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Ein Literaturlexikon der anderen Art: Was geschah mit Schillers Schädel?
Wer ist der schlechteste Schriftsteller der Literaturgeschichte? Wo ruht Dantes Asche? Wie heißt der längste Roman der Welt? Welche Autoren litten an Hämorrhoiden? Wie viele Bücher werden in Deutschland wöchentlich als Altpapier entsorgt? Auf über 900 Seiten erfährt man nun endlich, was man immer wissen wollte, aber kein Literaturlexikon zu fragen traute. Obskures und Obszönes, Irrelevantes und Anekdotisches, Kurioses und Mysteriöses – all dies und noch manches mehr ist enthalten in diesem Nachschlagewerk der anderen Art. Dessen Gebrauchs- und Unterhaltungswert resultiert nicht zuletzt aus der Vernetzung der zahlreichen Stichwörter durch Querverweise. Jede Lektüre ermöglicht neue Entdeckungen. So stößt man etwa auf jenen geheimnisvollen Verehrer von E. A. Poe, der fast 50 Jahre lang zwischen Mitternacht und Morgengrauen des Jahrestages seiner Geburt, offenbar im Auftrag einer geheimen Gesellschaft, ein Gedenkritual am Grab des Dichters vollzog. Züge eines Krimis haben die von Schmitz referierten Nachforschungen zur Aufklärung der rätselhaften Identität von „Traven, B.“ oder die Enttarnung des literarischen Hochstaplers „Forestier, Georges“. Manche Dinge wiederum möchte man lieber nicht erfahren, etwa die Namen der Autorinnen, denen eine karrierefördernde Affäre mit Marcel Reich-Ranicki nachgesagt wird (vgl. „Besetzungscouch“). Das Sexuelle spielt naturgemäß eine zentrale Rolle in diesem Buch. Der Dichter Algernon Charles Swinburne, so kolportiert Schmitz, soll (je nach Quelle) mit einem Schwein beziehungsweise einem Affen kopuliert haben (vgl. „Sodomie“). Weniger unterhaltsam als problematisch sind die unter den Stichwörtern „Schwul“ beziehungsweise „Lesbisch“ aufgestellten Namenslisten. Die englische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft etwa war definitiv keine Lesbe, während der als homosexuell kategorisierte Josef Winkler bekanntlich Vater ist, also nach der Logik des Lexikons zumindest in der Rubrik „Bisexuell“ auftauchen müsste. Dort wiederum findet sich ein Querverweis auf den Eintrag „Transsexuell“, in dem behauptet wird, Julian Schutting habe zunächst Juliane geheißen (statt Jutta). Während es beispielsweise keine große Rolle spielt, dass der Titel eines Romans von Thomas Bernhard fälschlich als Korrekturen angegeben wird, wären bei Privatangelegenheiten lebender Autoren genauere Recherchen durchaus notwendig gewesen. Doch dergleichen ist im Grunde der einzige gewichtige Einwand gegen Was geschah mit Schillers Schädel? Mit offenkundiger Freude referiert Schmitz die Skandale des Literaturbetriebs und plaudert munter Interna wie Tricks der Verlagsbranche aus (vgl. etwa „Plagiat“, „Walther, Jens“, „Ghostwriter“, „Titelschutz“ oder „Me-too“). Unter „Eigenschaften, ohne“ nachzulesen ist der Scherz eines Satiremagazins, das einen achtseitigen Auszug des Romanprojekts von Robert Musil unter erfundenem Namen an führende Verlage und Literaturprofessoren schickte. Wie zu erwarten: Unisono wurde der Arbeitsprobe des unbekannten Nachwuchsautors mangelnde literarische Qualität bescheinigt – auch von Musils eigenem Verlag Rowohlt. Rund 25 Jahre lang hat Rainer Schmitz gesammelt, gesichtet, geordnet. Über 1.200 Einträge zu fast 4.000 Dichterinnen und Denkern umfasst Was geschah mit Schillers Schädel? Das stattliche Kompendium gehört in die Bibliothek jedes Lesers und jeder Literaturfreundin. Nicht nur weil es eine veritable Lücke füllt, sondern zudem just das erreicht, was die meisten Bücher verfehlen: Es ist spannend und macht Spaß. Im Übrigen: Interessanter noch als was mit Schillers Schädel geschah, ist die bizarre Odyssee von Voltaires Gehirn. Nachzulesen unter „Leichentourismus“.
Was geschah mit Schillers Schädel?
