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Mittwoch, 15. Juni 2005

Von den Himmeln

 

Auszug aus einer längeren Erzählung von Gabriele Petricek

Ende Oktober ist das Wetter schließlich schlecht genug für das Vorhaben. Heroben ist nichts mehr zu unterscheiden. Es schneit seit Tagen. Das ansonst schlüssige Bergpanorama ist zu einer liquiden, distanzenlosen Schemenwand versammelt, die kaum auf Armeslänge zu halten ist. Kein Oben, kein Unten herauszulösen. Stürzende Flocken schwirren aus dem Opalisieren der Sonneneinstrahlung, ein Graugelb, das den Nachmittag dürftig verleuchtet. Aus dem Flockenvolumen steigen Schneekristalle, spielen, verwirbeln, formen Gebilde, Chimären. Der Wind durchsaust sie, die Flockenbilder straucheln, wilde Federn, die nicht in ein Inlett sich füllen lassen. Dennoch fallen sie mit großem Ernst und Ausdauer und backen zusammen als geschlossenes Flockenheer, das die schartige Landschaft rundet. Auch im Flachland schneit es nun. Man kann Fenster in das Schneegetümmel schauen. Löcher herausgluren, in denen es anders ist, als im Real des sie umgebenden Hochgebirgsrands. Da ist unbändiges Licht. Tief und farbenvoll. Schwefelgelb und Brennrot, Komplementärgrün, Hirnviolett und Tannenschwarz. N. schließt die Augen. Würde sein Schauen vom Farbtreiben draußen abgleiten an die titanweißen Wände im Zimmer herinnen, er würde nichts mehr sehen und rote und weiße Punkte würden ihm in den geschwärzten Blick driften, weil das Schneeschauen ihm das Blut aus dem Kopf drückt, ihn zuweilen ohnmachtet. Heute hat N. wieder geschrieben. Wochenlang war es nicht gegangen. Das Schreiben macht nicht mehr viel Sinn. Er wird es aufgeben. Nicht gleich. Erst wenn er ganz gesund ist. Er fühlt sich schwach von der Lungenentzündung. Zu schwach noch um hinunterzugehen. Die Schwindsucht war der Sterbefaktor, der vor einem Jahrhundert hierorts Hochkonjunktur hatte und dieses Haus eine jener ehemals noblen Stätten, in denen ihm begegnet wurde: Entweder er wurde kuriert oder man tänzelte mit ihm zu Tode. Früher oder später ergab man sich ihm wohlbehalten in der dünnhäutigen abgesonderten Gemeinschaft Gleicherkrankter, die jedes Hüsteln, jedes Räuspern, jedes Fehlen im Speisesaal vermerkte und deutete. An der Lungenentzündung wollte N. nicht sterben. Das wäre ihm abgeschmackt erschienen, läppisch geradezu.

Sie haben ihn schreiben lassen. Es war die Bewegung des Schreibens mit dem Bleistift, zu der es ihn drängte. Er schreibt jeden Tag. Die Wörter und die Sätze bleiben ähnlich. Er schreibt auf, was sich die Tage ausmachen. Seine Aufzeichnungen sind ein sorgfältiges Journal beinah gleichbleibender Handlungen. Niemals ging es N. um das Erfinden einer Geschichte, stets nur um das Zeichnen der Lateinschrift, um das aufmerksame Üben der zusammengefügten Buchstaben mit den Spitzen, Kringeln und Rundungen, die schließlich Wörter ergeben. Wörter, die sich wiederholen, die ihm nichts bedeuten, nichts sagen, weil er sich ihrer entäußert, wie andere sich des gesprochenen Wortes entäußern, bloß um wieder einatmen und weiterreden zu können. N. schreibt, um zu schreiben, also um zu zeichnen. Er dokumentiert, ohne es zu beabsichtigen, das Alltägliche einer Nervenheilanstalt mit seinen unerheblichen Abweichungen, die ihn beunruhigen. Und denen er beikommt, indem er sie mit feingezeichneten Buchstaben festmacht. Es sind Texte des Unauffälligen, Bekundungen seiner Tage mit wenig Variation. Meist Spielarten nur, die das Wetter hervorbringt.

