Mitten im eigenen Körper

Aus: Der Weg zurück von Johannes Dürr und Martin Prinz – Dritter Teil.

Online seit: 17. Januar 2019

Ab dem 20. Juni hatte er zehn Tage Urlaub, danach wurde sein Dienst auf 50 Prozent reduziert. Johannes fuhr mit seiner Freundin nach Sardinien, Rennrad und Skiroller im Gepäck: Im Jänner hatten wir diese Tage noch als Urlaub gebucht, nun wurde das erste Trainingslager daraus. Auf der Insel kannte ich so gut wie jeden Meter, Rennradrunden, Skiroller-Bergstrecken. Viele Saisonvorbereitungen hatten mit einem ÖSV-Kader-kurs hier begonnen, auch in der Olympiasaison, seitdem war ich nie mehr auf der Insel gewesen.

Was ihn diesmal auf Sardinien empfing, war zuerst nur bleierne Müdigkeit. Die Nachtfahrt nach Italien war anstrengend gewesen, auch die Überfahrt mit der Fähre hatte wenig Schlaf gebracht. Doch das war ebenso wenig Grund für die Schwere wie das Trainingsprogramm selbst, in dem mit Trainingsplaner Manfred Zeilinger eigens Bedacht auf derartige Anstrengungen genommen worden war. In der Schwere lag vor allem jenes Durchatmen über all das Geschaffte, das im selben Moment auch bereits eine Anspannung darüber war, dass es nun erst richtig begann. Das Crowdfunding lag nach starkem Beginn bei knapp über 20000,– Euro, dass es in der Mitte der Laufzeit zäh vorangehen würde, davor waren wir gewarnt worden. Trotzdem war die Unsicherheit groß und tauchte, trotz aller Zuversicht, jeden Tag neu auf. Bei Johannes selbst kulminierte das alles mitten im eigenen Körper. Ohne diesen half selbst das größte Budget nichts, sein Körper war die Basis von allem. Je weniger davon ablenkte, umso direkter spürte er es.

Kein Vollzeitjob stand mir nun mehr im Weg. Ich hatte Urlaub, war im Trainingslager und hatte Monate vor mir, wie ich mir das so lange gewünscht hatte. Nun lag es an mir, nun lag alles an mir. Und gleichzeitig war ich Passagier.

Die Intensivierung des Trainings war eine Gratwanderung. Zum einen galt es an der Grundlagenausdauer zu arbeiten, die immer seine Stärke gewesen war, doch unter den Trainingslücken des letzten Jahres sicherlich gelitten hatte. Gleichzeitig war klar, welche Defizite es aufgrund des fehlenden spezifischen Trainings auf Skirollern, aber auch entsprechenden Krafttrainings in allen Bereichen zwischen Oberkörper und Rumpf gab, an den Schaltstellen der Kraftübertragung, deren Kräftigung Jahr für Jahr auch Anpassungen in der Schubtechnik mit sich brachte, die einen staunen machten. Diese beiden Trainingsziele mussten irgendwie unter einen Hut gebracht werden, und es brauchte alle planerische Sorgsamkeit Manfred Zeilingers einerseits und präzise, hellhörige Rückmeldungen von Johannes andererseits, um so viel wie möglich zu schaffen und dabei nicht in die Falle von Überlastung und Krankheit zu gehen. Denn eines war klar, jede Krankheit, die ihn mehr als nur ein paar Tage kostete, kippte die gesamte Saisonvorbereitung.

In den ersten Tagen auf Sardinien konnte Johannes kaum einen Schritt vor den anderen setzen.Trotzdem brach er sein Programm nicht ab. So schwer sein Körper war, etwas sagte ihm, er war nicht leer, er würde es schaffen, sein Körper ließe ihn jetzt nicht allein. Und tatsächlich wurde er nicht krank. Sein Immunsystem verkraftete sogar einen Magen-Darm-Infekt am Ende des Sardinien-Aufenthalts. Physiologisch war das erstaunlich, darüber hinaus vielleicht weit weniger. Zumindest im Rückblick fiel auf, dass die Trainingsschwere just ab dem Moment abfiel, da auch der Begriff Sünder nicht mehr allein als medialer Stempel an seiner Haut klebte. Ab dem Augenblick, da wir uns einfach entschieden, ihn selbst zu verwenden. […]

Nach der Rückkehr aus Sardinien blieb noch eine Woche Zeit, um die nötige Summe für einen erfolgreichen Crowdfunding-Abschluss zu schaffen. Zu dem Zeitpunkt fehlten noch 7000,– Euro auf unser Mindestziel. Nun galt es, einen Endspurt hinzulegen. Auf Skiern war das nicht unbedingt seine Stärke gewesen, diesmal entwickelte sich das anders, so viel wurde seit dem Brief seiner Mutter mit jedem Tag deutlicher. Mehrmals traten wir in dieser letzten Woche öffentlich auf. Stets spürbar dabei die offene Sympathie – und das sogar vor hartgesottenem Fußballpublikum wie jenem der Innsbrucker Live-Screenings der WM-Achtelfinalspiele. Immer wieder wurden wir dabei auch auf den ÖSV angesprochen.

In einem solchen Rahmen war noch schwerer zu veranschaulichen, dass Sensibilität und Bewusstsein im Umgang mit den medizinischen Möglichkeiten, ob erlaubten oder unerlaubten, weit früher beginnen müssten, um an der Dopingproblematik etwas zu ändern. Im persönlichen Gespräch gelang dies leichter. Dementsprechend allgemein versuchte Johannes dies in Beantwortung entsprechender Fragen auch am Abend der letzten öffentlichen Veranstaltung zu formulieren. Es handelte sich um die „Fuck-up-Night“ in Wattens. Hier stand er stärker als bei allen bisherigen Auftritten im Mittelpunkt, da noch nie ein Sportler im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe aufgetreten war, die es als Plattform für das Erzählen von den eigenen unternehmerischen Misserfolgen mittlerweile auf der ganzen Welt gab.

