspezialisten, Vermögen wurden angehäuft und wieder verloren:

„Marinic teilt das Zwickyschicksal: Durch Zufall (bzw. einen hypereifrigen Neueinsteiger) nach oben gesprengt. Prompt sellen alle short, aber nur, bis sie wieder ein wenig sinkt. Dann sitzen alle auf ihren Minusanteilen herum und warten, derweil Marinic sich in der Sonne räkelt. Kaum fällt sie, durch natürliche Schwankungen, um einen halben Punkt, kaufen die Shortsellnarren ihren Kram wieder auf, machen drei Cent Gewinn, verderben den Markt und schieben Marinic wieder ins Warme. Ursache der Marinic-Saison also: a) Shortsellen ist zu populär, es wäre gut gewesen, hätte niemand von der Möglichkeit je erfahren. b) Ihr seid zu früh mit zu wenig zufrieden.“ (Aleks Scholz)

„Ich bin grad zu 1.70 steil in Grill rein. Bitte beachtet die Schönheit dieses Satzes, den noch vor vier Wochen niemand hätte verstehen können.“ (Sascha Lobo)

Wieder war Wolfgang Herrndorf einer der engagiertesten, man könnte auch sagen: besessensten Teilnehmer: „Mein Gott, was ist denn mit dem Markt passiert? Kaum ist man mal einen Vormittag nicht da – oben die Spitze bei 7.9 gekappt, unten hängt wie ein vergessener Hoden Bernhardt raus, Umsätze, die ich nicht begreife, kann mir mal jemand eine Zusammenfassung des Vormittags geben?“

„Ihr hortet? Im Ernst? Mit welcher Begründung denn? Habt ihr irgendwelche ‚Literatur‘ gelesen? Mein ganzes Konzept beruhte auf der Annahme, man müsse erstmal viel Geld machen, Markt aufkaufen kann man später noch, die Kurse streben eh alle zur Mitte. Ich horte doch nicht auf die Wahrscheinlichkeit von 1/18. Allerdings habe ich auch überhaupt keine Ahnung von Finanzdingen. Selbst das einfache Prinzip Aktie wollte mir nie in den Kopf, erst seit vorgestern dämmert mir, daß ich den Beruf verfehlt habe. (…) Ich verdopple mein Geld zur Zeit etwa alle 24 Stunden. Nächsten Mittwoch Abend habe ich $2.500.000, und wer dann auf 1000 Oesterle-Aktien zu 5.6 sitzt, hat gegen mich eher marginale Chancen.“

Am Ende gewann er allerdings trotzdem nicht: „Ich hab es jetzt satt, ich kann nicht mehr, 128 Stunden Schlafentzug fordern ihren Preis. (…) Ich mach jetzt Kamikaze, ich kann nicht noch eine Woche ohne Schlaf und Arbeit verbringen.“

Und das war alles noch, bevor auch nur die Lesereihenfolge verkündet wurde.

Ab Lutz Seilers Lesetermin am Donnerstag konnte man am Kurs der Seiler-Aktie ablesen, wer den Bachmann-Preis bekommen würde.(2) Was der Automatischen Literaturkritik fälschlich hin und wieder unterstellt wird, dass sie nämlich die Juryentscheidung vorhersagen solle, traf auf das Börsenspiel tatsächlich zu. Das ist nicht weiter überraschend. Entscheidungsmärkte haben in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten, weil durch das Netz die „Weisheit der Vielen“ gesteigertes Interesse auf sich zog, und der Ausgang der Jury-Entscheidung ist eine der typischen Fragestellungen, für die sich solche Märkte eignen.

Allerdings wissen wir nicht, ob der Erfolg reproduzierbar gewesen wäre, denn das Börsenspiel gab es nur ein einziges Mal. Der Anbieter der Börsenplattform beklagte sich über den „unbelievable amount of traffic“ – in den vier Bewerbstagen kamen 50.000 Seitenaufrufe zusammen – und wünschte sich für jeden weiteren Einsatz 1.000 Dollar pro Monat. Deshalb musste für 2008 ein anderes Begleitprogramm her. So entstand am letzten Kinoabend vor der Veranstaltung der Plan einer Automatischen Literaturkritik, zusammen mit einer ersten, vermutlich noch handschriftlichen Liste der Plus- und Minuspunkte.

Blutsbande sind plot-erforderlich

Manches übernahmen wir direkt aus der Automatischen Filmkritik, zum Beispiel die Minuspunkte „Blutsbande sind plot-erforderlich“, „Schaffensprozess von Künstlern, außer komplett gescheiterter“ und den von der Comiczeichnerin Alison Bechdel für Filme vorgeschlagenen Pluspunkt: „1. Zwei oder mehr Frauen, die 2. miteinander reden und zwar 3. nicht über einen Mann“. Kinofilme erfüllen dieses Kriterium genau wie Klagenfurttexte eher selten.

Viele Minuspunkte messen die Abgenutztheit einer Technik, insbesondere im Autorenporträt. Mit den Pluspunkten fördern wir das selten Vorkommende (auktoriale Erzähler, das Thema Raumfahrt, miteinander redende Frauen). Deshalb muss sich die Kriterienliste auch wandeln. Als ich zum ersten Mal im 3sat-Autorenporträt einen unbewegten Autor sah, um den herum die Welt im Zeitraffer wimmelte, gefiel mir der Effekt. Schon ab dem fünften Mal ließ die Begeisterung stark nach.

Einige Minuspunkte dienen der Kritik an allzu naheliegenden Mitteln. Das sind vor allem sterbende Elternteile und Kinder, aber auch Selbstmorde als billige Methoden, auf der kurzen Strecke von fünfzehn Seiten zu vermitteln, dass hier etwas Bedeutungsschweres geschieht.

Manche Punkte weisen auf ein echtes Problem hin, zum Beispiel „Krankheiten mit präziser Sterbezeitpunktvorhersage“. Andere sind Indikatorpunkte: Sie bedeuten für sich genommen nicht viel, stehen aber in einem statistischen Zusammenhang mit der Textqualität, so wie die Existenz kleiner uninteressanter Tierchen in einem Flusslauf einen Indikator für die Gewässerqualität darstellt. Wieder andere Punkte dienen dem Nachteilsausgleich: Versäumt es ein Juror, den Text des eigenen Autors über den grünen Klee zu loben, erhält der Autor einen Waisenkind-Trostpunkt, bei Kritik am eigenen Kandidaten gibt es einen zweiten Waisenkind-Trostpunkt und stilles Gedenken an Eva von Schirach (2005).

Viele Punkte beziehen sich auf die Gestaltung der meist von 3sat-Filmteams angefertigten Autorenporträts. In den Hinterzimmern der Automatischen Literaturkritik wird jedes Jahr wieder diskutiert, ob wir wirklich so viele Minuspunkte für die Autorenporträts vergeben sollen. „Der Autor kann wahrscheinlich nichts dafür, das hat das 3sat-Team zu verantworten“, verteidigt Angela Leinen die Porträtopfer. „Der Autor kann schon was dafür, wenn er alles willenlos mitmacht“, wende ich ein. „Die 3sat-Leute schlagen bestimmt vor ‚Wir machen was mit Bewegung, mit Unterwegssein! So mit Aufzügen, Rolltreppen und Gleisen!‘ Dann muss man sich eben wehren. Und was soll das Filmteam auch machen, wenn vom Autor keine eigene Idee kommt? Dass man sich über so was Gedanken macht, gehört zum Autorenberuf.“

Im Jahr 2008 gab es 62 Pluspunkte und 90 Minuspunkte. 2014 sind es 54 Plus- und 154 Minuspunkte. Ich beantworte Fragen nach diesem ungleichen Verhältnis meistens mit einer Paraphrase des Tolstoi-Satzes über die unglücklichen Familien: „Alle schlechten Texte gleichen einander, jeder gute Text ist auf seine eigene Weise gut.“ Viele Minuspunkte bestrafen das Überstrapazierte und Abgegriffene. Gerade weil das Seltene, Unvorhersehbare selten und unvorhersehbar ist, können wir es nicht so leicht belohnen. Im Laufe der Jahre sind wir etwas besser darin geworden, solche Kriterien zu formulieren, etwa den Pluspunkt „Vögel, die keine Rabenvögel sind“. Zu Beginn der Lesungen machen wir uns jedes Jahr Sorgen, dass wir es diesmal wirklich übertrieben haben mit den Minuspunkten, aber am Ende schreiben doch immer einige Autoren schwarze Zahlen.

Natürlich hat man als Autor in jedem Punkt die Freiheit, alles anders zu machen. Wenn in einem Text in der Ferne ein Hund bellt, heißt das nicht, dass der Text schlecht ist. Das ergibt sich erst aus der Gesamtsumme. Einige der erfolgreichsten Filme in der Automatischen Filmkritik häufen eine lange Reihe von Minuspunkten an, aber eben noch mehr Pluspunkte.

Es ist nicht so einfach, nützliche und unmissverständliche Kriterien festzulegen. Ich habe schon mit Schulklassen daran gearbeitet, und mehr als der Pluspunkt „Fahrräder sind Fahrräder und keine Metaphern“ kam bei dieser Arbeit nicht heraus. Der Versuch, zusammen mit anderen Juroren des Deutschen Reporterpreises Kriterien einer Automatischen Reportagekritik zu identifizieren, brachte unbrauchbare Punkte wie diesen hervor: „Erzählgerümpel. Nur was wichtig ist, sollte vorkommen! Unnötige Details lenken ab und verwirren. Die Kunst besteht im Weglassen. Der Reporter muss Fett absaugen können.“ Das erinnert an den Ratschlag von Karl Kraus: „Im Zweifelsfalle tue man das Richtige.“ Wie sollen sich die Benutzer eines solchen Reportagekritikautomaten darauf verständigen, was „wichtig“ und was ein „unnötiges Detail“ ist?

Auch bei selbstgemachten Punkten kommt es vor, dass wir sie nach ein oder zwei Jahren wieder aus dem Verkehr ziehen müssen, weil sie sich nicht bewährt haben. Solche Punkte sind meistens zu unkonkret und verursachen Diskussionen, ob die Punktvergabe gerechtfertigt ist oder nicht. Aus diesem Grund gibt es etwa den Pluspunkt „Konsistente Psychologie bzw. überhaupt erst mal Hinstellung einer ordentlichen Psyche“ nicht mehr.

Kurz vor den Tagen der deutschsprachigen Literatur führen Angela und ich die im letzten Jahr neu vorgeschlagenen Punkte entweder ein oder schieben sie auf eine Warteliste für „vielleicht später mal“. Danach wird die Punkteliste bis zum Ende des Bewerbs eingefroren. Das verhindert, dass wir etwa angesichts der Autorenporträts oder während der Lesungen noch schnell neue Kriterien ergänzen, die den Autoren und den Autorenporträt-Filmteams gar nicht bekannt sein konnten: Nulla poena sine lege.

Lastenausgleichspunkte

Die Punktevergabe vor Ort ist harte Arbeit. Die Plus- und Minuspunkte für die Autorenporträts vergeben wir schon vorher, um unsere Arbeitsbelastung in Klagenfurt zu reduzieren und weil man dabei keine Sekunde des Videos verpassen darf. Die dreißig Minuten Vorlesezeit und dreißig Minuten Jurydiskussion reichen vor Ort knapp für die Punktevergabe. In den Anfangsjahren gab es einige Lastenausgleichspunkte, die die Autoren für seltsame Jurorenäußerungen entschädigen sollten, zum Beispiel „In der Jurydiskussion werden die Worte ‚Engführung‘, ‚Rhizom‘, ‚Paradoxalität‘ oder ‚Wundertüte‘ benutzt“ oder „André Vladimir Heiz redet über etwas komplett anderes als den Text“. Die meisten von ihnen wurden im Laufe der Jahre wieder gestrichen, weil wir später nachlesen können, was wir im Text verpassen. In der Jurydiskussion Verpasstes aber bringt uns in Not.

An der Punktevergabe kann sich jeder beteiligen: entweder vor Ort durch Zuruf im Lendhafen-Café, im Netz via Twitter, in einigen Jahren gab es auch einen Live-Chat in Angelas Blog. Seit 2013 kann man seine Punktefunde direkt in die Tabelle mit der Auswertung eintragen.(3) Neben vielen anonymen Helfern gehörten zu den Punktevorschlägern und Punktevergabehelfern in den vergangenen Jahren Clemens Setz, Cornelia Travnicek, Martin Fritz, Michael Brake und Maik Novotny.

Vor Ort werden wir hin und wieder gefragt, ob wir nicht doch ganz zum Schluss an der Kriterienliste vorbei unsere bevorzugten Kandidaten ins Ziel mogeln. Die Frage ist berechtigt, denn auch in der Automatischen Literaturkritik gibt es Möglichkeiten der Einflussnahme: Man kann genauer oder weniger genau nach dem Vorkommen von Nagetieren im Text fahnden, und nicht jeder Punkt ist so eindeutig, dass er gar keinen Interpretationsspielraum böte. Aber diese Möglichkeiten sind begrenzt. Wir können bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen einen sympathischen Autor um ein, zwei Punkte nach vorn befördern, aber niemanden aus der tiefen Grube herausholen, in die ihn sein Autorenporträt gestürzt hat. Und diese Möglichkeiten stehen allen offen. Es kommt vor, dass Autoren selbst auf Pluspunkte hinweisen, die ihnen zustehen. Ich freue mich darüber, weil es mir Auswertungsarbeit erspart. Außerdem steht es misstrauischen Zuschauern frei, das Ergebnis zu überprüfen – wenn auch nur bis Samstag um Mitternacht, denn irgendwann muss ein Ergebnis festgelegt werden, wie bei der Tatsachenentscheidung im Sport.

Wenn der Sieger feststeht, diskutieren Angela und ich, wer die weniger unansehnliche Handschrift hat, und schreiben den Namen auf die von Riesenmaschinegrafiker Martin Baaske gestaltete Urkunde. Wir tragen den zuständigen Agenten oder Lektoren auf, ihren Autor am Sonntagmorgen etwas früher in den Garten des Sendehauses zu locken. Dort überreichen wir dann eine halbe Stunde vor Beginn der offiziellen Preisverleihung Urkunde und Preisgeld, und zwar so oft, bis alle verspäteten Fotografen „Ach bitte, könnt ihr noch mal? Ich hab alles verpasst!“ gesagt haben.

Der Preis muss vor allen anderen Preisen verliehen werden, weil er von 2008 bis 2013 nur mit 500 Euro dotiert war. Darüber kann sich ein Autor um halb elf noch ehrlich freuen, um zwölf Uhr nach Erhalt eines richtigen Preises nicht mehr so sehr. In einigen Jahren bekamen die Gewinner der Automatischen Literaturkritik danach noch andere Preise: Tilman Rammstedt gewann den Bachmann- und den Publikumspreis, Dorothee Elmiger und Matthias Nawrat den Kelag-Preis. Für Karl-Gustav Ruch, Linus Reichlin und Roman Ehrlich blieb es beim ALK-Preis. Weil es uns schmerzte, die Autoren in diesen Jahren nur mit einer schönen Urkunde und 500 Euro nach Hause gehen zu sehen, wird das Preisgeld 2014 durch Crowdfunding aufgebracht: Unter www.indiegogo.com/projects/automatische-literaturkritik-preis/ kann man sich noch bis zum 5. Juli an der Stiftung eines angemesseneren Preisgeldes beteiligen.

Bewertungskriterien wie der von Tex Rubinowitz stammende Pluspunkt „Vorkommen von feuchten Frotteetüchern oder miefigen Sporttaschen“ können unaufmerksame Betrachter zu der Annahme verleiten, die Automatische Literaturkritik sei ein Scherz. Sie ist aber überwiegend ernst gemeint.

