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Dienstag, 13. Februar 2007

Schelmisch

 

Lee taugt als Vorname für Männer wie für Frauen. Daher entzieht sich Lee Gustavo, die Ich-Erzählerfigur in Sandra Hughes’ Debütroman, den geschlechtlichen Zuschreibungen. Lee arbeitet als patente Haushaltshilfe und liebt Frauen. Aber was heißt das schon. Halsbrecherisch schwankt Lee zwischen keckem Mädchen und dummem Jungen – was nicht das Einzige ist, das in diesem Schelmenroman außer Kontrolle gerät. Sandra Hughes hat es sich in ihrem Debüt nicht leicht gemacht. Von einem verirrten Meteoriten erschlagen liegt Lee in der Klinik und irrlichtert durch die eigenen Erinnerungen. Diese folgen keiner bürgerlichen Lebensbeschreibung, sondern balancieren den sozialen Rändern entlang und fallen von einer Turbulenz in die nächste. Ein böses Komplott bringt Lee ins Gefängnis, aus dem entlassen die Rückkehr in ein anständiges Leben nur schwerlich gelingt. Die Lehre bei einem Tattoo-Meister und die Übernahme von dessen Laden lenkt ihr Leben in etwas ruhigere Bahnen, was Lee frei macht für den zufällig aufgefundenen Abschiedsbrief des Vaters, der seinem Leben vor Jahren ein trauriges Ende setzte. Die gesamte Familiengeschichte greift dadurch weit ins Brasilianische aus und erhält einige erschreckende, beschämende Facetten, die förmlich nach Rache schreien. Lee stellt sich der Herausforderung, auch wenn die Autorin zu dem Zweck die eine oder andere Hilfe herbeireden muss.
Zum Vergnügen der Leser spiegelt sich Lees abenteuerliche Unerschrockenheit stilistisch wider. Sandra Hughes hat einen leichtfüßigen Erzählton gefunden, der Lees widerspenstiges Lebensgefühl mit Witz aus der Eigenperspektive beschreibt und die chaotischen Begebenheiten zum Schluss in eine Ordnung fügt, die keine losen Ende lässt, die der Meteor verfehlen könnte.

Sandra Hughes
Lee Gustavo
Limmat Verlag, Zürich 2006
316 Seiten, € 22,80 (D) /
€ 23,50 (A) / sFr 36

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio