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Dienstag, 13. Februar 2007

Unsere Popmoderne: Zille für Perverse

 

Neben den Mülltonnen spielen die Kinder, kreischend. Es sind Ferien. Drei Jungen spielen Fangen, sie rennen im Kreis, ohne Schuhe, auf Socken. Die Mülltonnen quellen über, die Deckel stehen offen, Tüten sind aufgerissen, Abfälle liegen überall verteilt auf dem Hof herum. Kartoffelschalen, Milchkartons, Kaffeefilter, Teebeutel. Tetra-Packs, benutzte Taschentücher, Essensreste und Eierschalen.
Die drei Jungen spielen Fangen, auf Socken, sie rennen durch die Abfälle, kreischend. Die Köpfe der Jungen sind kahlgeschoren, sie sehen alle gleich aus, wie Soldaten, die ganze Brut hat Läuse. Der Junge mit dem Feuermal im Gesicht bückt sich, nimmt die leere Ananasdose und wirft sie auf den Jungen mit dem verschorften Knie, aus keinen drei Metern Entfernung. Die Büchse trifft den Jungen mit dem verschorften Knie am Hals. Erle wünscht sich, die Büchse würde explodieren.
Über Nacht wurde neuer Sperrmüll auf dem Hof abgestellt. Ein dreifüßiger Beistelltisch, zwei schwarze Stühle ohne Sitzflächen, ein Zeitschriftenständer aus Chrom. Bretter, Spanholzplatten, ein blauer Müllsack mit Tapetenresten. Wieder ist ein Mieter gestorben.
In der Toreinfahrt steht das Mädchen mit den schiefen Zähnen und dem dummen Gesicht, auf Socken, unter dem eingeschlagenen Hoflicht, und versucht eine Filterhülse auf ein Tabakröllchen zu stecken. Es gelingt nicht. Sie schreit, der Junge mit dem Feuermal kommt angerannt, nimmt die Hülse und das Tabakröllchen, steckt die Hülse auf das Tabakröllchen und läuft mit der Steckzigarette davon. Das Mädchen mit den schiefen Zähnen rennt hinter ihm her, spuckend.
Erle steht auf und öffnet das Fenster, in der Küche stinkt es erbärmlich. Der Gestank dringt durch den Holzfußboden, kommt aus den Ritzen, kriecht durch die Heizungsrohre.
Die Nachbarin unter ihm kocht wieder Eintopf, oder Pansen, für ihren Scheißköter, ohne das Fenster zu öffnen, man sollte sie einweisen und den Köter erschießen, oder umgekehrt. Erle hört eine persische Tonleiter, danach das Gejaule der Mädchenband im vierten Stock, Schlagzeug, verstärkte Gitarre, kläglich, infernalisch laut.
Das Mädchen mit den schiefen Zähnen schaut zu Erle auf, kaut auf einem Finger, hat die andere Hand in der Hose und reibt ihr Geschlechtsteil, lachend. Die Stadt ist arm, aber sexy, behauptet der Regierende, das kann nur ein Perverser sagen.
Die drei Jungs stehen neben den demolierten Fahrrädern und rauchen die erbeutete Zigarette, anschließend spielen sie mit einem abgefetzten Tennisball Fußball. Das Mädchen mit der Brille und dem Augenpflaster turnt auf der rostigen Teppichstange, die Stange wackelt, das Mädchen mit der Brille und dem Augenpflaster macht einen Überschlag. Erle schließt die Augen und sieht, wie der Kopf des Mädchens mit der Brille und dem Augenpflaster auf dem Asphalt aufschlägt.
Das Mädchen mit den schiefen Zähnen malt mit Kreide Diddl-Mäuse an die Hauswand, bis ihre Mutter und ihre ältere Schwester in der Toreinfahrt erscheinen. Die drei stehen im Kreis, die Mutter verteilt Filterzigaretten, alle drei rauchen, die Mutter trägt ein schwarzes T-Shirt mit pinkfarbener Aufschrift, TODESSTRAFE FÜR KINDERSCHÄNDER, die ältere Tochter ist schwanger, das Mädchen mit den schiefen Zähnen keine 15.
Aus dem Quergebäude eilt die Künstlerin, das steht auf ihrem Türschild, die Künstlerin huscht an dem rauchenden Trio vorbei, wie ein Gespenst, grüßend, lachend, hahaha, mit langen wehenden roten Haaren, die Hexe. Die Künstlerin schmeißt zwei Rotweinflaschen in die Buntglastonne, dann huscht sie zurück in das Haus, verschwindet in ihrer Erdgeschosswohnung und lässt die Rollladen herunter.
Erle schließt das Küchenfenster, über ihm trampeln Menschen, eine Bohrmaschine kreischt, es ist zwei Uhr mittags. Erle beugt sich vor und betrachtet den blauen wolkenlosen Himmel. Dann lehnt er sich zurück, sein Blick fällt die Hauswand herunter, an vielen Stellen ist die Farbe weggeplatzt, an manchen Stellen gar der Putz abgebröckelt, Erle kann das nackte Mauerwerk sehen, fast keines der Fenster besitzt Vorhänge.
In den Hof wankt der Zeitungsausträger mit den grauen Haaren und dem Zopf und dem tätowierten Rücken, er ist betrunken und stellt sich zu der Mutter und ihren Töchtern, er fängt an zu schreien, Erle kann seine Worte durch das geschlossene Fenster hören. Schon wieder habe jemand in den Hausflur gekackt, diese Pollacken, man müsse doch abends die Vordertür abschließen, wer das nicht tue, gehöre erschossen. Die Mutter lacht und spendiert eine weitere Runde Zigaretten.
Erle geht auf die Toilette und liest in der Zeitung einen Bericht des zukünftigen Weltraumtouristen Charles Simonyi, der 1981 die Computerprogramme Word und Excel schrieb. Erle erschrickt, als in der Wohnung über ihm die WC-Spülung betätigt wird und das Abwasser mit einem Höllenlärm an ihm vorbeirauscht. In diesem Moment beschließt Erle ein Buch zu schreiben, dieses Buch, Zille für Perverse.

Das schmale, literarisch-philosophische Büchlein Zille für Perverse ist eine 90-seitige Streitschrift, die sich gegen die „Sozialhilfeempfänger der ersten, zweiten und dritten Generation“ richtet. Verfasst wurde sie von dem aus Ungarn stammenden, in Bonn aufgewachsenen und in Berlin lebenden Imre von Buzánszky, seit 1998 Kulturbeauftragter der ungarischen Botschaft. Das kurz nach der von SPD-Parteichef Kurt Beck ausgelösten „Unterschichtendebatte“ veröffentlichte Buch löste in den Medien eine Welle der Empörung aus, insbesondere die Tötungsfantasien riefen heftige Kritik im konservativen ebenso wie im linken Lager hervor. In der Jungen Welt sprach ein Autor vom „schriftlichen Amoklauf eines Schreibtischhitlers“, die Welt am Sonntag rügte von Buzánszky als „ahnungslosen ausländischen Geistesaristokraten aus dem Regierungsviertel“. Als Konsequenz aus dem Skandal musste von Buzánszky Ende letzten Jahres von der ungarischen Botschaft in
Berlin nach Wien wechseln.


Marc Degens, geboren 1971 in Essen, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien Unsere Popmoderne.
Das Beste aus schlechten Büchern im SuKuLTuR Verlag.

 

www.marc-degens.de


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