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Donnerstag, 16. Juni 2005

Bern und ich im Oktober 2004

 

Im Tierpark Dählhölzli erwarten Tierpark- Direktor Schildger und Termiten- Spezialist Leuthold mit Spannung den unmittelbar bevorstehenden Hochzeitsflug der Termiten. / Vor Leo’s Brotegge bedroht ein Unbekannter eine 16-jährige Frau mit einer Schere und schneidet ihr einen Büschel Haare ab. / Ich habe noch nie einer Frau Haare abgeschnitten. / Wie viel Unheil allein durch mein Nichtstun verhindert wird. / Auf der Berner Allmend nehmen 250 Angehörige der städtischen Feuerwehr- und Rettungsdienste an der traditionellen Hauptmusterung teil. Der Anlass beginnt mit einem Konzert der Feuerwehrmusik Metallharmonie. / Mit einem Sozialbeitrag vom Bundesamt für Kultur kaufe ich mir im Tierheim Oberburg einen jungen Hund, den ich Baur und Bindschädler taufe. Den Rest des Sozialbeitrages nutze ich als Anzahlung für ein Wasserbett, das den größten Teil meines Zimmers im Waffenweg einnimmt. / Liege auf dem Wasserbett und schaue den ziehenden Herbstwolken nach und nehme die Welt hin. Erzähle Baur und Bindschädler von früher. Als ich ein Sperma war und zum Ei schwamm. / Bin ich das Resultat einer unterlassenen Abtreibung? / Die Firma Guber aus Alpnach erhält den Zuschlag für die Lieferung von 272.000 Pflastersteinen für die Sanierung der Gassen in der Unteren Altstadt. / Meine moralische und seelische Entwicklung setzt am 6. August 1972 ein, und endet im Sommer 1997 in New York mit dem Entschluss, als Künstler zu sterben. Seither habe ich nur wenig hinzulernen müssen. / Ungezieferhalsband, Kauknochen, Zeckenpuder. / Wie der Landwirtschaftliche Informationsdienst in einem Communiqué mitteilt, wird es heuer am Berner Zibelemärit keinen Zwiebel-Engpass geben. / Ich wurde im Emmental geboren, deswegen sage ich „iiu“ anstatt „ja“ und „seiche“ anstatt „pissen“. Ich habe eine hässliche Impfnarbe am linken Oberarm. Ich bohre, auch wenn ich allein bin, nur mit dem Taschentuch in der Nase. Ich kann ein bisschen zaubern, Frauen magisch binden, damit sie mich nicht verlassen, oder Verleger behexen, damit sie mir mehr Honorar geben. / Der Gemeinderat bedauert, dass in Berner Kinos der Kinoverwaltung Kitag Blinden verwehrt wird, ihren Blindenführerhund mitzunehmen. / Ich war der Stolz meines Vaters, der Liebling meiner Mutter, später, als ich mir ein eigenes Urteil zutraute, war ich der größte Bewunderer meiner selbst. / Aktivistinnen und Aktivisten der Gesellschaft Schweiz- Palästina und der Mahnwache für einen gerechten Frieden in Palästina protestieren gegen den Zyklus „Junge Filme aus Israel“. Wenn in der Cinématte mit Hilfe der Israelischen Botschaft „Krimikomödien und andere Lustbarkeiten“ gezeigt würden, derweil „eine israelische Armee außer Rand und Band gerät“, sei dies Zynismus, heißt es in einem von vierundzwanzig Personen unterzeichneten offenen Brief. / Mit acht erfand ich vier neue Buchstaben des Alphabets, die sich nicht durchsetzten. Mit siebzehn war ich ständig müde. Mit einundzwanzig klemmte ich mir im Kibbuz den Finger im elektrischen Zaun ein. An der Universität verbrachte ich die meiste Zeit damit, den Schein zu wahren. / Mit meinem neuen Freund Baur und Bindschädler unternehme ich den ersten großen Spaziergang. Nicht zufällig ein Rundgang in Olten. / Siebzig Frauen und Männer aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung diskutieren im Tramdepot den Unterschied zwischen Bern und Zürich. Was hat Zürich, was Bern nicht hat? Warum ist Zürich wirtschaftlich erfolgreicher als Bern? Ist Bern lediglich Züri West oder mehr? Die Antworten: Die Berner seien nicht risikofreudig, nicht dynamisch, sie gäben sich schnell zufrieden, könn ten sich nicht gut verkaufen, seien zu bescheiden. In Bern würden Kräfte mangelhaft gebündelt. / Meine letzten Jahre werde ich verbittert in Zürich zubringen, wo ich tagelang aus dem Fenster starre und ab und zu ein wütendes „Disorder!“ auf den Paradeplatz rufe. / „Zwei Parkverbottafeln und Wind, das Altersheim, die Waldbucht und wieder Wind.“ Lege Gerhard Meiers Prosaskizze in die Brieftasche, weil sie mich daran erinnern soll, worauf ein Meister achtet. / Die letzte Wespe ist von einem angebissenen Import-Apfel ganz besessen. / Annähernd dreihundert Menschen drängen in die Buchhandlung Jäggi, um Pierre Brice zu erleben, der seine Autobiografie „Winnetou und ich. Mein wahres Leben“ präsentiert. „So lange, wie eine Mutter ihr Baby im Bauch trägt“, habe er an dem Buch geschrieben. / Die Äthiopierin Emou Moges, die im Asylzentrum auf dem Jaunpass in den Hungerstreik getreten ist, wird ins Berner Inselspital verlegt. / In der Eingangshalle der Universität werben Studentenverbindungen um Erstsemestrige mit Champagner und Lachscanapés.