Ich war der zweite Redner. Noch kurz vor Beginn dachte ich mir, ich erzähle einfach meine Geschichte. Dann berichtete der erste Redner so pointiert von seinem Scheitern und heimste dafür unzählige Lacher ein, dass ich fürchtete, kein Wort herauszubringen. Denn Lustiges hatte ich nicht zu erzählen.

Ganz ruhig sprach Johannes auf der Bühne von seinem Scheitern, über seine unmäßigen Ansprüche, über Kontrollzwang, Unterwerfung jeglichen Privatlebens und den Tunnelblick einzig und allein auf das sportliche Ziel. Wir hatten uns vorgenommen, zu filmen und direkt via Facebook zu übertragen. Mir fiel das nicht leicht, so berührend klar beschrieb er, welcher Ausschließlichkeit man sich als Hochleistungssportler unterwarf, wie ungewohnt ihm so vieles in seinem Leben abseits des Hochleistungssports immer noch sei. Oft genug beobachte er sich bis heute dabei, wie wenig er die Grenzen anderer respektiere, sobald sich in Stresssituationen seine Mechanismen der Perfektion und des Absoluten immer noch blindlings einschalteten. So hatte ich ihn selten reden gehört und wusste nur zu gut, was er meinte, hatte es selbst nicht nur, sobald ein Renntermin näher rückte, sondern gerade auch in diesen Wochen an ihm erlebt. Natürlich kamen Fragen nach dem ÖSV, nach Mitwisserschaft. Erneut versuchte er den Beginn des Problems dort zu verorten, wo man als junger Athlet vor allem Aufklärung bräuchte, wann und warum diese oder jene Vitamin- oder Mineralstoffspritze gesetzt werden sollte. Oder wie sehr es verunsichere, wenn anstatt Aufklärung derartige Gaben sogar mit der Aura von Geheimnis umgeben wurden. Davon angemessen zu erzählen, so wurde es in diesen Momenten in Wattens deutlicher denn je, bräuchte einen ganzen Abend. Vermutlich sogar noch mehr, da auch andere Stimmen, andere Perspektiven notwendig wären. Wo Derartiges zusätzlich zu unserem Buch auch in notwendiger Breite geleistet werden könnte, lag auf der Hand – in jenem Medium, dessen vereinfachende Perspektive genau solche Differenziertheit meist ausblendete, das Fernsehen. Wirklich in Betracht zu ziehen blieb nur ein einziger Sender, die ARD, die sich als einzige Station eine eigene, unabhängige Doping-Redaktion leistete. Vorangetrieben von einem Mann: Hajo Seppelt.

Immer wieder war sein Name in unseren Gesprächen aufgetaucht, seit er das russische Staatsdoping rund um die Spiele von Sotschi aufgedeckt hatte. Die ersten beiden Medaillengewinner jenes Bewerbs, bei dem Johannes von einem Olympiasieg geträumt hatte, hatten nachträglich disqualifiziert werden müssen. Dazu eine Unzahl anderer Athleten. Hajo Seppelt war dabei in Bereiche der Manipulation vorgedrungen, die selbst Johannes nie in Betracht gezogen hätte, Seppelt hatte die Manipulierbarkeit der Dopingproben selbst bewiesen und gezeigt, in welchen Fällen das ganz gezielt geschehen war.

Seit wenigen Tagen standen wir mit ihm in direktem Kontakt. Dabei ging es nicht um die Dopingprobe von Johannes, deren unterschiedliche Werte immer noch ein Rätsel waren. Denn was immer mit der konkreten Probe von Johannes geschehen sein mochte, gedopt hatte er, daran gab es kein Rütteln. Und auch Seppelt interessierte etwas anderes. Keine Aufdeckergeschichte, sondern eine, die erzählte, wo der Weg ins Doping begann. Um diesen Punkt und um keinen anderen, so viel war bereits nach dem ersten Telefonat klar, ginge es beiden Seiten. Noch waren wir vorsichtig. Ein längeres Treffen stand bevor, war für den 20. Juli in Berlin ausgemacht. […]

© Insel Verlag Berlin 2019
Der letzte Teil dieser Vorveröffentlichung erscheint am 18. Januar. Das Buch ist ab 21. Januar lieferbar.

 

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Lilienfeld auf und lebt heute als Schriftsteller in Wien. Er debütierte 2002 mit dem später von Benjamin Heisenberg verfilmten Roman Der Räuber. Zuletzt erschienen Über die Alpen (C. Bertelsmann, 2010), Die letzte Prinzessin (Insel, 2016) und Die unsichtbaren Seiten (Insel, 2018).

Johanes Dürr, geboren 1987, aufgewachsen mit sieben Geschwistern in Göstling an der Ybbs (Niederösterreich). Erster Skilanglaufwettkampf im Februar 2000, seit dem Abitur 2006 Profisportler. Bei den olympischen Spielen in Sotschi 2014 wurde Dürr positiv auf EPO getestet, von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und mit einer zweijährigen Dopingsperre belegt. Seit 2014 ist er hauptberuflich als Zollbeamter beschäftigt und arbeitet als Co-Autor mit Martin Prinz an dem Langzeitprojekt Der Weg zurück.

 

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Johannes Dürr, Martin Prinz
Der Weg zurück. Eine Sporterzählung
Insel, Berlin 2019
350 Seiten, € 22 (D) / € 22,70 (A)

Das Buch erscheint am 21. Januar 2019