Am Totpunkt: Abschied von einem alten Ich

Aus: Der Weg zurück von Johannes Dürr und Martin Prinz – Erster Teil.

Online seit: 13. Januar 2019

Im Frühsommer 2017 lag Sotschi über drei Jahre zurück. Die Arbeit an unserem Buch dauerte zu diesem Zeitpunkt bereits zweieinhalb Jahre. Handgeschriebenes Material existierte genug. Notizen, Skizzen, in manchen Fällen sogar ganze Textpassagen wie zu unserer ersten gemeinsamen Trainingseinheit im November 2014 oder jene zu den gemeinsamen Sprungschritten über die Betonstufen des „Treibhauses“ hinauf, beides verbunden mit der deutlichen Ahnung, wie in dieser Bewegung der Schlüssel für alles noch zu Erzählende läge. […]

All das hatte eine Chronologie, und seit den ersten Treffen im Herbst 2014 wussten wir auch, auf welche Weise die Nacht von Sotschi nicht nur Dreh- und Angelpunkt jener Erzählung sein müsste, sondern ihr dunkles und gleichzeitig glühendes Herz. Alles da, nur eine Frage war offengeblieben, sie war es seit Sotschi, die Frage nach dem Wohin, sie war der Grundschlag. Und nichts von dem, was seit jenen Augenblicken geschehen war, in denen Johannes Dürr in Sotschi das Fenster in der siebenten Hoteletage wieder geschlossen hatte, konnte in den darauf folgenden drei Jahren diese Frage beantworten.

So konnte es nicht weitergehen, das war seit dem Frühling 2017 deutlich. Noch ein Sommer und Herbst einer Saisonvorbereitung, die doch wieder nur Ungenügen an den eigenen Idealen erzeugte, war unmöglich. Zu viele Gründe, von denen jeder allein genügte, um dem, was Hochleistungssport sein sollte, jegliche Basis in seinem Leben abzusprechen. Da war einerseits die Arbeit als selbständiger Betriebsprüfer beim Zoll, die ihn mehr und mehr herausforderte und in vielen Wochen weit über die 40 Stunden hinausging. Da war das weiterhin von Aufs und Abs gekennzeichnete Ringen mit Mirjam um die Möglichkeit seiner zweiwöchentlichen Vater-Sohn-Wochenenden, da war ein Einzelkämpfertum in allen Belangen, in denen Hochleistungssport ohne annähernd professionelles Umfeld faktisch undenkbar war, und da waren Müdigkeit, Erschöpfung und die Leere seines dreijährigen Versuches, sich mit solchen Unmöglichkeiten zumessen.

Zu seinem 30. Geburtstag im März 2017 hatten ihm Freunde ein Geschenk gemacht. Es bestand aus einer Reihe ausgewählter Kletter- und Skihochtouren sowie hochalpiner Sommerbesteigungen. Viele aus seinem Freundeskreis waren nicht nur ehemalige Leistungssportler, sondern erfahrene, gute Alpinisten, die sich über Jahre ihre Sehnsüchte nach dem Erlebnis physischer und psychischer Limits auf diese Weise erfüllten. Für einen wie Johannes sollte das, wie dies mit einem Begriff aus der Behandlung Suchtkranker benannt werden musste, Substitution sein. Der Zeitpunkt dafür hätte kein besserer sein können, für ihn war das tatsächlich ein Geschenk, die Chance, die darin lag, war ihm bewusst.

Natürlich trainierte er weiter, doch die Perspektive änderte sich. Das war neu. Und es tat ihm gut. So schwer die Routen waren, so herausfordernd jene Augenblicke, in denen sein Körper am Eispickel, den Spitzen der Steigeisen oder bei wärmerer Witterung immer öfter an den eigenen Fingerspitzen hing – die Ziele waren greif-, wie erreichbare. Sie trugen die Namen von Touren, Routen, Schwierigkeitsgraden oder Berggipfeln. Sie waren endlich keine Chimären mehr.

Ich hatte damit einen Anstoß, denn ich war wie eingesperrt. Das betraf selbst banale Momente, in denen ich manchmal bei einem Bier mit den Freunden die Freiheiten eines Lebens ohne Spitzensport zwar aufblitzen spürte, bevor mein altes Ich mich am Ende doch wieder für meine Nachlässigkeit rügte. Bei den Bergtouren war das in vielen Augenblicken anders. Als Daniel und ich etwa nachts auf der italienischen Seite des Matterhorns in Breuil-Cervinia ankamen, den Berg nicht sahen, doch seine Dimension im Nachtdunkel überall spürten.

Er genoss es, so viel wurde von Woche zu Woche deutlicher. So etwas hatte er gebraucht. In Fels, Eis und Schnee verschwand mit einem Schlag jenes Auseinanderklaffen innerer und äußerer Möglichkeiten, wie es im Skilanglaufen als Einzelkämpfer überall dort auftrat, wo man den tatsächlichen Grenzbereichen auch nur nahe kam. Das reizte ihn nun und er reizte es aus, in vielen Momenten ganz bewusst, in weit mehr unbewusst. Weshalb Augenblicke wie jener hunderte Meter hoch in der Wand des Langkofels kein Zufall waren, als auf einmal nicht allein der Griff brach, an den seine Hand in der Senkrechten sich gerade vorgetastet hatte, sondern ein armlanges Wandstück. Momente später hätte sich sein ganzer Körper daran halten sollen. Nun ging es nur mehr darum, auszuweichen und loszulassen. Doch der große Kletterrucksack mit dem aufgewickelten Seil zog ihn aus der Wand. Wie in Zeitlupe spürte er den ausbrechenden Felsteil, seinen nach hinten mitgehenden Arm, seinen sich zur Seite drehenden Körper, spürte genau den Totpunkt, in dem das Übergewicht begann, hielt sich noch mit dem anderen Arm, der anderen Hand, den Beinen und dem am Fels klebenden Schwerpunkt und hatte jenen Moment bereits erreicht, in dem einen jene Gewichtslosigkeit überkam, in der Kraft und Spannung nichts mehr halfen, sondern ins Leere gingen, da man kippte und fiel.

Er hatte den Totpunkt überlebt und erzählte mir davon in einem der Telefonate dieses Sommers, in dem wir die Einfügungen seiner Erinnerungen und Notizen in den entstehenden Erzähltext besprachen. Innerhalb von zweieinhalb Monaten wuchs das Manuskript von 12 Seiten auf 160. Wir erzählten die beiden Jahre der Sperre, ebenso wie jene schweren und oft genug aussichtslosen des Pfeifferschen Drüsenfiebers und des ihn jahrelang quälenden Übertrainingssyndroms. Überallhin begleitete ihn das wachsende Konvolut in diesen Wochen, ans Matterhorn ebenso wie zu den unterschiedlichen Kletterrouten in den Dolomiten. Dabei stellte das Erzählen Fragen, die umso eindringlicher waren, je weniger sie als Fragen kenntlich wurden. Es machte deutlich, dass es nicht darum ging, ob aus dem Skilangläufer ein Alpinbergsteiger oder Kletterer werden konnte, es wurde zu einem Spiegel, der sich von derartigen Verkleidungen auf keine falschen Fährten locken ließ.

Was immer ich in diesem Sommer tat, letztlich sah ich mich in alldem immer mehr als einer, der eines nie gekonnt hatte: Aufhören.

Je klarer das wurde, desto weniger sprachen wir es an. Zwei Mal saßen wir in diesem Herbst über mehrere Tage am Manuskript, einmal Anfang September, einmal Ende November. Chronologisch waren wir in der Erzählebene seiner Laufbahn Richtung Sotschi bis zu seiner Rückkehr in die Weltspitze gekommen, in dem direkt mit der Olympianacht einsetzenden Erzählstrang bis zum ersten Rennen nach Ablauf der Sperre. Nun feilten wir daran, vereinfachten, arbeiteten die uns wichtigen Konturen heraus und präzisierten Fakten. Über die verbleibenden sportlichen Perspektiven sprachen wir nicht. Im Unterschied zu all den Jahren davor, die gerade darin, wie sehr sich alles um den Sport, um das Training und die Wettkämpfe gedreht hatte, den entscheidenden Fragen immer auch ausgewichen waren, erlebte ich diese Herbstwochen alles andere als stumm.

Ob im September oder November, beide Arbeitsaufenthalte hatten eines gemeinsam: Jeden Abend saßen wir länger am Manuskript, aßen mehr Pizza, tranken mehr Bier. Gelang uns am ersten dieser Abende noch ein vernünftiges Ende vor Mitternacht, umso weniger gelang uns das stets an den zweiten oder dritten Tagen. So als gälte es, mit Pizza, Bier, Reden und Schreiben jenes Übergewicht zu erarbeiten, in dem eines auf einmal ganz leichtfiel. Das Loslassen.

Ende November, weit nach Mitternacht, war es so weit. Es ist vorbei, sagte Johannes. Es ist vorbei, sagten wir beide. Danach saßen wir noch ein, zwei Stunden, längst war der Morgen so nahe, dass sich die Viertelstunde Radfahrt in sein WG-Zimmer vor Bürobeginn nicht mehr auszahlte. Wir tranken noch ein Bier, lagen danach ausgestreckt im Hotelzimmer-Doppelbett nebeneinander und wussten, dass es den Skilangläufer Johannes Dürr, der er einmal gewesen war, nicht erst seit dieser Nacht nicht mehr gab, sondern seit einer ganz anderen. Loslassen konnte er ihn erst jetzt.

© Insel Verlag Berlin 2019
Die weiteren Teile dieser Vorveröffentlichung erscheinen am 15., 17. und 18. Januar. Das Buch ist ab 21. Januar lieferbar.

 

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Lilienfeld auf und lebt heute als Schriftsteller in Wien. Er debütierte 2002 mit dem später von Benjamin Heisenberg verfilmten Roman Der Räuber. Zuletzt erschienen Über die Alpen (C. Bertelsmann, 2010), Die letzte Prinzessin (Insel, 2016) und Die unsichtbaren Seiten (Insel, 2018).

Johanes Dürr, geboren 1987, aufgewachsen mit sieben Geschwistern in Göstling an der Ybbs (Niederösterreich). Erster Skilanglaufwettkampf im Februar 2000, seit dem Abitur 2006 Profisportler. Bei den olympischen Spielen in Sotschi 2014 wurde Dürr positiv auf EPO getestet, von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und mit einer zweijährigen Dopingsperre belegt. Seit 2014 ist er hauptberuflich als Zollbeamter beschäftigt und arbeitet als Co-Autor mit Martin Prinz an dem Langzeitprojekt Der Weg zurück.

 

Johannes Dürr, Martin Prinz
Der Weg zurück. Eine Sporterzählung
Insel, Berlin 2019
350 Seiten, € 22 (D) / € 22,70 (A)

Das Buch erscheint am 21. Januar 2019