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Dienstag, 13. Februar 2007

Vergangene Größe

 

Sein eigenes Selbstverständnis, schreibt der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, sei geprägt gewesen dadurch, „über Jahre hinweg auf das gleiche Haus, die gleiche Straße, den gleichen Ausblick, die gleiche Stadt fixiert zu sein“. Wer derart an einem Ort hängt, bei dem treten Ort und Leben in eine sich gegenseitig bespiegelnde Beziehung. Memoiren und Stadtporträt lassen sich im Fall von Orhan Pamuk demnach unter ein und demselben Titel subsummieren: Istanbul. Der Stadt am Bosporus hält er ewige Treue, wie sein Stadtbuch nun ebenso intensiv wie elegant bezeugt. Pamuk verknüpft die eigene Kindheit und Jugend mit Erinnerungen an eine Stadt, die ihre prachtvollste Blütezeit hinter sich hat. Er folgt ihren Spuren, stets begleitet von dem, was er „Hüzün“ nennt: Melancholie, Seelenwundheit. Hüzün benennt die süß-schmerzliche Trauer über vergangene Größe ebenso wie die über verlorene Lieben. Auch das Leiden an einer Stadt, die immer wieder auch Zeichen von Armut und Verkommenheit zeigt, schließt Hüzün mit ein. Mit subtilen Rückblenden in die Geschichte lässt Pamuk „Momente und Orte passieren, an denen dieses Gefühl sich am deutlichsten manifestiert“.
Die Stadt ist dabei mal Hauptakteur, mal Bühne, beispielsweise für die unglückliche Liebesgeschichte zwischen dem Studenten Orhan und seiner „schwarzen Rose“. Unangestrengt, souverän verknüpft Pamuk diese beiden Ebenen, begleitet von wunderbar melancholischen Schwarz-Weiß-Bildern, die meist vom Fotografen Nan Güler stammen. Istanbul eröffnet eine erstklassige Gelegenheit, sich mit dieser Stadt am Scharnier von West und Ost bekannt zu machen, vorgestellt von einem großen Autor, der selbst beständig zwischen diesen beiden Welten pendelt.

Orhan Pamuk
Istanbul
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Hanser, München 2006
432 Seiten, € 25,90 (D) /
€ 26,70 (A) / sFr 46,20

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio