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Dienstag, 13. Februar 2007

Faszinierender Schauer

 

Geheimnisvolle Orte, rätselhafte Figuren, Fetische, Obsessionen und Ticks prägen die Texte des Georg Klein.

So wie Georg Klein in seinen Romanen und Erzählungen mit Mythen spielt, mit über- und vorzeitlichen Gegebenheiten, die sich ihren Weg in die Gegenwart (und in die Sprache) gebahnt haben, so umgibt auch den 1953 geborenen Georg Klein selbst ein Mythos. Oder ist er es selbst, der um sich herum die Aura der Rätselhaftigkeit befördert? Das wäre ein Streitpunkt, ein erster. Jahrelang, nein Jahrzehnte lang, so heißt es, habe er geschrieben, für die Schublade geschrieben, weil niemand seine Texte, die des randständigen und genialischen Einzelgängers, habe drucken wollen. Bis endlich das Manuskript seines Romans Libidissi bei Alexander Fest gelandet sei und dieser Kleins Talent und literarisches Potenzial entdeckt habe. So lautet die Geschichte; immer wieder wird sie so erzählt; wer sie letztendlich lanciert hat und wie viel Wahrheit in ihr steckt, mag dahinstehen. Tatsache ist: Georg Klein ist ein höchst erfolgreicher Autor. Und er polarisiert im Literaturbetrieb. Kaum einen dürfte es geben, der nicht eine Meinung hat zu Kleins Texten – die Leser teilen sich in Fans und scharfe Kritiker; dazwischen, so scheint es, gibt es wenig. Zu all dem passt auch das Auftreten des Autors in der Öffentlichkeit – dieser stets freundlich, aber dünn lächelnde Mann, der leise spricht und sich auf Lesungen auch von scheinbar noch so irritierenden Fragen nicht aus der Bahn werfen lässt – verbirgt sich dahinter etwas Bedrohliches? Lauern Abgründe?
Schon in Libidissi, dem Debüt, lässt sich die Motivlandschaft Kleins klar erkennen – geheimnisvolle Orte, labyrinthische Städte, dunkle Kanäle, rätselhafte Figuren. Und eine Sprache, die unter höchster Anspannung steht, die auf dem Grat balanciert zwischen Schönheit und Peinlichkeit. Ganz klar – Klein ist ein Neo-Romantiker, der den alten Bildvorrat in die Moderne zu transportieren, zu transzendieren versucht. Klein zu lesen bedeutet nicht nur, sich in ein System von Zeichen und literarischen Querverweisen zu begeben; es bedeutet auch, mit dem Risiko der Erkenntnis leben zu wollen, dass eben diese Zeichen hin und wieder auch ins Nichts führen, für sich selbst und für sonst nichts zu stehen. Kleins Texte sind kalt und ungreifbar zum einen, doch durch die Schnittstellen seines literarischen Konzepts sickert immer wieder ein faszinierender Schauer, drängt sich ein Bild auf, eine Situation, die den Leser in ihrer Undurchdringlichkeit und Anziehungskraft nicht mehr loslassen will. Und es ist auch stets ein leichter Ekel, der Kleins Texte grundiert, die voll sind von Fetischen, Besessenheiten und Ticks. Sein Erzählungsband Anrufung des blinden Fisches, 1999 erschienen, ist in die drei Oberkapitel „Membran“, „Schnittstelle“ und „Geschlecht“ unterteilt, drei durchaus hilfreiche Koordinaten, wenn es darum geht, das Klein’sche Schaffen in einen assoziativen Zusammenhang einzuordnen.
Im Jahr 2000 gewann Klein mit einem Auszug aus seinem Roman Barbar Rosa den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. Barbar Rosa war eine Detektivgeschichte mit überraschendem Ausgang; ein Suchspiel, in dem ein verschwundener Geldtransporter, ein Gebrauchttextlager und der Mond eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Ein Irrlichtern zwischen der deutschen Romantik und Kafka, zwischen Poe und Lovecraft. Sein bislang wohl bestes Buch erschien im Jahr 2002: Der Erzählungsband mit dem dieses Mal wenig mysteriösen Titel Von den Deutschen ließ ein wenig deutlicher erscheinen, dass hier nicht nur ein reiner literarischer Spieler am Werk ist, sonder auch ein Autor, der sich, wenn auch auf seine eigenwillige Art und Weise, an die Wurzeln der Gegenwart herantastet; der in kalkuliert altväterlichem Tonfall in unserem psychologischen Bodensatz herumwühlt. Und dabei auf erstaunliche Resultate trifft. „Altkayser“ heißt beispielsweise eine der Geschichten, in der sich ein Verwaltungsspezialist in eine kunstvoll verfremdete ostdeutsche Stadt versetzt sieht und unter einer sozialistischen Granitstatue einen ganz eigenen Kosmos, eine luzide Gegenwelt entdeckt. „Nazionalkarakter ist Manier“ – diesen Satz Jean Pauls hatte Klein Von den Deutschen vorangestellt.
Auch der neue Roman Sünde Güte Blitz hat ein Motto: „Lesen Sie viel, auch wissenschaftliche Bücher, obschon die Wissenschaft als Ganzes Unfug ist, ist sie lehrreich.“ Der Satz stammt von Gottfried Benn, dem Arzt und Dichter, dem Verdichter von Wissenschaft und Poesie. Und auch Georg Klein lässt Mediziner auftreten, gleich zwei, Herrn Doktor Weiss und Herrn Doktor Schwartz. Ihre neue Praxis eröffnen sie in einem von Angela Z. als Hausmeisterin betreuten Gebäude. Angela Z. wiederum muss zuvor erst einen Schock verkraften, denn als sie mit sich selbst ihren 45. Geburtstag feiert, steht plötzlich ein nackter Mann im Zimmer, den sie mittels eines Stromstoßes ruhig stellt. Doch das bleibt nicht die einzige seltsame Begebenheit... Die sprachlichen Manierismen, die Verniedlichungen und Altertümeleien, hat Klein in seinem neuen Roman zurück geschraubt. Er erzählt eine Geschichte von Wundern, Dämonen und Scharlatanen. Er wird auch damit das Publikum spalten. Und wie immer dieses dünne Lächeln zeigen, wenn er daraus vorliest.

 


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