Einer ihrer Vorläufer ist ein gescheiterter Plan, mit dem ich um 1999 herum mehr Usability ins Internet zu bringen gedachte. Das Wort Usability und überhaupt die Vorstellung, die Benutzung des Internets müsse nicht ganz so schmerzhaft sein, waren damals noch relativ neu. Selbst wenn es mehr Fachleute auf dem Gebiet gegeben hätte, wäre deren Arbeitszeit für die meisten Betreiber von Websites zu teuer gewesen. Ich bewegte eine Internetfirma dazu, mich für das Erstellen einer Checkliste der häufigsten Usabilityprobleme zu bezahlen, mit deren Hilfe auch Laien die auffälligsten Probleme identifizieren können sollten. Schließlich lohnen sich teure Beratung durch Experten und der Einsatz von Nutzertests erst dann, wenn die ganz offensichtlichen Fehler behoben sind. Wesentlich weiter als bis zur Erstellung der umfangreichen Checkliste kam ich mit dem Projekt nicht, da es mir an jeder Vermarktungsdiplomatie fehlte und außerdem gerade die Dotcom-Blase platzte.

Der Grundgedanke ist in der Literaturkritik derselbe wie in der Usabilityberatung: Die Qualität von Texten, Filmen oder Websites entscheidet sich an den Details. Man muss viele kleine Dinge richtig oder wenigstens nicht falsch machen. Und die meisten dieser Details lassen sich auch ohne Expertenhilfe identifizieren. Mit der Entlastung des Fachpersonals begründete auch der britische National Health Service die Einführung eines Onlineportals zur Selbstdiagnose: Es soll Versicherte von Besuchen beim Arzt und in der Notaufnahme abhalten, wenn Aspirin und Abwarten genügen. (Für Algorithmen-Allergiker: Die Telefonhotline des NHS dient demselben Zweck und verwendet die gleiche Fragenstruktur schon seit fünfzehn Jahren.)

Checklisten

Auch Experten profitieren von Checklisten. Der Chirurg Atul Gawande veröffentlichte 2007 im New Yorker einen Artikel über den Nutzen von Checklisten in der Medizin, aus dem später das Buch The Checklist Manifesto hervorging.(4) Solche Listen erhöhen, so Gawande, die Wahrscheinlichkeit, dass Experten ihr vorhandenes Wissen konsistent und korrekt einsetzen. Dadurch lassen sich Infektionen im Krankenhaus und Komplikationen nach Operationen reduzieren. Die Verbesserungsraten liegen im mittleren zweistelligen Bereich. Eine der Checklisten, auf denen Gawandes Idee beruht, wurde am Landeskrankenhaus Klagenfurt entwickelt.

Wenn ich mich ohne die Kriterienliste der Automatischen Filmkritik zu einem Film äußern sollte, würde ich die Hälfte dessen, was mir gut oder weniger gut gefallen hat, schlicht vergessen. Checklisten lindern diese Vergesslichkeit, die in der Filmkritik ein überschaubares Problem darstellt, im Operationssaal weniger.

Ein weiterer Aspekt ist der konsistente Einsatz des vorhandenen Wissens, von dem Gawande spricht. Die Klagenfurter Jurybegründungen verharren oft im Poetisch-Wolkigen, „da geht etwas auf wie eine Wundertüte“. Das ist nicht weiter schlimm, aber der Mensch und damit auch der Klagenfurtjuror neigt nun mal dazu, beim Urteilen kognitive Abkürzungen zu nehmen. Je verschwommener die Urteile begründet werden dürfen, desto weniger fallen solche Abkürzungen auf. Selbst wenn einmal ein klares Argument benannt wird, geschieht es zu oft, dass derselbe Juror es beim nächsten Text nicht mehr in Anwendung bringt oder im umgekehrten Sinn verwendet: Was eben noch ein Pluspunkt war, ist jetzt zum Minuspunkt geworden. Es ist zu leicht für Juroren, Kriterien nur dann zu berücksichtigen, wenn es ihnen gerade in den argumentativen Kram passt.

