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Mittwoch, 31. August 2005

„Wir brauchen einen neuen Glauben“

 

Matthias Politycki im Gespräch mit Gunther Nickel über seine Wende zum Wertkonservativen, den relevanten Realismus und seinen neuen Roman "Herr der Hörner".


VOLLTEXT Am 23. Juni 2005, also an dem Tag, als es in Klagenfurt mit dem Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis losging, erschien in der Wochenzeitung Die Zeit ein Manifest für einen „Relevanten Realismus“, das Sie zusammen mit Martin R. Dean, Thomas Hettche und Michael Schindhelm verfasst haben. Was ist relevanter Realismus, was ist irrelevanter Realismus und was ist jenseits des Realismus’ in der Literatur relevant beziehungsweise irrelevant?

MATTHIAS POLITYCKI Eines vorab: Wir haben niemals ein „Manifest“ geschrieben; bei besagtem Text handelt es sich um ein gemeinsames Positionspapier für unser alljährliches Autoren- und Kritikertreffen auf Schloss Elmau. Obwohl wir den Text immer mit diesem offenen Gestus vertreten haben, vor allem auch als Einladung an andre, mit uns in dieser Richtung weiterzudenken, hat die Zeit hinter unserm Rücken ein „Manifest“ daraus gemacht – und damit unsre Absicht nahezu ins Gegenteil verkehrt. Sei’s drum. Wir fühlen uns trotz unterschiedlicher erzählerischer Ansätze (die durch unser Papier überhaupt nicht nachträglich eingeebnet werden sollen) derzeit alle vier einem mehr oder weniger realistischen Erzählkonzept verpflichtet, glauben, dass die sparsamere Dosierung literarischer Mittel zeitgemäß ist, nicht dagegen das Beharren auf ästhetischen „Verwerfungen“ und sonstigen Lesebremsen. Auf der anderen Seite finden wir die pure Wirklichkeitsabbildung, wie sie insbesondre von der allerjüngsten Literatur betrieben wird, zunehmend öde, in ihren gestalterischem Mitteln unbefriedigend, in ihrer Stoffwahl selbstreferenziell – eben irrelevant. Der Begriff der Relevanz muß selbstredend immer wieder neu gefasst werden; im Moment sehnen wir uns nach Stoffen, die uns ergreifen, nach Sujets, die mit unserm rapide sich verändernden Leben zu tun haben, jedenfalls nicht nach der x-ten Berliner Mietshausgeschichte, die sich dem deutsch-deutschen Kleinklein widmet.

VOLLTEXT Ein Jahr, bevor das von Ihnen mitverfasste Positionspapier veröffentlicht wurde, gab es im Berliner „Tagesspiegel“ auch etwas Programmatisches von Ihnen zu lesen. Am 22. Juli 2004 haben Sie als bekennender „78er“ für ein politisches Engagement jener bislang weitgehend apolitischen Schriftstellergeneration plädiert, der Sie selbst angehören. Es bedürfe, hieß es da, einer „neuen gesellschaftlichen Revolution“, und zwar einer „elitären“. „Wer in seinem Herzen Demokrat ist“, konnte man dort auch lesen, „der muss nun schleunigst undemokratisch denken.“ Was konkret wäre in Ihren Augen als erstes anders zu machen?

POLITYCKI Der momentane Zustand unsres demokratischen Systems ist die erbärmliche Erscheinungsform einer nach wie vor großartigen Idee; den Parteien fehlt es nicht nur an glaubwürdigen Hauptdarstellern, sie scheinen mit ihren Programmen entscheidende Bevölkerungsschichten gar nicht mehr zu repräsentieren. Von einer „Herrschaft der Besten“, wie sie Platon fordert, sind wir weit entfernt, gerade diese „Besten“ müssten freilich wieder stärker mit gesamtgesellschaftlichen Aufgaben betraut werden – wer sagt denn, dass ausgerechnet Berufspolitiker den Willen des Volkes besser umsetzen als eine aus direkter Personenwahl hervorgegangene Schar „ständischer“ Vertreter, ergänzt durch jede Menge „Spezialisten fürs Allgemeine“, sprich: Intellektuelle jedweder Provenienz und Couleur? Um die unselige Macht der Politbarometer wie auch der Medien insgesamt zu reduzieren, wären längere Mandatszeiten erwägenswert; anstatt bei jeder Entscheidung auf die Beliebtheitsskala zu schielen, könnte man dann vielleicht auch radikalere Beschlüsse nachhaltig durchsetzen. Aber, und das wäre die eigentliche Antwort, im Grunde bräuchten wir ein runderneuertes Wertesystem, eine runderneuerte Moral und – ich wage es kaum zu sagen – einen vollkommen neuen Glauben.

