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Montag, 09. Juli 2012

Sie haben das Recht zu schreiben

 

Von Cornelia Travnicek

(Ein etwas zu groß wirkender Raum in Beigetönen mit grauem Teppichboden. In der Mitte ein Tisch, auf dem zwei Mikrofone stehen. Vor einem sitzt eine junge Frau und umklammert ihre Tasche, die auf ihrem Schoß steht.)

NEEELIUFO1 (ein Chor, dessen gemeinsame Stimme aus einem versteckten Lautsprecher kommt): Sie haben das Recht zu schreiben. Alles, was Sie hier preisgeben, kann und wird gegen Sie verwendet werden. Aber lassen Sie sich davon bei Ihren Antworten nicht beeinflussen.

AUTORIN (beugt sich vor und spricht schnell in das Mikrofon): Ich gestehe. Ich gestehe mich unwürdiger Lektüre hingegeben zu haben, vom Anfang bis zum Ende, vom initialen Clever & Smart-Heft gleich nach dem Lesebuch der ersten Klasse, über die eine oder andere Cosmopolitan, bis hin zu einem Artikel in der Kronen Zeitung, erst vorgestern wieder. Wie viele Texte von Nietzsche, wie viele von Jelinek, wie oft den Wochenend-Standard, bis zur Absolution? Ist das hier eigentlich ein Verhör? (Hall)

NEEELIUFO Interessant. Drei Handke Unser. Nein, ein Interview, Sie müssen also gar nichts gestehen – zumindest nicht direkt. Moment, wir haben noch ein paar technische Probleme, es scheint eine Rückkopplung in der Leitung zu geben.

AUTORIN (entspannt sich etwas): Achso. Ich dachte fast, es wäre ein Verhör. Das mit der Cosmopolitan war übrigens nicht ganz ernst gemeint. (Hall)

NEEELIUFO Lassen Sie uns zuerst einige grundlegende Dinge klären. (Rauschen) Widersagen Sie der Unterhaltungsliteratur? (Leiser, wie zu jemandem im Hintergrund): Wo kommt denn der Hall her?

AUTORIN Ich widersage. Meistens. (Hall)

NEEELIUFO (Rauschen) Was haben Sie gesagt?

AUTORIN Ich habe widersagt.

NEEELIUFO Gut. Ah, jetzt ist der Hall weg. Wo waren wir? Achja. Und widersagen Sie der Fantasy, der Science Fiction?

AUTORIN Ich widersage. Aber manchmal … worum geht es hier eigentlich?

NEEELIUFO Und all deren …

AUTORIN Können wir das Thema wechseln?

NEEELIUFO Gerne. (Rascheln) Warum schreiben Sie eigentlich?

AUTORIN Äh … lassen wir das lieber. Wo waren wir? Ich widersage, wem oder was auch immer.

NEEELIUFO Glauben Sie an die Literatur, die Allmächtige?

AUTORIN Ich glaube. Allerdings mit der Einschränkung, dass …

NEEELIUFO Darum geht es nicht. Glauben Sie an Marcel Reich-Ranicki, ihren eingeborenen Sohn …

AUTORIN Ja, schon …

NEEELIUFO Glauben Sie an die heilige Kunst, an den Literaturbetrieb, die Gemeinschaft der Kritiker, die Erlernbarkeit des Schreibens?

AUTORIN Ich glaube. Aber sollten …

NEEELIUFO Wollen Sie Schriftstellerin sein?

AUTORIN Ja, ich will es. Sollten wir nicht auch über mein neues Buch sprechen?

NEEELIUFO (Blättern) Gerne. Worum geht es in Ihrem Roman?

AUTORIN Heißt es nicht, ein Roman ist ein guter Roman, wenn man ihn beziehungsweise seine Handlung nicht zusammenfassen kann?

NEEELIUFO Ja. Nur wie soll man ihn verkaufen, wenn man den Leuten nicht in drei Sätzen erklären kann, worum es geht? Aber wir stellen hier die Fragen.

AUTORIN Wozu brauchen Sie dieses Interview überhaupt?

NEEELIUFO Sie fragen schon wieder. Um ein poetologisch und biografisch orientiertes Selbstporträt von Ihnen zu schreiben.

AUTORIN Sie schreiben mein Selbstporträt?

NEEELIUFO Können Sie Sätze nur mit einem Fragezeichen beenden?

AUTORIN Nein. Im Gegenteil. Wie es scheint haben Sie mein neues Buch noch nicht gelesen. (Sieht sich um.) Wo sind wir hier überhaupt?

NEEELIUFO Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

AUTORIN Schon? Dachte, das fühlt sich anders an. (Horcht in sich hinein.) Ich habe ein flaues Gefühl im Magen.

NEEELIUFO Nicht ungewöhnlich. Das ist der Kontrollverlust.

AUTORIN Schreiben Sie das jetzt in Ihrem Beitrag, das mit dem flauen Gefühl?

NEEELIUFO Nein. Zurück zu Ihrem Buch: Ist es eigentlich autobiografisch?

AUTORIN Nein.

NEEELIUFO Hm. Also, natürlich nicht komplett, aber wenigstens in Teilen?

AUTORIN Nein.

NEEELIUFO Achso.

AUTORIN Sie klingen fast ein bisschen enttäuscht.

NEELIUFO Finden Sie? Es schien nur naheliegend.

AUTORIN Natürlich borgt man aus dem Leben …

NEELIUFO Ja?

AUTORIN … aber wenig aus dem eigenen.

NEELIUFO Hm. Sie sind auch noch so jung.

AUTORIN War das eine Frage?

NEELIUFO Nicht wirklich.

AUTORIN Wie lange ist man eigentlich eine junge Autorin?

NEELIUFO Bis 35. Mindestens.

AUTORIN Warum?

NEELIUFO Wie, warum?

AUTORIN Wer legt das fest?

NEELIUFO Wir.

AUTORIN Aha.

NEELIUFO Jetzt haben wir den Faden verloren. Wo waren wir?

AUTORIN Ich weiß nicht so genau, worauf Sie eigentlich hinauswollen?

NEELIUFO (man hört sie wieder in den Unterlagen blättern): Was bedeuten Vögel für Sie?

AUTORIN Vögel?

NEELIUFO Oder lassen Sie mich so fragen: Würden Sie Ihre Literatur als Popliteratur bezeichnen?

AUTORIN Nicht so gerne?

NEELIUFO Sind Sie eine Stimme Ihrer Generation?

AUTORIN Ich weiß nicht?

NEELIUFO Was bedeuten Ihnen Preise und Auszeichnungen?

AUTORIN Das kommt auf den jeweiligen Preis oder die jeweilige Auszeichnung an.

NEELIUFO (Schnauben)

AUTORIN Anerkennung ist schon eine schöne Sache, oder nicht?

NEELIUFO Wenn zum Beispiel Klagenfurt anruft, fahren Sie dann hin?

AUTORIN Klagenfurt ruft nicht an, Klagenfurt schreibt eine E-Mail.

NEELIUFO Tatsächlich? Interessant. Und, fahren Sie?

AUTORIN Gerne.

NEELIUFO (Blättern) Ja, das wäre es auch schon. Die Auflagenzahlen seien mit Ihnen, und so weiter. Danke für das nette Interview.

AUTORIN Sind wir schon fertig?

NEELIUFO Haben wir etwas vergessen, wollen Sie noch etwas unbedingt anbringen?

AUTORIN (überlegt kurz): Gerade fällt mir nichts ein.

NEELIUFO Wir bräuchten noch ein rechtefreies Foto von Ihnen, in Druckqualität. Der nächste bitte!

 

1 Nach Eigener Einschätzung Ernsthaft Literarisch Interessierte Und Fachkundige Öffentlichkeit.

 

Cornelia Travnicek
Gewinnerin des BKS-Publikumspreises beim Ingeborg Bachmann-Preis 2012.

Geboren 1987 in St. Pölten, lebt in Traismauer. Sie studierte an der Universität Wien Sinologie und Informatik und arbeitet nun als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung im Tech Gate Vienna. Für ihre literarischen Veröffentlichungen erhielt sie verschiedene
Arbeits- und Aufenthaltsstipendien. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem dritten Platz beim FM 4-Wettbewerb Wortlaut 2009 für einen Auszug aus ihrem Romandebüt Chucks.
www.corneliatravnicek.com

 

 

 


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    Montag, 18. März 2013 

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