volltext.net

Mittwoch, 15. Juni 2005

Im weitesten Sinn

 

Ich bin in München geboren und dann weggegangen. Weil es meine eigene Schuld war, kann die Stadt nichts dafür. Ich hasse sie trotzdem. Als ich die Möglichkeit hatte, mich auf einem Bahnhof in einen gitarrespielenden Australier zu verlieben, bin ich ihm gefolgt. Geflogen. Bei der Ankunft war es heiß. Ich hatte einen Freund, der Tim Burnham hieß und dann einen Chris. Elf Monate lang habe ich mir beim Rumhängen zugesehen. Das war langweilig. Rückblickend kann ich mit Sicherheit behaupten, dass ohne diese entsetzliche Langeweile alles anders gekommen wäre. Vollständig anders. Unbeschreiblich. Ich weiß nicht wie. Gegenüber diesem zweiten möglichen Los bin und bleibe ich ahnungslos. Denn in meinem Leben ist ja nun mal dieser unerträgliche Zustand lange über mich hergefallen und hat mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Entwicklungen haben eingesetzt. Erfahrungen haben gewirkt. Logisch. Es kommt ja andauernd so. Dietmar Kamper sprach an der Freien Universität Berlin immer davon, „die Unmöglichkeit eines Begriffs vom Menschen begrifflich nachzuweisen“. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Erst ein nettes Studium (Europäische Ethnologie) an der Humboldt Universität und dann einen Beruf lang. Ich finde es bis heute schön, bei dem was ich tue, an Menschen denken zu können. Was für ein Luxus. Kultur ohne mit Bildung zu tun haben zu müssen. Kultur als Alltag, der Ort an dem wir alle zu Hause sind. Popularkultur. Das gefällt mir sehr. Weil viele Menschen viel fernsehen, treffe ich mich zum zugucken. Fernverstehsehen und Wissenszuwachs und Vergnügen und Unterhaltung. Je richtiger ich mit dem liege, was ich selber in einem Drehbuch schreibe, desto eher gibt es Geld. Das nenne ich „die gute Zeit“. Ich mag Menschen, die gerne ins Kino gehen und ich finde es interessant, jemanden – lassen wir es A. sein – kennen zu lernen, der nicht versteht, wieso es fürchterlich ist, dass der arme Hugh Grant in About a Boy Marcus und dessen Mutter zusehen muss, wie die beiden „killing me softly“ singen und dann auch noch auf dem Höhepunkt ihrer gefühlsstarken Vortragskunst die Augen schließen. A. versteht es nicht. Wieso lachen die Leute? Wieso leiden sie mit Hugh Grant? A. sieht mich fragend an. Ich weiß, dass er es wirklich nicht versteht und eine Erklärung möchte. Er ist neugierig. Ich sprachlos. A. sieht den Film mit anderen Augen. Die ganze Welt sieht er anders. Gerne würde ich die Geschichte eines jungen stotternden Mädchens erzählen, die mit ihrem Vater (oder Mutter) auf einer Insel lebt und es mag so wie es ist. Erst die Auseinandersetzung mit einem vorpubertärer Typ, der neu auf die Schule kommt und sich sofort das Mädchen mit den Sprachschwierigkeiten zum hänseln aussucht, bringt sie dazu ihre Idylle zu verlassen. Im weitesten Sinn möchte ich mit einer Hauptfigur zu tun haben, die mir am Ende vermittelt: ja, das war schon ein tolles Abenteuer in das ich da gestürzt wurde und auch wenn es nicht gestimmt hat, fand ich es okay, mich der Frage zu stellen, ob ich stottere, weil meine Eltern sich getrennt haben. Ich habe mich auch verliebt in diesen nervigen Typen, der überhaupt erst alles ins Rollen gebracht hat. Es war gut, aber es war jetzt auch nicht so der Aha-darum-geht-es-also-in-diesem- Leben-Effekt.

In meinem Kopf heißt diese Geschichte „Das schlaue Füchslein“. Auf kleinen gelben Zetteln kleben Wendepunkte und Szenenfolgen an der Wand. Mehr gibt es noch nicht. Ich darf und ich will nicht. Das schlaue Füchslein hat ein besonders Talent im Brachliegen entwickelt. Es schläft. Ich wecke es nicht. Nur manchmal muss ich mich darum kümmern und die kleinen gelben Zettel wieder festdrücken. Eine Geschichte zum Verschwenden. Eine, die übrig bleibt. Das Leben ist ja auch kein Kreis, der sich immer wunderbar schließt. Manche Blätter fallen von den Wänden und gehen verloren. Andere bleiben scheinbar auf ewig haften. Nicht mal heimliches Wegpusten hilft. Ignorieren dafür aber schon. Das nenne ich „die scheue Zeit“. Weil es schon meistens richtig ist, dass ein guter Film von vielen gemocht werden muss, schreibe ich weiter Exposés für die leichte Abendunterhaltung im Fernsehen. Manche Texte werden abgelehnt. Manche nicht. Es hat mit Glück zu tun wie weit man kommt. Auch mit Fleiß. Ich besitze viel von letzterem. Manchmal werde ich in die Knie gezwungen. Aber nur kurz. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich immer wieder aufstehe. Mir kann man alles an den Kopf werfen. Das Meiste prallt an dem, was ich „die anstrengende Zeit“ nenne, ab. Weil mir die Europäische Ethnologie beigebracht hat, lieber randständig als anständig zu sein. Eine praktische Lebenshaltung. Beinahe unkaputtbar. Dementsprechend denke ich mir einfach immer weiter Geschichten aus. Mit Menschen und Kultur im weitesten Sinn des Wortes. Weil ich glaube, dass ich ein glücklicher Ethnologe bin.



EVA VON SCHIRACH
Vorgeschlagen von Iris Radisch geboren 1968 in München, lebt in Berlin. Ich habe in Berlin mein Studium am netten Institut für Europäische Ethnologie abgeschlossen. Nachdem ich 1998/99 als Teil der dreiköpfigen deutschen Studiengruppe eine Untersuchung über Technik im Haushalt für das renommierte «Institute for the Future» in San Francisco präsentieren durfte, bin ich zügig zum Fernsehen gegangen und schließlich bei der Produktionsfirma ndF für zwei Jahre hängen geblieben. Ab 2002 konnte ich als selbstständige Drehbuchautorin TV-Movies im Auftrag eines deutschen Privatsenders verfassen. Derzeit habe ich verschiedene Exposés beim deutschen Privatfernsehen zu liegen.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Die wunderbare Welt der Einzelfische.In: Kursbuch, 156/2004. Heimat als Hose.In: Münchenbuch. Hrsg. Andreas Rüttenauer, Jörg Sundermeier. Verbrecher 2004. Stadt, Land, Tod.In: Kursbuch,159/2005.

 


<< zurück

    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio