volltext.net

Montag, 07. Juli 2008

Weltgericht in der Waschküche

 

Katrin Hillgruber über J. M. Coetzees maliziöses "Tagebuch eines schlimmen Jahres"

Aber wir haben keine ideale Welt“: Diese Feststellung bildet den Dreh- und Angelpunkt des neuen Romans von John Maxwell Coetzee. Der aus Südafrika stammende Literaturnobelpreisträger des Jahres 2003 firmiert fast immer mit seinen Initialen J. M., während J. C., wie sich Coetzees Alter Ego in Tagebuch eines schlimmen Jahres nennt, von seinen Nachbarn in einem Appartementhaus in Sydney misstrauisch als „Señor C.“ beäugt wird – man hält ihn für einen altlinken Exilschriftsteller aus Südamerika.

Vor sechs Jahren zog der öffentlichkeitsscheue J. M. Coetzee, Jahrgang 1940, von Kapstadt nach Adelaide und nahm die australische Staatsbürgerschaft an. Das gibt dem Ich-Erzähler J. C. die willkommene Gelegenheit, seinen tiefen Unmut, ja Zorn über die politischen Verhältnisse in der Wahlheimat Down Under zu Papier zu bringen, neben anderen aktuellen Ärgernissen wie Guantánamo Bay oder Amerikas – wie er meint – paranoide Haltung gegenüber der Terrororganisation Al Qaida. Er äußert sich aber auch über Anarchismus, mathematische Desiderate, Pädophilie oder das Schlachten von Tieren – für den erklärten Vegetarier und Tierschützer Coetzee eines der größten, allseits geduldeten Verbrechen unserer Zeit. Nicht erst seit seinem Meisterwerk Schande (1999) über das unheilvolle Nachwirken der Apartheid hält J. M. Coetzee am vermeintlich altmodischen Unterfangen fest, in narrativer Form über Moral nachzudenken – messerscharf und illusionslos.

„Strong Opinions“ sind die Kurzessays aus der Feder von J. C. betitelt. Coetzees hochverdiente Übersetzerin Reinhild Böhnke wählte dafür den schwächlichen Ausdruck „Feste Ansichten“. Der parkinsonkranke Junggeselle J. C., der seine krakelige Handschrift immer schlechter lesen kann, verfasst die gesellschaftskritischen Aufsätze interessanterweise im Auftrag eines deutschen Verlags. Handelt es sich also bei Tagebuch eines schlimmen Jahres erneut um einen intellektuell funkelnden, doch eher handlungsarmen Thesenroman wie etwa Das Leben der Tiere (2000)? Mitnichten. Die „Festen Ansichten“ füllen nur das obere Drittel der Buchseiten. Unter dem Querstrich entfaltet sich ein zweiter Erzählstrang in Tagebuchform: die sehr privaten Gedanken eines alternden Mannes. Eines Frühlingstages begegnet er in der Waschküche einer „ziemlich aufregenden jungen Frau“: „Aufregend, weil eine solche Erscheinung das Letzte war, was ich erwartet hatte; und auch weil das tomatenrote Hängerkleidchen, das sie trug, so aufregend kurz war.“

Die junge Filipina heißt Anya. Zum Leidwesen ihres neuen Verehrers ist sie mit dem bleichen Investmentberater Alan liiert, gegen den sich von nun an der heimliche Groll des Schriftstellers richtet, nachzulesen im Textbalken auf der Seitenmitte. Im untersten Drittel wiederum schaltet sich Anya mit ihren Ansichten über J. C. ein, der sie als Schreibkraft mit hoher Fehlerquote gewinnen konnte. Denn ihr Aussehen war ihm eindeutig wichtiger als ihre Qualifikation.

Durch diese zunächst verwirrende und etwas retro-avantgardistisch wirkende Konstruktion liegen die Gedankenstränge aller Beteiligten wie ein offenes Buch da. Das entfaltet beim komplizenhaften Lesen eine beträchtliche Sogwirkung. Zwischen „El Señor“ und „El Segretaria“ knistert es im Frage-und-Antwort-Spiel. Dadurch entsteht ein Verweissys-tem voller maliziöser Spitzfindigkeiten: „Die Wahrheit ist: Er braucht gar keine Segretaria und nicht einmal eine Tipista, er könnte seine Gedanken selbst tippen, es gibt Tastaturen mit Maxitasten für Leute wie ihn. Doch er tippt nicht gern, er umklammert lieber den Füllfederhalter und spürt, wie die Worte am anderen Ende rauskommen.“

Später gesellen sich unterm Strich noch Alans böse Absichten hinzu: Er widerspricht den Ansichten des „Fossils aus den Sechzigern“, so wie sie seine Freundin von ihrer täglichen Arbeit referiert. Außerdem hält der zunehmend eifersüchtige Alan den ehemaligen Starautor aus Südafrika für reich und will dessen Schwärmerei für Anya ausnützen, um einen Zinsbetrug einzufädeln. Doch er unterschätzt seinen Gegner. J. C., der friedliche Anarchist und freiwillig zurückgezogene „Quietist“, sieht seinen Pessimismus durch Alans Intrigen bestätigt. Zugleich beginnt ihn Anyas naiv-freundliche Lebensanschauung zu verändern. Erfolgreich bringt sie ihn davon ab, sich über die schlechte Welt zu echauffieren. Stattdessen solle er lieber über Cricket oder die Vögel im Park schreiben, meint sie.

Und tatsächlich: Die „Strong Opinions“ verwandeln sich in „Das zweite Tagebuch“ allmählich in witzig-beschwingte Betrachtungen über Phänomene wie den Kuss, das Mitgefühl oder Fanpost. Wie bei der biologischen Osmose überwinden die Gedanken und Stimmungen der Figuren die trennenden Textbalken und beeinflussen sich gegenseitig. J. M. Coetzee ist mit dieser matrioschka-artigen Dreiecksgeschichte gleich dreierlei gelungen: ein inspirierender Thesenroman auf der Höhe der Zeit, eine zwischen ersehnter Erotik und melancholischem Verzicht schwankende Lovestory und insgesamt ein Buch, das durch seine raffinierte Konstruktion immer wieder zum Neu- und Anders-Lesen animiert.    •

J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres. Roman. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008.
236 Seiten, € 19,90 Euro (D)/20,50 (A).

Katrin Hillgruber lebt als Literaturkritikerin in München, sie arbeitet unter anderem für die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk.

 


<< zurück

    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio