Die Wirklichkeit schreiben – Etappe drei

Von Johannes Dürr und Martin Prinz

Online seit: 19.7.2018

Aus der Werkstatt eines Buches, dessen letztes Kapitel der so handfesten Frage gilt, ob es ein Berufstätiger wie Johannes Dürr zur Ski-Weltmeisterschaft 2019 schaffen kann. Eine Geschichte, die alle Höhen und Tiefen des Sports in sich trägt. Angetrieben von Sehnsucht und Depression, von Träumen, Getriebenheit, Autonomie und Überschätzung, von Rollenbildern und Projektionen. Eine Fallgeschichte der Gegenwart selbst.

Stand der Dinge:
Nachdem am 7. Juli die Crowdfunding-Kampagne auf www.derwegzurück.at erfolgreich abgeschlossen wurde, wird dieser Tage ein Team gegründet, wie es das in der Welt des Hochleistungssports noch nie gegeben hat. Unabhängig von Verbänden und den gängigen Verquickungen aus Sport, Politik und Wirtschaft, doch professionell, beginnt damit der Weg in Richtung der Nordischen Ski-WM 2019 in Seefeld.

Es ist ein Experiment, sein Ausgang ist offen. Auf VOLLTEXT wird regelmäßig von der Arbeit am Buch wie der Arbeit an der Wirklichkeit erzählt werden:

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Der Weg des Glücks
(Auszug aus dem im Jänner 2019 im Insel-Verlag erscheinenden Buch)

 Von Johannes Dürr und Martin Prinz

Jänner 2015. Ein Doppelbett, das Zimmer kaum größer. Links und rechts unser Gepäck, Tasche auf der einen, Koffer auf der anderen Seite, beides offen, in beiden Sportutensilien, links mehr als rechts. Der dazu gehörige Geruch hielt sich trotz gekippter Fenster, ich kannte ihn gut, obwohl es mehr als 20 Jahre her war, dass ich das letzte Mal während eines Trainingskurses ein Zimmer mit einem Kollegen geteilt hatte. Die Erinnerungen daran waren bereits in dem Moment aufgetaucht, als Johannes und ich am Vortag nur schnell unsere Sachen hier abluden, uns umzogen, um vor dem Abendessen noch eine Trainingseinheit zu schaffen: Der Geruch nasser Schuhe während der Mittagspause, mit Zeitungspapier ausgestopft auf der Heizung stehend, die unendliche Müdigkeit, mit der man nach dem Mittagessen jede Minute der Bettruhe regelrecht anhalten wollte. Und das für jeden tiefen Schlaf zu fest schlagende Herz, der Blutkreislauf bereits ganz im Reparaturmodus, während die innerhalb der ein- oder eineinhalbstündigen Pause nie austrocknenden Laufschuhe bereits warteten, einem nur im ersten Augenblick jene zweifelhafte Wärme vorzugaukeln, in der dann eine kalte Restfeuchtigkeit wartete, sobald man fröstelnd, mit leeren Gliedern und leerem Kopf, draußen die ersten Schritte gemacht hatte.

Martin Prinz - NotizbuchAuch hier hing ein Teil der Trainingskleidung vom Vortag an Kleiderbügeln zum Trocknen. Aus der Sporttasche von Johannes lugte ein altes Nationaltrikot, neben der Tasche eine Dose mit Eiweißkonzentrat sowie das Aufladegerät seine GPS-Pulsuhr. Auf den ersten Blick sah alles nach einem Trainingslager aus. Nur dass in diesem Frühstückspensionszimmer in Nauders, das uns von Sylvia Stecher, einer guten Bekannten von Johannes, kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, einer an einem winzigen Schreibtisch saß und schrieb. Die Geräusche des Bleistifts am Papier und Sätze über ein Zimmer in Russland sowie über einen, der damals schlafen hätte sollen, um gute Beine zu haben, stattdessen aber neben einem unangetasteten Bett in einem fremden Zimmer stand und wusste, dass alles vorbei war, alles, wovon er je geträumt hatte.

Draußen schneite es still. Für alles, was ein solches Trainingslager brauchte, war gesorgt. Wie an jedem der vier Tage, die wir Ende Jänner 2015 in Nauders verbrachten, waren wir auch am Vorabend zum Essen eingeladen gewesen. Jeden Abend sollte ein anderes Lokal ausgesucht werden, jedes Mal übernahm ein anderer aus dem Freundeskreis Sylvias, während sie uns nicht nur eines ihrer Frühstückspensionszimmer kostenlos überließ, sondern mittags auch vorgekochtes Essen bereitstellte. Zudem hatten wir von einem der Freunde, dem Arzt der Ortschaft, der mit seiner Frau ein kleines Gesundheits-Spa betrieb, die Schlüssel für Sauna und Kraftkammer bekommen, was vollends dafür sorgte, die Tage hier als richtiges Trainingslager bezeichnen zu können. Da fiel nicht einmal ins Gewicht, dass der Kollege, der sein Gepäck im Rollkoffer hatte, kein richtiger Trainings- oder Teamkollege war, sondern die Vormittagseinheiten ausließ, um über den Geruch in seiner Nase zu schreiben.

Die Schneeräumung fuhr mit einem Aufrauschen vorbei. Dann wieder Stille und das Fallen der Schneeflocken im Fensterausschnitt. Der Sportler auf der Loipe, der Schreiber vor dem Notizbuch. Die Sätze kamen leicht, fügten sich in unheimlicher Selbstverständlichkeit hintereinander: Es begann in der Nacht, in der alles endete. Wohin es führte, ließ sich nicht sagen. Zurück in den Weltcup, in die großen Stadien, auf die Podeste und die TV-Live-Übertragungen oder ganz woanders hin, in ein anderes Leben, ein neues Leben. An dem Vormittag in Nauders war das so offen und unabsehbar, wie es das an jedem Tag seit der dunklen Olympianacht gewesen war und noch über lange Strecken hinweg bleiben sollte.

Vielleicht fielen die Sätze auch deshalb so leicht, dachte ich mir an dem improvisierten Schreibtisch beim Blick in die Schneeflocken. Sätze einer solchen Geschichte mussten nur den Geschehnissen folgen, brauchten vorerst kein weiteres Ziel – wohin es sie auch blies, sie konnten sich fallen lassen. So fühlte es sich in diesem Schreiben an und so sollte es sich noch oft auf unheimliche Weise anfühlen, an dieser Geschichte arbeitend, die in unzähligen Momenten so perfekt ausgedacht wirkte, dass sie sich scheinbar wie von selbst fügte. Nur eine Fiktion konnte das normalerweise erfüllen. Was hier jedoch zu erzählen war, bedeutete das völlige Gegenteil, ragte doch unter jedem Geschehnis, jeder Frage, jeder Zeile, ein doppelter Boden namens Wirklichkeit hervor.

Ob es die immer noch drohende Gefängnisstrafe war oder der lebenslang ausgesprochene ÖSV-Ausschluss. Ganz zu schweigen von all jenen Rückschlägen, Verzögerungen und Kämpfen, die zu dem Zeitpunkt erst bevorstanden. Nicht einmal die unabdingbar nächsten Stationen wie der Abschluss des Gerichtsverfahrens, mögliche Gespräche mit dem ÖSV oder das Verstreichen der FIS-Sperre, konnten in diesem Winter auch nur annähernd jenen Halt geben, der in dunklen Momenten von einem Schritt zum nächsten half. Selbst wenn alles gut ging, war völlig offen, ob das meist allein absolvierte Training reichte, gar nicht zu reden, ob jenes Pensum, das er früher als Profisportler absolviert hatte, an den Tagesrändern eines normalen Berufsalltags überhaupt zu verkraften war: Im Körper, im Kopf, in der Seele, in Privat- und Familienleben. Darin war diese Reise eine blinde, seine, meine, unsere. Im Trainieren wie Erzählen, im Schreiben und im Leben.

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