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Dienstag, 13. Februar 2007

Intellektuelle Schärfe

 

Klaus Modick über Hermann Kinders Mein Melaten.

Wörtergläubig wie ein Beter geht Kinder durch den Gegenwartswald“ – das schrieb der wörtergläubige Martin Walser 1977 über Hermann Kinders ersten Roman Der Schleiftrog, ein Buch über den Zerfall der 68er-Euphorie in der Schwerkraft universitärer Verhältnisse. Die Zustimmung zu diesem fulminanten Debüt war fast ungeteilt; nicht nur die Berufskritiker lobten das Werk, sondern neben Walser auch andere bedeutende Schriftsteller: Alfred Andersch nannte es „schwungvoll und hochbegabt“, und Adolf Muschg fiel Kinders „heftige, reiche, verletzbare Sprache“ auf. Mit seinen folgenden Romanen, Vom Schweinemut der Zeit (1980), der ebenfalls im Universitätsmilieu spielt, und Der helle Wahn (1981), einer bissigen Literaturbetriebssatire, etablierte sich Hermann Kinder schnell als eigensinnige Stimme und feste Größe der deutschen Gegenwartsliteratur, von der Kritik überwiegend freundlich aufgenommen, wegen seiner intellektuellen Schärfe und seines originellen, präzisen Stils von Schriftstellerkollegen hoch geschätzt - ein writer’s writer.
Literaturkritik, so Charles Simmons in seiner Betriebssatire Belles Lettres, ist „eine Methode, alte Freundschaften zu ruinieren oder sich neue Feinde zu schaffen.“ Wohl wahr! Wahr ist aber auch, dass Kritik Freundschaften stiften kann. Nachdem ich nämlich 1983 sein Buch Der Mensch, ich Arsch im Spiegel rezensiert und im Merkur einen Essay über sein bis dahin vorliegendes Werk publiziert hatte, entspann sich zwischen Hermann Kinder und mir ein intensiver Briefwechsel, der bis heute anhält, wenn auch inzwischen papier- und tintefrei in E-Mail-Form. Und natürlich lernten wir uns irgendwann auch persönlich kennen und sind heute sehr gute Freunde. Er kennt meine Schriftstellerei wie kaum ein Zweiter, und ich bin mit seinem Werk brüderlich vertraut.
Dass unter uns Brüdern im Geiste gegenseitige Wertschätzung herrscht, heißt aber keineswegs, dass wir jedes Werk des Bruders bedingungslos lieben. Ich liebe beispielsweise die unsentimentale Melancholie des Schleiftrogs oder den intertextuellen Witz des Hellen Wahns; ich liebe die selbstironische Komik von Kina Kina oder die erzählerische Schwerelosigkeit in Himmelhohes Krähengeschrei. Aber Hermann Kinder hat auch Bücher geschrieben, deren ästhetischer Rang zwar unstrittig ist und deren Leistung ich hoch schätze, die zu lieben mir aber unmöglich ist, weil der messerscharfe Blick, mit dem Kinder menschliche Defekte, zwischenmenschliche Desaster und soziale Katastrophen seziert, wirklich schmerzen kann. Seine entschiedene Weigerung, dem Publikum Honig ums Maul zu schmieren, hat Kinder in der Erzählung Um Leben und Tod (1997) derart auf die Spitze getrieben, dass ich mich zwingen musste, bis zur letzten Seite durchzuhalten. Es ist ein großartiges, mutiges Buch über die Unwürdigkeit, die Hässlichkeit des Sterbens – aber gerne liest man es nicht.
Diese an Rücksichtslosigkeit gegenüber dem geneigten Leser grenzende Haltung hat dazu geführt, dass viele, zu viele Leser Hermann Kinder nicht mehr geneigt sind, und eine Literaturkritik, die sich an der flachen Süffigkeit amerikanischer Familienepen und der Risikolosigkeit allerlei später Sommerhäuser delektiert, kehrt solcher literarischen Radikalität den Rücken zu, weil sie ihr nicht mehr gewachsen ist. So entgeht dann dem so genannten Großfeuilleton, vom „großen Publikum“ zu schweigen, dass unter all den Büchern, die in jüngster Zeit zum Thema Altwerden und Altsein erschienen, Hermann Kinders neuer Roman Mein Melaten das mit Abstand schärfste ist – und allemal das witzigste! Analytische Schärfe in Kombination mit grimmigem, manchmal sarkastischem, immer intelligentem, aber nie wohlfeilem Witz machen dies Buch nicht nur lesens-, sondern auch liebenswert.
Erzählt wird die Geschichte eines etwa sechzigjährigen Beamten aus Konstanz, der kurz vor der Ausmusterung, sprich: unfreiwilligen Frühpensionierung steht. Die Kinder sind längst erwachsen und leben anderswo, die Frau arbeitet in Köln, weshalb der Pensionär in spe zwischen Konstanz und Köln pendelt. Melaten nun ist der Name eines Kölner Friedhofs und beliebten Seniorentreffpunkts, an dem sich eine skurrile Rentnertruppe zu langweilen pflegt und in deren merkwürdigen Bannkreis es den „Helden“ verschlägt. Das wäre, äußerst grob skizziert, schon die ganze Geschichte, nur dass Hermann Kinder aus dieser simplen Konstruktion eine Art literarische Fallstudie übers Alter zwischen Resignation und Hexenschuss, Fatalismus und Herzinfarkt, Schonkosthysterie und Viagra-Illusionen gezaubert hat. Und es gelingen ihm wieder und wieder jene wunderbaren Sätze im unnachahmlichen Kinder-Sound, wegen der ich seine Prosa liebe. Zum Beispiel: „Für mich war meine Frau, die ihr Altern beklagte, immer die junge Frau geblieben. Andersherum war es wohl anders.“ Oder: „In der Summe bleibt man von innen besehen derselbe. Nur die anderen wurden immer älter.“ Oder – nein, man lese selbst. Man wird es nicht bereuen.

Klaus Modick, geboren 1951 in Oldenburg, studierte Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Geschichte. Zuletzt erschienen sein Vatertagebuch (Eichborn 2005) und der Roman Bestseller (Eichborn 2006).

Hermann Kinder
Mein Melaten. Der Methusalem-Roman.
Haffmans Verlag bei Zweitausendeins,
Frankfurt/M. 2006
240 Seiten, € 12,90 (D) / € 17,60 (A)

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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