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Donnerstag, 27. Oktober 2011

99 Fragen zwischen zwei Buchdeckeln

 

Kurzes, Kurioses, Geistreiches: Christoph Simons siebtes Buch „Viel Gutes zum kleinen Preis”. Von Nummer 15

Auch wenn oder gerade weil in dieser Volltext-Ausgabe keine Namen genannt werden, komme ich um folgende Vorbemerkung nicht herum: Ich bin Schriftsteller und nicht Kritiker. Ich kann weder wissenschaftlich noch anderweitig begründen, weshalb ein Buch gelungen oder misslungen sein soll. Meine Begeisterung teilen, das ist alles, was ich möchte, das ist alles, was ich kann. Keine Spur von Objektivität, nein, schlimmer noch, ich bin mit dem Autor, über den ich schreibe, schon seit Jahren bekannt. Aber glauben Sie mir, all das macht die folgenden Zeilen nicht weniger wahr, im Gegenteil! Es war vor ziemlich genau zehn Jahren, als ein junger Autor aus Bern mit einer Herde Antilopen und einem Helden in Gestalt eines orientierungslosen Gymnasiasten, der sich an seine Schule klammerte wie an seinen Joint, den Schweizer Literaturbetrieb betrat. Mit ihm zusammen erfand sich ein kleines Verlagshaus neu und gab sich nach Versuchen in diese und jene Richtung einen endgültigen Namen. Christoph Simon veröffentlicht im Bilgerverlag Franz oder warum Antilopen nebeneinander laufen.

Widrigkeiten des Betriebs

Es war keine leichte Zeit für die Schweizer Literatur. Der Schwung aus dem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse, wo sich die Schweiz 1998 als Gastland präsentieren durfte, war verpufft. Peter Weber nahm sich für sein zweites Buch mehr Zeit, als der Betrieb ihm zugestand. Das Auge der breiten Öffentlichkeit weigerte sich, Gerhard Meier zu entdecken, der die zu Beginn des Jahrzehnts verstorbenen Schwergewichte der Schweizer Literatur nicht nur um Jahre überlebte, sondern auch an Bedeutung überragte. Die Feuilletonisten zelebrierten lustvoll die Selbstgeißelung, trafen dabei aber nicht die eigenen, sondern die Rücken der Autoren und Verlage. Von all diesen Widrigkeiten unbeeindruckt, veröffentlichte Christoph Simon weitere Bücher, und der Bilgerverlag verschrieb sich ganz der heimischen Literatur und widerstand der Verlockung, mit Übersetzungen von Schwulst oder Morden Kasse zu machen. An den für Schweizer Verhältnisse fulminanten Erfolg seines Erstlings konnte Simon weder mit der Quartiergeschichte Luna Llena noch mit dem inzwischen erwachsen gewordenen Franz in Planet Obrist anknüpfen, erst mit dem vierten, im Frühjahr 2010 erschienenen Roman Spaziergänger Zbinden gelang ihm der Befreiungsschlag aus der Antilopenherde. Die Neue Zürcher Zeitung adelte das Buch: „Simons fünfter Roman ist ein geschliffener Diamant geworden, dessen Strahlkraft eine Wahrnehmung über die Landesgrenzen zu gönnen ist.“ Auf fünf kommt, wer bei Simons Veröffentlichungen wahlweise den Gedichtband
Ein pony in nachbars garten, ein rennpferd in meinem oder das Kinderbuch Häsin Melz und Hase Fitz und der Teichgruselgolz mitzählt. Mit der Wahrnehmung über die Grenzen hinaus hat es mit dem Spaziergänger leider nur punktuell geklappt. Einer Buchhändlerin in Hausach gelang es dank dem vernünftigen Rat zum Zweit- und Drittbuch – was, wenn das erste ins Badewasser fällt, das zweite dem Hamster zum Nestbau dient? – ihrem Dorf eine halbe Auflage zu verkaufen. Bei der Lesung am Leselenz selbigen Orts brachte sie darüber hinaus noch alle 80 in Deutschland lieferbaren Exemplare des Romans an die gerührten Zuhörer.

Zehn Jahre nach seinem ersten, erscheint jetzt Simons siebtes Buch. Es ist ein Lesebuch, eine Hausapotheke und ein Freund, wie es der Autor im Vorwort bewirbt: „Sind Sie ein Schiffbrüchiger auf einer Insel, ist dieses Buch Ihr Freund Freitag.“ Die 240 Seiten schöpfen aus zehn Jahren Arbeit, in denen vieles entstand, woraus kein Roman und kein Gedicht wurde. Es findet Kurzes und Kurioses, Geistreiches und Geniales zusammen. Ohne die Nabelschau eines Tagebuchs oder Briefwechsels, die in den meisten Fällen erst Jahrzehnte nach dem Ableben des Autors bekömmlich und interessant wird, erzählt das Buch zwischen den Zeilen und Seiten viel über die Arbeit und den Alltag eines Schriftstellers. Es bringt zusammen, was gewöhnlich verstreut auf unzähligen Zetteln und namenlosen Dateien verloren geht. Zwischen den zwei Buchdeckeln versammeln sich 99 Fragen wie „Sind Sie leicht zu erraten?“ oder „Bei der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen – auf welcher Weite wähnen Sie sich?“, diverse Beiträge zur Lebenskunde von A wie Amerika entdecken bis Z wie abgespreizte Zehen, Kinderbriefe an den Satan, Cartoons, in denen der Autor seinen gekonnt naiven Strich mit dem Hintersinn und der Ironie seiner Sprache paart, und eine Sammlung von Märchen aus dem Literaturbetrieb.
Die Märchen, es mag an meiner Betroffenheit liegen, haben es mir besonders angetan. Jede dieser kleinen Geschichten voll heldenhafter Taten von Buchhändlerinnen, schweren Prüfungen für Schriftsteller, gewagten Segelmanövern von Verlegern und unbestechlichen Urteilen der Leserschaft ist eine Perle für sich, alle zusammen ergeben sie ein ebenso heiteres wie treffendes Bild des Literaturbetriebs, wie ich es zuletzt in Ermanno Cavazzonis Die nutzlosen Schriftsteller gelesen habe.

Stoff für ein Simonsches Märchen

Vielleicht haben Sie es bemerkt, ich habe mich bisher erfolgreich dagegen gewehrt, den Titel des Buches zu verraten. Es ist das Siebte, ein Lesebuch, ein Freund, aber natürlich hat es auch einen Titel, einen schrecklichen Titel, ich kann es nicht anders sagen. Viel Gutes zum kleinen Preis. Was ist das für ein Verlag, der seinen Autor vor einem solchen Titel nicht schützt, sondern ihn damit in den Buchmarkt hinausjagt? Was hat der Autor dem Verlag Böses getan? Wofür wird er bestraft? Spekulationen darüber bieten mehr als genug Stoff für ein weiteres Simonsches Märchen. Natürlich, wer Christoph Simon und seine Bücher bereits kennt, wer weiß, dass Simon im Zweifelsfall lieber eine Pointe zu viel als eine zu wenig setzt, der versteht die Ironie. Aber weshalb sollen die Massen, die ich mit meinen Zeilen ermutigen möchte, diesen Autor kennen zu lernen, zu einem Buch greifen, dessen Titel einem Weltbildkatalog entsprungen scheint, der unseren Argwohn sogar auf einem Ramschtisch weckt?

Mir bleibt nur Sie zu ermutigen: Lassen Sie sich nicht schrecken, von meinem ganzem Herzen möchte ich Ihnen dieses Juwel an Ihres legen, lassen Sie sich von diesem Buch begleiten. Es wird Sie nicht enttäuschen.


Christoph Simon: Viel Gutes zum kleinen Preis. Bilgerverlag, Zürich 2011. 240 Seiten, € 24 (D) / € 24 (A).

 


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    Montag, 18. März 2013 

    VOLLTEXT 1/2013

    Titelgeschichte: „It Can’t Be All in One Language“
    Ezra Pounds Cantos in zweisprachiger Gesamtausgabe. Von Felix Philipp Ingold

    „Gott ist ein Ingenieur“
    Ernst-Wilhelm Händler im Gespräch mit Andreas Puff-Trojan über seinen neuen Roman Der Überlebende

    Kindheit in der Psychiatrie
    Joachim Meyerhoff setzt sein autobiografisches Erzählprojekt fort. Von Christoph Schröder

    „Nicht vorschnell das Künstlernäschen rümpfen“
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    Neulich Von Andreas Maier

    „So möchte ich heute noch schreiben, im existenziellen Sinne“
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    Wortschatz der Nacht

    Auszug aus einem frühen Text von Josef Winkler

    Aufzeichnungen aus dem Krieg
    Aus einem Journal von Julien Gracq

    Die Bewohner von Château Talbot
    Von Arno Geiger

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    Hose und Satz
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Ein komischer letzter Seufzer
    James Gordon Farrells Troubles zeigt Irland in der traumatisierten Wahrnehmung eines Kriegsheimkehrers. Von John Banville

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