Die Wirklichkeit schreiben

Etappe eins. Von Martin Prinz

Online seit: 22. Juni 2018
Johannes Dürr bei den Olympischen Spielen in Sotschi.
Vor dem Absturz: Johannes Dürr bei den Olympischen Spielen in Sotschi. Foto: NordicFocus

Seit 2014 bin ich mit dem Hochleistungssportler Johannes Dürr gemeinsam unterwegs und dokumentiere eine Geschichte, deren letztes Kapitel noch ungeschrieben ist. Sie beginnt in Sotschi, in der letzten Nacht der Olympiade 2014. Johannes Dürr hatte gerade sein Leben zerstört. Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 galt Johannes Dürr als Medaillenhoffnungsträger. Kurz davor wurde er bei einer Dopingkontrolle positiv auf EPO getestet. Markus Gandler, ÖSV-Sportdirektor, wetterte damals: „Mir tut es leid für die Mannschaft, dass wir so einen Schurken haben!“

Johannes Dürr wurde vom FIS für zwei Jahre gesperrt, vom ÖSV ausgeschlossen, er zahlte alle Preisgelder zurück, musste Strafzahlungen leisten, wurde angeklagt, sein Familienleben zerbrach, sein Leben gestaltete sich über weite Strecken prekär und auch nach Ende der Sperre wollte der ÖSV seine Rückkehr in den Leistungssport über eine Lizenz-Verweigerung blockieren. Bis heute stottert Dürr seine Schulden ab, bewohnt in Innsbruck, wo er beim Zoll arbeitet und eine Ausbildung zum Betriebsprüfer mit Auszeichnung abgeschlossen hat, aus Kostengründen seit 2014 in kleines WG-Zimmer.

Rise and Fall. Eine solche Geschichte als bloße Fallgeschichte aus der Welt des Hochleistungssports ist gleichzeitig eine, die von den wesentlichen Mechanismen und Motoren unserer Hochleistungsgesellschaft erzählt. Von Sehnsucht und Depression, von Träumen, von Lust, Getriebenheit, Autonomie, Selbstermächtigung und Überschätzung, von Rollenbildern, Projektionen, wie von Sportpolitik und Sportverbänden, Öffentlichkeit, Medien und Heldengläubigkeit. Es ist eine Fallgeschichte von Glück und Unglück, eine Fallgeschichte der Gegenwart selbst.

Die letzte Etappe dieser Geschichte beginnt nun mit einer so handfesten wie nah am Utopischen angesiedelten Frage: Kann es ein Berufstätiger ohne Verbandsunterstützung zur Ski-Weltmeisterschaft 2019 schaffen?

Dafür gründen wir beide diesen Sommer ein Team, das unabhängig und autonom von den üblichen Einflussfaktoren von Verbandsstrukturen und allen anderen Verquickungen aus Sport, Politik und Wirtschaft agieren kann. Um das notwendige Budget auf die Beine zu stellen, begann am 29. Mai eine Crowdfunding-Kampagne. Der momentane Stand und aktuelle Informationen sind unter www.derwegzurück.at und auf unserer Facebookseite (www.facebook.com/derwegzurueck.at) nachzulesen.

Johannes Dürr, Martin Prinz
Johannes Dürr und Martin Prinz. Foto: © Lukas Beck

Zwischen der Entwicklungskurve unseres Budgets, der medialen Berichterstattung, der Politik des in Österreich immer noch allmächtigen Skiverbandes und der Unwägbarkeit der sogenannten öffentlichen Meinung wird dieses letzte Kapitel geschrieben. In all dem stets am Körper des Athleten, den Triebkräften des Träumens, den Wänden von Widerstand, Verzweiflung oder einfach nur der Müdigkeit. Ein Erzählen haarscharf an jenem Grat des Möglichen und Unmöglichen, den die Sprache des Alltags aus Selbstschutz euphemistisch „Schnittstelle“ nennt.

„Die Wirklichkeit schreiben“ wird auf VOLLTEXT regelmäßig Blickfenster in diese Erzählung aus dem Heute öffnen. Anhand aktueller Geschehnisse oder Manuskriptausschnitte des im Jänner 2019, kurz vor der Weltmeisterschaft, im Insel Verlag unter dem Titel Der Weg des Glücks erscheinenden Buches von Johannes Dürr und mir.

 

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„Der Weg des Glücks“
Beginn des 1. Kapitels (Vorabdruck)

Von Johannes Dürr und Martin Prinz

Er hatte immer daran geglaubt, selbst in den harten, den schlimmen Stunden, dass einmal eine solche Nacht vor ihm läge. Die Nacht, in der ihn lediglich das Aufwachen vom Tag eines Olympiasieges trennte. Nun war sie da. In knapp elf Stunden startete der 50-Kilometer-Bewerb, Königsdisziplin der Skilangläufer und traditioneller Abschluss jeder Winterolympiade. Diesmal zählte auch sein Name zum Kreis der Favoriten, sogar in den nordischen Ländern wurde er mit Respekt genannt.

Er sollte jetzt schlafen, um gute Beine zu haben, die besten Beine. Lediglich Schlaf trennte ihn noch von dem Tag, der immer sein größtes Ziel gewesen war. Der Olympiasieg, kein unrealistischer Traum für einen wie ihn, der bereits als Jüngster bei den Junioren zur Weltspitze gezählt hatte. Über Jahre hatten ihn Bewunderung für sein Talent ebenso begleitet wie die Erwartung großer Siege. Danach Krankheiten, Krise und eine Aussichtslosigkeit, in der keine Spur früherer Selbstverständlichkeiten übrig geblieben war. Das Dunkle wie das Helle hatte er bereits erlebt, und selten das eine ohne das andere.  Jetzt fehlten nur mehr wenige Stunden, um die erste Runde jenes 50-Kilometer-Rennens in Angriff zu nehmen, das ihm aufgrund der langen schweren Anstiege wie kaum einem anderen auf den Leib geschnitten war. Wann, wenn nicht hier, wo ein Massensprint so gut wie ausgeschlossen war, sollte er wahrmachen, woran er auch während der ersten drei Jahre in der Herrenklasse geglaubt hatte, in denen er weitab jeglicher Weltspitze sogar in Österreich hinterher gelaufen war.

Er war vor dieser Nacht ruhig gewesen. Er hatte keine Angst, keine Nervosität verspürt. Selbst wenn er wenig schliefe, wie bereits in der Vornacht, wusste er, wie stark er war. Er würde das Rennen in seine Hand nehmen, wollte nichts dem Zufall überlassen, so wie er schon die gesamte bisherige Saison dem Zufall, der ihm in seiner Karriere auch in erfolgreichen Zeiten selten zur Seite gestanden war, möglichst wenig Spielraum geben hatte wollen. Früh und mit aller Macht würde er angreifen, sodass nur mehr die Ausdauerstärksten mitkämen. Wenn sie sich vorne einig blieben und das Feld nicht mehr aufholte, wusste er sicher, spätestens am letzten Anstieg auch die Fluchtgefährten hinter sich zu lassen.

Jetzt lag unendlich viel mehr vor ihm. Es war finster und er stand vor dem Bett eines leeren Zimmers. Anstatt in seinem Quartier im Olympischen Dorf befand er sich 7. Stockwerk eines Hotels. Alles, wovon er jemals geträumt hatte, war vorbei. Er hatte zu EPO gegriffen, zu einem spezifischen Präparat des klassischen Sauerstoff-Aufnahme-Dopingmittels. Seit dem Frühling vor dieser Olympiade hatte er das getan. Die Rückkehr in die Weltspitze hatte den Ausschlag gegeben. Nicht einfach nur Spitzenplätze waren seit dem Winter davor zum Greifen nahe, auch Siege, große Siege. Er hatte es für einen Olympiasieg getan. Er hatte sich immer dagegen gewehrt, doch er war Realist geworden. Er hatte es nicht blind getan, präzise um das Zeitfenster der Nachweisbarkeit gewusst. Sie betrug bei seinem Präparat wenige Stunden. Seit dem Frühling war er regelmäßig kontrolliert worden, wie alle anderen auch. Nahm er es abends ein, bestand selbst bei einer frühmorgendlichen Dopingprobe kein Risiko mehr. So war es auch vor zwei Wochen in Obertilliach gewesen, im Osttiroler Trainingslager vor der Olympiade. Trotzdem war dieser Test nun positiv, er verstand es nicht, doch es war egal, er hatte es sofort zugegeben, er schämte sich. Er hätte Doping bei sich nie für möglich gehalten, wie die meisten, wie vermutlich alle. Früher hatte er sogar Vitamin- oder Mineralstoffspritzen abgewehrt, es hatte ihn nur angewidert. Dann hatte auch er es getan, wie so viele andere auch. Wie weit mehr, als je bekannt wurde. Auch das war egal, ihn hatte es erwischt, da musste sich jeder Vergleich mit anderen verbieten. Es war vorbei. Alles. Und er schämte sich.

(…)

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Lilienfeld auf und lebt heute als Schriftsteller in Wien. Er debütierte 2002 mit dem später von Benjamin Heisenberg verfilmten Roman Der Räuber. Zuletzt erschienen Über die Alpen (C. Bertelsmann, 2010), Die letzte Prinzessin (Insel, 2016) und Die unsichtbaren Seiten (Insel, 2018).