Wie aus einem Abschied ein Anfang wurde

Aus: Der Weg zurück von Johannes Dürr und Martin Prinz – Zweiter Teil.

Online seit: 15. Januar 2019

[..] Am nächsten Tag machten wir einen Plan. Es war ein Rennplan. Für ein wirkliches Ende musste er noch einmal trainieren. Wir planten seinen Abschied. Gezielt und ohne Kompromisse. Bis zum ersten Renntermin blieben gut sechs Wochen Zeit. Als Zeitspanne für Wettkampf-Training passte das genau. Dass ihm dieses Jahr große Teile des Basis-Trainings fehlten, änderte an diesem Vorhaben nichts. Als Grundlage der Tempotrainingseinheiten der kommenden Wochen musste er auf die Ausdauerbasis der vergangenen Jahre zurückgreifen. Auf ein Leben als Hochleistungssportler. Alles davon musste zum Abschied in die Waagschale.

Die Rennen für Jänner und Februar hatten wir innerhalb wenigerMinuten ausgesucht. Fix dabei der Dolomitenlauf als Volkslaufklassiker, ebenso der Koasalauf als Abschluss. Hinzu kamen mit dem Sprint und einer der Langstrecken der Tour de Ramsau sowie dem Tannheimer Ski-Trail Wettkämpfe, die wir in den Saisonen davor ausgelassen hatten. In der Ramsau sollte es Mitte Jänner losgehen. Weshalb in der unmittelbaren Vorbereitung ein ganz besonderer Ort nicht fehlen durfte. Die Ramsauer Pension „Erzherzog Johann“.

Sechs Wochen später, doch ähnlich übernächtigt wie am Ende unserer letzten Innsbrucker Arbeitsklausur, wurde ich im Jänner 2018 in einem ihrer durchgelegenen Betten munter. Eine knappe Woche Trainingslager sowie zwei Wettkämpfe standen uns bevor. Freitagabend der Sprintprolog der Tour de Ramsau, Samstag die 30 Kilometer klassisch für Johannes, Sonntag die 30 Kilometer Skating für mich.

Im ganzen Haus war es still. Ich horchte genauer, auch der Regen hatte aufgehört. Bis nach Mitternacht waren wir mit den Pensionswirten gesessen. Wie vertraut ihm dieser Ort und seine Menschen waren, hatte sich keinen Augenblick lang übersehen lassen. Auf einmal blitzte der unbeschwert spitzbübische Johannes wieder auf, der mir bei unserer ersten, so kurzen wie zufälligen Begegnung vor mittlerweile 18 Jahren aufgefallen war. Als er Jahre später zum regelmäßigen Gast, eigentlich zum Mitbewohner und Familienmitglied im „Erzherzog Johann“ wurde, hatte er sich bereits mitten in seiner gesundheitlichen Krise befunden. Doch der Gegensatz zwischen der so rigiden, ernsthaft eingehaltenen Diät und dem bubenhaft vorwitzigen Athleten hatte die Pensionswirte völlig entwaffnet. Bis heute konnten sie nicht glauben, wie wenig er damals essen durfte: Keine Milch, keine Nüsse, keine Äpfel, kein Weizenmehl, keine Eier!!

Da blieb nichts übrig zu essen, was noch als Essen zu bezeichnen war, doch er habe solches Nicht-Essen jeden Tag gegessen! Und sie hätten es ihm über ein Jahr lang an unzähligen Tagen zubereitet! Für keinen anderen hätten sie das gemacht. Natürlich, die Trainer hatten gebeten: Päppelt uns den auf! Obwohl die Ergebnisse nicht danach ausgesehen hatten, der junge Kerl wäre besonders, sagten sie, und könnte noch Ungeahntes vollbringen. Solche Versprechungen hätten jedoch nie und nimmer den Ausschlag gegeben. Ganz anderes hatte die Pensionsleute für ihn so eingenommen. Dafür hätten sie seine Erfolge ebenso wenig gebraucht, wie auch Sotschi, Doping und aller Skandal daran nicht rütteln konnten. Zu viel hatten sie inmitten des Hochleistungssports schon erlebt. Alle Herrlichkeit, Abgründe, Schmerzen und Triumphe.Wenig davon regte sie noch auf. Ihn jedoch hatten sie vermisst, und jetzt war er wieder hier. Das allein zählte, große Fragen brauchte es hier nicht. Dass er trainieren würde, war klar. Mehr mussten sie nicht wissen. […]

Es war Zeit aufzustehen. Johannes hatte für den Vormittag ein Loipentraining mit jenem jüngeren Ex-Nationalteamkollegen ausgemacht, der diesen Dezember zum ersten Mal in seiner Karriere unter die ersten fünfzehn des Weltcups gelaufen war. Ich sollte mitkommen und wusste, was mir bevorstand, obwohl sie ein langsames Training eingeplant hatten. Als er mir am Frühstückstisch mit glasigen Augen entgegenblickte, brauchte er nicht zu sagen, dass er das Vormittagstraining abgesagt hatte. Johannes konnte kaum sprechen, so sehr schmerzte sein Hals. Schlechter hätten Trainingslager und Auftakt zu den letzten Rennen nicht beginnen können. Ausweichmöglichkeiten ließen weder sein Dienstplan noch die Wochenenden mit seinem Sohn zu.

Doch an Ausweichmöglichkeiten dachten wir nicht. Egal, ob es nun, trotz nur langsam abflauender Krankheit, bereits der Nachmittag war oder der nächste Vormittag, dass er wieder auf Skiern stand, eines blieb davon unberührt: Wir waren in seinem Leben gelandet. Es war sein einziges. Ein anderes hatte er nicht. Noch nicht.

Vor dieser Tatsache gab es im „Erzherzog Johann“ kein Ausweichen mehr. Es ließ sich im Einzelnen nicht benennen, nicht zeigen. Es waren weder die von ihm als Hochleistungssportler erzählenden Pokale und Medaillen, es war nicht die Selbstverständlichkeit eines Trainingsalltags, in dem er trotz Krankheit sofort wieder aufging. Vor allem machte es klar, wie sehr wir einer Illusion nachhingen, glaubten wir tatsächlich, vom Übertritt in ein anderes Leben als bruchloser Alternative zu all dem zu erzählen, was Leben für ihn die längste Zeit in solch unerhörter Intensität bedeutet hatte. Taten wir das, indem wir am Ende unseres Buches einen Abschied von all dem anhand dieser vier ausgewählten Rennen inklusive der Vorbereitung erzählten, hieße das nicht viel anderes, als einer Spielfigur zuzusehen, die wie jenes italienische Strichmännchen auf eine Kante zugeht, danach von seiner Illusion weitergetragen wird, bevor es aufblickt, schreit und stürzt.

Bis wir hier angelangt waren, hatten wir daran geglaubt. Im Grunde war das seit Beginn unseres Buchprojekts der fixe Plan B. Wir waren mit der eindeutigen Absicht im „Erzherzog Johann“ angekommen, dass es den Hochleistungssportler Johannes Dürr nicht mehr geben sollte, und mussten realisieren, dass es wohl keinen einzigen Augenblick seit der Nacht von Sotschi gegeben hatte, in dem der Phantomschmerz seines früheren Lebens als Hochleistungssportler nicht greifbarer als jedes neue geblieben war. Solange sich das nicht änderte, war kein Ende greifbar.

Es war Mittwochabend. Untertags hatte er wieder trainiert. Ich sah ihm sofort an, wie selbstverständlich die Haut des Sportlers wieder an ihm saß. Trotz der gestundeten Zeit des Trainingslagers, des Wissens um den dahinter wartenden Berufsalltag. Das war seine Haut, sogar als Phantom war sie realer als alles andere. Er müsste ihrer einmal noch habhaft werden, um seiner selbst habhaft zu werden. Sonst blieb er sich womöglich nur als Geist übrig, der ihm selbst lediglich zum Verwechseln ähnlich sah.

© Insel Verlag Berlin 2019
Die weiteren Teile dieser Vorveröffentlichung erscheinen am 15., 17. und 18. Januar. Das Buch ist ab 21. Januar lieferbar.

 

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Lilienfeld auf und lebt heute als Schriftsteller in Wien. Er debütierte 2002 mit dem später von Benjamin Heisenberg verfilmten Roman Der Räuber. Zuletzt erschienen Über die Alpen (C. Bertelsmann, 2010), Die letzte Prinzessin (Insel, 2016) und Die unsichtbaren Seiten (Insel, 2018).

Johanes Dürr, geboren 1987, aufgewachsen mit sieben Geschwistern in Göstling an der Ybbs (Niederösterreich). Erster Skilanglaufwettkampf im Februar 2000, seit dem Abitur 2006 Profisportler. Bei den olympischen Spielen in Sotschi 2014 wurde Dürr positiv auf EPO getestet, von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und mit einer zweijährigen Dopingsperre belegt. Seit 2014 ist er hauptberuflich als Zollbeamter beschäftigt und arbeitet als Co-Autor mit Martin Prinz an dem Langzeitprojekt Der Weg zurück.

 

Johannes Dürr, Martin Prinz
Der Weg zurück. Eine Sporterzählung
Insel, Berlin 2019
350 Seiten, € 22 (D) / € 22,70 (A)

Das Buch erscheint am 21. Januar 2019