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Thomas Lang überschreibt Goethe.
Sie waren den Berg hinab immer näher gekommen und glaubten nun sogleich im Garten zu sein, als Wilhelm stutzte und Fitz seine Schadenfreude nicht verbarg: denn eine jähe Kluft am Fuße des Berges tat sich vor ihnen auf und zeigte gegenüber eine bisher verborgene hohe Mauer, schroff genug von außen, obgleich von innen durch das Erdreich völlig ausgefüllt. Ein tiefer Graben trennte sie also von dem Garten. „Wir haben noch hinüber einen ziemlichen Umweg zu machen“, sagte Fitz, „wenn wir die Straße, die hineinführt, erreichen wollen. Doch weiß ich auch einen Eingang von dieser Seite, wo wir um ein gutes näher gehen. Die Gewölbe, durch die das Bergwasser bei Regengüssen in den Garten geregelt hineinstürzt, öffnen sich hier; sie sind hoch und breit genug, dass man mit ziemlicher Bequemlichkeit hindurchkommen kann.“ Als Felix von Gewölben hörte, konnte er vor Begierde sich nicht lassen, diesen Eingang zu betreten. Wilhelm folgte den Kindern, und sie stiegen zusammen die ganz trocken liegenden hohen Stufen dieser Zuleitungsgewölbe hinunter. Sie befanden sich bald im Hellen, bald im Dunkeln, je nachdem von Seitenöffnungen her das Licht hereinfiel oder von Pfeilern und Wänden aufgehalten ward. Endlich gelangten sie auf einen ziemlich gleichen Fleck und schritten langsam vor, als auf einmal in ihrer Nähe ein Schuss fiel, zu gleicher Zeit sich zwei verborgene Eisengitter schlossen und sie von beiden Seiten einsperrten. Zwar nicht die ganze Gesellschaft: nur Wilhelm und Felix waren gefangen. Denn Fitz, als der Schuss fiel, sprang sogleich rückwärts, und das zuschlagende Gitter fasste nur seinen weiten Ärmel; er aber, sehr geschwind das Jäckchen abwerfend, war entflohen, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten. Die beiden Eingekerkerten hatten kaum Zeit, sich von ihrem Erstaunen zu erholen, als sie Menschenstimmen vernahmen, welche sich langsam zu nähern schienen. Bald darauf traten Bewaffnete mit Fackeln an die Gitter und neugierigen Blicks, was sie für einen Fang möchten getan haben. Sie fragten zugleich, ob man sich gutwillig ergeben wolle. „Hier kann von keinem Ergeben die Rede sein“, versetzte Wilhelm froh, der fremden Sprache halbwegs mächtig zu sein; „wir sind in eurer Gewalt. Eher haben wir Ursache zu fragen, ob ihr uns schonen wollt. Die einzige Waffe, die wir bei uns haben, liefere ich euch aus“, und mit diesen Worten reichte er seinen Hirschfänger durchs Gitter; dieses öffnete sich sogleich, und man band den Ankömmlingen die Hände, führte sie ganz gelassen mit sich vorwärts, und als man sie einen Wendelstieg hinaufgebracht hatte, befanden sie sich bald an einem seltsamen Orte; es war ein geräumiges Zimmer, durch kleine, unter dem Gesimse hergehende Fenster erleuchtet, die zwischen den starken Eisenstäben spärliches Licht verbreiteten. Der Raum war leer bis auf einen Eimer von Leder und zwei wollene Decken, die zum Schlafen dienen mochten. Dringlicher als dies und anderes schien jedoch dem, der sich hier befand, die Freiheit zu fehlen. Wilhelm hatte sich bei seinem Eintritt sogleich niedergesetzt und überdachte den Zustand; Felix hingegen, nachdem er sich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, brach in eine unglaubliche Wut aus. Diese steilen Wände, diese hohen Fenster, diese festen Türen, diese Abgeschlossenheit, diese Einschränkung war ihm ganz neu. Er sah sich um, er rannte hin und her, stampfte mit den Füßen, weinte, rüttelte an den Türen, schlug mit den Fäusten dagegen, ja er war im Begriff, mit dem Schädel dawiderzurennen, hätte nicht Wilhelm ihn gefasst und mit Kraft festgehalten.
