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Freitag, 14. Oktober 2011

Lustmolche und Sexgreise

 

Oder I wanna be a Feuchtgebiet. Von Nummer 22

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Lachen? Denken? Der Mensch ist als einziges Lebewesen auf der Erde, sagt zumindest die Evolutionsbiologie, in der Lage, sich virtuelle Welten zu erschaffen. Was aber, wenn diese virtuellen Welten tierisch sind? Nennt man das dann Porno?

Pornografie ist die Darstellung von sexuellen Akten? Nein, Porno ist ein Wirtschaftszweig, der mittlerweile die halbe Welt (aktiv oder passiv) beschäftigt. Früher gab es schmuddelige Hefte und schmierige Filme mit meist nur mäßig attraktiven Darstellern und einer eher kleinen Speisekarte an Standardprogramm. Mittlerweile gibt es eine gigantische, immer noch wachsende Pornoindustrie mit Stars und Spezialisierungen. Vor 35 Jahren war Linda Lovelace in Deep Throat noch eine Sensation. Heute gibt es Millionen an Throat-Jobs, die im Netz ebenso leicht zu finden sind wie Grannys, Spanking, Muffdiving, Fisting, Snowballing, Dildos, Shemales, Swinger, MILFs, Squirting oder was auch immer. Es gibt nichts, das es nicht gibt. Sex mit Gemüse, Gartenbaumöbeln, Bürosex, Krankenhaussex, Sex in Vakuumfolie, Sex mit Rauchenden. Sex bis zum Erbrechen, aber wörtlich.

Pornografische Weltliteratur

Früher konnte sich Porno als gesellschaftlich befreiend gebärden, sich Aufklärung, Liberalität und Revolte auf die Fahne der Enthemmung heften. Heute, kann man sich versteifen, dient Porno nur noch zur Verfestigung der herrschenden Verhältnisse. Die Energie der Männer wird abgezapft, um sie nicht an Politik denken zu lassen.

Und in der Literatur? Literatur erschafft per se eine virtuelle Welt, dem Nachspüren fremder Gedanken haftet genuin etwas Pornografisches an. Es gibt aber auch ausgewiesen pornografische Texte, die einen in völlig neue Welten katapultieren. Großartige Texte, Weltliteratur wie die Geschichte der O., die Mutzenbacher, Marquis de Sade, Jean Genet oder Sacher-Masoch, um nur einige zu nennen. Die meisten dieser Texte mussten unter Pseudonym erscheinen und brachten ihren Verfassern weder Ruhm noch Geld, sondern Bedrohung und Verfolgung.

Heute ist auch das anders, wie sich nicht nur an den Ergüssen einer ehemaligen Musiksender-Moderatorin zeigt, deren Name selbst schon, wenn man die phonetische Verwandtschaft zwischen R und L bedenkt, an das Ziel aller Penetration erinnert. Porno ist auch in der Literatur, sofern man davon überhaupt sprechen kann, vor allem eines, nämlich Geschäft. Geschäfte werden nicht nur betrieben und beschrieben, sondern auch gemacht.
Da ist einmal Elfriede Vavrik, die dem Sensationserfolg ihres Erstlings (Nacktbadestrand, 80.000 verkaufte Exemplare) nun mit Badewannentag ein weiteres „Werk“ folgen lässt. Die betagte Dame hat mit 79 Jahren ihre Orgasmusfähigkeit entdeckt, Kontaktanzeigen im Wiener Basar aufgegeben und inzwischen zahlreiche Erlebnisse mit unter 60-jährigen Männern vorzuweisen. Das Erstaunliche daran, zumindest für all jene, die selbst mit Schreibprozessen und Verlagsvorlaufzeiten vertraut sind: Bereits ein Jahr nach der ersten Kontaktanzeige ist ihr Erstling erschienen. Würde man nach einer Methode für das Schreiben eines Bestsellers suchen, Elfriede Vavrik wäre ein perfektes Muster. Seit zwei Jahren wird die Sex-Oma von Talkshow zu Talkshow gereicht, sie war bei Gottschalk und bei Jauch, bei Beckmann und Anne Will und wie sie alle heißen. Elfriede Vavrik war überall. Wahrscheinlich, steht zu vermuten, werden ihre feuchtfröhlichen Liebesabenteuer auch bald in Hollywood verfilmt.
Für eine ehemalige Buchhändlerin schreibt die Spätverdorbene nicht nur ausgesprochen unverblümt, sondern auch völlig enthemmt. Da ist dauernd von Lecken und Blasen und dem Massieren der Klitoris die Rede. Ständig wird (sprachlich völlig unbedarft) herumgefuhrwerkt und gesaubartelt. Zirka alle drei Seiten wird ihr das eine oder andere Loch mit einem Johannes gefüllt. Dazwischen erfährt man en passant von ihrem Leben, drei Söhne aus zwei unglücklichen Ehen, verklemmte Verhältnisse, schwierige Mutter, Buchhandlung, Depression. Aber Frau Vavrik hat auch eine Botschaft: Sex im Alter ist möglich und macht glücklich.

