Von Ausnahmezustand zu Ausnahmezustand

Aus: Der Weg zurück von Johannes Dürr und Martin Prinz – Vierter Teil.

Online seit: 18. Januar 2019

Der letzte Augusttag. Das helle Grau eines Sees, einer Landschaft, das letzte Abendlicht im Nebel. Keine Welle an der Wasseroberfläche, leises Schwappen. Gegen die nebelfeuchte Kühle war das Wasser einladend warm. Die ersten Tempi, die eigenen Wellen verliefen sich in der glatten Weite, während der See in einem fernen Nebelweiß sich verlor, das den ganzen Körper ergriff.

Eine Stunde später war auch Johannes im Atterseer Haus von Mutter und Stiefvater angekommen und die Arbeit des Abends klar: Stockspitzen schleifen. Er besaß keine ungebrauchten mehr und der Wetterbericht prognostizierte Regen für das Gaisberg-Rennen oberhalb von Salzburg am nächsten Tag. Dort hielt er seit 2013 den Streckenrekord, nun wartete das Skiroller-Bergrennen als erster aussagekräftiger Vergleich mit der Europacup- und Weltcup-Mannschaft des ÖSV. Ohne geschärfte Stockspitzen brauchte er bei Nässe und Regen gar nicht an den Start zu gehen.

Seine Mutter hatte Zwetschkenknödel gekocht, wir aßen beide siebzehn Stück, für mich bedeutete das Rekord, für ihn einen Klacks. Danach schliffen wir an den Stockspitzen bis kurz vor Mitternacht. Die tauben Stellen an Daumen und Zeigefinger spürte ich noch viele Tage später, sobald ich den Bleistift zur Hand nahm, um einen weiteren Abschnitt unserer Geschichte zu schreiben. Beginnend gleich mit den unmittelbar nach dem Rennwochenende geschriebenen Seiten über die unerhörte Anspannung dieses Abends, der damit endete, dass wir ausgestreckt im Doppelbett des Gästezimmers unter den Decken lagen und über seine Angst vor einer Blamage am nächsten Tag sprachen. Zu dem Zeitpunkt fühlte er sich im Skating-Schritt noch alles andere als sicher. Hinzu kam, dass er im Unterschied zu den Konkurrenten den Tag vor dem Rennen nicht mit Regeneration und Aktivierung verbracht hatte, sondern über sieben Stunden lang im Auto gesessen war, um Noah vom jährlichen Urlaub mit seinen Geschwistern in Kärnten zurück nach Antholz zu bringen, bevor er von dort an den Attersee fuhr. Ich gab ihm angesichts seiner Sorgen zu bedenken, Grund, sich angesichts seines Starts vor einer Blamage zu fürchten, hatten viel eher alle anderen. Nicht nur, dass sie im Unterschied zu seiner lediglich fünfzigprozentigen Dienstbefreiung allesamt Vollprofis waren, hatten sie ihre Saisonvorbereitung doch eineinhalb Monate früher als er begonnen.