„Besieh dir das nur ganz gelassen, mein Sohn“, fing der Vater an, „denn Ungeduld und Gewalt helfen uns nicht aus dieser Lage. Freilich möchte man gern erfahren, wem man in die Hände gefallen. Der Mensch hat nur allzusehr Ursache, sich vor dem Menschen zu schützen. Der Misswollenden gibt es gar viele, der Misstätigen nicht wenige, und um zu leben, wie sich‘s gehört, ist nicht genug, immer wohlzutun.“ „Hilf mir hinauf“, bat indes Felix, der auf des Vaters Worte nicht zu hören schien. Er zeigte auf die oberen Fenster, die freilich nicht so leicht zu erreichen sein mochten. Wilhelm hieß seinen Jungen, den Fuß in seine zum Steigbügel gefalteten Hände setzen und hob ihn, erstaunt, wie schwer der Knabe mit den Jahren geworden, unter großer Anstrengung empor. Es dauerte nicht lang, bis seine Arme schwach wurden und zu zittern begannen. Es half nicht; er musste die Hände öffnen, und Felix wäre gewiss hinunter gefallen, wäre er nicht, seine beiden Hände an die Eisen geklammert, aus eigener Kraft in der Luft geblieben. „Was siehst du?“ rief Wilhelm ungeduldig. Felix jedoch, anstatt zu antworten, trommelte wütend mit den Fußspitzen gegen das Mauerwerk und schrie: „Wir wollen wissen, wer uns hier festhält und warum. Antwortet denn keiner?“ Es antwortete keiner. Felix ließ sich ohne Umstände zu Boden fallen.
Stunden später, sie vermochten nicht zu sagen, wie viele, denn das Licht in dem Verliese blieb immer gleich und seine Taschenuhr musste Wilhelmen bei der Fesselung entwendet worden sein, brachte ein Mann mit einem riesigen runden, die Schultern an Breite überragenden Strohhute den beiden Wasser und Brot. Von Felix stürmisch bittend, vom Vater kalt über die Sachlage befragt, grinste er breit; und unter seinem wilden Schnurrbart kam eine Reihe vom Tabakrauchen braun verfärbter Zähne zum Vorschein, während er mit der Rechten eine kurze, entschlossene Bewegung machte, als würde er ein Messer gegen seine Kehle führen. Auf Felix machte dies einen derart entsetzlichen Eindruck, dass seine Augen sich mit Tränen füllten. Umso überraschender kam es für den Vater, als der Sohn sich mit einem Schrei auf den Fremden warf, sobald dieser die Tür geöffnet. Mit einem derben Schlag der Faust streckte der Mexikaner Felix auf den Zellenboden nieder und verließ unter Lachen und spanischen Ausrufen den Raum. Mit dem Ärmel seines Hemdes tupfte Wilhelm das Blut von der aufgesprungenen Braue des Sohnes. „Lass dir diese Erfahrung, die du so früh und unschuldig machst, ein lebhaftes Zeugnis bleiben, in welchem und in was für einem vollkommenen Jahrhundert du geboren bist“, sprach er unterdessen. „Welchen Weg musste nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein! Gewiss waren es Männer göttlicher Natur, die dies zuerst lehrten, die ihr Leben damit zubrachten, die Ausübung möglich zu machen und zu beschleunigen. Des Schönen sind die Menschen selten fähig, öfter des Guten; und wie hoch müssen wir daher diejenigen halten, die dieses mit großen Aufopferungen zu befördern suchen.” Diese tröstlich belehrenden Worte, welche die Absicht der einschließenden Umgebung völlig rein ausdrückten, hatte Felix nicht vernommen, oder er wollte sie nicht vernehmen. Er hielt den Kopf zur Seite gewandt, die Lider fest geschlossen. Als Wilhelm in ihn drang, schlug er die Augen auf, in denen Tränen schimmerten. „Ich hätte ihn bezwingen müssen. Verstehst du nicht? Ein Mann wie dieser kennt kein sittliches Gesetz. Wir werden sterben, Vater!“
Sie hatten auf dem harten Fliesenboden lang und tief geschlafen, als Wilhelm hörte, wie sich Schritte näherten. Eine wohlgebildete junge Frau trat herein, die, nachdem sie Vater und Sohn eine Weile lang freundlich angesehen, anfing, in flüsterndem Ton über die Umstände Auskunft zu geben, die zu der Gefangennahme geführt hatten. Rinaldo nämlich, von dem Wilhelmen schon berichtet worden, dass dieser der gefährlichste Räuber ganz Amerikas sei und allerhand Gesindel um sich geschart habe, glaubte die Reisenden im Besitze einer Schatzkarte. „Er wird euch töten“, flüsterte die Schöne, „ob ihr die Karte nun vorweisen könnt oder nicht.“ Wilhelm, der zu wissen begehrte, warum die Schöne ihnen helfen wolle, wurde mit einem so flammenden Blick beschenkt, dass tiefes Rot sein Gesicht aufleuchten ließ und sein Herz lodern wollte. „Gewiss habt ihr ein Einsehen in unsere Not“, rief er. Die Schöne legte ihren Finger an die Lippen wie um ihn zu küssen. Felix starrte sie an, nie im Leben schien er ein schöneres Wesen gesehen zu haben. Die Frau bemerkte diesen Umstand wohl, doch schien sie den Knaben noch weiter reizen zu wollen, und bückte sich nieder, Felix ihr Profil zeigend, fasste den Rocksaum und, Stück für Stück ihn mehr aufrollend als raffend, zeigte sie ihr marmorweißes Bein. „Vater, in welcher Welt sind wir gelandet?“, rief Felix aus und sank im selben Augenblick, mit fahlem Antlitz, ohnmächtig zu Boden. Gezwungen lächelnd breitete Wilhelm die beiden Decken über ihn, indes er selbst vor Schwindel taumelte. Die Mexikanerin zog aus den Tiefen ihres Rocks ein Futteral hervor und reichte es Wilhelmen. „Das wird euch nützlich sein“, flüsterte sie. „Ich muss nun gehen. Wenn jemand merkt, dass ich bei euch war, ist mir der Tod gewiss. Die Tür eures Verlieses lass ich offen, weitere werdet ihr unverschlossen, aber womöglich bewacht finden. Viel Glück, Fremder.“ Zitternd öffnete Wilhelm das Futteral, zu seiner Verwunderung enthielt es ein Fernrohr. Als Felix erwachend die Heiterkeit der offenstehenden Türe bemerkte, ward es ihm ganz wunderlich zumute. Er läuft hinaus, er kehrt zurück, er glaubt geträumt zu haben; und hatte bald den vorhergegangenen Schrecken und alle Bedrängnis, wie einen schweren Traum am hellen Morgen, vergessen. Wilhelm frug ihn, ob er wohl stark genug sei, den Vater eine Weile lang auf seinen Schultern zu tragen, und kletterte, als Felix nickte, unversäumt hinauf. Eine Leidenschaft, wie sie ihn sonst nicht leicht ergriff, hatte sein ganzes Innerstes auf die vollen Wangen hervorgetrieben. Wohl stand er hoch genug, um durch die Eisengitter der kleinen Fenster an der Decke zu schauen, doch sah er auch mit dem Fernrohr nichts als einen langen, kahlen, fahl erleuchteten Gang. Diesen würden sie nun gehen müssen, ohne der Gefahr zu achten, die draußen auf sie lauern mochte, ohne zu wissen, ob ihr Weg sie je in den Garten führen mochte. „Gib mir das Fernrohr, Vater, ich muss auch einmal in den Garten schauen“, hörte er Felix wirre Rede; unmittelbar darauf taumelte Wilhelm, der Halt, den ihm die halbwüchsigen Schultern des Sohnes geboten, schwand, er stürzte neben Felix zu Boden. Dies machte einigen Lärm, den indes niemand weiters zu hören schien. Wilhelm fand Felix erneut ohne Bewusstsein. All das Neue, das Raue und Ursprüngliche Amerikas war seiner unwissenden und zarten Seele nicht zuträglich. Und auch der Vater, wenn er sich einen Augenblick besann, musste gestehen, dass er auf diese Unbill so wenig wie auf das Verhalten seines Sohnes, welches den fremden Sitten so viel näher schien als Wilhelms eigenes, nicht vorbereitet war. Fürs Erste galt es nun zu fliehen. Den schmerzlichen Folgen des Sturzes nicht achtend, richtete der Mann sich auf. Felix war nicht zu erwecken, Wilhelm zog ihn daher auf der tüchtigen Decke, wie ehmals den unbewussten Ulyss, den Gang hinab, vorbei an Tür um Tür, in die freie Luft.
(Unter Verwendung eines Ausschnitts aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden“ von Johann Wolfgang von Goethe).
Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, lebt als Autor in München. Sein neuer Roman Unter Paaren ist soeben bei C. H. Beck erschienen. Seit einiger Zeit arbeitet Lang an einer Reihe von Texten, die Werke der Literaturgeschichte „überschreiben“ und als fortlaufende Serie in VOLLTEXT erscheinen. |