Die Wirklichkeit schreiben – Etappe zwei

Von Johannes Dürr und Martin Prinz

Online seit: 1. Juli 2018
Johannes Dürr, Martin Prinz
Foto: © Martin Prinz

Man nennt sie Sünder. Begriffe wie Betrüger oder Schurke gehören zur Normalität, die Rufe nach lebenslänglichen Ausschlüssen, Sperren und Berufsverboten sind fraglos und selbstverständlich.

Ein Hochleistungssportler, der dopt, hat ab dem Moment seiner Preisgabe nur mehr eine Funktion: Alle Schuld auf sich zu nehmen, Betreuerstab, Sportverband, Ausrüster, Sponsoren, Medienpartner, Anzeigenkunden, Sportartikelhandel und Sportartikelhersteller, also im Grunde alle, von aller Verantwortung freizusprechen …

Was geschieht hier wirklich? Was blickt uns an, wenn wir leichthin vom Sport reden? Das Heute etwa, derart zur Kenntlichkeit verzerrt, dass man es besser wegschiebt?

„Die Wirklichkeit schreiben“ begleitet auf VOLLTEXT ein Buchprojekt, dessen letztes Kapitel nicht nur buchstäblich erst geschrieben wird, sondern auch in der Realität, bevor es im Jänner 2019 im INSEL-Verlag erscheinen wird.Mehr dazu unter:

www.derwegzurück.at
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„Der Weg des Glücks“
Auszug aus dem 2.  Kapitel (Vorabdruck)

Von Johannes Dürr und Martin Prinz

Zwei Wochen lang hatte Johannes nach der Olympiade 2014 seine Langlaufskier nicht angerührt. Er hatte, so erzählte er mir davon ein dreiviertel Jahr später, nicht einmal richtig darüber nachgedacht. Zu viel hatte es zu erledigen gegeben. Erste Termine beim Bundeskriminalamt, ein grobes Abklären seiner rechtlichen Situation, die schnelle Auswahl einer juristischen Vertretung sowie das Zurückgeben der Olympiakleidung, das Rückzahlen von Sponsorgeldern und alles sonst noch Anstehende, um reinen Tisch zu machen. In Antholz, wo er seit 2012 mit seiner Frau Mirjam ein Stockwerk im Haus der Schwiegereltern bewohnte, geisterten Journalisten herum, erkundigten sich in Geschäften nach ihm, fotografierten verstohlen das Haus der Familie. Am schlimmsten war das Telefon, erzählte er, das konnte ich wegen der Freunde und der Familie nicht abschalten. Ich war eine solche Situation nicht gewohnt, nahm jeden Anruf entgegen und konnte doch immer nur die selben Floskeln wiederholen … Eine österreichische Journalistin hinterließ eine Packung Spaghetti vor der Haustür mit einem Zettel ihrer Telefonnummer und selbst Qualitätsblätter fixierten sich auf seinen angeblich kometenhaften Aufstieg, da diese Behauptung das Bild seines Falles so zwingend einfach darstellte, dass es keiner weiteren Erklärung mehr bedurfte. Wozu angesichts dessen auch nur einen Blick in die internationalen Ergebnislisten seiner Jahre als Jugend- und Juniorenläufer werfen, wozu Fakten wie seine Europacupsiege, die WM-Medaille und eine Leistungskurve nennen, die sich so eklatant von jenem Bild des allein durch Doping hochgekommenen Betrügers unterschied, das Qualitätsmedien wie Billigblätter nun unisono zementierten.

Jeder Gedanke an seine Skier, an seinen Sport, war für ihn wie weggeblasen. Viel zu deutlich stand Johannes die von ihm angerichtete Zerstörung vor Augen. So viel hatte ihm dieser Sport bedeutet, weit über alles hinaus, was er als Bewegung, Karriere und Beruf für ihn war. Immer stärker hatte ihm die Vorstellung Ansporn bedeutet, dass aufgrund seiner Erfolge in einem so prototypischen Alpinskiland wie Österreich der eine oder die andere jenen Zauber zum ersten Mal erlebte, wenn Schnee, Skier und bloße Gewichtsverlagerung reichten, um auf ungeahnte Weise durch die Landschaft zu gleiten. Und jetzt hatte gerade er dafür gesorgt, dass sein Sport als eine Disziplin verächtlich gemacht wurde, in der es offenbar nur Betrüger weit brächten. Angesichts der Scham darüber erschien ihm sein Karriereende einfach nur gerecht, er spürte keinen Schmerz, nur die Schande. Mirjam hingegen ließ all das weit weniger los, immer wieder fragte sie ihn, ob es wirklich zu Ende sei. Sie, die in den voran gegangenen drei Jahren so oft das Training verflucht hatte, all die dafür notwendige Zeit. Doch nun spielte er lieber mit seinem Sohn, lag stundenlang bei ihm am Boden, turnte mit ihm herum. Für Noah hatte es Sotschi nicht gegeben und Johannes hielt sich an ihm fest. Niemand gab ihm in den ersten Tagen, den ersten Wochen, mehr Kraft als der knapp Einjährige. In dessen Welt gab es keine Öffentlichkeit, keine Karriere, keinen Leistungsdruck, keine Doppelbödigkeiten und keine Scheinmoral. Trotzdem würde Noah dem Geschehenen irgendwann begegnen. Ihm würde er vielleicht alles erzählen. Ihm, der noch kaum gehen konnte und ihn doch aufgefangen hatte.

Doch alles, was mochte das sein? Genügte es, keine Rücksicht mehr auf Sportverbände, Machtstrukturen, ökonomische Abhängigkeiten und jene Scheinmoral zu nehmen, die unverdrossen alles dafür tat, dem Produkt Sport jene Natürlichkeit zu erhalten, die Bedingung für seine Marktposition war. Was ließe sich davon erzählen? Und würde das tatsächlich alles sein? Auch in unser beider Gespräche war von Anfang an klar, wie groß die Begriffe in der Öffentlichkeit sofort wurden, sobald es um Doping ging, wie schnell und sicher die Urteile ausfielen: Doping war Betrug, Doper waren Betrüger, wurden gern Schwarze Schafe genannt, noch lieber Einzelfälle. Wie häufig derartige Einzelfälle waren, erfuhr man meist erst mit Zeitverzögerung, in Sicherheitsabstand zum aktuellen Geschehen. Dass man dabei womöglich nur der Spitze eines Eisbergs ansichtig wurde, galt bestenfalls als Ausrede jener, die eigenes Fehlverhalten relativieren wollten. Doch selbst im Grundsätzlichen wurde es nicht leichter. Es gab zwar ständig aktualisierte, offizielle Verbotslisten der Welt-Anti- Doping-Agentur. Gleichzeitig existierte keine grundsätzliche Definition, die Doping von medizinischer Unterstützung unterschied. Das galt in körperlicher Hinsicht ebenso wie dort, wo neuerdings angesichts versteckter Rennrad-Antriebsmotoren auch der Begriff des technischen Dopings kursierte. Keine Frage, ein Motor musste verboten sein, doch wo war die Grenze zur grundsätzlichen Suche nach technologischen Vorteilen, zur Tüftelei bezüglich neuer Materialien, ob es Rennräder, Skier oder Stöcke waren? Während für Gegenständliches eine Liste als Grobdefinition reichte, zielte sie am menschlichen Körper ins Unendliche. Wie definierte sich ehrliche Leistung, bis wohin reichte trainingswissenschaftliche, therapeutische, medizinische Betreuung, ab wann begann Doping tatsächlich? So eindeutig die regelmäßig ergänzten Listen der Welt-Anti-Doping-Agentur auch waren, grundsätzliche Frage wurde damit keine einzige beantwortet. Es wurde nicht einmal darüber geredet, weder in sportlicher Hinsicht, noch in gesundheits- oder gesellschaftspolitischer. Sobald es um Doping ging, landete man in einer Tabuzone. Menschen, die sonst mit Sport nicht das geringste anfingen, reagierten moralisch empört. Woher kam das? Welche wunden Stellen, die womöglich über den Sport hinausreichten, wurden dabei berührt? Manches ließ sich erahnen, doch nicht alles. In jedem Fall war es zuwenig für Antworten. Und für Johannes, gerade für ihn, bedeutete es eine ohnedies verbotene Diskussion. Einem Sünder, wie Doper genannt wurden, der seine Sünde selbst thematisierte, konnte es doch nur um Relativierung der Sünde gehen. Blieben deshalb wichtige Fragen in Zusammenhang mit Doping, selbst wenn ihn keine Abhängigkeiten, keine vertraglichen, ökonomischen, karrieretechnischen oder auch persönlichen mehr zurückhielten, auch bei ihm zwangsläufig unbeantwortet? Oder musste man einfach woanders beginnen? Nicht im Grundsätzlichen, sondern einfach am Beginn? Dort, wo Doping für ihn noch undenkbar gewesen war, doch der Sport bereits sein ganzes Leben.

(…)