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Später habe ich es wieder in Budapest gesehen, in der Straßenbahn. Dort war es wie früher. Früher hatten die Straßenbahnen in unserer Stadt noch lange, hell lackierte Holzbänke. Früher, das war so lange nach dem Krieg, daß die Menschen schon wieder etwas waren. Da saßen die Frauen und hielten mit beiden Händen ihre Handtaschen auf ihren geschlossenen Knien fest. Es war, als drückten sie ein Siegel auf ihren Schoß, als schützten sie ihr Geschlecht. Oder es war, als ob all diese Frauen keine Genitalien hätten, dafür aber Handtaschen. Vielleicht aber waren die Genitalien der Frauen in ihre Handtaschen gerutscht. Jetzt saßen sie da und hielten sie fest wie etwas, das man sauer erspart hat und das einem deshalb nicht weggenommen werden durfte. Männer saßen nie so da. Auch Männer nicht, die die Handtaschen ihrer Frauen trugen. Damals, als der Krieg gerade so lange vorbei war, daß die Menschen wieder etwas sein konnten, damals gab es Männer, die die Handtaschen ihrer Frauen trugen. Am gebogenen Henkel. Nach dem Einsteigen in die Straßenbahn gaben sie sie ihren Frauen zurück.
Handtaschen gehörten zum Sonntag; sie hatten etwas mit der katholischen Kirche zu tun wie der Schoß. Hoch über der Kanzel trug Maria einen himmelfarbenen Zeltmantel. Sie breitete den Mantel aus und umschloß die ganze Christenheit. Vermutlich war Maria die blaue Handtasche Gottes.
An manches darf sich ein Kind nicht erinnern, weil ein Kind zu seinen Eltern gehört. Deshalb weiß es vor allem, was sich nicht gehört. Bei den Dominikanerinnen in der Klosterschule wurden wir angehalten, aus weiß-glänzendem Bastfaden ein Operntäschchen zu häkeln. Ich war damals ungefähr neun Jahre alt und noch nie in der Oper gewesen. Ein Verschlußbügel mußte eingenäht werden, mit dem die Tasche durch einen Fingerdruck zu öffnen war. Ich fand dieses sogenannte Operntäschchen furchtbar häßlich und habe es, als ich später tatsächlich ins Theater oder in die Oper ging, nie benutzt. Meine Mutter hat das weißglitzrige Häkelding manchmal genommen. Sie fand es reizend. Ich fand es in ihrer Hand besonders häßlich. Wenn überhaupt, habe ich damals gedacht, dann kann es ein Kind, höchstens noch eine junge Frau tragen. Diese Operntäschchen falteten sich auf wie Schamlippen, und der Schnappverschluß saß in der Mitte wie eine verrutschte Klitoris. Damals bei den Dominikanerinnen war mir die Bildlichkeit nicht so deutlich gewesen, aber ich erinnere mich genau an ein Gefühl von Peinlichkeit, weil wir solche weißbräutlichen Täschchen häkeln mußten und mit Seidenstoff ausfüttern, so handlich klein, daß gerade ein Opernglas hineinpaßte. Niemand von uns besaß ein Opernglas.
Seit langer Zeit bin ich selbst Mutter. Meine große Tochter hat die Biographie von Marlene Dietrich, geschrieben von deren Tochter Maria Riva, mittlerweile sicher ein dutzendmal gelesen; das dicke 800seitige Taschenbuch ist ganz zerfleddert. Meine Tochter erzählt mir daraus folgende Geschichte:
Marlene Dietrich hat den Abschluß der Dreharbeiten zu „Die scharlachrote Kaiserin“ feiern wollen, und da der Film in Rußland spielt, beschloß man, russisch essen zu gehen. Mit von der Partie waren neben der Schauspielerin und ihrem Mann, den sie seit der Geburt ihrer Tochter „Papi“ nannte, auch Tami, das Kindermädchen, die zugleich die Geliebte des Mannes war, und Tochter Maria und der bunte Foxterrier. Die extravagant gekleidete Gruppe fiel im Restaurant sofort auf. Borschtsch wurde bestellt und serviert. Bald bemerkte die Tochter den nervösen Blick ihres Vaters. Zunächst meinte sie noch, er richte sich auf ihre Limonade, die immer ganz frisch sein mußte. Die Limonade aber war in Ordnung. Schließlich zischte der Vater: Wo ist das Schwarzbrot? Er hielt unbedingt darauf, weltläufig genug zu sein, um zu wissen, daß zu Borschtsch Schwarzbrot gehört. Der Oberkellner eilte herbei, entschuldigte sich und erzählte aufgeregt, die Frau des Bäckers sei bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben. Sie sei so jung gewesen, so schön. Er konnte nun nicht aufhören, blumig und voll Trauer von dem schrecklichen Tod zu sprechen, der Vater aber habe nur noch einmal nachgefragt: Und Sie servieren Borschtsch ohne Schwarzbrot? Als der Oberkellner darauf mit einem irritierten Ja antwortete, faltete der Vater die Serviette zusammen und stand wortlos auf. Daraufhin erhob sich die Restfamilie ebenfalls und verließ im Gefolge des Vaters das Restaurant. Marlene Dietrich soll diesen peinlichen Vorfall nie mehr vergessen haben. Von nun an aber hatte sie immer Schwarzbrot bei sich. So erfand, schloß meine Tochter, Marlene Dietrich die große Handtasche für den Abend, was die Modewelt als eine neue Exaltiertheit der Diva begeistert aufnahm. In Gesellschaft sagte die Dietrich nun öfter: Wir können ruhig russisch essen gehen, ich habe Papis Brot dabei!
Vermutlich haben die meisten Frauen in ihrer Handtasche Papis Brot dabei und was eben sonst noch wichtig genug ist, daß man es mit sich trägt. Zum Beispiel: Lippen- und Konturenstift, Zigaretten, Präservative, ein altes Flugticket zu einer großen Stadt am Meer, zwei Parker-Kugelschreiber mit feiner Mine, den Presseausweis, Aspirin plus C, Adreßbuch, Terminkalender, eine Zahnbürste, eine Ersatzunterhose, Schlüssel, Kinderzeichnungen. Oder: Busfahrkarte und einen Kurzbusfahrplan, handgeschriebene Telephonnummern in einem immerwährenden Kalender, ein ausgeschnittenes Backrezept für Hilda- brötchen, eine Konzertkarte (von den vergangenen Ferien mit der Tochter), Photographien der Enkel, Hustenbonbons, Spalttabletten, Magentabletten zum Kauen, Papiertaschentücher und ein Erfrischungstuch, zerknitterte Zuckertütchen (von den Ferien), ein Nagelnecessaire, eine Regenhaube im Etui, das Portemonnaie, den Schlüsselbund.
Mein erster Freund hatte eine flache Tasche aus Ziegenfell zum Umhängen mit weißen und blauen eingefärbten Streifen. Ich hatte so eine Tasche vorher noch nicht gesehen. Er sagte, sie sei aus der Türkei, eine frühere Freundin habe sie ihm mitgebracht. Mein erster Freund hatte einen Spitzbart und lange Haare und war ein Hippie, wie die Eltern sagten. Ich war ein braves Mädchen. Damals war die Pille ein ungeheuerliches Wort, so ungeheuerlich, daß, wenn die fünf Buchstaben auf den Zeitungstafeln der Kioske erschienen, Mutter den Schritt beschleunigte. Mein erster Freund schlief mit schönen Mädchen, die schon Frauen waren; mit mir spielte er Gitarre. Like a bird on a wire. In seiner Tasche, die keine Handtasche, sondern eine Umhängetasche war, waren Tabak und Papierblättchen zum Drehen und ein Notizbuch, in das er Lieder und Gedichte schrieb. Er hatte auch immer ein Taschenbuch dabei, das Glasperlenspiel von Hermann Hesse etwa oder das Stundenbuch von Rilke. Ich fand Hesse langweilig und das Stundenbuch albern. Heimlich. In einer Anthologie aus der Stadtbibliothek wurde ich auf den Namen Jerzy Kosinski aufmerksam. Mein erster Freund, der damals schon 18 war, lieh für mich „Der bemalte Vogel“ aus. Man mußte dafür unterschreiben und einen Ausweis vorlegen. Like a bird. Ich las es, ohne daß jemand mich sah. Ich weiß nicht mehr, wo ich das Buch versteckte. Wahrscheinlich in der Schultasche zwischen dem Wallenstein und der Logarithmentafel.
Ich habe in meinem Leben nie ein Verhältnis zu meinem Vater bekommen. Wir waren ein Frauenhaushalt, meine Großmutter, meine Mutter und ich, in dem der Vater als eine Art seltsamer Untermieter gehalten wurde. Meine Mutter war das einzige Kind meiner Großmutter, wie ich das einzige Kind meiner Mutter war. Meine Großmutter und meine Mutter waren das, was sie „Flüchtlinge“ nannten. Was ein Flüchtling ist, wurde mir nie erklärt. Meine Mutter und meine Großmutter unterhielten sich in einer Sprache, die aus nichthinterfragbaren Chiffren und Kürzeln bestand. Das wichtigste Wort in diesem Kosmos war: „Zuhaus“ Die Topographien hießen „Tschechei“ und „Sudetenland“. Ich bin aufgewachsen im Bewußtsein, daß der Ort, an dem ich war, vieles sein konnte aber eben nicht „Zuhaus“. In unserem Zusammenleben gab es den ständigen Bezug auf jenes „Zuhaus“, aus dem meine Mutter und meine Großmutter vertrieben worden waren. Es muß das Schlimmste sein, begriff ich, wenn man aus einem „Zuhaus“ vertrieben worden ist. Weil es ein „Zuhaus“ nämlich nur einmal gibt. Sie konnten damals auch kaum etwas mitnehmen von dem „Zuhaus“. Nur das, was sie in Koffern und Taschen forttragen konnten. Ich selbst hatte keine Bilder für Heimat oder Fremde.
Die wichtigste Tasche meiner Großmutter war ihre Hand. Sie konnte jagen und schnappen. Meine Großmutter öffnete sie behutsam, rutschte dann auf dem Handballen erst langsam und dann in ungeahnter Beschleunigung über das glatte Wachstuch des Küchentisches - und hatte die Fliege gefangen. Sie drückte nie zu. Mit der summenden Handtasche ging sie zum Fenster, wo sie abschüttelnd das Tier freiließ. Es hieß aber, „Zuhaus“ habe die Großmutter Hühner geschlachtet. Und die Hühner seien dann manchmal ohne Kopf noch einen Bogen über den sandigen Hof gerannt.
Es gibt ja auch Einkaufstaschen, Manteltaschen, Jackentaschen. So verschieden sie sind, ihr Inneres ist Asche. Damit ist ihr geheimer Raum nahezu unendlich. Durchs Feuer gegangen würde sehr vieles zur Not selbst in eine kleine Handtasche passen. Als mein Vater gestorben war, trug ein Mann, der das sprach, was meine Mutter „gebrochenes Deutsch“ genannt hätte, die Urne von der Kapelle über die Friedhofswiese zum offenen Urnengrab meiner Mutter. Sollen die Glocken läuten?, hatte er noch gefragt, und ich hatte ja, ein wenig, gesagt. Daraufhin hatte er auf einen Schalter an der Wand gedrückt, und als wir dann die Kapelle verließen, begann eine Glocke zu läuten. Es war ein strahlender, blauer Frühlingsnachmittag mitten im Winter. Die Glocke läutete. Der Mann ging bedächtig, betont feierlich, und meine Tochter und ich folgten ihm und der Urne. Obwohl ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin und meine Tochter nicht getauft ist (sie nimmt in der Schule am Religionsunterricht teil, hat aber nie davon gesprochen, einer Glaubensgemeinschaft beitreten zu wollen), obwohl wir also die Glocke nur als Heiden hörten, empfanden wir es doch als schön, daß sie läutete. Mein Vater war sehr religiös gewesen. Auf eine traurige Weise sehr religiös, denn obwohl er sehr religiös war, fand er in seinem Glauben weder Trost noch Kraft für sein Leben. Und so war es ungeheuerlich, daß gerade er, der doch ein Mann der Kirche war, sich so ausweglos allein gesehen haben muß, daß er immer wieder versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Vermutlich hat ihm am Ende die Scham das Leben gekostet. Der Herr vom Beerdigungsinstitut trug die Urne wirklich sehr feierlich vor sich her. Er hielt sie in zwei Händen, ein wenig von seinem Bauch weggerückt. Ich habe ihn bitten wollen, mir die Urne einmal in die Hand zu geben; ich wollte ihr Gewicht spüren. Ich habe mich aber nicht getraut, ihn zu fragen, habe ihn aber desto genauer beobachtet. So, wie er sich mit der Urne bewegte, so wie er am offenen Urnengrab meiner Mutter der Urne meines Vaters den abschließenden letzten Deckel aufsetzte, wie er den Draht anzog, mit dem er die Urne in das Grab neben die erste Urne setzte, so wie es war, kann die Urne nicht schwer gewesen sein. Wieviel Gramm Asche bleiben von einem Menschen? Ein Handtaschenmaß wenig genug. Wir sahen also von oben in das offene Urnengrab, meine Tochter und ich. Die beiden Urnen standen in dem kleinen Betonkästchen in der Diagonalen nebeneinander wie zwei Hefeteigbuchteln, die noch aufgehen müssen. Es sieht friedlich aus, sagte ich zu meiner Tochter. Sie sagte nichts. Wir müssen in diesem Augenblick dasselbe gedacht haben: Hier ruht eine furchtbare Ehe. Dann wollte ich gehen. Aber sie blieb seltsam sicher stehen. Ich weiß nicht, was sie sah, was sie weiterdachte.
Als meine Mutter starb, hinterließ sie 32 Handtaschen, schön nebeneinandergesteckt und aufgestapelt auf dem Boden des Kleiderschranks, in dem oben an der Stange ihre steifgebügelten Blusen hingen. Die Handtaschen, die sie sich über die Jahrzehnte hin gekauft haben muß, sahen alle denkbar ähnlich aus. Sie waren von eher mittlerer Größe wie für den Kirchgang. Nur wenige waren etwas größer, so daß nicht nur ein Gebetbuch und der Geldbeutel, sondern vielleicht auch noch ein kleiner Schirm hineingepaßt hätte. Sie waren unauffällig einfarbig: beige oder eierschalenfarben, wie meine Mutter gesagt hätte, hellbraun, grau, die eine oder andere auch dunkler. Wenn man sie öffnete, entströmte ihrem Inneren der Geruch von abgestandenem Kölnisch Wasser. In jeder der 32 Taschen steckte ein auf Kante gefaltetes Stofftaschentuch und ein runder, manchmal auch viereckiger Taschenspiegel. Davon abgesehen waren alle 32 Taschen leer.
Mein lebensmüder Vater, der meiner Mutter schnell nachstarb, hat eine schwarze Herrenhandtasche zum Umhängen hinterlassen. Darin fanden sich drei frischgekaufte Stabilo-Bleistifte, ein neuer grüner Radiergummi und ein kleiner, unbeschriebener Spiralblock. Ansonsten war die Tasche gefüllt mit verschiedenen Reiseprospekten, die Kreuzfahrten anboten. Als ich das sah, dachte ich, wenn du ihn geliebt hättest, würdest du das für ihn erfunden haben.
Angelika Overath, geboren 1957 in Karlsruhe, studierte Germanistik und Geschichte in Tübingen, wo sie heute als Schriftstellerin lebt. Zuletzt erschien der Roman Nahe Tage (Wallstein, 2005). |