Dunkle Stunden

Ein Dra­mo­lett. Von Klaus Siblew­ski

Der Kri­ti­ker K. hielt sich im Foy­er eines Ber­li­ner Hotels auf. Er soll­te die Lesung mit einem Autor mode­rie­ren, um 19 Uhr war er mit dem Autor im Foy­er ver­ab­re­det. K. kam gewohn­heits­mä­ßig frü­her, er war müde und ließ sich in einen der tie­fen Ses­sel hin­ein­fal­len, die im Ein­gangs­be­reich des Hotels stan­den, und streck­te sei­ne Bei­ne lang aus.

Auf dem Weg zum Hotel hat­te er sich eine Kap­pe gekauft, er behielt sie auf, sein Ver­gnü­gen am Tra­gen die­ser neu­en Kap­pe war rie­sig. Eine Frau mitt­le­ren Alters ging an sei­nem Ses­sel vor­bei und erle­dig­te etwas an der Rezep­ti­on. Die Frau war groß und in Beglei­tung eines Man­nes von auf­fal­lend klei­ne­rer und zar­ter Sta­tur. K. konn­te nicht anders, er schau­te die Frau an, als sie wie­der an sei­nem Ses­sel vor­bei­ging. Sie blick­te auch auf ihn her­ab. Es ver­ging etwas Zeit mit Schau­en, dann frag­te die Frau, ob K. nicht K. sei? Sie sei näm­lich Frau B.

K. ant­wor­te­te wahr­heits­ge­mäß, er sei K. und über­leg­te, wor­in der Mit­tei­lungs­wert der Aus­sa­ge läge, dass Frau B. vor ihm stün­de. Frau B. bemerk­te, dass K. mit Nach­den­ken beschäf­tigt war, und sag­te, dass sie die Redak­teu­rin B. sei, sie hät­ten vor eini­ger Zeit über Tho­mas Hett­ches neu­en Roman gespro­chen. Außer­dem habe er bei ihr ange­fragt, ob er den neu­en Roman von Ralf Roth­mann bespre­chen kön­ne. K. hat­te in dem Ber­li­ner Hotel mit vie­lem gerech­net, aber nicht damit, hier die Redak­teu­rin B. zu tref­fen. Er müh­te sich aus sei­nem Ses­sel her­aus, im Hoch­win­den fand er lang­sam zu sei­ner übli­chen  Akti­ons­fä­hig­keit zurück.

Ihm fiel in kur­zen Abstän­den hin­ter­ein­an­der ein: Die Redak­teu­rin B. hat­te er sich nie so groß vor­ge­stellt. Er war voll­kom­men ver­blüfft dar­über, dass die Augen der Redak­teu­rin B. der­art hell leuch­te­ten. Und: Er hat­te noch sei­ne neue Kap­pe auf und zog sie sich als ers­te Maß­nah­me nach dem Auf­ste­hen vom Kopf. Er schau­te B. an und grüß­te sie mit erst rudi­men­tär vor­han­de­ner Stim­me. Die Redak­teu­rin sag­te, er wer­de nicht ohne Grund im Foy­er die­ses Hotel sit­zen, er habe wahr­schein­lich an die­sem Abend noch etwas zu tun, aber danach kön­ne er doch in den „Stil­len Wirt“ kom­men. Dort trä­fen sich alle Jour­na­lis­ten, die hier in Ber­lin wäh­rend des Lite­ra­tur­fes­ti­vals arbei­ten wür­den. Sie könn­ten dann über den neu­en Roman von Ralf Roth­mann spre­chen.

Ihr Mann, er sei für 3sat unter­wegs, sei auch dabei. K., der mit der Ver­ar­bei­tung die­ser lan­gen Mit­tei­lung aus­ge­las­tet war, sag­te vor­sichts­hal­ber: ja, er kom­me und wie­der­hol­te den Namen des Lokals. Er schau­te auf sei­ne Hän­de hin­ab und bemerk­te da sei­ne Kap­pe. Als er wie­der auf­schau­te, sah er die Redak­teu­rin win­kend das Hotel ver­las­sen, und die Tür des Fahr­stuhls ging auf. Her­aus kam der Autor, mit dem er auf­tre­ten soll­te.

Der Autor kam auf ihn zu, sag­te: Er hät­te für ihn sei­ne Kap­pe nicht abset­zen müs­sen, er wür­de sich aber rich­tig geschätzt füh­len, wenn der Mode­ra­tor sei­ne Kap­pe vom Kopf neh­me, wenn er ihn erwar­te. K. wuss­te, ab jetzt müss­te er funk­tio­nie­ren und ließ bes­ser uner­klärt, wes­we­gen er sei­ne Kopf­be­de­ckung in Hän­den hielt.

Nach der Ver­an­stal­tung, sie lief gut, fuhr er zum „Stil­len Wirt“. Neben der Redak­teu­rin war ein Platz frei, ihr gegen­über saß ihr Mann. K. grüß­te, setz­te sich auf den frei­en Platz, bestell­te ein alko­hol­frei­es Weiß­bier. B. und K. began­nen lei­se mit­ein­an­der zu spre­chen.

B Seit ihrem Gespräch über das Buch von Tho­mas Hett­che habe sie ein schlech­tes Gewis­sen.
K Er hof­fe nicht, dass er zu wütend auf sie gewirkt habe, als er das Gespräch mit ihr been­det habe?
B Dass sei­ne Geduld mit ihr auf­ge­braucht gewe­sen sei, wäre selbst dem Dick­fäl­ligs­ten nicht ent­gan­gen.
K Glück­li­cher­wei­se habe sich rasch ein Funk­loch ein­ge­stellt.
B Sie lege es nicht dar­auf an, voll und ganz ver­stan­den zu wer­den, aber auf kom­plet­tes Unver­ständ­nis zu sto­ßen, miss­fal­le ihr.
K Er hät­te sie doch ver­ste­hen wol­len. Im Wider­spre­chen sehe er auch einen Bei­trag, der auf das Errei­chen von Ver­ständ­nis abzie­le.
B Das mei­ne sie nicht. Er hät­te sich nicht zugäng­lich für ihre Argu­men­te gezeigt, das hät­te sie gestört. Das sei nicht die Art von  Gesprä­chen, die sie mit Bei­trä­gern zu ihren Sen­dun­gen füh­ren wol­le.
EHEMANN ER emp­feh­le eigent­lich schon jetzt, das The­ma zu wech­seln. Wenn ein Gespräch mit Nach­den­ken dar­über begin­ne, wie Ver­ständ­nis erzeugt wer­den kön­ne, ende die­ses Gespräch meis­tens im Cha­os.
K Er wür­de sich aber auch falsch ver­stan­den füh­len, wenn B. glau­be, er habe ihre Argu­men­te nicht wahr­ge­nom­men. Er habe sie wahr­ge­nom­men und ihre Gel­tung aber außer Balan­ce brin­gen wol­len.
EHEMANN Oh je, zwei nach Har­mo­nie Suchen­de an einem Tisch.
B Im Lite­ra­tur­be­trieb gäbe es, wenn zwei über ein Buch sprä­chen, min­des­tens zwei Mei­nun­gen, aber sie ver­fech­te den Anspruch, ein mini­ma­les Ver­ständ­nis für das Den­ken des ande­ren soll­te sich doch erar­bei­ten las­sen.
K Sie könn­ten ihren Ver­stän­di­gungs­wil­len ja gleich trai­nie­ren: Was sie von Ralf Roth­manns neu­em Roman hal­te?
EHEMANN Oh Gott!
B Er habe sich bemüht, einen guten Roman zu schrei­ben.
K Ob sie denn nach­voll­zie­hen kön­ne, wenn er die Voka­bel „bemüht“ anstö­ßig fän­de?
B Nein, dafür sei­en ihre Nach­voll­zieh­bar­keits­ka­pa­zi­tä­ten nicht aus­ge­legt.
K Da wür­den sie den ers­ten Punkt berüh­ren, auf den er näher ein­ge­hen wol­le. Wenn sie sage, ein Autor bemü­he sich, dann hie­ße das doch, er sei nicht in der Lage, einen pas­sa­blen Roman zu schrei­ben. Sei­ne Ver­su­che sei­en in Bemü­hun­gen ste­cken geblie­ben. Bemü­hen wer­te ab, der Anschein von Wohl­wol­len trö­ge.
B Sie ver­ste­he „bemü­hen“ im Gegen­satz zu K. ästhe­tisch. Mit „bemü­hen“ mei­ne sie, er fol­ge im Schrei­ben einer Ästhe­tik, die sei­nem Stoff und The­ma nicht gewach­sen sei. Ästhe­tisch nicht gewach­sen.
K Kön­ne sie denn erklä­ren, in wel­chen Pas­sa­gen von Ralf Roth­manns Roman sie sich zu die­ser Ein­schät­zung gedrängt füh­le?
B Das kön­ne sie, und das wer­de sie auch tun. Er sol­le gut zuhö­ren.
EHEMANN Jetzt sei es vor­bei mit Ver­ste­hen, so viel kön­ne er zu dem Gespräch an die­ser Stel­le bei­tra­gen.
B Die­ser sozia­le Rea­lis­mus. Roth­mann erzäh­le die Kriegs­ge­schich­te sei­nes Vaters. Von der SS sei die­ser Mann, kei­ne 18, zwangs­re­kru­tiert wor­den. Er habe dann als Fah­rer hin­ter der Front in Ungarn trans­por­tiert, was sich mit Last­wa­gen, Motor­rä­dern und schließ­lich einem von Eseln gezo­ge­nen Kar­ren fort­be­we­gen ließ. Eine Sozio­lo­gie min­der­wer­ti­ger wer­den­der Ver­kehrs­mit­tel kön­ne ent­wor­fen und mit die­ser Sozio­lo­gie die Nie­der­la­ge der deut­schen Armee beschrie­ben wer­den. Aber dar­um gin­ge es nicht. Am Höhe­punkt der Sol­da­ten­zeit die­ses jun­gen Man­nes fie­le ein Schuss. Er müs­se zusam­men mit ande­ren Kame­ra­den einen Freund erschie­ßen. Nach­dem das voll­bracht sei, hei­ra­te er sei­ne Eli­sa­beth, aber zuvor sei die Nie­der­la­ge Deutsch­lands von den Deut­schen bereits aner­kannt wor­den.
K Und was habe das mit sozia­lem Rea­lis­mus zu tun? Er wol­le sich, wie sie ver­ab­re­det hät­ten, nicht pro­vo­zie­ren las­sen, auch nicht von ihrer ver­kürz­ten Wie­der­ga­be des Roman­ge­sche­hens, aber wenn sie von sozia­lem Rea­lis­mus spre­che, klin­ge das gefähr­lich. Immer­hin erzäh­le Roth­mann auch, dass die­ser jun­ge Mann zwar den Krieg über­lebt habe, aber doch an ihm gestor­ben sei – mit 60. Auf die­se Wei­se kön­ne man den Roman auch lesen.
B Genau das mei­ne sie. K. wer­de schon jetzt sen­ti­men­tal: über­lebt, aber doch gestor­ben. So weit sin­ke selbst Ralf Roth­mann in sei­nen For­mu­lie­run­gen nicht ab. Aber es stim­me: Bei sozia­lem Rea­lis­mus sei­en sie noch nicht ange­kom­men. Sie soll­ten zunächst über das Posi­ti­ve in der Geschich­te sel­ber reden. Ein SS-Mann, wenn auch jung, der in Ungarn kei­nen Juden sehe, kei­nen Rus­sen, der sich hel­den­haft für einen Freund ein­set­ze, sogar nach sei­nem Vater, der ihn, wenn er zu viel getrun­ken habe, schlug – das sei, bei allen Abgrün­den, eine bekömm­li­che Geschich­te. Das bereits wür­de sie in dem Ver­dacht bestär­ken, Ralf Roth­mann habe sich auf das Schreck­li­che des Krie­ges nicht wirk­lich ein­ge­las­sen. Das sei ihr ers­tes Argu­ment. Sozia­ler Rea­lis­mus dann erst ihr zwei­tes.
K Sie wol­le von mehr Blut und split­tern­den Kno­chen lesen? Blut und split­tern­de Kno­chen wür­den doch beschrie­ben wer­den, wenn auch lei­ser – und des­we­gen beein­dru­ckend. Zum Bei­spiel, als der Freund erschos­sen wird. Die Pas­sa­gen, in denen Ralf Roth­mann bis zum Spei­chel­fa­den, der sich aus dem Mund des Erschos­se­nen löst, sehr detail­liert beschrei­be, was geschieht, wenn jemand durch Gewehr­ku­geln hin­ge­rich­tet wird. In die­ser Sze­ne beschrei­be Ralf Roth­mann detail­liert genug die Vor­gän­ge und zei­ge auch klar genug, wie sich Opfer und Täter fühl­ten. War­um sträu­be sie sich, das anzu­er­ken­nen?
B Jetzt wer­de er pole­misch, ein Ton den sie in ihrem Gespräch umge­hen wol­le. Wenn sie jetzt sage, er, K., bestä­ti­ge ihr, was sie hät­te sagen wol­len, als sie sag­te, Ralf Roth­mann bemü­he sich, dann sol­le er das bit­te nicht als ver­steckt vor­ge­tra­ge­ne Gegen­at­ta­cke ver­ste­hen. Aber sie mei­ne: Der Autor beschrei­be das Opfer in aller sei­ner äußer­li­chen Opfer­haf­tig­keit. Es wer­de beschrie­ben, wel­che Hand mit wie­viel Ver­band zu sehen sei, bevor ihn die Kugeln trä­fen, von wel­cher Kon­sis­tenz der Atem sei, der den Mund des Delin­quen­ten ver­las­se usw. Das mei­ne sie mit Bemü­hen. Die­se Art des Erzäh­lens kön­ne ohne Ende wei­ter­ge­führt wer­den: auf wel­che Wei­se zit­tert er usw. Dar­in ste­cke Will­kür und Hilf­lo­sig­keit dem zu Erzäh­len­den gegen­über, und das zei­ge die begrenz­te Qua­li­tät die­ser Art des Erzäh­lens.  Und nun wol­le sie auch gleich noch das Stich­wort „sozia­ler Rea­lis­mus“ ins Spiel brin­gen. Der Autor glau­be, wenn er die Lebens­si­tua­tio­nen sei­ner Figu­ren, hier einem Mel­ker, des­sen Lebens­um­stän­de usw., genau genug wie­der­ge­be, kön­ne er ein zutref­fen­des Bild ent­wer­fen. Das stim­me auf eine grund­sätz­li­che Wei­se  aber nicht.
K Dem möch­te er wider­spre­chen. Roth­mann beschrei­be kei­nes­wegs nur die Lebens­um­stän­de sei­ner Haupt­fi­gur zwi­schen Euter und kal­ben­der Kuh. Sein Roman gehe viel tie­fer. Er sei kom­po­niert. Der Autor ver­su­che die Geschich­te eines schweig­sa­men Man­nes zu beschrei­ben. Er wol­le sich und dem Leser einen Ein­druck von den Zwän­gen nahe brin­gen, denen die­ser Mann als jugend­li­cher Sol­dat aus­ge­lie­fert war. Dabei gehe es um The­men wie Schuld, die sein Held unver­schul­det auf sich neh­me; erzählt wer­de der Umgang mit die­ser Schuld nach dem Krieg – und auf die­se Wei­se grei­fe der Roman viel wei­ter aus: Er gebe uns eine Vor­stel­lung von der Scham die­ser jun­gen Män­ner, wäh­rend der Nach­kriegs­zeit bei der Wahr­heit zu blei­ben, und damit lei­te der Roman auf sei­ne zurück­hal­ten­de Art in eine  Men­ta­li­täts­ge­schich­te der Nach­kriegs­zeit über. Die­se Leis­tung müs­se man doch aner­ken­nen.
EHEMANN Das sage er auch, aber Ach­tung: Jetzt wer­de es ernst.
B Er sol­le sie bit­te nicht für starr­sin­nig hal­ten, aber genau das, was ihm bei der Lek­tü­re als posi­tiv auf­ge­fal­len sei, bewe­ge sie, auf Distanz zu dem Buch zu gehen. Was K. lobe, sei Roth­manns Ver­such, einem jun­gen Sol­da­ten in den letz­ten Tagen des Krie­ges gerecht zu wer­den. Aber erlau­be ihm das sein ästhe­ti­sches Kon­zept? Habe Ralf Roth­mann für Stoff und The­ma wirk­lich eine ange­mes­se­ne Erzähl­stra­te­gie? Wie Ralf Roth­mann sich frü­her dem Leben im Ruhr­ge­biet bemäch­tigt habe, bemäch­ti­ge er sich jetzt der Kriegs­er­eig­nis­se, in die sein Vater ver­wi­ckelt gewe­sen sei. Bei sei­nen Ruhr­ge­biets­fi­gu­ren möge das noch eine pas­sen­de Erzähl­wei­se gewe­sen sein. Beim The­ma Krieg ver­sa­ge sie aber.
K Er wol­le nicht immer wider­spre­chen, aber an die­ser Stel­le müs­se er es. Ralf Roth­mann über­ant­wor­te sich sei­nem Stoff und dar­über sei er froh. Er stre­be Kon­kre­ti­on und Anschau­lich­keit an und errei­che bei­des auch. Die­se Art von ästhe­ti­schem Kon­zept fal­le durch ihre Unauf­fäl­lig­keit auf, und er möch­te sich nicht vor­stel­len, wie sich eine lite­ra­ri­sche Kon­zep­ti­on, die stär­ker wahr­ge­nom­men wer­den wol­le und sich gegen­über dem Inhalt in den Vor­der­grund gedrängt habe, auf den Roman aus­wir­ke. Die­ses pure Erzäh­len bräch­te die Geschich­te eines jun­gen Mel­kers am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs zum Erblü­hen ohne – stö­rend – noch die Lite­ra­tur zu fei­ern.
EHEMANN Jetzt wer­de es inter­es­sant. Er bestel­le für alle noch etwas zu trin­ken.
B Sol­le sie sagen, was sie den­ke? Schon die For­mu­lie­rung „pures Erzäh­len“ fah­re in sie hin­ein und wür­de dort zu hef­ti­gen Karam­bo­la­gen füh­ren. Wenn von jeman­dem, der, aus wel­chen Grün­den auch immer, bei der SS war, auf „pure Wei­se erzählt“ wer­de, sähe sie die Glaub­wür­dig­keit die­ses Erzäh­lens ver­lo­ren. Ästhe­tisch betrach­tet, las­se sich von der SS nur auf einem hohen Refle­xi­ons­ni­veau erzäh­len.
K Gut, „pures Erzäh­len“ möge ein angreif­ba­rer Begriff sein, aber eines wol­le er trotz­dem sagen: Roth­manns Figur sei ein klei­ner Mann gewe­sen, der nicht mit Imma­nu­el Kants kate­go­ri­schem Impe­ra­tiv oder Sig­mund Freuds Stu­di­en zum sozia­len Ver­hal­ten von Men­schen in den Krieg gezo­gen sei und der sich dort hät­te ver­hal­ten müs­sen.
B Aber exakt das sei das Pro­blem: Ralf Roth­manns Roman­fi­gur müs­se nicht mit Kant und Freud aus­ge­rüs­tet in den Krieg zie­hen, aber der Autor sol­le sei­ne Figur viel­leicht mit etwas mehr ver­in­ner­lich­tem Kant und Freud – und das mei­ne sie wie­der in ästhe­ti­scher Hin­sicht – beglei­ten und dann davon erzäh­len, was mit die­ser Figur gesche­hen sei. Das wür­de dann sper­ri­ger wer­den und nicht zu einer net­ten sozi­al­rea­lis­ti­schen Wie­der­be­geg­nung mit dem Krieg füh­ren.
K Das, fän­de er, gehe zu weit: net­te sozi­al­rea­lis­ti­sche Wie­der­be­geg­nung. Nett sei da gar nichts, im Gegen­teil: Die Schil­de­run­gen mach­ten ihn beklom­men. Sie ver­folg­ten ihn, auch wenn er das Buch zuge­schla­gen habe. Sie lüden den Leser ein, sich mit den Figu­ren zu iden­ti­fi­zie­ren, und dem Autor gelin­ge es, die­se Ein­la­dung mit über­zeu­gen­dem Nach­druck aus­zu­spre­chen.
B Das wol­le sie aber nicht. Sie wol­le sich nicht beklom­men füh­len, weil Beklem­mung für sie kein ange­mes­se­nes Gefühl für Vor­gän­ge wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs dar­stel­le. Das Ende in Ver­harm­lo­sun­gen. Wenn wir uns mit einer Figur aus die­ser Zeit iden­ti­fi­zie­ren könn­ten, habe die­se Figur bereits viel von ihrem not­wen­di­gen Ernst ver­lo­ren und ver­strick­te uns in Kli­schees und Sen­ti­men­ta­li­tä­ten.
K Grund­sätz­lich kön­ne er auch wer­den. Was ange­mes­se­ne Gefüh­le wäh­rend des Kriegs gewe­sen sei­en, möch­te er nicht beur­tei­len. Das sei eine Fra­ge nach Authen­ti­schem. Zu glaub­haf­ten Gefüh­len aber kön­ne er etwas sagen: die trä­fe er in Ralf Roth­manns Roman an. Wür­den die­se Gefüh­le ästhe­tisch ver­wir­belt wer­den, in wel­cher Form auch immer, wären die­se Gefüh­le für den Leser kom­pli­ziert zu erken­nen. Dar­in sehe er einen Nach­teil und einen Bei­trag zur Ver­drän­gung die­ser Gefüh­le, der wir schon viel zu lan­ge aus­ge­lie­fert wären.
EHEMANN Hier gäbe es jetzt die Chan­ce zur Umkehr oder des Abschieds von die­sem The­ma, aber er wage vor­aus­zu­sa­gen, die­se Chan­ce wer­de unge­nutzt blei­ben.
B Ein Bei­spiel? Eines aus ihrem Gedächt­nis. Den Abschnitt, in dem Roth­mann die Nacht vor der Exe­ku­ti­on des Freun­des schil­de­re, wer­de mit einem Satz von unge­fähr fol­gen­dem Kali­ber ein­ge­lei­tet: „In der Nacht war alle Näs­se gefro­ren, auf den Pfüt­zen lag dün­nes Eis.“ Das sei­en red­un­dan­te Roman­ti­zis­men, die mit Nacht und Eis spie­len – Post­kar­ten­bil­der. Ein paar ober­fläch­li­che Gefüh­le wür­den ange­tippt wer­den, mit dem aber, was in den letz­ten Kriegs­mo­na­ten vor sich gegan­gen sei, hät­ten sol­che Sät­ze nichts zu tun.
K Oh, da fal­le ihm auch ein Satz aus dem Roman ein: „In dei­ner dun­kels­ten Stun­de ist es ein­fach nur dun­kel (…).“ Das sei auch in ästhe­ti­scher Hin­sicht ein opti­ma­ler Satz. Ins Dis­kur­si­ve über­setzt hie­ße das: Wenn es dun­kel sei, sei es eben dun­kel, und wenn der Autor dann schrie­be, es sei tat­säch­lich dun­kel, wenn es dun­kel sei, dann bräch­te er auf den Punkt, was an die­ser Stel­le auf den Punkt zu brin­gen wäre. Wei­te­re Kom­pli­ka­tio­nen führ­ten nur zu wei­te­ren Kom­pli­ka­tio­nen und kei­nen Schritt wei­ter in kei­ne Rich­tung. Prost.
B Da blie­be ihr auch nur Prost zu sagen.
K Sie sol­le aber nicht nur Prost sagen, son­dern auch trin­ken.
EHEMANN Das Trin­ken nach dem Prost-Sagen müs­se er bei B. eigent­lich nie anmah­nen.
B Jetzt sei es hier wie bei den Sol­da­ten in Ralf Roth­manns Roman. Kaum wer­de es ernst, wür­de dem Ernst aus­ge­wi­chen und die Schnaps­fla­sche auf­ge­schraubt.
K Bei alko­hol­frei­em Wei­zen­bier kön­ne von Schnaps nicht gespro­chen wer­den und zu schrau­ben wäre an sei­ner Fla­sche auch nichts gewe­sen.
B Aber von man­geln­dem Pro­blem­ver­ständ­nis. K. beab­sich­ti­ge, gut zu fin­den, was Ralf Roth­mann fabri­ziert habe, er wol­le nicht wei­ter­den­ken, damit er sei­nen Lese­ein­druck nicht in Zwei­fel zie­hen müs­se.
K Wenn nichts in Zwei­fel gezo­gen wer­den müs­se, sei, wenn doch etwas in Zwei­fel gezo­gen wer­de, das ein Über­fluss an kri­ti­schem Bewusst­sein, von dem kein Roman pro­fi­tie­re und das Urtei­len über ihn auch nicht. Roma­ne wür­den an die­ser Skep­sis­ver­liebt­heit kol­la­bie­ren.
B K. feie­re das Fest der Affir­ma­ti­on. Dar­an lit­ten Roth­mann und K.: an Zwangs-Affir­ma­ti­on.
K Er sehe das als sei­nen Vor­zug an, in der Lage zu sein, einem Buch, dem zuge­stimmt wer­den kön­ne, auch zustim­men zu kön­nen.
B Er son­ne sich im Glanz sei­ner Affir­ma­ti­ons­rhe­to­rik.
K Sie wol­le den Roman von Ralf Roth­mann nicht gut fin­den, nicht weil er nicht gut sei, son­dern weil sie nicht wol­le.
B Sie kön­ne nicht.
K Auf die­se Wei­se äuße­re sich das dann. Als Nicht-Kön­nen. Er garan­tie­re: was auch immer Ralf Roth­mann schrie­be, sie wür­de sich schüt­teln.
B Lite­ra­tur­kri­tik als Emp­fin­dungs­kun­de – das sei für sie ein neu­es Ter­rain.
K Was denn sonst? Sie emp­fin­de etwas und über­hö­he die­se Emp­fin­dun­gen dann durch  ästhe­ti­sche Über­le­gun­gen – er im Übri­gen auch. Gefie­le ihr der Text von Ralf Roth­mann, fän­de sie genü­gend lite­ra­ri­sche Argu­men­te, ihr Gefal­len als begrün­det erschei­nen zu las­sen.
B Jetzt gebe sie auf. Dann stün­de Lite­ra­tur­kri­tik der Selbst­er­fah­rung näher als dem ästhe­ti­schen Den­ken.
K Die­ser letz­te Satz gefal­le ihm, beson­ders wenn sie ihn nicht abschät­zig mei­ne, son­dern ihn in sei­ner Tie­fe anneh­men kön­ne.
B Sie kön­ne, offen gesagt, nicht glau­ben, was sie gera­de gehört habe.
K Er glau­be auch, dass er nicht wirk­lich das gesagt habe, was er gesagt haben müs­se, wenn er ihre Erwi­de­run­gen ernst neh­me.
EHEMANN Er kön­ne schon lan­ge nicht mehr glau­ben, was er die gan­ze Zeit über höre und wer­de jetzt Schnaps bestel­len. Kell­ner!

* * *

Klaus Siblew­ski ist Ver­lags­lek­tor, Initia­tor der Deut­schen Lek­to­ren­kon­fe­renz und Her­aus­ge­ber. Zuletzt erschie­nen von ihm die Bän­de Wie Roma­ne ent­ste­hen (2008, zusam­men mit Hanns-Josef Ort­heil) und Wie Gedich­te ent­ste­hen (2009, zusam­men mit Nor­bert Hum­melt) im Luch­ter­hand Ver­lag.

Ralf Roth­mann: Im Früh­ling ster­ben
Roman. Suhr­kamp, Ber­lin 2015
234 Sei­ten, € 19,95 (D) / € 20,60 (A)

Quel­le: Voll­text 2/2015

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 24. Jan. 2016