Das an sich ist wunderbar. Jeder Zivildiener, der einmal in einem Altenheim gearbeitet hat, kann bestätigen, dass es dort untenrum weitaus turbulenter zugeht, als man meint. Ist Frau Vavrik, die es mit ihren Kontaktanzeigenmännern treibt, mit dem Schottergrubenbesitzer Gerald, mit Jochen, dem Arzt, der eine kranke Frau zuhause hat, dem auf emotionaler Ebene zurückgebliebenem Franz und noch ein paar anderen, ist Frau Vavrik also eine Jeanne d’Arc der Sexgreise? Die Heilsbringerin für eine heillos überalterte Gesellschaft? Eine, die zur Befriedung der Welt beiträgt, aus alten mieselsüchtigen, den ganzen Tag vor sich hin grantelnden Nörglern entspannte Menschen macht? Das wäre schön.

Eins zu eins autobiografisch

Leider macht Frau Vavrik selbst gar keinen so glücklichen Eindruck, sie hat ein Gesicht, wie man es von Rechtsstreitigkeiten im Fernsehen kennt. Und auch sonst ist man sich nicht sicher, ob man hier nicht dem in Wallung geratenen Marketingtalent einer ungeratenen, aufmerksamkeitsheischenden Alten aufsitzt. Nicht, dass es keinen Sex im Alter gäbe und auch nicht, dass man es ihnen nicht von Herzen gönnen würde, nur bei Elfriede Vavrik, die scheinbar eins zu eins autobiografisch erzählt, geht es sich nicht ganz aus. Als ich sie im Mai dieses Jahres besuchte, litt sie noch an den Folgen ihres Oberschenkelhalsbruches und humpelte auf Krücken durch ihre kleine Pensionistenwohnung in Laxenburg. Im neuen Buch hat sie den Oberschenkelhalsbruch um ein Jahr vorverlegt. Außerdem will sie ihn sich nun beim Masturbieren zugezogen haben, wovon im Mai noch keine Rede war.

Für eine ehemalige Buchhändlerin ist die Wohnung erstaunlich literaturfrei: Gartenbücher und das Elaborat der ehemaligen Viva-Moderatorin. Ein paar Zimmerpflanzen, drei gerahmte Familienfotos. Keine Zeichnungen von Enkeln, kaum Nippes, nur, als wären sie extra für uns hingelegt worden, Briefe von Verehrern und das Badewannentag-Manuskript, das damals noch Badewannentango hieß. Am Klo ein erhöhter Toilettensitz. Es riecht nach leichter Inkontinenz und halbverdauten Speiseresten in Zahnzwischenräumen. Die Frage nach dem als Masturbationshilfe berühmt gewordenen Gartenschaufelgriff wird abgeblockt. Ihre Antworten wirken gelernt und gleichen denen in den Talkshows aufs Wort. Nein, Elfriede Vavrik ist weder eine neue Ruth Westheimer noch eine in die Jahre gekommene Dolly Buster, eher ein von einem emotionalen Tsunami überrolltes Fräulein Prusselius: streng und leicht verhärmt.