Tagesform der Juroren

Außerdem sind die Ergebnisse der Automatischen Literaturkritik nicht von der Tageszeit oder der Tagesform der Juroren beeinflusst. Das ist kein unwichtiger Aspekt: In einer Studie von 2011 wurden die Entscheidungen israelischer Richter über Anträge auf Strafaussetzung zur Bewährung untersucht. Die darin begleiteten Richter bearbeiteten täglich in drei Sitzungen zwischen 14 und 35 solcher Bewährungsanträge: Die erste Sitzung ging bis zu einer Frühstückspause am Vormittag, die zweite vom Imbiss bis zu einem späten Mittagessen, die dritte vom Mittagessen bis zum Feierabend. In allen drei Sitzungen waren die Chancen der Antragsteller, auf Bewährung freizukommen, zu Beginn mehr als doppelt so hoch wie gegen Ende der Sitzung.

Im Zusammenhang mit Weinproben ist in den letzten Jahren oft untersucht worden, wie anfällig Expertenurteile für Einflüsse sind, die mit der Qualität des zu Beurteilenden nichts zu tun haben. Experten geben in Blindverkostungen inkonsistente Bewertungen ab, urteilen also über denselben Wein ganz unterschiedlich, wenn er im Testfeld mehrfach vorkommt. Färbt man Weißwein rot, schreiben die Kritiker ihm Eigenschaften von Rotwein zu. Wein, der als teuer ausgegeben wird, schmeckt Laien und Experten besser als derselbe Wein mit einem billigen Etikett. Werden nur wenige Weine verkostet, hat der erste Wein die besten Chancen, als Gewinner aus dem Vergleich hervorzugehen, bei längeren Testreihen sind die späten Startplätze vorteilhafter. (5)

In Klagenfurt würde es vermutlich auffallen, wenn derselbe Text mehrfach im Testfeld vorkäme. Aber dass die Lesereihenfolge ein wichtiger Faktor sein könnte, geht als Gerücht schon lange um. Angela Leinen und ich haben mit Hilfe der Piper-Sammelbände und der im Robert Musil Institut der Universität Klagenfurt / Kärntner Literaturarchiv aufbewahrten Dokumente die Preiswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit vom Lesezeitpunkt für 26 der 37 Bewerbe berechnet. Für die fehlenden Jahre konnten wir bisher keine Aufzeichnungen über die Lesereihenfolge ausfindig machen. Die Wahrscheinlichkeit, den Bachmann-Preis zu gewinnen, ist bei einem Lesetermin am Freitag fast fünfmal so hoch wie am Donnerstag, und am Samstag immer noch dreimal so hoch.(6) Die Wahrscheinlichkeit, den Automatische Literaturkritik-Preis zu gewinnen, ist dagegen auf allen Leseplätzen gleich.

Atul Gawandes Buch enthält ein Kapitel über Checklisten in der Wirtschaft. Offenbar lohnt sich ihr Einsatz dort ebenso wie in der Medizin, und wie in der Medizin stößt ihre Einführung auf Widerstände. „Checklisten sind unbeliebt“, schreibt Gawande. „Sie können mühsam sein. Sie machen keinen Spaß. Aber ich glaube nicht, dass Faulheit das wesentliche Problem ist. Wenn wir nicht nur die Gelegenheit ausschlagen, Leben zu retten, sondern auch die Gelegenheit, Geld zu verdienen, dann sitzt der Widerstand tiefer. Es ist irgendwie unter unserer Würde, Checklisten zu benutzen, es ist peinlich.“

Dieses Unbehagen hat damit zu tun, dass das implizite Wissen eines Fachbereichs ausformuliert oft unspektakulär klingt und der Einsatz einer solchen ausformulierten Version etwas Unelegantes hat. Ist man mit Fachleuten in der Natur unterwegs, dann kann man sie „Das ist eine Schwarzpappel“ oder „eine Dohle“ sagen hören. Fragt man sie, woran sie das erkennen, geben sie im ersten Anlauf oft Auskünfte wie „am Habitus“. Sie erkennen die Gestalt der Schwarzpappel oder der Dohle auf einen Blick, können ihr Wissen aber nicht immer so in Worte fassen, dass ihre Gesprächspartner verstehen, wie die Identifikation zustandekommt. Ein Bestimmungsbuch vermittelt auch Laien, worin die Schwarzpappel sich von anderen Pappelarten unterscheidet, und warum die Dohle keine Krähe ist.

Im Kopf von Experten läuft die Identifikation ganz anders ab als bei der Benutzung des Bestimmungsbuchs, durch intuitives Erkennen. Das Bestimmungsbuchwissen aber lässt sich einfacher weitergeben als das implizite Expertenwissen. Deshalb bemühen sich die meisten Fachbereiche darum, ihr Wissen in möglichst explizite Form zu bringen. Frühe Rechtssysteme etwa funktionierten nach einem ähnlichen Prinzip wie die Klagenfurter Literaturjury, bis man sich – meines Wissens im Spätmittelalter, aber man müsste mal einen Fachmann fragen – um mehr Abstraktion vom Einzelfall bemühte. In Abwesenheit von gesicherter Wissenschaft ist eine Taxonomie wie die der Automatischen Literaturkritik ein erster Schritt.

Der Soziologe F. Stuart Chapin entwickelte 1933 die „Living Room Status Scale“, mit deren Hilfe sich die Schichtenzugehörigkeit anhand der Wohnzimmereinrichtung bestimmen ließ: Für einen Wecker oder eine Nähmaschine im Wohnzimmer gab es je zwei Minuspunkte, für einen offenen Kamin mit drei oder mehr Utensilien acht Pluspunkte. Einigen von Chapins Punkten fehlt es an Eindeutigkeit: Darüber, was unter „Harmony“ (+2) oder „Bizarre clashing schemes“ (–4) zu verstehen ist, dürfte 1933 so wenig Einigkeit geherrscht haben wie vorher oder nachher.

Eine aktualisierte Version veröffentlichte der Kulturwissenschaftler Paul Fussell 1983 in Class: A Guide Through the American Status System.(7) Bei Fussell gibt es zwei Minuspunkte für jede Picassoreproduktion, drei Minuspunkte für jedes Kunstwerk mit Cowboythematik und zehn Minuspunkte für ein Motorrad im Wohnzimmer. Manche Elemente sind eher dauerhaft (vier Pluspunkte für Holzfußböden), andere kurzlebig: Die acht Pluspunkte, die es 1983 für ein Miniaturfrüchte tragendes Zitronenbäumchen gab, müsste man heute streichen. Ich habe Fussells Buch in den frühen Neunzigern gelesen, seine Liste gehört also vermutlich zu den Vorläufern der Automatischen Literaturkritik. Beide Verfahren versuchen Sachverhalte konkreter zu fassen, über die ansonsten vor allem in wenig hilfreichen Wendungen wie „guter Geschmack“, „schlechter Stil“ oder „keine richtige Literatur“ gesprochen wird.

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur gibt es keine besseren oder schlechteren Ergebnisse, an denen man – wie an Investitionsgewinnen oder reduzierten Krankenhausinfektionen – ablesen könnte, welches Verfahren zuverlässiger funktioniert. Die Automatische Literaturkritik kann nicht feststellen, was gute Literatur ist. Sie kann nur feststellen, was Literatur ist, die zu den Präferenzen der Kriterienfestlegenden passt. Das ist bei der Jurydiskussion nicht anders, auch wenn Berichterstatter gern so tun, als handle es sich um eine Art Stiftung Literaturtest. Wenn sich das Ergebnis nicht mit den Präferenzen des jeweiligen Journalisten deckt, dann haben die Juroren etwas übersehen, oder es waren die falschen Juroren, aber das Verfahren an sich wird als quasi-wissenschaftliche Suche nach einem Text gedeutet, der allgemeingültige Qualitätskriterien erfüllt.

Nützlichkeit und Schönheit

William Morris, der Begründer der britischen Arts-and-Crafts-Bewegung, riet 1880 in einem Vortrag: „Have nothing in your house that you do not know to be useful, or believe to be beautiful.“ Nützlichkeit kann man kennen. An Schönheit kann man nur glauben. Die Frage, ob Morris damit recht hatte, führt hier zu weit, aber der Kunsthistoriker Christian Demand hat in Wie kommt die Ordnung in die Kunst zumindest schon einmal ausführlich beschrieben, wie vergeblich die Suche nach objektiven Qualitätsmaßstäben in der bildenden Kunst bisher verlaufen ist.(8) Gerade die albernen und idiosynkratischen Kriterien der Automatischen Literaturkritik sind deshalb wichtig. Sie erinnern daran, dass es sich nicht um ein Verfahren zur Bestimmung des „objektiv besten“ Textes handelt.

Es geht beim Literaturkritikautomaten darum auch nicht um Protest gegen die Arbeitsweise der Jury. Ich bin schon wegen meiner eigenen zweifelhaften Tätigkeiten froh, dass es so schöne und schillernde Berufe gibt wie Autor, Literaturkritiker oder Literaturkritiker-Kritiker. Mit etwas Glück verdient man in ihnen sogar Geld und muss nicht im Hauptberuf auf dem Flughafen Scheremetjewo Kabel verlegen wie Wenedikt Jerofejew. Aber die Literaturkritik hat auch ihre dunklen Seiten. Zu oft handelt sie – mal mehr, mal weniger gut getarnt – davon, dass andere Menschen die falschen Lektürevorlieben haben und womöglich überhaupt ein falsches Leben führen. In der harmlosen Variante müssen diese anderen Menschen lediglich noch gründlicher als bisher darüber belehrt werden, dass sie nicht das kaufen sollen, was in der Bahnhofsbuchhandlung auf dem größten Stapel liegt. In der weniger gutmütigen Variante will die Literaturkritik gar nicht zu einem anderen Geschmack hinführen, sie will ausschließen. Es geht ihr um Distinktionsgewinnlerei, und ihre wabernden Formulierungen sind nicht deshalb so ungreifbar, weil sich über Literatur nur in Metaphern sprechen ließe, sondern weil ja sonst jeder kommen könnte.

Das alles ist in Klagenfurt besser, freundlicher und transparenter gelöst als anderswo. Jeder darf hinein in den Literaturbetrieb und zuschauen, wie die Wurst hergestellt wird. Selbst wenn es anders wäre, sollte die Automatische Literaturkritik die Jury nicht ersetzen. Der NHS-Symptomchecker dient ja auch nicht der Abschaffung des Arztes. Aber Literaturkritik könnte ihre Vorgehensweise ruhig noch etwas transparenter machen, als sie es in Klagenfurt ohnehin schon tut. Man muss nicht die Maßstäbe des Kritikautomaten anlegen, aber man kann die Gründe für die eigene Zu- oder Abneigung einem Text gegenüber konkret benennen, ohne Wörter wie „fulminant“ oder „geheimnislos“ in den Mund zu nehmen. Der Kaiser hat ja Kleider an. Es sind nur keine besonders prunkvollen.

 

Anmerkungen
1) Die Kriterienliste ist unter goo.gl/HhmFlJ zu sehen.
2) riesenmaschine.de/?nr=20070702194257
3) Punktevergabe 2013: http://goo.gl/hH5ctL
Punktevergabe 2014: http://goo.gl/EW89eu
4) Der idiotische Titel der deutschen Übersetzung Checklist-Strategie: Wie Sie die Dinge in den Griff bekommen hat mit dem Inhalt des Buchs nichts zu tun.
5) Suchstichworte: Hodgson, Brochet, Krume. Näheres zum Einfluss der Weinverkostungsreihenfolge: www.winepsych.com/?p=1015
6) Details: goo.gl/rDtJCV
7) Eine 1999 abermals überarbeitete Version dieser Liste findet sich unter www.umsl.edu/~keelr/010/livingroomscale.html
8) Wer kein ganzes Buch lesen will, findet die Grundidee auch in diesem kürzeren Text über Inneneinrichtung: www.designkritik.dk/haltung-wie-viel-ethos-braucht-design-christian-demand/

 

Kathrin Passig, geboren 1970, arbeitet als Übersetzerin, Autorin und Web-Entwicklerin in Berlin. 2006 gewann sie den Bachmann-Preis.

Quelle: VOLLTEXT 2/2014

Online seit: 8. September 2016