volltext.net

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Palenque in Moabit

 

David Wagners Streifzüge durch Berlin. Von Nummer 21

Baudelaires Seufzer über die Stadt, die sich schneller wandelt als ein Menschenherz, war auf die radikalen Maßnahmen gemünzt, mit denen der Stadtplaner Haussmann das Paris des Second Empire modernisierte. Bezogen aufs Berlin der Nachwendezeit erweist sich Baudelaires Metapher nach wie vor als treffsicher, ist doch der Wandel, den diese Stadt seit 20 Jahren politisch, kulturell, soziologisch und architektonisch vollzieht, rasender als das wankelmütigste Menschenherz.

David Wagners Welche Farbe hat Berlin? ist eine subtile, wunderbar und wunderlich unsystematische, facettenreiche Suche nach den Spuren dieses Wandels im Stadtbild – und im Herzen des Stadtbewohners. Montiert aus längeren und kürzeren essayistisch-feuilletonistischen Stücken ist diese Spurensuche weit davon entfernt, als touristischer Führer nützlich sein zu wollen. Im Gegenteil ist Wagner ein Nichtsnutz im besten Sinn; seine Gänge durch Berlin, meist allein, manchmal in Begleitung, unterliegen keiner Absicht und streben keinen Zielen zu. Deswegen werden kulturgeschichtliche Erklärungen nur selten und en passant geliefert, und er hält sich auch nicht lange beim „neuberliner Nachwendeprunk“ auf, ignoriert weitgehend das Repräsentative, Postmodern-Protzige und streift das „Glanz- und Prospektberlin“ lediglich mit lakonischem, manchmal sarkastischem Witz, wenner beispielsweise über die O2 Arena bemerkt: „Wie sie breit und fett und wichtig daliegt – es könnte einem schon der Gedanke kommen, Helmut- Kohl-Arena wäre auch ein passender Name gewesen.“

Idylle im Moloch

So wenig Wagner das großmäulig-angeberische Berlin interessiert, so wenig gibt er sich dem nostalgischen Sentiment nach Altberliner Bolle- Gemütlichkeit und Zille-Milieu hin. Getrieben wird er vielmehr vom Impuls, „allen kulturellen Ballast abzuwerfen, die Unkultur zu seiner Kultur zu machen, sich für nichts mehr interessieren zu müssen.“ Diese entschiedene Abkehr von Zweckorientierung und Hochglanzkultur treibt ihre schönste Blüte in einer Passage, in der Wagner bei einem Gang in der Nähe des U-Bahnhofs Gneisenaustraße lediglich den auf dem Weg liegenden Müll beschreibt und zu einer Collage verdichtet, die unter der Hand gleichsam zu einem Stadtplan des Zufalls und einem unfreiwilligen Soziogramm der Bewohner wird. Wagners subversive Ironie, die „die stille Idylle im Moloch“ entdeckt, bewährt sich an solchen überaus detailscharfen Beobachtungen.

Sein Blick gilt dem „schön hässlichen Berlin“, den „letzten Bastionen der Normalität“, dem Immer-noch des „systematisch Unrenovierten“ und dem „der zweifelhaften Zukunft“ entgegenträumenden Noch-nicht, dem Versteckten, Abgelegenen, Eingeklemmten, Abseitigen, das vom Wandel vergessen oder übergangen ist, weil es als hässliche Nichtsnutzigkeit erscheint – mit einem Wort: die Brachen der Stadt. „Wo es keine Brachen mehr gibt, gibt es auch keine Buden mehr.“ Im Wandlungsprozess Berlins gewinnen dem, der sie zu finden versteht, ohne danach gesucht zu haben, die Übergangsregionen und Schwellenbezirke besondere Ausdruckskraft. An Stellen, die einst Zentren Berliner Urbanität waren, sprießt aus Ruinen neues Leben. Unter Trümmern, unter dem Pflaster liegt hier gewissermaßen das Land, und man fühlt sich an Aragons Le paysan de Paris erinnert: „Auf dem ehemaligen Wertheimgelände, wo lange ein Gebrauchtwagenhändler war, (…) wird urban gegärtnert, lokal, sozial und bio.“ Und dort, wo die Stadt verwildert, sich selbst überlassen in Natur zurückfällt, wird ein aufgegebenes Stadion „zum Waldstadion, zum Dornröschenstadion“, verwandelt sich in Vorzeit, Antike und Märchenland wie jene Mayastadt: „Mein Palenque liegt in Moabit.“

Auf Gerüche als mnemotechnisches Medium achtet Wagner sehr wohl, auf Geräusche jedoch kaum, und er rückt auch nur wenige Personen in den Blick. Seine sehr zeitgenössischen Genrebilder bekommen so eine menschenleere und stille Versunkenheit, die manchmal an Träume erinnert.

