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Dienstag, 13. Februar 2007

Leben im Rohzustand

 

Daniela Strigl über Andrew Millers unaufdringlich komplexen Roman Die Optimisten.

Nicht auszudenken, was ein auf die Akquisition angelsächsischer Erzählverve erpichter Autor deutscher Zunge aus diesem Plot gemacht hätte: Ein englischer Fotoreporter um die Vierzig wird in einem afrikanischen Bürgerkriegsland, das Ruanda sein könnte, Zeuge eines Massakers. Unfähig, seinen Job weiter zu machen, kehrt er nach London zurück und versucht mit Spaziergängen, mittäglichen Kinobesuchen und viel Alkohol über die Runden zu kommen. Eines Tages hört er von seinem Vater, dass seine Schwester, die schon einmal in psychiatrischer Behandlung war, neuerlich erkrankt ist. Er macht sich zunächst zum Vater auf, der auf einer Insel als Mitglied einer Laienbruderschaft lebt. Dann besucht er seine Schwester in einer Privatklinik im schottischen Dundee. Zwischendurch nimmt er Reißaus nach Toronto: Dorthin hat sich jener Kollege geflüchtet, der mit ihm zusammen am Schauplatz des Massenmords war und jetzt trachtet, seinen Seelenfrieden als Helfer bei einer Armenausspeisung wiederzufinden.
Wieder in London bietet der Held seiner Schwester an, nach ihrer Entlassung den Rest des Sommers mit ihr im früheren Ferienhaus der Familie in Somerset zu verbringen. Dort erfährt er, dass der Verantwortliche für das Massaker in Brüssel untergetaucht sein soll. Er fliegt hin, um ihn aufzuspüren und mit ihm zu sprechen, was ihm letztlich nicht gelingt.
Es läge nahe, das in einen Thriller zu gießen, in ein sentimentales Psychodrama oder in eine politische Anklageschrift. Gottlob ist Andrew Miller (Die Gabe des Schmerzes) ein viel zu guter und viel zu dezenter Autor, um derlei Versuchungen zu erliegen. Sparsam instrumentiert beschreibt er in Clem Glass einen Mann, der sein Trauma mit sich herumschleppt, ohne die viel beschworene „professionelle Hilfe“ in Anspruch zu nehmen. Clem kämpft darum, „bequeme Gewißheiten wiederzugewinnen, von denen er im tiefsten Inneren wußte, daß sie für immer dahin waren“. Im Traum fühlt er, wie er sich langsam auflöst, weder tot noch lebendig, eine Art „Ertrinken in der Luft“. Gibt er über die Sache selbst Auskunft, lässt er Floskeln nicht durchgehen, zum Beispiel die vom „sinnlosen Töten“: „Es war nicht sinnlos, sie haben aus einem ganz bestimmten Grund getötet.“
Letztlich geht es um die Frage, ob das, was die beiden Reporter bei der Kirche von N. gesehen haben, „die Wahrheit“ über die Conditio humana ist. Wie brutal er selbst sein kann, erfährt Clem, als er im Flugzeug einen Passagier zusammenschlägt, weil der die Stewardess attackiert hat. Der nur scheinbar abgebrühtere Kollege Silverman meint bei seinem Einsatz für Obdachlose eine andere Wahrheit über den Menschen entdeckt zu haben. Er, der Optimist, stellt die Authentizität der Augenzeugenschaft in Frage: „Wissen wir wirklich, was wir dort gesehen haben?“ Das Sehen und die Tücken der Wahrnehmung beschäftigen den Fotografen Clem aus begreiflichen Gründen. So deutet er auch die pochenden Schmerzen über dem Auge, die ihn nun öfter plagen, als ein maßgeschneidertes Leiden. Kann ein Auge nicht durch das, was es zu sehen bekommt, Schaden nehmen?
Seine Lebenskrise lehrt Andrew Millers Helden, dass jeder Fotograf gut daran tut, die Realität, genauer, das, was er durch seine Kamera sieht, prinzipiell in Frage zu stellen. Ein Motto des Buches stammt aus Susan Sontags Essay Über Photographie: „Jede mögliche Form des Verstehens wurzelt in der Fähigkeit, nein zu sagen. Genaugenommen läßt sich aus einem Photo nie etwas verstehen.“ Am Beginn seiner Ausbildung, die ihn von einem unergiebigen Philosophiestudium erlöste, hielt Clem das Fotografieren noch für einen einfachen, redlichen und auch beglückenden Zugang zur Wirklichkeit, zu deren Poesie, zum „Leben im Rohzustand“; getreu einer Maxime seines Lehrers, nach der die Tiefe in der Oberfläche liege.
Es scheint dies auch das Geheimnis von Andrew Millers Kunst zu sein, denn all diese Überlegungen werden in Die Optimisten weder mit Bedeutung befrachtet noch redselig ausgewalzt: Sie sind mit feinem Pinsel in die pastose Schilderung alltäglichen Handelns getupft. Auch den übrigen Figuren gewährt der Autor gebührend Raum, allen voran Clems schöner Schwester Clare – „Clare“, „Glass“, die Namen verraten, dass es um Klarheit geht, auch um Zerbrechlichkeit. Von Clares Krankheit (ist sie manisch-depressiv?), von ihrer langsamen Genesung (anfangs spricht sie kaum und kann nur bei Licht schlafen), von dem wortkarg-zärtlichen Verhältnis zwischen den Geschwistern erzählt Miller ebenfalls mit größter Behutsamkeit und Empathie. Die Schwester, eine brillante Kunsthistorikerin, hat sich vor ihrem Klinikaufenthalt mit Géricaults „Floß der Medusa“ beschäftigt – einem erschreckend realistischen Bild verwundeter Schiffbrüchiger vor der Küste Westafrikas.
Der Aufenthalt der Geschwister im Haus ihrer Kindheitssommer, in einer Idylle auf Zeit, lässt den Atem der Erzählung ruhiger gehen. Clem hat endlich eine vernünftige Aufgabe, das Gleichmaß der Sommerfrische fördert die Genesung beider. Wunderbar prägnant sind auch die Nebencharaktere gezeichnet: Clares lesbische, offen als Clems Rivalin agierende Freundin Finola oder eine nervöse entfernte Verwandte: „Sie schreckte vor Dingen zurück, als könnten ganz gewöhnliche Gegenstände – ihr Besteck, Clems Feuerzeug, eine Scheibe Lachs auf einem Teller – sie ohne Vorwarnung anfallen.“
Als Clem schließlich in Brüssel den Anstifter des Massakers (wahrscheinlich) zu Gesicht bekommt, stellt sich der Afrikaner als beinahe bemitleidenswerter alter Mann heraus. Am Ende wächst zwar kein Gras über die Sache, aber ein gnädiger Londoner Schnee bedeckt jene drei Fotos aus N., die Clem stets bei sich getragen hat. Der neue Glaube an sich selbst und an die anderen ist noch ein zartes Pflänzchen, bietet aber immerhin Anlass zu Optimismus.
Millers unaufdringlich komplexer Roman über Schuld und Vergessen wurde von Nikolaus Stingl angemessen übersetzt – bis auf zwei Ausrutscher: Eine Brille hat kein „Gestell“, sondern eine Fassung, und „baked beans“ sind nun wirklich keine „gebackenen Bohnen“.

Andrew Miller
Die Optimisten
Deutsch von Nikolaus Stingl
Zsolnay, Wien 2007
336 Seiten, € 21,50 (D) / € 22,10 (A) / sFr 38

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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