Aus dem Literaturlexikon von Rainer Schmitz
Sau, alte. Johannes R. Becher war ein Gegner der Freikörperkultur. Und er empörte sich regelmäßig über am Strand der Ostsee herumliegende Nackte. Als er eine Frau entdeckte, die sich mit dem Neuen Deutschland bedeckte, schrie er sie an: „Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?“ Die Frau nahm das Parteiblatt vom Gesicht: Es war Anna Seghers. Als der Kulturminister ihr wenige Wochen später den Nationalpreis erster Klasse mit den Worten „Meine liebe Anna“ überreichte, erwiderte die Seghers für alle deutlich hörbar: „Für dich immer noch die alte Sau.“ Fußnotenfetischismus. In der juristischen Fachzeitschrift Law Review soll ein Artikel erschienen sein, der mit 4824 Fußnoten versehen ist – die größte bis dahin gekannte Fleißarbeit. Zwanghaft. Wenn Samuel Johnson durch eine Straße ging, mußte er jeden Pfosten unweigerlich berühren. Robert Musil mußte alles zählen. Nach Spaziergängen notierte er sogar die Zahl der Fenster, hinter denen kein Licht brannte. Auch Jonathan Swift litt unter einem bizarren Zählzwang. Eintags-Romane. Berühmte Romane, die an einem einzigen Tag spielen: 16. Juni 1904 – James Joyce: Ulysses (1922) Junitag 1923 – Virginia Woolf: Mrs. Dalloway (1925) Januartag 1951 – Alexander Solshenizyn: Ein Tag des Iwan Dennissowitsch (1962) 4. Juli in den achtziger Jahren – Richard Ford: Unabhängigkeitstag (1995) Samstag 03.50 bis Sonntag 05.15 Uhr 2005 – Ian McEwan: Saturday (2005) Gefängnis. Der Brite Daniel Dunkley war Trinker, von Drogen abhängig und hatte seine Wohnung in Brand gesetzt. Während der darauf folgenden Untersuchungshaft begann er Shakespeares Macbeth zu lesen und war von dem schottischen Königsdrama derart gefangen, daß er seit langer Zeit zum ersten Mal auf Alkohol und Drogen verzichten konnte. In der Verhandlung bat er darum, ihm keine Haftverschonung zu geben. Auch seine Anwältin plädierte darauf, er glaube, in der Haft durch Lektüre des Macbeth ein besserer Mensch zu werden. Der Richter gewährte ihm den Wunsch und verurteilte ihn zu drei Jahren Haft. Schamhaar. Lord Byron und Lady Caroline Lamb, die Frau des späteren Premierministers William Lord Lamb, schenkten sich, als sie leidenschaftliche Liebhaber wurden, Locken ihrer Schamhaare. Hingegen war John Ruskin in der Hochzeitsnacht vom Anblick der Schamhaare seiner Frau derart erschüttert, daß er schwor, nie wieder mit ihr zu schlafen. Schatzgräber. In einem alten Buch fand Balzac den Hinweis, auf einer kleinen Insel in der Seine sei Gold aus der Römerzeit vergraben. Er gewann Théophile Gautier und Jules Sandeau dafür, sich an der Schatzsuche zu beteiligen. Sie kauften sich Spaten, Spitzhacken und extragroße Taschen zum Abtransport des Goldes. Den ganzen Tag gruben sie und fanden – nichts. Die Freunde lachten Balzac aus, Balzac gab auf. Doch kurz darauf erwarb ein Kaufmann die Insel, um darauf ein Haus zu errichten. Bei Ausschachtungsarbeiten fanden seine Arbeiter überaus große Mengen von Gold und Silber aus der Römerzeit. Balzac ist dem Reichtum nie wieder so nahe gekommen. Im Juni 1977 erhielt Arno Schmidt von Jan Philipp Reemtsma, dem Erben des gleichnamigen Zigarettenkonzerns (als Literaturwissenschaftler ist er Anhänger und Förderer des Schmidtschen Werkes), einen Scheck über 350.000 DM. Die Summe entsprach der damaligen Höhe des Nobelpreisgeldes. Schmidt löste den Scheck umgehend in Bares ein und übergab seiner Frau die Hälfte. Schmidt hat keine Information hinterlassen, wohin der andere Teil des Geldes geraten ist, und zwei Jahre darauf starb er. Das hat Spekulationen unter den Schmidt-Jüngern genährt, er habe die Scheine auf seinem Grundstück, dem „Schauerfeld“ bei Bargfeld, vergraben. Und einige von ihnen haben sich auch schon tatsächlich heimlich als Schatzgräber betätigt. (Neue Zürcher Zeitung vom 18. Oktober 2004)
© Eichborn AG, Frankfurt am Main 2006Aus:Rainer SchmitzWas geschah mit Schillers Schädel? Alles, was sie über Literatur nicht wissen.Eichborn Verlag, Berlin 2006.914 Seiten, € 39,90 (D) / € 41,10 (A) / sFr 69 |