Obwohl wir zu dritt bei ihr antanzen (telefonisch angekündigt), wird uns außer Wasser nichts angeboten. Vavrik ist ein Pseudonym, also steht an der Tür der modernen Reihenhaussiedlung ein anderer Name. Irgendwann beschleicht uns das Gefühl, dass diese Wohnung vielleicht nur angemietet und die ganze Geschichte dieser Elfriede Vavrik einfach erfunden ist, eine Fantasiewelt wie Porno, wie Literatur, was mir, ich gestehe es, schon wieder gut gefallen würde.
Erfunden sind wohl auch die meisten Geschichten in Porno, einem von Ela Angerer herausgegebenem Bändchen, in dem sich zehn Menschen (Schriftsteller, Schauspieler, bildende Künstler) dem Thema verschreiben. Im Vorwort ist von einer Risikobereitschaft die Rede, der der Leser gefälligst mit Respekt begegnen müsse. Wo genau dieses Risiko liegen soll, erschließt sich bei der Lektüre aber nicht.

Gut, Robert Palfrader bekennt sich zum Wichsen „Onanieren ist der Bentley unter den Geschlechtsakten“, weiß aber außer den schönen Umschreibungen mit sich selber Hochzeit machen und einen runterreißen nicht mehr viel dazu zu sagen. Julya Rabinowich und Barbi Marković nähern sich dem Thema poetisch, womit ihre Beiträge praktisch auch in jeder anderen Anthologie stehen könnten. Melanie Kretschmann gibt eindeutig zweideutige Fanpost preis, ohne den Verdacht aufkommen zu lassen, dass hier etwas erfunden sein könnte. Schöne Reflexionen gibt es von Christopher Just „In der Schule haben wir zu einem großen Busen Atombusen gesagt, was eigentlich ein totaler Schaß ist, weil Atome sind ja nicht groß, sondern winzig klein“, Michael Leon „Längst volljährig gehörte ich noch zu jener Sorte gutgläubiger Jünglinge, die annahmen, Pornovideos endeten (wenn man sie denn je bis zum Schluss anschauen würde) stets vorm Traualtar“ und Joachim Lottmann „Pornographie ist wie der Islam, wie die Atomdebatte, wie Aids: Dinge, die es gar nicht gibt, die aber die Welt bewegen“.

Kein erotischer Steigbügelhalter

Der schönste und auch längste Beitrag stammt von Thomas Draschan. Eine pornotrope Fantasie, die sich durch den Kunstbetrieb „mit Muschis so eng wie ein Fahrradventil“ vögelt.

Ein nettes Büchlein, aber ohne Mehrwert, literarisch nicht besonders anspruchsvoll und auch als erotischer Steigbügel nicht wirklich zu gebrauchen. Hätten diese kurzen Texte, von denen die meisten ohne weiteres auch in einem Zeitgeistmagazin stehen könnten, aber ehemalige Viva-Moderatorinnen oder Achtzigjährige verfasst, könnten auch sie merkantil ertragreich sein. So aber offenbaren sie wenig über Pornografie und viel über das Problem der in die Jahre gekommenen Gattung der Anthologie: Jemand hat eine gute Idee, fragt ein paar namhafte Autoren, die mehr oder weniger begeistert zusagen, dann aber zu wenig Zeit haben, sich wirklich darauf einzulassen.

In guter Pornografie steckt die ganze Welt drinnen, Philosophie, Lust und Tod – in diesen beiden Büchern leider nicht.

 

Elfriede Vavrik: Badewannentag. Weiblich, 82, sucht die Liebe. edition a, Wien 2011. 192 S eiten, € 19,95 (D) / € 19,95 (A).

Ela Angerer (Hg.): Porno. Czernin V erlag, W ien 2011. 120 Seiten, € 9,90 (D) / € 9,90 (A).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio