volltext.net

Donnerstag, 16. Juni 2005

Textalltag

 

Vom Fortschreiben

Das, womit ich mich in meinem aktuellen Schreiben beschäftige, geht zurück auf und hat immer noch zu tun mit einem älteren Text, „Gobi“, unvollendet, fragmentarisch, lückenhaft. Ein Text, der wie eine Erzählung anfängt, jedoch wird schnell deutlich, dass er weniger eine Geschichte als einzelne, kurze zeitliche Abläufe der Einförmigkeit und Vielfalt des Alltags aufbaut. Nicht durch die Betonung und Konstruktion von Zusammenhang wird erzählt, sondern durch das Herausheben wechselnder Momente, die nicht von einem Plot geordnet werden – es ergeben sich Zusammenhänge und Fortführungen, aber genauso bleibt alles, jedes Stück beschriebener Zeit, abgesondert für sich, als einmalig und höchstens nachträglich in Beziehung zu Setzendes. So wird eine Fiktion des Alltags aufgebaut, der als immer gleich und doch dauernd verschieden erfahren wird:

*

Zeit ist immer einfach nur da. Vielleicht ist es schlecht, sie zu kennen. Vielleicht ist sie etwas, das nicht zu unserer Wahrnehmung passt – oder zu unseren Gefühlen. Eine große Bilderordnerin. Sie schießen die lang gewachsenen Eiszapfen von den Dachrinnen. Es ist kalt bis ins Innere der Nasen und sie warten weit in der Früh auf den Bus, der sie zur Schule bringt. Schnee, aus dem sich kaum Wurfbälle formen lassen, nur in der Bewegung Zerstäubendes. Wie eiskalter Sand. Der einsame Weg zur Haltestelle war eine Expedition. Die zusammen verwartete knappe Stunde vergeht gut in den Kältespielen. Langsam rollt ein roter, alter Mercedes vor ihnen aus. Der gewohnte Busfahrer steigt aus und schickt sie heim, der Bus könne heute nicht fahren, mit seinem Tank voll versulztem Diesel.

Schwereloser Schlaf der Astronauten. Die Arme stehen vom Körper ab, bleiben nicht auf der Decke liegen. Wie Anrufungen, Zeitentfernung, oder wieder wie Embryonen, schwebend in der Fruchtblase. In der Nacht ausgestrahlte Archivbilder.

Das Telefon klingelte. Eine Männerstimme, die seinen Vormieter sprechen wollte. Er suchte die Nummer heraus und sprach sie durch den Hörer, wiederholte sie noch einmal. Er wohnte jetzt schon lange hier, aber immer noch kam es vor, dass irgendjemand denjenigen hier vermutete, der vor ihm hier gewohnt hatte. Zum ersten Mal kam ihm eine leichte Verwunderung darüber, dass noch nie eine Stimme am Apparat war, die den Vormieter des Vormieters verlangt hatte. Manchmal waren die Anrufer so verblüfft, als könne er erst seit höchstens einer Woche ausgezogen sein.

Werbeprospekte im Briefkasten. Autoersatzteile. Die Speisekarte eines Pizzaheimservices auf gelbem Papier. Glänzende Versprechungen einer Lotterie, vorne klebt eine Münze darauf. Ein Tafelservice gratis zur billigen Tagesbusfahrt – nur aufstehen muss man früh.

Die Wolken laden den Tag mit Spannung auf. Ein Tag des Himmels. Ein großes Picknick im Garten eines Freundes. Man hat sich zusammengefunden. Ab heute hat er Urlaub. Morgen fährt er weiter. Man probiert die Brillen aus. Blicke zur Sonne. Langsam wirkt sie etwas angefressen. Man trinkt, isst, unterhält sich. Nur ab und zu schaut man hinauf. Dann treiben wieder Wolken zwischen das Bild. Noch ist Zeit. Die Sonne in Mondgestalt. Sonnensichel. Und dennoch hat er es sich besonderer erwartet, anders vorgestellt. Die Sichelgestalt war abzusehen – sie ändert nicht viel. Im Haus läuft der Fernseher, überträgt das Bild fadenscheinig. In den Stadien der Städte haben sich die Menschen versammelt, als sähe man in der Menge besser. Die Sonne wird schmäler, ohne dass es merklich dunkler wird. Nun steht man schon meist. Oberhalb des Hauses gibt es eine weitläufige Wiese, von der man nach allen Seiten ins Land hineinschauen kann. Zusammen steigen sie hinauf, auch der alte Hund einer Familie trottet mit. Oben sitzen schon einige kleine Grüppchen. Das Bild wirkt wie aus einem vorigen Jahrhundert. Im Blatt einer Blume findet man ein riesiges, schönfarbiges Insekt. Die Sonne ist ein dünner, sichelförmiger Rand – und immer noch ist es taghell. Dann geht es schnell, kein Laut mehr. Der Hund geduckt und stumm. Der Gesang der Vögel abgestoppt. Die Wolken am Horizont verfärben sich ins Grün. Das Licht zieht sich abrupt zurück. An Stelle der Sonne nun eine Schwärze darin, die fast das gesamte Rund ausmacht. Dann tritt die Masse heraus. Der Raum wird. Das Licht verwandelt sich in ihn. Und plötzlich ist der Mond ein riesiger Klumpen Stein, der im Himmel steht, über seinem Kopf, und den Raum dazwischen aufspannt. Die Zeit ist kurz, sie bleibt stehen. Eine neue Vertikalität im Horizont. Die Totale ergibt sich nicht in relativen Schritten, sie gibt es nur im Ganzen.

Die Wüste Gobi ist dreimal größer als das Land Deutschland. Sie ist eine der wasserärmsten Regionen der Erde. Dennoch gibt es Leben. Wasser fließt unterirdisch, der Sand weht es zu. Die wenigen kleinen Bäume haben kleine Blätter, um sie möglichst wenig der Verdunstung auszusetzen. Die Eintönigkeit der Ödnis spielt sich in verblüffender Vielfalt ab. Die Eintönigkeit erstreckt sich in alle Richtungen bis zum Ende des Blicks, aber sie bleibt nicht gleich. Vielleicht liegt sie mehr in der Zeit als in der Fläche.

*

Dieser unfertige Text mit seinen vielen Einzelabsätzen gleich ungleichen Fundstücken, speist die folgenden, die von ihm lernen – die Fiktion eines Tages entwerfen wie in „Wetterroman“ oder Erlebniszusammenhänge fragmentieren und mit Wortfeldern arbeiten wie „Geld Scheiße“, aus dem ich ein Cut-Up beim letztjährigen Open Mike las:

*

Müsste man einem Fremden, jemandem von anderen Gefilden, in wenigen Minuten unsere Kultur zeigen, eine Metapher für sie erfinden, wäre es das Einfachste, zu einer Autobahnraststätte zu fahren. Dort findet man alles versammelt. Geschwindigkeit, Eile und Müdigkeit. Stumpfe Blicke, erschöpfte Körper und Gefräßigkeit. Anstehen am Pissoir, den Ausländer, der immerfort den Boden wischt, und auf einem wackeligen kleinen Tisch den Teller mit den kleinen Münzen. Dann natürlich das dichte Gedränge im Tankstellenladen. Abgepackte Minisalamis, weichen Toast mit grünlich verfärbter Wurst, schlechten Wein, Frauenzeitschriften und in der obersten Reihe, möglichst zu hoch für Kinderhände, die fleischige Farbigkeit der Pornos. Stapelweise Zigarettenpackungen, kleines Naschwerk. Bunte Plastikkarten, die über die Theke gereicht und zurückgereicht werden. Draußen schmale, hoffnungslose Grünstreifen und in regelmäßigem Abstand aufgestellte Müllbehälter. Dazu das Geräusch von vorbeirauschenden Autos und Lastwägen. Im Grunde ist es das. Ein vorübergehender Aufenthalt und Zwischenstopp an einer Autobahnraststätte. Unser Leben. Aber welcher Fremde sollte schon noch kommen. Die Autobahnraststätte ist längst überall. Und überall fließt das Öl. Die kostbare Substanz, die fast ist wie Geld, nur dass wir sie nicht nur bildlich und an den Börsen verbrennen. Feuer und Asche. Wir legen eine Pipeline und diese reicht weit hinein, in unser Gehirn. Unser Gehirn, für das wir andere Tankstellen errichtet haben. Tankstelle Bild-Zeitung. Tankstelle Talk-Show. Tankstelle Daily Soap. – Das Licht der Sonne, das durch die Scheiben fällt, lässt im Zimmer den Staub tanzen. Alles ist in Bewegung. So würde langsam und unmerklich alles zugedeckt werden.

In jeder Konsumwelt steckt für den Topkonsumenten eine extra für ihn eingebaute Pseudowissenschaft.

DAS VOKABULAR DES GELDES,
WORTSCHATZ TEIL VI

Abzocker, Bauernfänger, Betrüger, Beutelschneider, Briefkastenfirmenbesitzer, Dealer, Fälscher, Falschmünzer, Hochstapler, Schieber, abzocken, an der Nase herumführen, ausnehmen, das Fell über die Ohren ziehen, ein A für ein O vormachen, ein gutes Geschäft machen, fälschen, in Abhängigkeit bringen, ruinieren, übers Ohr hauen, übervorteilen, verarschen

Geld und Gewalt, Gewalt und Geld, daran kann man sich freuen; Gerecht- und Ungerechtigkeit, das sind nur Lumpereien.

Sprühsahne. Viel Sprühsahne. Viel mehr Sprühsahne. Und hinein damit in die Gesichter mit dem Geldlachen, dem Geldgelächter und Geldgefeixe. Bedecke sie. Kleistere sie zu. Vielleicht machen sie sich in die Hosen. Vielleicht scheißen sie. Ich esse einen Schokoriegel. Ich esse Sojamehl. Ich esse Magermilchpulver. Ich esse Ammoniumcarbonat. Ich esse E 102, E 120, E 132 und E 150c.

*

Mich interessiert das Assoziative bei Texten, weniger der vorher vorkonstruierte Plot, als das Gewebe, das sich im Nachhinein knüpft und die Geschichte wie von selbst verdichtet, zu Leitmotiven findet, die sich erst in der Schreib-, der Lesearbeit entfalten, selbst überraschen.

VORBEHALTLICH EINER GESETZLICHEN GEWÄHRLEISTUNG, DIE NICHT AUSGESCHLOSSEN WERDEN KANN, GIBT NIKOLAI VOGEL FÜR DIESEN TEXT KEINE GEWÄHRLEISTUNG. NIKOLAI VOGEL GEWÄHRLEISTET NICHT, DASS DER TEXT WIRKLICHKEITEN DES 20. UND 21. JAHRHUNDERTS RICHTIG VERARBEITET, AUSGIBT ODER EMPFÄNGT.

Es gibt diese Schreibmaschine, diese schreibende Maschine im Kopf, du gehst, du stehst, du fährst U-Bahn, und sie schreibt einen Text in dir, spricht ihn dir vor – und du vergisst ihn oft wieder … Manche Themen bleiben, wiederholen sich, formen sich um, spinnen sich weiter, setzen sich fort. Mit ihnen arbeite ich. Ich greife sie irgendwann auf, baue sie ein, versuche sie zu entwickeln.



NIKOLAI VOGEL
Vorgeschlagen von Norbert Miller
1971 in München geboren, lebt auch dort. Liest und schreibt. Studium der Neueren deutschen Literatur, Philosophie und Informatik. Publikationen zu E.T.A. Hoffmann und Schnitzler. Arbeit als Autor und Web-Entwickler. Gründete mit Kilian Fitzpatrick das Literaturprojekt Black Ink und kuratiert die Lesereihe Season II. Trotz langjähriger Beschäftigung mit digitalen Technologien sind seine eigentliche Leidenschaft analoge Medien wie Bücher, Vinyl und Wein. www.nachwort.de

Veröffentlichungen (Auswahl)
Mißlungene Texte. Black Ink 1998. Geld Scheiße (Auszug). In: 12. open mike. Allitera 2004. Zarte Pflanze. In: Am Erker, 48/2004). Wetterroman (Auszug). In: Entdeckungen 2. Hrsg. LCB. Digitale Bibliothek 2005.

Auszeichnungen
Kulturförderpreis des Landkreises Landsberg am Lech 1998. Dritter Platz bei Literatur.digital 2003. Teilnahme beim 12. Open Mike 2004.

 


<< zurück

    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio