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Ich bin in München geboren und dann weggegangen. Weil es meine eigene Schuld war, kann die Stadt nichts dafür. Ich hasse sie trotzdem. Als ich die Möglichkeit hatte, mich auf einem Bahnhof in einen gitarrespielenden Australier zu verlieben, bin ich ihm gefolgt. Geflogen. Bei der Ankunft war es heiß. Ich hatte einen Freund, der Tim Burnham hieß und dann einen Chris. Elf Monate lang habe ich mir beim Rumhängen zugesehen. Das war langweilig. Rückblickend kann ich mit Sicherheit behaupten, dass ohne diese entsetzliche Langeweile alles anders gekommen wäre. Vollständig anders. Unbeschreiblich. Ich weiß nicht wie. Gegenüber diesem zweiten möglichen Los bin und bleibe ich ahnungslos. Denn in meinem Leben ist ja nun mal dieser unerträgliche Zustand lange über mich hergefallen und hat mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Entwicklungen haben eingesetzt. Erfahrungen haben gewirkt. Logisch. Es kommt ja andauernd so. Dietmar Kamper sprach an der Freien Universität Berlin immer davon, „die Unmöglichkeit eines Begriffs vom Menschen begrifflich nachzuweisen“. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Erst ein nettes Studium (Europäische Ethnologie) an der Humboldt Universität und dann einen Beruf lang. Ich finde es bis heute schön, bei dem was ich tue, an Menschen denken zu können. Was für ein Luxus. Kultur ohne mit Bildung zu tun haben zu müssen. Kultur als Alltag, der Ort an dem wir alle zu Hause sind. Popularkultur. Das gefällt mir sehr. Weil viele Menschen viel fernsehen, treffe ich mich zum zugucken. Fernverstehsehen und Wissenszuwachs und Vergnügen und Unterhaltung. Je richtiger ich mit dem liege, was ich selber in einem Drehbuch schreibe, desto eher gibt es Geld. Das nenne ich „die gute Zeit“. Ich mag Menschen, die gerne ins Kino gehen und ich finde es interessant, jemanden – lassen wir es A. sein – kennen zu lernen, der nicht versteht, wieso es fürchterlich ist, dass der arme Hugh Grant in About a Boy Marcus und dessen Mutter zusehen muss, wie die beiden „killing me softly“ singen und dann auch noch auf dem Höhepunkt ihrer gefühlsstarken Vortragskunst die Augen schließen. A. versteht es nicht. Wieso lachen die Leute? Wieso leiden sie mit Hugh Grant? A. sieht mich fragend an. Ich weiß, dass er es wirklich nicht versteht und eine Erklärung möchte. Er ist neugierig. Ich sprachlos. A. sieht den Film mit anderen Augen. Die ganze Welt sieht er anders. Gerne würde ich die Geschichte eines jungen stotternden Mädchens erzählen, die mit ihrem Vater (oder Mutter) auf einer Insel lebt und es mag so wie es ist. Erst die Auseinandersetzung mit einem vorpubertärer Typ, der neu auf die Schule kommt und sich sofort das Mädchen mit den Sprachschwierigkeiten zum hänseln aussucht, bringt sie dazu ihre Idylle zu verlassen. Im weitesten Sinn möchte ich mit einer Hauptfigur zu tun haben, die mir am Ende vermittelt: ja, das war schon ein tolles Abenteuer in das ich da gestürzt wurde und auch wenn es nicht gestimmt hat, fand ich es okay, mich der Frage zu stellen, ob ich stottere, weil meine Eltern sich getrennt haben. Ich habe mich auch verliebt in diesen nervigen Typen, der überhaupt erst alles ins Rollen gebracht hat. Es war gut, aber es war jetzt auch nicht so der Aha-darum-geht-es-also-in-diesem- Leben-Effekt. |
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Freitag, 25. November 2011
Titelgeschichte: Die Geisterstadt
Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio
Sebalds Neger
Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte
Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner
Eigen, skurril, versponnen
Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor
„Du elender Hauseingang!“
Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen
„Rache ist ein schlechter Berater“
Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.
Dichter unter Hochdruck
Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner
Neulich
Andreas Maier dümpelt im Moorsee.
Grandioses Cartoon-Gespann
Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker
Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart
Lyrischer Moment
Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong
Siebzehn Stufen
Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein
Wie Literatur funktioniert
Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens
Das Fahrrad weiß mehr
Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.
„Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage
Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger
Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens
Sehr gepflegt, aber Perser!
Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure
Geld und Erlösung
Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz
Was kostet ein Broch?
Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel
Platzanweisung
Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike
Herr Jesus springt
Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub
Im Schatten der Mauer des Lebens
Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio