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Donnerstag, 29. März 2012

Demütigungen und Komplotte überall

 

Jean-Jacques Rousseau als Philosoph und Onanist betrachtet: Karl-Heinz Otts neuer Roman „Wintzenried“. Von Karl-Heinz Ott

Es gibt wohl keinen Denker der letzten dreihundert Jahre, der die intellektuelle Geschichte des Westens so tief, so nachhaltig und gleichzeitig auch in so unterschiedlicher Ausprägung beeinflusst hat, wie Jean-Jacques Rousseau. Im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert waren unter seinen Jüngern Robespierre, Autoren wie Schiller, Hölderlin und Kleist, Lebensreformer aller Couleurs und existentialistische Denker wie Kierkegaard. Im zwanzigsten Jahrhundert reicht die Liste von den Wandervögeln zum Stalinismus und zu Pol Pot, von den Nationalsozialisten und den Zionisten zur antiautoritären Erziehung, von Sartre bis zu den Hippies und der Umweltbewegung und bis in den Hollywood-Mythos des Westens.

Es ist nachvollziehbar, was Rousseau so überwältigend attraktiv machte. Sein überhöhter Naturbegriff, seine Rehabilitation des Sentiments gegenüber der Vernunft, seine Forderung nach sozialer Solidarität und sein antizivilisatorischer Impetus waren enorm wichtig in einer Zeit, in der die Aufklärung Kants und Voltaires die Welt in ein rationalistisches Korsett zu zwingen schien. Gleichzeitig eignete sich die Rechtfertigung politischer Gewalt in seinem Gesellschaftsvertrag aus seinem Naturgedanken heraus hervorragend zur ideologischen Begründung von Totalitarismen, und in einer harmloseren Variante konnte seine an den Pantheismus schrammende Naturverehrung als Motor einer erstarkenden Umweltbewegung instrumentalisiert werden.

Argumentum ad hominem

Gleichzeitig werfen Rousseaus Denken und seine Philosophie eine alte, aber noch immer relevante Frage auf: Inwiefern darf man bei der Beurteilung eines literarischen oder philosophischen Werkes ad hominem argumentieren? In anderen Bereichen des kreativen Schaffens ist diese Frage einfacher zu beantworten. Ob Mozart ein guter Ehemann war, oder Wagner ein Antisemit, ist kaum wichtig für deren Musik. In der Philosophie aber – und besonders in der Ethik, die ja den Anspruch erhebt, etwas unmittelbar mit dem persönlichen Leben zu tun zu haben – ist diese Trennung nicht so leicht aufrecht zu erhalten: Zwar steht oder fällt Nietzsches Werk nicht mit der Kenntnis seiner Biografie, aber es ist nicht uninteressant, seine Ausfälle gegen Frauen im Lichte seiner persönlichen Erfahrungen zu lesen; Spinozas Argumentationsstrukturen verweisen deutlich auf seine Schulung in der jüdischen Tradition und seine Rolle als sozialer und religiöser Außenseiter hat mit großer Wahrscheinlichkeit dazu beigetragen, seinen Blick auf europäische Debatten zu formen; Jean-Paul Sartres Schriften sind nachhaltig dadurch diskreditiert, dass er von den sowjetischen Schauprozessen und anderen Gräueln zwar wusste, trotzdem aber seine enorme Reputation für den Stalinismus instrumentalisieren ließ.

Im Falle Rousseaus spitzt sich die Situation weiter zu. Es ist schwer, die absolute Unabhängigkeit von Text und Autor zu verteidigen, wenn ein Mann, der einen Erziehungsroman schreibt, in dem er Achtung für die natürliche Würde des Kindes einfordert, in dieser Zeit nach eigenem Bekunden selbst seine fünf Kinder ins Findelhaus gab und damit einem fast sicheren frühen Tod überantwortete, weil ihr Gebrüll ihn daran hinderte, ein Genie zu sein. (Wie seine Geliebte als Kindsmutter darauf reagierte, erwähnt er gar nicht erst.) Es ist schwer, jemanden als moralische Instanz ernst zu nehmen, der seinen eigenen Freunden und Gönnern immer wieder öffentlich in den Rücken fällt und sich gleichzeitig zum Opfer stilisiert. Es ist unmöglich, die Abscheu vor Sex und Körperlichkeit, die sein philosophisches Werk durchzieht wie ein schleichendes Gift, von seiner eigenen gequälten Sexualität zu trennen, über die er selbst immer wieder schrieb und die auch von Zeitgenossen bezeugt wurde.

Rousseau schrieb ausführlich über sich, nicht nur in seinen Bekenntnissen, sondern auch in Briefen, Aufsätzen und anderen Schriften. In ihnen lädt er seine Leser ausdrücklich dazu ein, Leben und Werk in Beziehung zu setzen, ja, er fordert es geradezu. Schon der atemberaubende Anfang der Bekenntnisse macht dies zum Programm: „Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein. Ich allein.“

In der Folge beschreibt er, wie er beim Jüngsten Gericht vor seinem Schöpfer stehen werde, fähig zu sagen: „Hier ist, was ich getan, was ich gedacht, was ich gewesen. Mit demselben Freimute habe ich das Gute und das Schlechte erzählt.“ Tun, Denken und Sein sind in Rousseaus Anspruch eins, und es scheint legitim, diesen Anspruch ernst zu nehmen.

Karl-Heinz Ott ist der Aufforderung des Philosophen gefolgt und hat aus dessen autobiografischen Schriften einen Roman elaboriert, dessen ironisch distanzierter Ton die Paranoia seiner Hauptfigur nicht verbirgt. Der Friseurlehrling Wintzenried, der dem Roman seinen Titel gibt, war ein Nebenbuhler, ohne den Rousseaus Leben, wie er selbst vermutete, anders und besser verlaufen wäre. Der Unverschämte verdrängte Jean-Jacques aus der Rolle des Favoriten von Madame de Warens, einer Aristokratin, die unter dem Vorwand, junge Protestanten auf die Konversion zum Katholizismus vorzubereiten, eine Reihe williger und frischer Liebhaber hatte. Rousseau nannte sie „Maman“ und kam nach eigenem Bekunden ihren erotischen Forderungen nur mit großem Widerwillen und enormer Angst nach. So ist denn auch der erste Satz von Wintzenried so programmatisch wie der Anfang der Bekenntnisse: „Er liegt im Bett, onaniert und stellt sich Mama dabei vor.“

Einsame Freuden

Tatsächlich begleiten die seltenen und meistens einsamen sexuellen Freuden und die mit enormer Intensität ausgelebten Leiden den bedauernswerten Protagonisten durch das gesamte Buch. Der Rousseau, der hier entsteht, ist nicht nur auf eine sehr negative Weise selbstbesessen und sozusagen priapisch ex negativo, er ist auch zunehmend paranoid und sieht überall Demütigungen und Komplotte. Die ganze Welt, so scheint es ihm, hat sich verschworen, um Jean-Jacques Rousseau zu schaden. Auch in einer solchen Paranoia liegt Größenwahn.

Obwohl die überwältigend positiv gefärbte Rousseau-Rezeption des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts jede negative Darstellung ihres Helden mit einem Bann belegte, liefert der Philosoph selbst das Material für diese wenig schmeichelhafte aber nicht unrichtige Darstellung seines Lebens. Man muss ihm gegenüber nicht unfair sein, um ihn als einen narzisstischen, megalomanen und durch und durch verlogenen Paranoiker darzustellen, der gleichzeitig ein genialer Schriftsteller war. Es reicht, sein Handeln und Schreiben aus seiner eigenen Perspektive und der seiner Zeitgenossen darzulegen, und eben das tut Ott mit offensichtlichem Genuss und großem Können.

Schade nur, dass diese so reichen Episoden und kreativen Unwahrheiten nicht expliziter mit dem Philosophen Rousseau in Verbindung gebracht werden. Wir sehen sozusagen, wie der Mann Jean-Jacques noch auf der Couch seines Psychiaters masturbiert, aber wir hören nicht, wie er sich dabei noch verklärend zum Lehrmeister von Generationen stilisiert. Das darzustellen ist eine Herausforderung, die noch darauf wartet, angenommen zu werden. Dann werden wir vielleicht besser begreifen, wie gerade ein Mythoman wie Jean-Jacques Rousseau die Nachwelt so von sich überzeugen konnte, dass sein Einfluss bis heute ungebrochen und oft ganz unreflektiert weiter wirkt. Dann wird vielleicht auch deutlich, welche psychologischen Nebenwirkungen eine Philosophie entfalten kann, die absolute Ehrlichkeit postuliert, selbst aber aus einem Netz von Lügen, Ängsten und Wahnvorstellungen gesponnen ist.

 

Karl-Heinz Ott: Wintzenried. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. 208 Seiten, € 18,99 (D) / € 19,30 (A).

Philipp Blom, geboren 1970 in Hamburg, lebt als Schriftsteller und Journalist in Wien. Zuletzt erschien seine Studie Böse Philosophen (Carl Hanser, 2011) über die radikale Aufklärung im Vorfeld der Französischen Revolution.

 


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    Dienstag, 04. März 2014 

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