Der Dschihad, der aus Deutschland kam

Ein glän­zend recher­chier­ter Aben­teu­er­ro­man mit allen Schi­ka­nen: Stef­fen Kopetz­ky gelingt in Risi­ko eine neue Per­spek­ti­ve auf den Ers­ten Welt­krieg. Von Chris­toph Schrö­der

Für den euro­päi­schen Betrach­ter beschränkt der Gro­ße Krieg, der Ers­te Welt­krieg, sich zumeist auf die Schlacht­fel­der des Wes­tens; Ver­dun, die Schlacht an der Mar­ne, der Stel­lungs- und Gra­ben­krieg. Man hat die Bil­der und die Schil­de­run­gen dazu im Kopf.

Stef­fen Kopetz­ky hat (unter ande­rem) einen Roman über den Ers­ten Welt­krieg geschrie­ben, der den Blick wei­tet und tat­säch­lich erst deut­lich macht, dass der Welt­krieg ein Welt­krieg war. Er nimmt uns mit auf eine deut­sche Expe­di­ti­on, die, geplant vom Köl­ner Ori­ent­ex­per­ten Max Frei­herr von Oppen­heim und ange­führt vom baye­ri­schen Ober­leut­nant Oskar von Nie­der­may­er, von Istan­bul aus quer durch Per­si­en, durch Wüs­ten und über Gebir­ge, nach Afgha­ni­stan führt; in ein Land, das zuvor noch nie ein Deut­scher betre­ten hat und das, das ist das Frap­pie­ren­de, schon seit mehr als hun­dert Jah­ren von enor­mer geo­stra­te­gi­scher Bedeu­tung ist.

Stra­te­gie­spie­le

Wer in den 70er-Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts gebo­ren und sozia­li­siert wur­de, dürf­te, wenn er nicht voll­kom­men welt­fremd auf­ge­wach­sen ist, an dem Brett­spiel „Risi­ko“ kaum vor­bei­ge­kom­men sein. Jenes Stra­te­gie­spiel, in dem far­bi­ge Stein­chen die Armeen des jewei­li­gen Spie­lers sym­bo­li­sie­ren und des­sen Gewinn­ziel letzt­end­lich in der Erobe­rung der gesam­ten Welt besteht, ist ein nicht unwich­ti­ges Ele­ment in Stef­fen Kopetz­kys mehr als 700 Sei­ten umfas­sen­den Roman.

Zum einen gibt das Spiel dem Buch sei­nen Namen, zum ande­ren gibt es im Roman eine Grup­pe von Mili­tärs, die tat­säch­lich „Risi­ko“ spielt und auf die­se Wei­se auch dafür steht, welch unter­schied­li­che Sicht­wei­sen man auf einen Krieg haben kann: Für die­je­ni­gen, die ihn pla­nen, ist er ein Stra­te­gie­spiel. Für die­je­ni­gen, die ihn aus­füh­ren, ein Kampf um Leben und Tod.

Einer der Expe­di­ti­ons­teil­neh­mer ist der Prot­ago­nist des Romans: Funk­o­ber­maat Sebas­ti­an Stich­no­te liegt bei Aus­bruch des Krie­ges mit sei­nem Schiff, der SMS Bres­lau, vor der alba­ni­schen Küs­te. Stich­no­te ist ein hoch begab­ter Tech­ni­ker und ein intel­li­gen­ter und wacher Beob­ach­ter dazu. Er wird zunächst zum Freund und Ver­trau­ten von Wach­of­fi­zier Karl Dönitz, der ihn ein­führt in das, was man nur rau­nend „Das gro­ße Spiel“ nennt: „Risi­ko“.

Nach einer aben­teu­er­li­chen Flucht vor der eng­li­schen Mari­ne (und, nach einem Vor­fall in Alba­ni­en, auch vor den unbe­que­men Fra­gen der Poli­zei), lan­det Stich­no­te in Istan­bul, wo er der Nie­der­may­er­schen Afgha­ni­stan-Expe­di­ti­on als Fun­ker zuge­teilt wird. Das erklär­te und von Oppen­heim aus­ge­tüf­tel­te Ziel der Rei­se ist es, die poli­tisch zer­spreng­ten und in unzäh­li­ge Grup­pie­run­gen zer­fal­le­nen Ein­hei­mi­schen in einem Dschi­had, in einem hei­li­gen Krieg gegen die Eng­län­der zu ver­ei­nen und den deut­schen Kriegs­geg­ner so an meh­re­ren Fron­ten gleich­zei­tig auf­zu­rei­ben.

Anders aus­ge­drückt: Der Dschi­had ist, über­spitzt gesagt, eine deut­sche Erfin­dung. Zumin­dest war es der deut­sche Plan, das isla­mi­sche Radi­ka­li­sie­rungs­po­ten­zi­al zu nut­zen und die Lun­te, die in Afgha­ni­stan his­to­risch gelegt war, zu zün­den.

Hero­in und Coca-Cola

Kopetz­kys Roman funk­tio­niert wie ein Spie­gel, der poli­tisch-stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen des frü­hen 20. Jahr­hun­derts in die Wirk­lich­keit des frü­hen 21. Jahr­hun­derts zurück­wirft. Man lernt, und das ist kein Vor­wurf, son­dern ein gro­ßes Kom­pli­ment, eine gan­ze Men­ge in Risi­ko, und das mit gro­ßem Ver­gnü­gen und auch im Detail, von der Erfin­dung des Hero­ins oder des Coca-Colas bis hin zu einer zeit­ge­nös­si­schen Inter­pre­ta­ti­on der „Bie­ne Maja“.

Kopetz­ky betet sei­nen aus­ge­zeich­net recher­chier­ten Stoff nicht brav her­un­ter, son­dern umformt ihn ele­gant lite­ra­risch. Sebas­ti­an Stich­no­te ist ein Leser, und sei­ne Lek­tü­ren bil­den einen Echo­raum, in dem die Leit­mo­ti­ve des Romans in unter­schied­li­cher Laut­stär­ke wie­der­keh­ren. Ein Bei­spiel: Mehr­fach ist im Roman von Kurd Laß­witz’ Sci­ence-Fic­tion-Roman Auf zwei Pla­ne­ten die Rede; gleich­zei­tig ist im Roman Risi­ko selbst das Pro­blem der Ver­sor­gung mit Ener­gie und Roh­stof­fen ele­men­tar und schlägt wie­der­um eine Brü­cke in die von Kämp­fen um Res­sour­cen gezeich­ne­te Jetzt­zeit.

Kopetz­ky betreibt Geschichts­schrei­bung und Kul­tur­ge­schichts­schrei­bung zugleich; er setzt iro­ni­sche Refe­renz­punk­te zu den Aben­teu­er­erzäh­lun­gen eines Karl May und insze­niert dabei zugleich selbst einen Aben­teu­er­ro­man mit allen Schi­ka­nen: Es gibt eine Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen Stich­no­te und einer Schön­heit mit höchst eifer­süch­ti­gen Brü­dern; es gibt Agen­ten und Dop­pel­agen­ten, Spio­ne, Fol­te­run­gen, Mor­de, Grau­sam­kei­ten und über­ra­schen­de Wen­dun­gen; es gibt einen schwu­len Schwei­zer Jour­na­lis­ten, der aus Ver­liebt­heit zum Islam kon­ver­tiert und einen über­zeug­ten Sozia­lis­ten, der zum Waf­fen­händ­ler wird. Hin­ter all dem offen­ba­ren sich die Logik und die Mecha­nik eines Krie­ges: Es geht nicht um Hal­tun­gen, um Über­zeu­gun­gen und Ideo­lo­gien. Letzt­end­lich geht es um nack­te ter­ri­to­ria­le Inter­es­sen, um sonst nichts.

Risi­ko beginnt mit einem Cliff­han­ger; der Pro­log setzt kurz vor dem Ende der Erzäh­lung ein. Über 700 Sei­ten lässt sich dann stau­nend ver­fol­gen, wie es bis dort­hin kom­men konn­te. Und ganz zum Schluss hat Stef­fen Kopetz­ky sich gestat­tet, das Ende des Ers­ten Welt­krie­ges nicht nur ein wenig, son­dern ganz gewal­tig umzu­schrei­ben. Das ist die Frei­heit der Lite­ra­tur, die in Risi­ko ihr uto­pi­sches Poten­zi­al ent­fal­tet.

Ein deutsch­spra­chi­ger Geschichts- und Aben­teu­er­ro­man, unge­mein intel­li­gent und klug ver­zahnt mit der Gegen­wart, gera­de­zu hem­mungs­los unter­halt­sam und span­nend noch dazu. Wann fin­det man so etwas schon ein­mal?

* * *

Chris­toph Schrö­der, gebo­ren 1973, lebt als frei­er Autor und Jour­na­list in Frank­furt am Main. Er arbei­tet unter ande­rem für die Süd­deut­sche Zei­tung, die Zeit und den Deutsch­land­funk.

Stef­fen Kopetz­ky: Risi­ko.
Roman. Klett-Cot­ta, Stutt­gart 2015.
732 Sei­ten, € 24,95 (D) / € 25,70 (A).

Quel­le: Voll­text 2/2015

Online seit: 24. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 24. Jan. 2016