Seiner berühmten Rezension über Franz Hessels Spazieren in Berlin (1929) gab Walter Benjamin den Titel Die Wiederkehr des Flaneurs – Wiederkehr, weil die Gestalt des Flaneurs, des absichtslosen Spaziergängers, von Tempo und Technik der Moderne überrollt und obsolet geworden zu sein schien, sich aber in Hessel erneut inkarnierte. Sein Essay Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen ist gewissermaßen die Programmschrift des Flaneurs: „In jedem von uns lebt ein heimlicher Müßiggänger, der seine leidigen Beweggründe bisweilen vergessen und sich grundlos bewegen möchte. Und wenn ihm das glückt, dann wird die Straße, gerade weil er nichts von ihr will als sie anschauen, gerade weil sie ihm nicht dienen muss, besonders liebenswürdig zu ihm sein. Sie wird ihm ein Wachtraum.“ David Wagner, der bereits mit seinem Buch Spricht das Kind (2009) eine starke Affinität zu Benjamins Berliner Kindheit zeigte, gelingt die Wiederkehr des wiedergekehrten Flaneurs. Er geht zwar weder in Hessels noch Benjamins Schuhen, doch er geht in ihrem Rhythmus, und er ist sich dieser Verwandtschaft sehr wohl bewusst. Wie es sich hier gehört, erwähnt er neben anderen Gewährsleuten der Berliner Literaturtradition (Fontane, Döblin, Kracauer) einmal quasi im Vorübergehen „Franz Hessel, der vor neunzig Jahren so viel unschuldiger hier spazieren gehen konnte“ – unschuldiger, weil Hessel noch nichts von der Zerstörung Berlins im Krieg wissen konnte, zu schweigen von der zweigeteilten Mauerstadt und dem boomenden Berlin der wiedervereinten Gegenwart.

Ohne Freizeitprothesen

„Ich wollte“, schreibt Wagner, als sei’s ein Stück von Hessel, „gar nicht spazieren gehen, (…) ich wollte nur den Müll hinunter tragen. Scheint so, als hätten meine Schuhe ohne mich entschieden. Sie sind einfach losgegangen. Das Gehen hat sich verselbständigt, und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich selbst, ob tatsächlich ich es bin, der hier einen Fuß vor den anderen setzt. Geht die Stadt vielleicht mit mir spazieren?“ Wagners „grundlose Bewegung“ ist, wie Hessel sagt, „weder nützlich noch hygienisch“; hygienisch steht für sportlich, und so kommt sich Wagner „ohne Freizeitprothesen“ dann angesichts von Joggern und Skatern „mit ganz gewöhnlichen Füßen unten an den Beinen (…) altmodisch vor“.

Und auch Baudelaires Metapher von der Stadt, die sich schneller wandelt als ein Menschenherz, findet sich modifiziert und radikalisiert bei Wagner wieder, wenn er schreibt: „Ich bin ein rotes Blutkörperchen, die Stadt ist mein Körper“ – ein sich ständig wandelnder, höchst lebendiger Organismus, dessen Röntgenbild dies entspannte Buch ist.

 

David Wagner: Welche Farbe hat Berlin? Verbrecher Verlag, Berlin 2011. 192 Seiten, € 14 (D) / € 14,40 (A).

 


<< zurück

    Dienstag, 24. Juni 2014 

    VOLLTEXT_2_14_Cover

    AUSGABE 2/2014

    Hurrah! Hurrah! Die Beine in die Hand! Hurrah!
    Eine literarische Schlachtenfolge. Von Thomas Lang

    „Expressionist Artillerist“   
    Die radikale Wortkunst des Franz Richard Behrens. Michael Braun im Gespräch mit Michael Lentz

    Neulich
    Von Andreas Maier

    Individuen ohne Rollentitel   
    Cornelius Hell über Angelika Reitzers neuen Roman Wir Erben 

    Die Bewohner von Château Talbot
    Von Arno Geiger

    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Im Brot und in der Banane wissen wir zahlreiche Diskurse am Werk
    Germanisten erforschen die Gegenwartsliteratur. Von Gunther Nickel

    Dicker Mann auf der Suche nach dem Ausnahmezustand
    Thomas Ballhausen über Augen zu und durch von Manu Larcenet

    „Wir ziehen unsere Entfaltung durch, so lange wir können“
    Lydia Mischkulnig im Gespräch mit Helmut Gollner über ihren Roman Vom Gebrauch der Wünsche

    Lyrischer Moment  
    Von Silke Scheuermann

    Die Angst des Affenforschers vor den Menschen  
    Ulrike Draesner im Gespräch mit Andreas Puff-Trojan über ihren neuen Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt

    Das Einstecktuch   
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Tagesberichte aus der Jetztzeit   
    Vorabdruck aus dem Kalendarium Leben und Werk von Felix Philipp Ingold

    Überwiegend ernst gemeint   
    Kathrin Passig über die Automatische Literaturkritik

    Geht es um alles, geht es um nichts?   
    Von Michael Schmitt

    Bachmann-Preis 2014: Porträts und Texte der TeilnehmerInnen
    Kerstin Preiwuß, Roman Marchel, Birgit Pölzl, Senthuran Varatharajah, Gertraud Klemm, Romana Ganzoni, Michael Fehr, Anne-Kathrin Heier, Olga Flor, Karen Köhler, Tobias Sommer, Tex Rubinowitz, Georg Petz, Katharina Gericke