|
Erfolgreich bringt sie ihn davon ab, sich über die schlechte Welt zu echauffieren. Stattdessen solle er lieber über Cricket oder die Vögel im Park schreiben, meint sie.
Und tatsächlich: Die „Strong Opinions“ verwandeln sich in „Das zweite Tagebuch“ allmählich in witzig-beschwingte Betrachtungen über Phänomene wie den Kuss, das Mitgefühl oder Fanpost. Wie bei der biologischen Osmose überwinden die Gedanken und Stimmungen der Figuren die trennenden Textbalken und beeinflussen sich gegenseitig. J. M. Coetzee ist mit dieser matrioschka-artigen Dreiecksgeschichte gleich dreierlei gelungen: ein inspirierender Thesenroman auf der Höhe der Zeit, eine zwischen ersehnter Erotik und melancholischem Verzicht schwankende Lovestory und insgesamt ein Buch, das durch seine raffinierte Konstruktion immer wieder zum Neu- und Anders-Lesen animiert. •
J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres. Roman. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 236 Seiten, € 19,90 Euro (D)/20,50 (A).
Katrin Hillgruber lebt als Literaturkritikerin in München, sie arbeitet unter anderem für die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk. |