Während ihn das so weit beruhigt hatte, dass ich anhand seines Atems bald darauf sein Einschlafen merkte, kreisten meine Gedanken noch die halbe Nacht weiter. Im Unterschied zu ihm durfte ich auch die dunklen Sorgen zulassen, und das war nötig, nachdem in den vergangenen Wochen und Monaten der Optimismus oft genug die einzig uns verbliebene Kraft geblieben war. Was würden wir tun, fragte ich mich, wenn ihn nicht nur jene zwei, drei früheren Kollegen hinter sich ließen, die seit letzter Saison zur Weltklasse gehörten, sondern auch all die Europacup-Läufer, die sich eine Chance auf den vierten Staffelplatz bei der Weltmeisterschaft ausrechneten? Natürlich, es würde von den Rückständen abhängen, vom Zustandekommen einer solchen Niederlage, es ließ sich im Vorhinein nicht sagen, doch gerade deswegen hörten die Gedanken auch nicht auf, sich zu drehen. Weder im Wachen noch im kurzen Schlaf danach, so nahtlos gingen sie auch am Morgen weiter, stoppten nicht einmal, als der Startschuss gefallen war.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits meine Position auf der Zistelalm, dem einzigen Flachstück der Strecke, bezogen. Nebel saß am Berg, der Regen wurde minütlich stärker, letzte Betreuerwagen preschten vorbei, nun war die Strecke gesperrt. Minuten davor musste der Sturz passiert sein. Während mein Kopf erneut ein ums andere Mal abwog, wie viele der Konkurrenten abgesehen von den Weltcup-Läufern zu dem Zeitpunkt vor ihm sein durften, wie viel Gesamtrückstand noch akzeptabel wäre und ab wann man sich eingestehen müsste, dass so viel Training in so kurzer Zeit einfach zu viel gewesen sei, lag Johannes unten im Tal, unweit des Startbereichs, auf dem nassen Asphalt. Wie er später erzählte, war er mit Einlaufen und Aufwärmen beinahe fertig gewesen, hatte sich zwar auf den eigens für das Rennen von einem Freund geborgten Rollern unsicher gefühlt, machte gerade deshalb noch einen Sprint mehr. Dann reichte ein kleiner Stein auf der Straße, schon segelte er, konnte gerade noch die Stockgriffe loslassen, damit sie beim Aufprall nicht brachen, das Armband der Pulsuhr hingegen sprengte es auf der Stelle, die linke Hüfte schürfte es auf, geprellt hatte er sich nochmehr, doch diese Schmerzen kamen zeitverzögert erst nach dem Rennen. Wichtiger war in diesen Augenblicken, dass – bis er sich aufgerappelt, die Teile von Uhr und Armband eingesammelt und jemand in die Hand gedrückt hatte – keine Minuten mehr bis zum Start waren, sondern nur mehr Sekunden blieben. Und ihm lediglich noch ein Platz in der letzten Startreihe. Dieses Handicap war enorm. Denn aufgrund seines Nachholbedarfs an Tempotraining und der fehlenden Wettkampf-Dichte der vergangenen Jahre tat er sich beim Beschleunigen von null auf hundert Prozent noch schwerer, als dies bei ihm ohnedies stets der Fall gewesen war. Irgendwie musste er aber nach vorne, 71 Läufer waren am Start, um die Spitzenplätze kämpften höchstens 15 Athleten, zu ihnen musste er so schnell wie möglich Kontakt bekommen. Nicht einmal zehn Sekunden vor dem Startschuss hatte er sich hinten eingereiht, keine Zeit zum Durchatmen mehr, keine zum Nachdenken. Wäre er in den ersten Sekunden, den ersten Minuten in einen der im Pulk passierenden Stürze verwickelt worden, hätte ihn das die letzte Chance gekostet.

Zittrig fand ich erst während des Startens in die Stockschleifen, war völlig außer Atem. Vor mir das gesamte Starterfeld in Höchsttempo, ich versuchte in rasender Eile Lücken zu finden, konnte einem Stürzendem vor mir gerade noch ausweichen, indem ich ihm über den Stock fuhr. Nach einigen hundert Metern
hatte ich die Führenden vor mir …

Nichts davon ahnte ich im Nebel der Zistelalm. Ebenso wenig der seit kurzem zu unserem Mini-Team gehörende Physiotherapeut Christian Wachabauer. Er stand einen guten Kilometer nach dem Start mit den Reservestöcken bereit. Als das Feld ihn passierte, hatte Johannes bereits zur Spitzengruppe aufgeschlossen, hatte in weniger als drei Minuten über sechzig Läufer überholt, und durchlebte nun die schwersten Minuten des gesamten Rennens. Die Adrenalindosis von Sturz, Start und Aufholjagd war verbraucht. So stellte sich die Frage nach seiner Tempohärte noch unbarmherziger. Nicht nur dem Körper, sondern vor allem auch dem Kopf, der vorerst nur sagte: Das geht nicht! Das kann nicht gut gehen! Selbst bei seinen besten Rennen war das oft nicht anders gewesen. Damals jedoch fand ein solcher Protest des Kopfes stets innerhalb der vertrauten Automatismen der Grenzüberschreitung statt, in den blinden Selbstverständlichkeiten des Wettkampfathleten. All das fehlte ihm nun. Hinzu kam ein Ringen um die Technik, um Ökonomie und Effizienz bei jedem Schritt, jedem Abstoß. Mit dem Ergebnis einer sich steigernden Unzufriedenheit. Drei Saisonen mit immer weniger Skiroller-Training rächten sich. Immerhin erlaubte ihm die bald schwerer werdende Strecke, die den meisten anderen der Spitzengruppe zusetzte, Technikvarianten auszuprobieren, Fehler in Haltung, Dynamik und Abfolgen von Beinabstoß und Stockeinsätzen zu korrigieren. So undenkbar es auch war, zu reagieren, als Bernhard Tritscher und Max Hauke attackierten, alle anderen hatte er im Griff.

Für das Renngeschehen selbst war ich völlig blind. Der rutschige Asphalt und meine Technikdefizite brauchten meine gesamte Konzentration. Mir fiel gar nicht auf, dass hinter mir immer mehr Läufer zurückfielen …

Als er in der kleiner gewordenen Verfolgergruppe auftauchte, wirkte sein Gesicht, als würde er das Rennen und die anderen gar nicht richtig wahrnehmen. Er nahm sich sogar Zeit, die von mir sicherheitshalber gereichte Trinkflasche aufzunehmen. Alle anderen verzichteten aufgrund der nasskalten Bedingungen auf Verpflegung. Während Christian Hoffmann, der alte Olympiasieger, der immer schon Spezialist für Bergrennen gewesen war, genau in dem Moment seinen Angriff lancierte, in dem Johannes die Trinkflasche entgegennahm. Das genügte dem alten Haudegen, um wegzukommen. Johannes sollte ihn nicht mehr einholen, obwohl Hoffmann stets in Sichtweite blieb. Alle Übrigen hingegen ließ er hinter sich, das gesamte Europacup-Team. An den Defiziten in Sachen Technik und Tempohärte änderte das zwar nichts. Doch kaum mehr als zwei Monate nach der Trainingsumstellung waren Platzierung, Zeitrückstand sowie das dabei verspürte Potential eine positive Überraschung: Alle Konzentration konnte nun den verbleibenden drei Monaten Training bis zum Saisonauftakt gelten. Und zum ersten Mal hatte ich dabei das Gefühl, Zeit zu haben. Zum ersten Mal schien mir aufholbar, was noch fehlte.

Er war auf dem Weg zurück. Was das für Johannes selbst bedeutete, im Guten wie im Schlechten, im Bekannten wie Unbekannten, sollte sich in der verbleibenden Zeit Richtung Winter nirgendwo so deutlich wie in Oberhof zeigen. Mitte September war unser erster Aufenthalt dort. Damit begann auch eine stets im Zweiwochenabstand, jeweils Dienstagabend, unmittelbar nach seinen beiden Bürotagen, startende Serie fünftägiger Trainingslager, deren Ziel das Schneekilometer-Sammeln war: In Oberhof, mitten in den letzten, noch sommerlichen Septembertagen im Thüringerwald, ebensowie während jener beiden im Oktober anstehenden Aufenthalte in der Ramsau am Dachstein, auf die im November in Finnland noch der Feinschliff folgen sollte. Der dafür notwendige Schnee lag in Oberhof im Skitunnel, in der Ramsau war es der Gletscher, dessen Schneesicherheit jedoch im Herbst ebenso Jahr für Jahr abnahm, wie selbst der hohe Norden keine absolute Garantie auf frische Neuschnee-Loipen im November mehr bedeutete.

In Oberhof musste man sich darüber nicht sorgen. Als Skilangläufer stand einem in Oberhof alles zur Verfügung, was man im Sommer oder Herbst brauchte: nicht nur das auf minus vier Grad Celsius abgekühlte Röhrensystem auf den Abhängen zwischen Biathlon-Stadion und Rodel- und Bobbahn. In Oberhof gab es alles für den Sport. Zwei Skiroller-Rundkurse, eine Skiroller-Bergstrecke, Sportplätze, Laufbahnen, Kraftkammern, Waldwege, aber auch Sportgeschäfte mit allem nötigen Zubehör oder Equipment, Ski-Keller und Räume zum Skiwachsen in jedem noch so kleinen Quartier, dazu eine Fokussierung in Zusammenhang mit allen Bedürfnissen von Training und Sport, die nicht allein an der geballten Präsenz derart vieler Weltklasse-Athletinnen und Athleten lag, sondern auch an der von den Bewohnern Oberhofs gelebten Selbstverständlichkeit dafür.

Für Johannes war Oberhof zwar nie ein solches Zuhause wie die Ramsau gewesen, hier gab es keinen „Erzherzog Johann“, hier war er auch nie so oft und lang gewesen, doch die umfassende Professionalität des Ortes, die Lückenlosigkeit der Möglichkeiten zog ihn in den Bann wie eh und je. Wie viel ihm das einmal bedeutet hatte, ließ sich nicht einfach abtun, es musste aus ihm heraus, ohne Relativierungen. So deutlich ihm seit Sotschi auch geworden war, von welchen Scheuklappen ein solches Hochleistungssportler-Leben abhing, das bloß rationale Urteil darüber war ebenso zu wenig wie Schmerz, Verbitterung und Unglauben über alles, was ihn daran so begeistert hatte, was so lange sein Leben gewesen war. Es musste heraus aus den Tunnelgängen des Früher, so notwendig, wie er selbst aus alldem herausmusste. Logisch war das, nachvollziehbar. Trotzdem staunte ich.

Ich saß hinter den Aufbauten der Kameras im Dunkel. In der sorgfältig ausgeleuchteten Mitte war der Platz von Johannes. Ihm gegenüber, direkt hinter der Hauptkamera, Hajo Seppelt sowie in dessen Rücken ein zusätzlicher Redakteur. Eineinhalb Wochenenden davor, in Innsbruck, hatten wir uns mit Seppelt auf dieses Wagnis geeinigt. Entscheidend dafür war ein schonungsloser Blick darauf, was Hochleistungssport war, was dieser für Johannes einmal gewesen war und aus ihm gemacht hatte. Klarerweise musste es dabei um die Blase Hochleistungssport gehen. So bewusst ihm die Enge all dessen nun längst geworden war, wie klaustrophobisch sich der dafür notwendige Tunnelblick, der Grad an Härte und Ausschließlichkeit für ihn mittlerweile anfühlte, er trug vieles davon immer noch an sich. Ein Ort wie Oberhof genügte, und alte Selbstverständlichkeiten brachen sich wieder ihre Bahn. Nichts anderes geschah an diesem ersten Interviewnachmittag mit Seppelt und seinem TV-Team in dem abgedunkelten Seminarraum des Hotels „Thüringerschanze“ in Oberhof. Johannes saß im Licht der Raummitte und strahlte, denn er erzählte von früher und schilderte mit leuchtenden Augen davon, wie wichtig ihm als jungem Athleten alles gewesen war, was ihm einen Zuwachs an Professionalität versprochen hatte, wie leidenschaftlich er sich in Verbesserungsmöglichkeiten vertiefen konnte und wie viel Belohnung und Bestätigung ihm Trainingsaufenthalte an Orten bedeuteten, in denen sein Sport derart im Zentrum stand wie hier.

Kaum etwas davon wollte er an diesem ersten Interviewnachmittag relativieren. Mochte das gut oder schlecht sein, er war mit Leib und Seele Hochleistungssportler gewesen. Daran ließ sich nicht rütteln. Er verstand jeden, der es weiterhin war. Abends sagte er zu mir, er spüre all das immer noch in Leib und Seele, während er sich auf Schritt und Tritt dabei zusehe. Es sei beides, beides gleichzeitig. Nicht anders auch, wenn er im engen Umkleideraum des Skitunnels sitze, neben ihm Maurice Manificat, der in der Juniorenzeit fast ein Freund gewesen sei, und dieser sich auf der Stelle wegdrehe und aufstehe. So sehr ihn das schmerze, sogar in diesem Wegdrehen erkenne er sich wieder. Nur dass er vor seinem nunmehrigen Blick ebenso wenig flüchten konnte wie sich je wieder zurück in die frühere Haut retten.

Vom Skitunnel in den abgedunkelten Interviewraum und zurück in den Skitunnel. Das mochten zwei Welten sein, die für sich jeweils Ruhe bräuchten, während all das bereits in einfacher Addition zusammen mit den Mahlzeiten, der Präparierung der Skier und den Massagen des nachgereisten Physiotherapeuten Christian Wachabauer mehr Zeit benötigte, als jeder dieser Oberhof-Tage Stunden hatte. Von der Trainingskluft in die für die Interviews vor der Kamera gleichbleibende Kombination aus T-Shirt und Hose, dazwischen Duschen, Essen. Genauso wie vom Wegschauen und der Grußlosigkeit der anderen Athleten beim Training im Skitunnel zum Blick auf sich selbst. Vom Ausnahmezustand im Körper in jenen des eigenen Lebens.

© Insel Verlag Berlin 2019
Das Buch ist ab 21. Januar lieferbar.

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Lilienfeld auf und lebt heute als Schriftsteller in Wien. Er debütierte 2002 mit dem später von Benjamin Heisenberg verfilmten Roman Der Räuber. Zuletzt erschienen Über die Alpen (C. Bertelsmann, 2010), Die letzte Prinzessin (Insel, 2016) und Die unsichtbaren Seiten (Insel, 2018).

Johanes Dürr, geboren 1987, aufgewachsen mit sieben Geschwistern in Göstling an der Ybbs (Niederösterreich). Erster Skilanglaufwettkampf im Februar 2000, seit dem Abitur 2006 Profisportler. Bei den olympischen Spielen in Sotschi 2014 wurde Dürr positiv auf EPO getestet, von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und mit einer zweijährigen Dopingsperre belegt. Seit 2014 ist er hauptberuflich als Zollbeamter beschäftigt und arbeitet als Co-Autor mit Martin Prinz an dem Langzeitprojekt Der Weg zurück.

Johannes Dürr, Martin Prinz
Der Weg zurück. Eine Sporterzählung
Insel, Berlin 2019
350 Seiten, € 22 (D) / € 22,70 (A)

Das Buch erscheint am 21. Januar 2019.