VOLLTEXT Dass wirtschaftliche Prosperität wünschenswert, aber nur ein Mittel zum Zweck, daher also bestenfalls ein schales Lebensziel ist, geht ja in den meisten politischen Debatten völlig unter. Aber was Sie sich wünschen, könnte Oskar Lafontaine genauso unterschreiben wie Papst Benedikt XVI. Was genau sind das also für Werte, moralische Maßstäbe und Glaubensinhalte, für die in Ihren Augen zu kämpfen wäre?

POLITYCKI Sowohl Lafontaine wie der Papst sind Repräsentanten untergehender Weltanschauungen; den Kavaliersstart, den wir uns für den festgefahrnen Karren Deutschland als „Ruck“ schon so lange erhoffen, wird man nicht mit dem Rückwärtsgang hinlegen. Dagegen stehe ich – wie auch die andern Unterzeichner unsres Positionspapiers – für eine Wendung zum Wertkonservativen aus dem Geist des (früheren) Linksliberalismus: Obwohl von Brandt und Schmidt geprägt, haben wir uns von den rot-grünen Knabenmorgenblütenträumen verabschiedet, nicht zuletzt deshalb, weil Rot-Grün spätestens seit Schröders Amtsantritt eine andre Farbnuancierung hat als seinerzeit. Die Erneuerung müsste meiner Meinung nach mit der Rückbesinnung darauf beginnen, was uns nach Jahrzehnten der US-Kolonialisierung zumindest in Schwundstufen kulturell verblieben und durch entsprechende Forcierung vielleicht noch zu retten ist: komplexer Formenreichtum eines spielerisch-höflichen Miteinanders, Wahrhaftigkeit des politisch Unkorrekten, Vorurteilsfreiheit im Blick auf die eigne Geschichte, Strenge im Umgang mit der eignen Sprache, Stolz auf die eignen, europäischen Traditionen usw. usf., summa summarum vielleicht so etwas wie eine Re-Implantation unsres alten Kulturbegriffs in der gesellschaftlichen Mitte. Das wird nicht ohne die Bildung neuer Eliten gelingen können, erst recht nicht ohne eine neue politische Vision für Kerneuropa – „Vereinigte Staaten von Europa“, zunächst vielleicht einmal in den Grenzen der alten EWG, denen ich als Bürger gern noch zu Lebzeiten angehören würde. Was schließlich den neuen Glauben betrifft, der uns im Grunde nottäte – nach meinen Erfahrungen mit afrokubanischen Riten fühle ich jetzt immerhin ein starkes Bedürfnis, das Vakuum des postmodernen Nihilismus zu füllen; einen Heilsbringer sehe ich natürlich nicht.

VOLLTEXT In Ihrem Tagesspiegel-Beitrag heißt es: „Auf Kuba wohnte ich letzthin neben einer, gelinde gesagt, kleinkriminellen Bande, die sich zur Mittagszeit mit Vorliebe zum Kiffen im Hof zusammenrottete. Wehe aber, es fuhr die Chefin unter sie, vielleicht die Mutter des Anführers, jedenfalls schwer und schwarz und wuchtig, mit Lockenwicklern im Haar: ‚Jungs, nehmt den Finger aus’m Arsch, es gibt Arbeit!’ Manchmal wollte ich mich nach einer solchen Lockenwicklerin sehnen, die mit derbem Befehl die allgemeine Apathie auch in unserm Land beende.“ Dieser Text erschien am selben Tag, an dem Sie – auf ihre Einladung hin – bei Angela Merkel zu Besuch waren. Worüber haben Sie gesprochen? Was hat sie zu Ihrem Text, den sie doch gewiss vorher gelesen hat, gesagt?

POLITYCKI Der Text traf, nicht nur im Kreis von Frau Merkel, auf breite Zustimmung; allerdings habe ich immer – zuletzt gegenüber Günter Grass, der mich für den SPD-Wahlkampf gewinnen wollte, und demnächst gegenüber Claudia Roth von den Grünen, mit der ich eine gewiss konträre Podiumsdiskussion führen werde – stets klargemacht, dass mein Standort jenseits aller parteipolitischen Programmatik liegt. Was den damaligen Abend mit Frau Merkel betrifft, so habe ich über weite Strecken versucht, sie für eine Verhinderung der Rechtschreibreform zu gewinnen – vergeblich. Angesichts der Probleme, die unser Land hat, wirkt das Engagement für eine organisch gewachsene Rechtschreibung vielleicht kleinkariert; einem Schriftsteller jedoch, der jenseits seiner einzelnen Publikationen auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung gegenüber der Sprache wahrzunehmen hat, darf deren staatliche verordnete Verhunzung nicht egal sein.

VOLLTEXT Mit Broder Broschkus, um dessen Geschichte es in Ihrem neuen Roman geht, lernen Ihre Leser einen Banker aus Hamburg kennen, der urplötzlich sein bisheriges Leben beendet und einen Neuanfang wagt. Aber diese Zäsur bleibt ein Akt ganz privater, ganz persönlicher Neuorientierung. Broschkus übernimmt keine gesellschaftliche Verantwortung, die Sie von Ihrer Generation jetzt mit so großem Nachdruck fordern. Was hat Sie an einer solchen Figur und ihrer Geschichte trotzdem gereizt?

POLITYCKI Was ich gewiss nicht wollte, war, mit Herr der Hörner ein Stück „politischer Literatur“ vorzulegen, das meine verstreut in Essays vorgetragnen Ansichten in Form eines Thesenromans bündelt: Alles zu seiner Zeit, alles an seinem Platz die „78er“ und ihr (bisheriges) Versagen im öffentlichen Kontext haben in diesem Roman nichts zu suchen, es geht darin um Grundsätzlicheres. Also, was hat mich daran gereizt? Ehrlich gesagt fiel mir der Roman samt seinen Figuren wider Willen ein. Eigentlich hatte ich einen Verlagsvertrag für einen anderen Roman unterschrieben und wollte mich nach meiner Rückkehr aus Kuba auch ernsthaft an die Vertragserfüllung machen. Im übrigen bin ich alles andre als ein Kuba-Fan; dann aber kamen wir am Ende des Urlaubs noch nach Santiago de Cuba, die schwarze Metropole des alten „Oriente“, wo’s weit weniger spanisch zugeht als afrikanisch; und dort kam ich so rasant ins Spekulieren und Phantasieren, dass mir mit einem Mal die Vision des kompletten Herrn der Hörner vor Augen stand. Nicht mehr als die Primärvision, gewiss, aber dieser Rausch der ersten Stunde ist schließlich der einzige Grund, sich an eine Niederschrift zu machen ein Gradmesser für „Relevanz“, um an die erste Frage anzuschließen. Will sagen: Nichts hat mich an der Figur des Broder Broschkus gereizt, nichts! Sie war einfach da, auf eine urplötzliche Weise präsent und schier nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen, wie seine Mit- und Gegenspieler auch. Wenn ich nun rückwirkend auf ihn blicke, so fällt mir zweierlei auf, das mich vielleicht für ihn eingenommen haben könnte: Zunächst, dass er anfangs nichts als einer jener typischen Wohlstandsbürger ist, wie sie für unsre bundesdeutsche Mittelschicht kennzeichnend sind, latent unerfüllt, leicht verdruckst, übersättigt, angepasst, schwach: auf unspektakuläre Weise einer von „uns“. Und zum zweiten, dass er dies schrittweise erkennt und dagegen angeht. Er sucht ja recht bald nicht nur eine Frau, sondern ein ganz andres, existentielleres Leben¬, und dass er dabei am Ende über sich hinauswächst. Immerhin hat er von der ersten Szene an einen übermächtigen Gegner, und gegen den schlägt er sich doch recht achtbar.

VOLLTEXT Der Plot und der Protagonist sind eine Sache, eine andere ist die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. In Ihrem neuen Roman „zahnlückengrinst“ ein Barmann; von einer Frau heißt es, sie sei „ziemlich anwesend“; Stufen werden von Broschkus „hochgeschwitzt“; Sie scheuen auch nicht vor einem Komparativ wie „noch angeblicher“ zurück. Wäre ich Werbetexter, würde ich versuchen, diesen Stil als phantasievoll, frech, wagemutig und witzig zu verkaufen. Geht man die Sache analytisch an, könnte man sagen: Ihr auktorialer Erzähler wartet mit Usancen des mündlichen Austauschs einer bestimmten Altersgruppe in einem bestimmten Milieu auf. Warum erzählen Sie diese Geschichte so?

POLITYCKI Natürlich kann man einen Text mit der Elle des Dudens, Band 9: „Richtiges und gutes Deutsch“, abmessen, doch dann wird man am Ende fast all das, was den spezifischen Stil eines Autors ausmacht, auf ein mehr oder weniger nüchternes Tagesschau-Deutsch zurechtstutzen. Der Mehrwert eines literarischen Textes liegt aber gerade in seinen spezifischen Abweichungen von der sprachlichen Norm, in seinen kleinen Grenzüberschreitungen, die, herausgerissen aus ihrem Kontext, in der Tat oft etwas merkwürdig klingen, in den Erzählfluss eingebettet jedoch oft einen Mehrwert transportieren, der sich spontan erschließt und, vor allem, vom rein korrekten Ausdruck gar nicht impliziert wäre. Erschwerend kommt in meinem Fall dazu, dass ich als sogenannter ‚experimenteller Autor’ zu schreiben begonnen habe, mein erster Roman wurde leider entsprechend häufig mit Werken von Arno Schmidt und James Joyce verglichen. Mittlerweile habe ich mich für ein realistisches Erzählen entschieden; doch selbstverständlich möchte ich den schieren Plot nach wie vor nicht ohne sprachliches Surplus präsentieren – übrigens auch nicht als Leser präsentiert bekommen, das fände ich nämlich schlichtweg langweilig. Nein, ein Text muss als sprachliches Gebilde leben, und in der Tat vermische ich darin die verschiedensten Stilebenen – es gäbe genug Beispiele im Herrn der Hörner, die dem zeitgenössisch-mündlichen Duktus einen bewusst „altmodischen“ Ton entgegensetzen, hinsichtlich Wortwahl wie Tempo der Satzkonstruktion. Fallweise aus der Fülle dieser sprachlichen Möglichkeiten etwas auszuprobieren, macht mir den Reiz des Erzählens aus und scheint mir auch einzig zeitgemäß; schließlich können wir nicht so tun, als habe es z.B. einen Expressionismus niemals gegeben und weiterhin so erzählen, wie es die Realisten der Vormoderne getan haben. Außerdem, pardon, erscheinen mir die zitierten Wendungen keineswegs „schief“ oder auf eine bestimmte Altersgruppe zugeschnitten, sondern schlichtweg plastischer und effizienter als langwierige Nebensatzkonstruktionen: Natürlich schwitzt man in den Tropen die Treppen hoch, selbstverständlich gibt es Frauen, die „ziemlich anwesend“ sind – ist das nicht jenseits aller Schulgrammatik sofort einleuchtend?

Matthias Politycki, geboren 1955 in Karlsruhe, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg und München. Am 13. September erscheint bei Hoffmann und Campe sein neuer Roman Herr der Hörner.

Gunther Nickel ist Lektor des Deutschen Literaturfonds e.V. und lehrt als Privatdozent Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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