Equus f. przewalski

Eine Erzäh­lung von Cor­ne­lia Trav­nicek. „Mit wel­cher Freu­de Kol­le­ge Setz die­se Geschich­te lesen wür­de – hät­te er sie nur über­le­ben kön­nen.“

An die­sem Tag schritt die Abend­däm­me­rung gemäch­lich vor­an. Gera­de war sie dabei, sich über die weit­läu­fi­ge Wie­se hin­ter dem Hof zu legen, wäh­rend wir die Wei­de ent­lang gin­gen. Genau­er gesagt ging ich und Cle­mens Setz flat­ter­te, da sich der preis­ge­krön­te Autor in der Gestalt eines mit­tel­gro­ßen, grau-pin­ken Nacht­fal­ters zeig­te, auf des­sen beflü­gel­tem Kör­per­chen oben eben Set­zens Kopf saß. Der Schrift­stel­ler schien dar­an kei­nen Anstoß zu neh­men, er schwirr­te beschwingt durch das abneh­men­de Licht, mir immer ein Stück vor­aus.

Auch als men­schen­köp­fi­ges Insekt war der Kol­le­ge vol­ler erzäh­lens­wer­ter Minia­tu­ren, von Zeit zu Zeit spru­del­te es aus ihm her­aus, ange­regt von die­sem und jenem Gedan­ken, einem Bild, einem Geruch. „Wuss­test du“, begann er dann, und sei­ne Stim­me schien mir sei­ne übli­che Stim­me, nur ein fei­nes Lis­peln lag dar­in, ein wenig dün­ner war sie viel­leicht, ein biss­chen höher noch dazu.

Da erblick­te er auf der Wie­se ein Wie­sel, oder ein Frett­chen, ein mar­der­ar­ti­ges Tier jeden­falls, wir wuss­ten es nicht, wir waren jedoch Schrei­ben­de und kei­ne Bio­lo­gen, also gräm­ten wir uns nicht ob unse­rer Unwis­sen­heit was die Klas­si­fi­zie­rung des pel­zi­gen Dings anging, das die Vor­der­pfo­ten in die Luft geho­ben hat­te und in unse­re Rich­tung wit­ter­te. Setz, der Fal­ter, fand sofort Gefal­len an der Idee, das Tier zu füt­tern, also betra­ten wir die Wie­se.

In mei­ner Hosen­ta­sche fand ich zwei Kat­zenk­austan­gen, die dort wohl beim letz­ten Tier­arzt­be­such ver­ges­sen wor­den waren. Ich brach eine davon in Stück­chen, die ich in mei­ner hoh­len Hand bereit­hielt. Setz konn­te vor Freu­de die Höhe nicht hal­ten, er flü­gel­te auf und ab, und es ärger­te ihn, dass er dem, was er kur­zer­hand ein Wiett­chen getauft hat­te, in sei­ner der­zei­ti­gen Gestalt kei­ne Nah­rung anbie­ten konn­te. Die­ses fal­te­te erre­get die Pföt­chen inein­an­der, stand da wie ein klei­ner Minis­trant, der zum ers­ten  Mal die Glo­cken läu­ten darf. Ich wand­te mei­ne Hand­flä­che nach oben und prä­sen­tier­te die Stück­chen getrock­ne­ten Flei­sches. Das Schnäuz­chen zuck­te.

Das Geräusch von Hufen auf tro­cke­ner Erde und Gras­bü­scheln mach­te mich auf ein Pferd auf­merk­sam, das sich uns näher­te. Es hat­te sem­mel- bis bron­ze­far­be­nes Fell, einen schwar­zen Schweif und eine schwar­ze Stehmäh­ne und Strei­fen an den Bei­nen. Es war ein Takhi, ein Asia­ti­sches Urwild­pferd, in Euro­pa auch mit dem Bei­na­men Prze­wal­ski bekannt. Und es war schein­bar an mei­ner in Füt­te­rungs­ges­te aus­ge­streck­ten Hand inter­es­siert, reck­te den Hals und bläh­te die Nüs­tern.

In der Zwi­schen­zeit hat­te sich das Fre­sel ent­schie­den, mir zu ver­trau­en und, uner­war­tet pos­sier­lich, ein Lecker­chen mit sei­ner Pfo­te aus mei­ner Hand genom­men, dann noch eines, und begon­nen, sich das Fut­ter in die Backen zu schie­ben, als wäre es ein Hams­ter. Da kam mein Vater vor­bei, ich weiß nicht, wohin er unter­wegs war, er rief mir bloß zu, ich sol­le das Tier nicht füt­tern, ich kön­ne gebis­sen wer­den oder gar Schlim­me­res, wobei er das Schlim­me­re, das mir dro­hen könn­te, nicht näher aus­führ­te und ich hat­te, unter uns gesagt, auch kei­ne Vor­stel­lung davon, was so ein mar­der­ar­ti­ges Geschöpf mir Schlim­me­res antun woll­te, als mir die spit­zen klei­nen Zäh­ne in die Hand zu schla­gen. Dann ver­schwand mein Vater um die nächs­te Weg­bie­gung.

Von mei­nen tie­ri­schen und halb­tie­ri­schen Freun­den hat­te sich kei­ner von die­sem Zwi­schen­ruf stö­ren las­sen, Setz tau­mel­te durch die küh­ler wer­den­de Luft, das Pferd scharr­te, und wei­ter­hin ver­schwan­den Stü­cke der Kat­zen- kau­stan­ge aus mei­ner als Fut­ter­scha­le die­nen­den Hand. Da klopf­te das Takhi mehr­mals fest mit dem rech­ten Vor­der­huf auf den Boden, es warf den Kopf zurück, es schnaub­te, es schlug mit dem Schweif nach unsicht­ba­ren Flie­gen. Dann wie­der senk­te es den Kopf in die Gras­hal­me und blies Staub auf. Ich zer­brach die zwei­te Kau­stan­ge und bot auch die­se Stü­cke zur frei­en Ent­nah­me an.

Das Pferd stand nun genau hin­ter dem Abend­fal­ter, der mein Schrift­stel­ler­kol­le­ge Cle­mens J. Setz war, die­ser schweb­te genau vor des Pfer­des Nase, und als alles für einen Moment lang still war, mach­te das Pferd: Haps.

Es mach­te haps, und weg war Setz.

Ich und das Pelz­tier starr­ten fas­sungs­los das Pferd an. Das bleck­te die Zäh­ne, und ich wuss­te, hin­ter die­sen Bei­ßern gefan­gen war ein Best­sel­ler­au­tor.

„Wirst du wohl!“, schrie ich das Pferd an, aber das grins­te bloß. Also ließ ich fal­len, was ich hielt und umklam­mer­te flugs das Maul des fre­chen Takhis. Ich zog an sei­ner Ober­lip­pe, ich ver­such­te an sei­ner Unter­lip­pe Halt zu fin­den, ich bet­tel­te und fleh­te, es möge das Maul öff­nen, aber die Zahn­rei­hen blie­ben fest ver­schlos­sen, egal wie sehr ich zerr­te. Panisch fiel ich ihm um den Hals, scheu­end mach­te es einen Schritt zurück, ich ließ los,  sprang zur Sei­te und hieb ihm, einer plötz­li­chen Ein­ge­bung fol­gend, mit der Hand­flä­che eines auf die Flan­ken.

„Spuck ihn aus!“, brüll­te ich, das Pferd von vor­ne nach hin­ten abschrei­tend, und noch ein­mal: „Spuck! Ihn! Aus!“

Jedoch, in dem Moment, in dem ein Schlag auf den Arsch des Pfer­des klatsch­te, macht die­ses: Gulp.

Es mach­te also gulp und schluck­te.

Die­ser direk­te Nach­fah­re eines Urtie­res hat­te eben einen der aus­ge­zeich­nets­ten Schrift­stel­ler sei­ner Gene­ra­ti­on ver­schluckt und nicht ein­mal den Anstand, sich die Lip­pen zu lecken.

Aus rei­ner Ver­zweif­lung warf ich mich dem nicht all­zu groß­ge­wach­se­nen Pferd auf den Rücken, in der ehr­li­chen Absicht, einen Heim­lich-Hand­griff durch­zu­füh­ren, denn ein Autor die­ses For­ma­tes konn­te dem Tier ja nur im Hal­se ste­cken geblie­ben sein! Lei­der reich­ten mei­ne Arme nicht um den Brust­korb des Tie­res, und bei jedem Ver­such rutsch­te ich eher unele­gant seit­lich zu Boden.

Gera­de als ich zum wie­der­hol­ten Mal Anlauf auf das Pferd nahm, pack­te mich eine schwe­re Hand an der Schul­ter und riss mich her­um.

„Was tun Sie denn da!“

Die Fra­ge hat­te ein Aus­ru­fe­zei­chen, war also ein Vor­wurf.

„Das Pferd!“, gab ich zur Ant­wort, außer Atem.

„Ja, das ist ein wert­vol­les, unter Natur­schutz ste­hen­des Prze­wal­ski-Pferd, an dem Sie sich eben ver­grif­fen haben!“

„Das Wie­sel!“, stam­mel­te ich und woll­te auf die Stel­le im Gras zei­gen, aber da war nichts mehr.

„Wel­ches Wie­sel?“, woll­te der Mann, der zum fes­ten Griff an mei­ner Schul­ter gehör­te, dar­auf­hin wis­sen.

Ich fuhr fort, abwech­selnd auf das Pferd und die Gras­nar­be zu zei­gen, ich stand offen­sicht­lich unter Schock, aber das küm­mer­te den Mann wenig.

„Sie kom­men jetzt mit!“, wur­de mir befoh­len, und selt­sa­mer­wei­se gehorch­ten mei­ne Füße.

Am Hof sperr­te man mich in eine Sat­tel­kam­mer und ließ eine Rei­he offi­zi­ell drein­bli­cken­der Leu­te auf­mar­schie­ren, die mir nach­ein­an­der alle die glei­chen Fra­gen stell­ten, was ich auf der Wie­se zu suchen gehabt hät­te, wie­so ich durch die Umzäu­nung geklet­tert sei, was mich bewo­gen habe, das Pferd zu schla­gen, ob ich Reue zei­gen wür­de. Dazwi­schen erfolg­te eine Auf­zäh­lung aller mir zur Last geleg­ten Straf­ta­ten: Haus­frie­dens­bruch nach Para­graph 123 StGB, Tier­quä­le­rei nach Para­graph 222 StGB, Gefähr­li­che Dro­hung nach Para­graph 107 StGB (mit dem Aus­ruf „Ich hau’ dir aufs Maul, du gewis­sen­lo­ser Tram­pel!“, den der mich Abfüh­ren­de auf sich bezo­gen hat­te) und letzt­lich Dieb­stahl nach Para­graph 127 StGB, da man in mei­ner Tasche ein aus­ge­stopf­tes Zwerg­wie­sel gefun­den hat­te (mit der Bemer­kung: „Die­ses Wie­sel also!“), das ein­deu­tig der Gast­stu­be des Hof­la­dens zuge­ord­net wer­den konn­te.

„Reue?“, rief ich erstaunt, und die Offi­zi­el­len waren noch erstaun­ter.

Wie hät­te ich Reue emp­fin­den kön­nen bei die­ser unaus­sprech­li­chen Tat des Takh.

Genau das war aller­dings das Pro­blem, die Tat schien wirk­lich unaus­sprech­lich. Sooft ich den Mund öff­ne­te, um zu erzäh­len, was pas­siert war, fiel mir jemand ins Wort oder ich konn­te die rich­ti­gen dafür schlicht nicht fin­den.

Ein­mal nur gelang es mir, „Cle­mens Setz!“ her­vor­zu­sto­ßen, wor­auf­hin man mir erklär­te, ich hät­te wirk­lich kei­ner­lei Grün­de, den unbe­schol­te­nen Buch­au­tor, der an die­sem Tag eine Lesung in der Dorf­bi­blio­thek gehal­ten und sich danach in sein Frem­den­zim­mer zur Ruhe bege­ben hat­te, in die­se Sache mit hin­ein­zu­zie­hen.

End­lich ent­schloss ich mich, um Stift und Papier zu bit­ten, sag­te, ich wol­le mich gestän­dig zei­gen, ein schrift­li­ches Pro­to­koll anfer­ti­gen, den Vor­fall detail­ge­treu schil­dern.

Man brach­te mir das Gewünsch­te, in der Hoff­nung auf Erhel­lung.

Also begann ich zu schrei­ben: „An die­sem Tag schritt die Abend­däm­me­rung gemäch­lich vor­an …“ und dach­te mir dabei, mit wel­cher Freu­de Kol­le­ge Setz die­se Geschich­te lesen wür­de – hät­te er sie nur über­le­ben kön­nen.

 

* * *

Cor­ne­lia Trav­nicek, gebo­ren 1987, lebt in Nie­der­ös­ter­reich. Sie stu­dier­te Sino­lo­gie und Infor­ma­tik und arbei­tet als Rese­ar­cher in einem Zen­trum für Vir­tu­al Rea­li­ty und Visua­li­sie­rung. Zuletzt erschie­nen die Roman Chucks (DVA, 2012) und Jun­ge Hun­de (DVA, 2015) sowie den Gedicht­band min­des­tens einer der wei­ßen wale (Ver­lag Ber­ger, 2015). Die Ver­fil­mung von Chucks ist der­zeit im Kino zu sehen.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2015 (4. Dezem­ber 2015)
Online seit: 3. Febru­ar 2016

Online seit: 2. Febru­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 2. Feb. 2016