Stets hatte man ihm Papier gegeben, so viel er brauchte. Es gab Zeiten, da verlangte N. zehn, fünfzehn Hefte die Woche, wiewohl er diese Mengen nicht verbraucht hat. Anfangs hortete er die Hefte aus Angst, man könne sie ihm verweigern, stapelte sie unter seinem Bett. Die verbrauchten verwahrt er in seinem Schrank hinter der Wäsche. Schulhefte in A4 zu je vierundzwanzig Blatt, liniert. Das Linierte war wichtig. Linien, überhaupt gerade, die irgendwohin führen, beruhigen N. Diese zusammenhängenden, eindimensionalen, geometrischen Gebilde ohne Querausdehnung geben im Rückhalt. Doch vertraut er auch anderen Linien, gewundenen oder einer formgebenden. Die Linie findet N. schön. Genauso wie Bleistifte mit Graphitminen in H-Stärke. Am besten 4H, damit die Bleistiftschrift nicht verwischt, wie das bei weichen Minen häufig der Fall ist. Bei seiner Art des Schreibens würde er das mit einer weicheren Graphitmine Geschriebene im Weiterschreiben verwischen. Denn vom Beginn seines Dranges an, medizinisch Scriptomanie, das war, als er hier heraufkam, schreibt er doppelt verkehrt. Mit der rechten Hand beginnt er rechts. Und fährt entlang der obersten Linie nach links gegen das Zeilenende fort, um die Sätze in der Zeile darunter auf die gleiche Weise weiterzuführen. Satz um Satz hängt er so die Wörter verkehrt auf die Linen. Sie hängen dort wie Fledermäuse. Spiegelschrift ist es nicht.

Seine Schreibweise, bei der die Buchstabenköpfe nach unten hängen und die Wortenden gegen links laufen, birgt eine Lesweise, nämlich die normale, wird das Heft um hundertachtzig Grad gedreht. Gelesen von links oben und nach rechts laufend bleibt jede Zeile eine Binnenschrift im Textganzen und erzählt etwas Unwirkliches oder bleibt unverständlich. Seit langem gleiten N. seine Buchstaben geradezu fluidal aus der anfangs ungelenken, umdenkenden Handbewegung. Er hatte sich entschlossen doppelt verkehrt zu schreiben, weil ihm die normale rechtslaufende Handschrift bald ins Unleserliche verschliddert war. Oberlängen, Unterlängen, gewisse Buchstabenkombinationen und Wortendungen im Schriftbild verschliffen zu Arabesken, Graphe und großzügigen Kürzel und diese Ornamentalik beeinträchtigte die Lesbarkeit der Sätze. Auch aber, weil sich in der üblichen Schreibweise seine Sätze verkompliziert hätten, und er in seinem Leben etwas brauchte, was simpel war. Und, womöglich wäre ein richtiges Werk daraus geworden, hätte er seinen Wörtern und Sätzen gestattet, zu Geschichten sich zu entwickeln. So freilich schreibt er einfache Sätze, immer zu entziffern. Seine Methodik, die Buchstaben wie Strickwerk von Stricknadeln hängen zu lassen, sieht aus wie die mühselige Handarbeit eines Alphabetschülers.

N. ist noch nicht alt. Zudem prägten sich seinem Gesicht zehn, zwölf Jahre weniger ein, als die real gelebten. Bei der heutzutage anzunehmenden durchschnittlichen Lebenserwartung von achtundsiebzig Jahren bei Männern in Europa bleibt ihm gegen diesen versicherungsmathematischen Zeitwert hin noch ein Vierteljahrhundert. Genauso viele Jahre hat er hier oben bereits verbracht. Eine Art Halbwertszeit. Aber wer weiß, wie weit seine Lebenszeit über die Sterbetafel der Versicherungen hinausragen würde. Er war nie wieder unten gewesen. Nie mehr bei den Flachländern, die ihm fern geworden sind. Längst kappte er die Linie, die er zu ihnen hatte und sie kommen ihm nun vor, als leben sie in einer zweidimensionalen Welt, in der alles flach ist. Das Atmen ebenso, wie das Schauen, wie das Schreiben, wie das Gehen, wie das Hören. Das Fehlen der dritten Dimension, die in seiner Vorstellung nicht die letzte ist, in den Knöchelzonen der Erde, führt N. auf die, für einen Hochgebirgler, der er rasch geworden war, extrem dicke Luft dort unten zurück.

Die sauerstoffarme Bergluft hat den Schreibdrang ursprünglich ausgelöst. Daß dieser in den letzten Monaten nachgelassen hatte, beunruhigte ihn, bis ihm klar war, dieses Auslassen bringt eine Veränderung mit sich, die er verstehen müsste, um ihr gerecht zu werden. Die Schreibwut war ihm unmerklich abhanden gekommen. Anfangs verlegte er Bleistifte, später vergaß er neues Schreibmaterial anzufordern. Die Lungenentzündung war das Menetekel seiner Metamorphose. Hatte er sich noch in den Bleistiftdienst gezwungen und seine Schreibration in täglicher strenger Disziplin erledigt, so verhalf ihm die Pneumologie sich ihr zu entheben. Sie hätte ihn um weniges auch der Pflicht des Atmens entledigt. Unter der Schwierigkeit zu Atmen verstand N., dass ihm sein Atem nicht mehr aufgefallen war, wie ihm das Schreiben nicht mehr aufgefallen war. Er begriff schließlich, ein wesenloser Automatismus hatte sich seiner peripheren Existenz bemächtigt, was durch die Allgegenwart des ihn und seine Mitpatienten umsorgenden Personals, dem es oblag, die Tagesabläufe so ident wie möglich zu halten und Absonderlichkeiten keinen Raum zu lassen, zur absoluten Perfektion gebracht worden war. Vielleicht lebte er nicht mehr. Doch schrieb er noch. Der ideale Schriftsteller ist derjenige, der, stets schreibend, kein einziges Werk hinterlässt. Diese Idee erhellte ihn, als er in den ängstlich verfallenen Gesichtsausdruck Sterbender hineinsank. N. genas. Schrieb wieder. Es war nicht wie früher, er zwang sich dazu. Etwas Undefinierbares beschäftigte ihn zunehmend. Führte ihn von Bleistiften und Heften weg. Es zieht ihn ins Flachland. Er will gehen. Gehen wie früher. Den Rhythmus wieder aufnehmen, der von Schritten bestimmt war. Schritte des ständigen Gewahrseins. Lange, vorgegebene Gänge der forschen, erforschenden Bereitschaft. Schritte, die hörten. Diesen Schritten hängt der Schwellengeher nach, der er war, während er studierte, damals ging er vor allem im Sommer, immer dann, wenn seine Malerei den Mann nicht ernährte. Heute wären seine Bilder weitestgehend unbezahlbar, ist sich N. sicher.

Als er im Flachland ging, Kilometer um Kilometer prüfend mit dem Hammer Schwellen beschlagend zurücklegte, horchend ob die Verschraubungen fest saßen, fiel ihm auf, dass er außer seinen Schritten auf den Gleisen nichts hinterließ. Keine Artefakte. Nichts, was auf ihn verwies. Oder nur kurze Zeit, höchstens bis es wärmer wurde, wenn Raureif oder Schnee lagen. Und dennoch war N. von der Art und Weise der immer gleich unrunden Schrittbewegung sattsam begnügt. Zufrieden gestellt, als habe er Einzigartiges hervorgebracht, ja die jeweilige Strecke erst festgelegt durch sein Gehen darauf. Ins Unendlich gedachte Linien, Parallellen eigentlich, aus Eisen, zwischen denen N. auf teerduftenden Holzschwellen seinen holprigen Gang abwickelte, der erst die Bahnlinien in die Landschaft ausrollte wie einen grob gewebten Teppich. Worauf er königliche Korridore schritt — in das Grün der Wiesen, Gold des Korns, Rot des Mohns, Gelb der Sonnenblumen, Gelb des Raps, ins Schwarz der Wälder.



GABRIELE PETRICEK
Vorgeschlagen von Burkhard Spinnen
geboren 1957 in Krems, lebt in Wien. Ausbildung zur Mode-Designerin und Damenkleidermacherin, später Marketingassistentin und freie Journalistin für Mode, bildende Kunst und Architektur. Arbeitet als Schriftstellerin, Kulturpublizistin, Modeberaterin. Mitglied der Grazer Autorenversammlung.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Zimmerflucht.In: .txtour. Hrsg. Semier Insayif u.a. Haymon 2001. Das Eiszimmer. In: Anthologie aller bisheriger Hans Weigel-StipendiatInnen des Landes Niederösterreich.Literaturedition Niederösterreich 2004. Die Erzählungen Zimmerfluchtenerscheinen im August 2005 in der Literaturedition Niederösterreich.

Auszeichnungen (Auswahl)
Theodor Körner-Preis 1995. Hans Weigel-Literaturstipendium des Landes Niederösterreich 1999/00. Stipendium des Landes Niederösterreich in Paliano (I) 2004. Staatsstipendium für Literatur des Bundeskanzleramts 2002/03, 2003/04.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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