/ Ich erzähle erbauliche Geschichten, die den Leserinnen und Lesern ein Beispiel sein sollen dafür, wie ein tugendhaftes Leben zu führen sei, damit es ihnen und den Mitmenschen zum Quell beständiger Freude werde. / Die Aussicht für Emou Moges, mit ihrem Hungerstreik etwas zu erreichen, sei „gleich null“, meint Roger Schneeberger, Vorsteher des kantonalen Migrationsdienstes. Die Behörden würden deswegen „ganz sicher nicht nachgeben.“ / Im Waffenweg wohne ich mit anderen zusammen weil ich gedacht habe, wir könnten gute Freunde werden und uns gegenseitig bei Problemen helfen. Doch sind die nur daran interessiert, dass man die Miete mitbezahlt. / Ich verlasse für ein paar Stunden meinen Körper um in meine Heimatgalaxie am Fuße des Jura zurückzukehren. / Amrains merkwürdige Jauchepraktiken. / An der Berufs- Weltmeisterschaft der internationalen Föderation des Dachdeckerhandwerks im belgischen Gembloux holen Berufsleute aus der Region Bern Gold- und Bronzemedaillen. In der Kategorie Abdichtungen wird Stefan Suter aus Ostermundigen Weltmeister, vor seinen belgischen und deutschen Herausforderern. In der Kategorie Dackdeckungen klassiert sich das Schweizer Team mit Emanuel Hausammann aus Rubigen und Roman Läng aus Gysenstein hinter Belgien und Deutschland auf dem dritten Rang. / Ein Glück, dass wir unter Tierfreunden sind, da Baur und Bindschädler gegen die Blumen auf dem Balkon seicht. Jemand will wissen, dass gewisse rumänische Bettler ihr erbetteltes Einkommen versteuern. Auf dem Höhepunkt der Party (um eine optimale Wirkung zu erzielen) beklage ich mich beim Gastgeber, dass der Weißwein zu warm sei. / Rettet die Post in der Lorraine. / Auf dem Reithalle- Flohmarkt kaufe ich mir Schlittschuhe, die mir dann zu eng sind. (Vor genau achtundzwanzig Jahren hat sich Bondgirl Ursula Andress exakt an dieser Stelle einen Fingernagel abgebrochen.) / Klara Brechenmacher, wohnhaft im Gehörlosenheim in Belp, feiert ihren 95. Geburtstag. / Wie träumen Gehörlose? / Ein Wasserbett dient der Erholung. / Ich gehöre nicht zu denen, die Schlaf als verschwendetes Leben betrachten. / In meinem Gehirn kommt es mehrere Minuten lang zu keinerlei rationalen Vorgängen. Dann überwältigt mich der Gedanke, dass keine Kuh wohl je ihre natürliche Lebensdauer erreicht hat. / Im Oktober wächst die Berner Bevölkerung um 92 Personen. 127.394 Personen leben jetzt in Bern. / Verletze Baur und Bindschädler durch eine unvorsichtige Bewegung mit einem Schlittschuh am Hals. / Füge meinem Testament einen Nachtrag hinzu, in dem ich den Betrag an das Tierheim Oberburg verzehnfache. / Lebensregeln: Meide zu Stosszeiten den Ostermundiger- Bus, meide beim Fußball im Neufeld den Mann, der Briegel gerufen wird, und vor allem, mindere nicht die Heiratschancen deiner Kinder durch ein Ethnologie-Studium. / Hasche nach Wind. Schone im Gehen die Socken. / Nicht mehr nur von 14 bis 16 Uhr, sondern neu von 14 bis 17:30 Uhr können jeweils am Mittwoch die von der Polizei abtransportierten Fahrräder an der Scheibenstrasse 64 abgeholt werden. / Glück heißt für Baur und Bindschädler, sieben Rinderhaut-Kauknochen zu haben und jeden nur leicht anzunagen. / Der slowenische Geomant Marko Pogacnik diagnostiziert der Stadt Bern im Umkreis von einem Kilometer um den Bahnhof einen „Verlust an Kraft“. Im Frühling wird er am Altenbergsteg eine mit einem Kosmogramm versehene Stele errichten. / Tausende Termiten krabbeln aus dem Hügel und suchen sich im Vivarium eine geeignete Nische, streifen dort ihre Flügel ab, paaren sich und gründen eine neue Termitengeneration. / Am Klaraweg 27 feiern Maria und Peter Reinhard-Rothen die diamantene Hochzeit. / Die Bruchstücke der Tage, wie sie sich zusammenfügen und wieder zerfallen.

CHRISTOPH SIMON
Vorgeschlagen von Martin Ebel
1972 in Langnau im Emmental geboren, lebt in Bern. Diverse Angestelltenverhältnisse, bis ihm zwei Romane ein Auskommen als freier Autor ermöglicht haben. Christoph Simon besitzt ein Fahrrad, auf dem er zum Schreibatelier fährt, die Stullenbüchse auf dem Gepäckträger festgeschnallt. Kolumnen und Beiträge für: Wochenzeitung, Berner Zeitung, Sonntagsblick, Expo02, Centre Dürrenmatt.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen.Bilgerverlag 2001. T eilchenbeschleuniger. In: Swiss Made.Wagenbach 2001. Skizzen aus Bern.In: Kolik,Nr. 19/2002. Luna Llena. Bilgerverlag 2003. Berufswahl. In: Panorama, August 2003. Herzensangelegenheiten.In: Entwürfe,Nr. 38/2004. Danach Panorama. In: Drehpunkt, Nr. 120/2004.

Auszeichnungen (Auswahl)
Stadt und Kanton Bern 2002. Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS 2003. Slowenischer Schriftstellerverband 2004. Stiftung Bartels Fondation Basel 2004. FOTO : I N E S JANNING

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio